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Samen in Norwegen: Zwei Frauen kämpfen um ihre Traditionen

Indigene Völker  

Norwegen: Zwei Frauen kämpfen um ihre Traditionen

30.09.2019, 16:15 Uhr
Trailer zu Samenfestival: Das ist das indigene Volk im Norden Europas

In bunter Kleidung reiten sie auf Rentierschlitten durch die Schneelandschaft: Mit diesem Bild wird oft für Ferien bei den Samen geworben. Doch die Realität des indigenen Volkes im Norden sieht heute anders aus. (Quelle: t-online.de)

Samenfestival: Das ist das indigene Volk im Norden Europas. (Quelle: t-online.de)


In bunter Kleidung reiten sie auf Rentierschlitten durch die Schneelandschaft: Mit diesem Bild wird oft für Ferien bei den Samen geworben. Doch die Realität des indigenen Volkes im Norden sieht heute anders aus.

Die zierliche Frau wuchtet den riesigen Holzhammer über ihren Kopf und lässt ihn auf den Zaunpfahl aus Holz niedersausen. Hinter ihr werken Gruppen von lachenden jungen Menschen auf dem weitläufigen Gelände. Der Geruch von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. Es ist keine Geschichte aus Bullerbü von Astrid Lindgren, die sich hier entspinnt – auch wenn die Kulisse zwischen schneebedeckten Bergspitzen in einem grünen Tal märchenhaft ist.

Alice Jektevik: Die 29-Jährige ist Produzentin des Samenfestivals Riddu Riddu.  (Quelle: t-online.de)Alice Jektevik: Die 29-Jährige ist Produzentin des Samenfestivals Riddu Riddu. (Quelle: t-online.de)

"Unsere Kultur lebt", erklärt Alice Jektevik, als sie den martialischen Hammer kurz zur Seite legt. Die 29-Jährige mit den weißblonden Haaren trägt bei ihrer Arbeit moderne Freizeitkleidung und würde gut zu den hippen Bewohnern einer deutschen Großstadt passen.

Samenkultur entwickelt sich weiter

Jektevik ist Produzentin des Riddu-Riddu-Festivals. Dabei baut sie nicht nur mit den Freiwilligen traditionelle Holzzäune und bereitet das Gelände für das Event vor. Sie reist außerdem in der ganzen Welt herum und vernetzt sich – mit anderen indigenen Völkern. Denn das Besondere am Riddu-Riddu-Festival ist: Es ist eine Veranstaltung der Samen. Jektevik selbst ist eine der über 50.000 Angehörigen der Samen in Norwegen.

Festivalgelände des Riddu-Riddu-Festivals: Traditionelle Behausungen wie das kleine Lehmhaus und das Luvvu werden Besuchern zugänglich gemacht.  (Quelle: t-online.de)Festivalgelände des Riddu-Riddu-Festivals: Traditionelle Behausungen wie das kleine Lehmhaus und das Luvvu werden Besuchern zugänglich gemacht. (Quelle: t-online.de)

Mit bildender Kunst, Filmen, Literatur und natürlich Musik will das Riddu-Riddu-Festival zeigen, dass die Samenkultur in der Gegenwart existiert und sich weiterentwickelt – und nicht als etwas Vergangenes in ein Museum gehört. "Wir sind genauso entwickelt wie der Rest der Gesellschaft", erklärt Jektevik, wenn sie neben den althergebrachten Behausungen zudem den modernen Nachtclub und die Holzbühne im Zentrum des Geländes zeigt. "Wir entfalten uns weiter", sagt sie.

Wie das althergebrachte Samenleben heute aussieht

Gerade im Tourismus werden die Samen aber immer noch als farbenfroh gekleidete Rentierzüchter gezeigt, die auf Schlitten durch schneebedeckte Landschaften reiten. "Das wird dann Besuchern als typisch Sami verkauft", ärgert sich Jektevik.

Für Lene Siri ist aber genau dieses althergebrachte Leben Alltag. Mit ihrem Lebenspartner betreibt sie eine Rentierfarm. Geschichte, Kleidung, Essen und sogar Gesänge der Samen: All das können Urlauber auf der Farm erleben – zumindest von November bis März.

Lene Siri und ihre Tochter: In den Wintermonaten trägt die Familie auch öfter die traditionelle Kleidung der Samen.  (Quelle: Kadhi Natasha Cole)Lene Siri und ihre Tochter: In den Wintermonaten trägt die Familie auch öfter die traditionelle Kleidung der Samen. (Quelle: Kadhi Natasha Cole)

Im Sommer sitzt Siri jedoch auf ihrer Terrasse und sieht in dunkler Jeans und T-Shirt genauso aus, wie viele deutsche Mütter. Ein bisschen müde, aber glücklich, während eine ihrer Töchter vergnügt um sie herumhüpft und die andere in einem modernen Kinderwagen im Schatten schläft. "Im Sommer machen auch die Rentiere Ferien", erklärt die knapp 40-Jährige lachend, während sie Kaffee, Kuchen und eine kräftige Rentierbrühe serviert. Im Sommer ist sie mit den Kindern in ein Sommerhaus gezogen, während ihr Lebenspartner immer wieder zu den Tieren im Süden des Landes fährt.

Ist das traditionelle Leben nur Show?

Ist ihr Leben im Winter, in traditioneller Kleidung und nahe den Rentieren, nur Show? "Was wir den Besuchern zeigen, ist authentisch", stellt Siri klar, "wir bereiten Dinge aber für die Touristen auf." Sie spricht bedacht und zögert immer wieder bei bestimmten Formulierungen. Es ist ihr anzumerken, dass sie sich viele Gedanken über ihre Kultur gemacht hat.

"Ich bin immer ich selbst", sagt sie aber bestimmt. Sie und ihre Familie erledigen in den Wintermonaten Tätigkeiten, wie die Fütterung der Tiere, die sie ohnehin im Alltag tun würden – aber zu bestimmten Zeiten, damit Besucher sie erleben können. Außerdem trägt die Familie dann öfter Gákti, die traditionelle Kleidung der Samen. Auch ihr Hof sei so ausgestattet, dass sie Besucher empfangen und bewirten können. Aber all das gehöre ohnehin zu ihrem Leben: "Ich zeige einfach nur mein Leben. Dazu gehören meine Traditionen."

Die Familie verdient Geld mit ihrer Tradition

Die Gebräuche waren der Grund, warum ihr Partner den Betrieb gegründet hat. "So konnte er die Tradition der Rentierzucht weiterführen und gleichzeitig weiter eng mit den Tieren zusammenarbeiten", erzählt Siri. Diese Begeisterung für Rentiere will das Paar an Besucher ihres Hofes weitergeben.

Geld spielt dabei aber ebenfalls eine Rolle. Eine bloße Rentierzucht würde immer mehr Tiere erfordern – und somit viel teures Land. Durch den touristischen Betrieb kann die Familie aber durch ihre Sitten und Gebräuche ihren Lebensunterhalt verdienen. "Eine ideale Kombination", erklärt Siri.

Nicht-Samen beuten die Kultur aus

Der Festivalproduzentin Jektevik, der es so wichtig ist, auch die modernen Seiten des Samenlebens zu zeigen, hat jedoch mit einem Lebensstil wie dem von Siri kein Problem: "Wenn irgendjemand das Recht hat, seinen Lebensunterhalt mit Samenkultur zu verdienen, dann doch die Samen!"

Für beide Frauen liegt das Problem woanders: Ausbeutung ihrer Kultur durch Nicht-Samen. Beide erzählen, dass immer mehr Touristenläden vermeintliche Samenprodukte verkaufen, die billigst in China produziert werden. Diese hätten nichts mehr mit dem Handwerk des indigenen Volkes zu tun.

Die Minderheit wurde lange unterdrückt

Einige Veranstalter bieten Samenführungen für Touristen an. Die Mitarbeiter in Gákti sind aber gar keine Samen. "Sie tragen unsere traditionelle Kleidung – haben aber keine Ahnung von unserer Kultur", beschwert sich Siri.

Streben eines Lavvu im Camp von Tromso Lapland: Im Sommer ist das Camp der Rentierfarm verlassen, weil die Tiere im Süden des Landes sind.  (Quelle: t-online.de)Streben eines Lavvu im Camp von Tromso Lapland: Im Sommer ist das Camp der Rentierfarm verlassen, weil die Tiere im Süden des Landes sind. (Quelle: t-online.de)

Dass Nicht-Samen nun Geld mit ihren Sitten verdienen: Nicht nur für Siri und Jektevik ist das ein wunder Punkt. Die Samen wurden in Norwegen jahrzehntelang massiv unterdrückt. Die Sprache der indigenen Minderheit war etwa in Schulen verboten, Land konnte nur mit norwegischem Namen gekauft werden und Samenkinder wurden auf norwegische Internate geschickt.

Nachwirkungen der Unterdrückung noch heute spürbar

"Besonders an den Küsten ist die Kultur der Sami fast vollständig norwegisiert worden", erklärt Torill Nyseth. Sie ist Professorin der Sozialwissenschaften an der Universität von Tromso und hat unter anderem zur Samenkultur geforscht.

Die Folgen der jahrzehntelangen Unterdrückung sind bis heute in Norwegen spürbar. Die Forschung geht davon aus, dass nur eine Minderheit der Samen ihre Muttersprache lesen und schreiben kann.

Verbreitungsgebiet der Samen: Die indigene Minderheit ist im skandinavischen Raum vor allem im Norden angesiedelt.  (Quelle: t-online.de/Statistics Norway)Verbreitungsgebiet der Samen: Die indigene Minderheit ist im skandinavischen Raum vor allem im Norden angesiedelt. (Quelle: t-online.de/Statistics Norway)

"Angehörige der Samen werden in Norwegen immer noch diskriminiert", erklärt Nyseth. Auf sozialen Netzwerken und in Schulen würde die indigene Minderheit immer noch ausgegrenzt. Auch Jektevik berichtet von negativen Erfahrungen im Alltag. Betrunkene hätten ihr etwa auf der Straße nachgerufen, wenn sie ihr Gákti getragen habe. "Ich wünschte, ich könnte das vermeiden", sagt sie dazu knapp.

Für wen das Riddu-Riddu-Festival ist

Doch es gibt gute Nachrichten. Die Bedeutung der Minderheit hat sich in den letzten Jahren verändert. So gibt es mittlerweile auch ein Samenparlament in Norwegen. "Immer mehr Menschen mit Samenwurzeln identifizieren sich als Samen", sagt Nyseth. Das liege mitunter daran, dass die Anliegen der Samen besser in der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert würden.

Jektevik sieht darin eine Aufgabe des Riddu-Riddu-Festivals. So sei es zwar von Samen für Samen und andere indigene Völker – aber auch für die Mehrheitsgesellschaft. "Denn niemand kann die Samenkultur besser präsentieren als wir Samen", erklärt die Festivalproduzentin.



"Das Festival bringt der Samenkultur mehr Anerkennung und Respekt", lobt dann aber nicht die Festivalproduzentin selbst – sondern Lene Siri. Sie besucht das Festival seit Jahren und schätzt die Atmosphäre mit Musik, Workshops und Kursen. "Niemand wollte früher Same sein. Das Festival hat aber den Wert unserer Kultur gesteigert", sagt sie und nimmt ihre kleine Tochter auf den Arm, die aus ihrem Mittagsschlaf aufgewacht ist.

Nach der Führung über das Festivalgelände arbeitet Alice Jektevik weiter an dem altertümlichen Holzzaun. "Es ist schwer", gibt sie zu. "Aber es ist Tradition. Deshalb tun wir es."

Diese Reportage entstand im Rahmen des Projektes talents2norway und mit Unterstützung von Visit Norway. 

Verwendete Quellen:

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