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Siemens-Chef Joe Kaeser hat einfach nichts gelernt


Siemens-Chef Joe Kaeser hat einfach nichts gelernt

Ein Gastbeitrag von Nick Heubeck

Aktualisiert am 09.07.2020Lesedauer: 3 Min.
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Joe Kaeser, Noch-Vorstandschef bei Siemens: Er will den Aufsichtsratsvorsitz beim abgespaltenen Konzern Siemens Energy übernehmen.
Joe Kaeser, Noch-Vorstandschef bei Siemens: Er will den Aufsichtsratsvorsitz beim abgespaltenen Konzern Siemens Energy übernehmen. (Quelle: Sven Simon/imago-images-bilder)
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Siemens spaltet seine Energiesparte in einen neuen Konzern ab. Doch sauber ist der nicht. Der scheidende Siemens-Chef hätte es besser wissen können.

Fünf Monate liegt das Siemens-Fiasko um das australische Adani-Kohleminenprojekt zurück. Heute hat der scheidende Siemens-Boss Joe Kaeser 91.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Mutterkonzern in die neue Energiesparte Siemens Energy abgespalten – die Aktionäre gaben hierfür grünes Licht. Mit seinem Geschäftsmodell basierend auf Kohle, Öl und Gas ist das nächste Desaster jedoch vorprogrammiert.

Als "fast schon grotesk" beschrieb Joe Kaeser die Kritik von Fridays for Future und anderen Organisationen bei der Siemens-Hauptversammlung im Februar. Der Hintergrund: Nach wochenlangen Protesten in Deutschland und Australien hatte sich der Konzernchef dazu entschieden, die Beteiligung der Siemens AG am größten Kohleminen-Projekt der Welt aufrecht zu halten.

Ein Projekt, das das weltweite 1,5-Grad-Ziel im Alleingang gefährdet und Indien, Bangladesch und Australien für Jahrzehnte an Kohle bindet. Drei Länder, die zusammen ein Viertel der Weltbevölkerung auf sich vereinen.

Mehr als 90.000 Mitarbeiter werden mit der Sparte abgespalten

Kaeser blieb stur – und niemand konnte mehr ernsthaft glauben, dass Siemens seine Zusagen zur Emissionsreduktion auch einhält. Seine Reputation als Branchenvorreiter für ein lächerliches Auftragsvolumen in Höhe von 18 Millionen Euro zu verkaufen, während in Australien die Wälder brennen: Absurder hätte es nicht werden können.

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Nick Heubeck ist 21 Jahre alt und studiert Kommunikation und Politik in Bamberg. Er ist seit Anfang 2019 bei Fridays for Future aktiv und ist dort für Digitales und Presse verantwortlich.

Das ist inzwischen fünf Monate her. Und doch wirkt es wie eine Ewigkeit. In der Zwischenzeit hat sich Kaeser, seit 40 Jahren bei Siemens, entschlossen, als Konzernchef zu gehen. Nächste Station: Aufsichtsratsvorsitz, Siemens Energy AG.

Auf der außerordentlichen Hauptversammlung haben heute die Aktionäre für die Abspaltung der neuen Firma gestimmt – inklusive der 91.000 Mitarbeiterinnen und 30 Milliarden Euro Jahresumsatz. In wenigen Jahren will Siemens damit zu einem der führenden Energieunternehmen der Welt werden. Kein schlechter Vorruhestand für Kaeser also?

Viele Kohleminen stehen vor dem Aus

Der Schein trügt. Das dreckige Geschäftsmodell von Siemens Energy hat längst keine Perspektive mehr. Die Corona-Pandemie hat den weltweiten Umstieg auf Erneuerbare Energien so beschleunigt, dass Kohle, Öl und Gas aus dem Markt gedrängt werden.

Sie rentieren sich einfach nicht mehr. In Deutschland wurde im Mai nur noch halb so viel Kohlestrom produziert wie im Vorjahr. 90 Prozent der deutschen Kohleminen schrieben übrigens schon vor Corona rote Zahlen. Weltweit stehen die Betreiber wegen der anstehenden Wirtschaftskrise jetzt endgültig vor dem Aus – gut so.

Siemens Energy setzt nur auf fossile Rohstoffe

Genau in dieser Situation startet mit Siemens Energy ein Unternehmen in den Markt, das das fossile System nicht besser repräsentieren könnte. Nach eigenen Angaben setzt Kaesers Firma "in der gesamten Wertschöpfungskette" auf fossile Lösungen.

Heißt: Von Öl aus Plattformen in der Tiefsee bis zur technischen Aufrüstung von Kohlekraftwerken ist alles dabei. Merken Sie was? Zur Umstellung auf Erneuerbare Energien braucht die Welt Unternehmen, die deren Ausbau enorm vorantreiben.

Der Fossilgigant Siemens Energy ist genau das Gegenteil davon. Und weder der Tönnies-Berater Sigmar Gabriel noch die deutsche Cheflobbyistin Hildegard Müller werden diesen Kurs in ihren Funktionen als Aufsichtsratsmitglieder ändern.

Statt auf der Hauptversammlung heute einen Plan zur Einhaltung der Pariser Klimaziele vorzustellen, versprach Kaeser nur die "Prüfung eines möglichen Kohleausstiegs". Nach eineinhalb Jahren ständiger Klimastreiks, einem weltweiten Firmendesaster und jahrzehntelangen Warnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern will Siemens also ein grünes Image gewinnen, indem er einen Ausstieg aus der Kohle – nicht aber aus Öl und Gas – prüft?

Kaeser hat nichts gelernt

Auch seinen eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bietet das Unternehmen so keine Zukunftsperspektive. Wenn der neugeborene Energieriese keinen Plan zur Klimaneutralität vorlegt und die einzige Antwort auf den weltweiten Umstieg auf Erneuerbare Energien fossiles Gas ist, werden keine jungen Fachkräfte dazu stoßen. Oder würden Sie sich nach der Schule bei einem Konzern ausbilden lassen, dessen Geschäftsmodell pünktlich zu ihrem 30. Geburtstag ausläuft? Eben.

In seinem Geschäftsmodell zeigen sich zum heutigen Start von Siemens Energy also zwei Dinge: Joe Kaeser könnte die Zukunft seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht weniger am Herzen liegen – und: Er hat aus dem Firmendebakel um die australische Kohlemine nichts gelernt.

"Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, der Gesellschaft zu dienen", sagte er im Zuge der Fridays-for-Future-Proteste noch vor einigen Monaten. Die Chancen stehen gut, dass diese Ankündigung nun ein zweites Mal ins Leere läuft.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten spiegeln die Meinung des Autors wider und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online.de-Redaktion.

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