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Wale stellen die Kreuzfahrtbranche auf den Kopf

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann

Aktualisiert am 28.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Ein Pottwal schwimmt vor der griechischen Küste (Symbolfoto): Nirgends auf der Welt leben Wale aufgrund von Schiffsverkehr so gefährlich wie hier. Jedes Jahr sterben zahlreiche Pottwale nach Kollisionen mit Schiffen.
Ein Pottwal schwimmt vor der griechischen Küste (Symbolfoto): Nirgends auf der Welt leben Wale aufgrund von Schiffsverkehr so gefährlich wie hier. Jedes Jahr sterben zahlreiche Pottwale nach Kollisionen mit Schiffen. (Quelle: imago-images-bilder)
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Während an Deck höchstens die Kaffeetassen klirren, geht es unter Wasser ums Überleben. Denn für Wale ist der Zusammenprall mit einem Schiff lebensgefährlich. Die größte Reederei der Welt lenkt deswegen ein – und um.

20 Meter lang und knapp so schwer wie ein halbes Einfamilienhaus: Pottwale sind absolute Giganten. Trotzdem werden sie von Kapitänen im Mittelmeer häufig übersehen und können selbst nicht ausweichen.

Denn Wale bewegen sich deutlich langsamer als Frachter, Yachten oder Kreuzfahrtschiffe. Obwohl sie als größte Raubtiere der Meere gelten und schon Herman Melville zu seinem Literaturklassiker "Moby Dick" inspirierten; den Schiffen sind sie ausgeliefert.

Viele der Tiere sterben an den Verletzungen, die sie sich durch einen Aufprall zuziehen. Das zeigt sich besonders an griechischen Stränden.

Ein sterbender Pottwal am Strand (Symbolfoto): Das verletzte Tier wurde an der griechischen Küste angespült. Rund die Hälfte aller gestrandeten Wale in Griechenland sind Opfer von Schiffskollisionen.
Ein sterbender Pottwal am Strand (Symbolfoto): Das verletzte Tier wurde an der griechischen Küste angespült. Rund die Hälfte aller gestrandeten Wale in Griechenland sind Opfer von Schiffskollisionen. (Quelle: Pelagos Cetacean Research Institute)

Immer wieder werden dort tote Pottwale angespült. Mehr als die Hälfte sind Opfer von Zusammenstößen. Doch die tatsächliche Zahl der betroffenen Tiere dürfte erheblich größer sein.

Das höchste Risiko weltweit

"Die Wale, die mit Wunden von Schiffsschrauben oder Kollisionen an der Küste gefunden werden, sind nur die Spitze des Eisbergs", sagt Alexandros Frantzis.

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Er leitet das Forschungsinstitut Pelagos Cetacean in Athen, das die Pottwalpopulation im Mittelmeer seit 1998 beobachtet. Sein Team befürchtet, dass 20-mal mehr Wale durch Zusammenstöße im Meer verenden als registriert werden. Nirgends sonst gilt das Risiko von Schiffskollisionen für Wale als so hoch wie im östlichen Mittelmeer.

Schon jetzt ist der Bestand der Pottwale dort bedroht. Und die Zahl der Tiere schrumpft nach Angaben der Wissenschaftler immer weiter. Gerade einmal 200 bis 300 der großen Meeressäuger sind übrig geblieben. Und auch sie sind nicht sicher.

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Der Hellenische Graben, einer ihrer wichtigsten Lebensräume entlang der Süd- und Westküste Griechenlands, liegt auf der Route zahlreicher Kreuzfahrt- und Containerschiffe. Zumindest noch.

Eine richtungsweisende Entscheidung

"Es ist unsere Verantwortung, die Meeresbewohner zu schützen", sagt Stefania Lallai, Vizepräsidentin für Nachhaltigkeit der Mediterranean Shipping Company (MSC). Die Reederei gab am Mittwoch bekannt, zukünftig jene Gebiete entlang der griechischen Westküste zu umfahren, in denen besonders viele Pottwale leben.

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Tierschützer hoffen auf einen Dominoeffekt, denn MSC ist ein Riese in der Branche. Die Frachtschiffe des Unternehmens haben die größte Containerkapazität der Welt, Tochterfirma MSC Cruises landet im globalen Kreuzfahrtgeschäft auf Platz drei. Die Kurskorrekturen sollen für alle Schiffe der Reederei gelten.

"Wenn der gesamte Schiffsverkehr in der Region seine Routen derart anpasst, wäre die Gefahr einer Schiffskollision für Pottwale um etwa 75 Prozent geringer", heißt es von den NGOs, die den Branchenführer zum Einlenken bewegt haben.

Kursänderungen und langsameres Tempo

Ocean Care, WWF Griechenland und der International Fund for Animal Welfare sind überzeugt: ohne walfreundliche Schiffsrouten haben die Pottwale im östlichen Mittelmeer keine Chance.

Auch auf amtlicher Seite ist die bedrohte Walart erst kürzlich auf dem Radar aufgetaucht. Seit Anfang 2021 bittet die griechische Regierung Segler und Schiffskapitäne ganz offiziell darum, mehr auf die Pottwale zu achten.

Ein Muttertier mit ihrem Baby (Symbolfoto): Pottwale sind nicht gern allein, sie leben am liebsten im Familienverbund. Nur erwachsene Männchen sind Einzelgänger.
Ein Muttertier mit ihrem Baby (Symbolfoto): Pottwale sind nicht gern allein, sie leben am liebsten im Familienverbund. Nur erwachsene Männchen sind Einzelgänger. (Quelle: imago-images-bilder)

Der sogenannte Navtex-Leitfaden drängt darauf, Kollisionen zu vermeiden. Durch aufmerksameres Fahren, aber auch über langsamere Geschwindigkeiten.

Für die schweizerische Meeresschutzorganisation Ocean Care ist das Drosseln des Tempos ein besonders wichtiger Ansatz für den Walschutz im übrigen Mittelmeer. "Nicht auf allen Routen sind Kurskorrekturen möglich", sagt Pressesprecherin Ilka Franzmann t-online.

"Wo Ausweichen keine Option ist, erlaubt langsameres Fahren den Walen, sich in Sicherheit zu bringen. Und die Reedereien sparen auch noch Sprit", so Franzmann. Das könnte beispielswiese auf Routen vor Frankreich, Italien, Spanien und vor allem rund um die Kanaren relevant sein.

Grindwale und Pottwale tummeln sich in der Straße von Gibraltar (Symbolfoto): Die Gefahr, dass die großen Tiere mit Schiffen kollidieren, besteht auch in anderen Teilen des Mittelmeers sowie im Atlantik und Pazifik.
Grindwale und Pottwale tummeln sich in der Straße von Gibraltar (Symbolfoto): Die Gefahr, dass die großen Tiere mit Schiffen kollidieren, besteht auch in anderen Teilen des Mittelmeers sowie im Atlantik und Pazifik. (Quelle: imago-images-bilder)

Verendete Wale auch rund um die Kanareninseln

Zwischen den Inseln Teneriffa, Gran Canaria und La Gomera leben besonders viele Pottwale. Ausgerechnet dort verkehren aber auch die meisten Schnellfähren der Region. Mehrmals im Jahr werden verendete Wale angespült, die Szenen sind ähnlich wie an der griechischen Küste. Zuletzt sorgte ein Extremfall vor La Gomera für Aufsehen.

Dort trieb im vergangenen November ein verwesender Pottwal im Meer – zerteilt in zwei Hälften. Spanische Meeresschutzexperten gehen davon aus, dass das Tier von den scharfen Rümpfen der Fähren erfasst wurde. Auch sie fordern Sperrzonen und ein langsameres Tempo für Schiffe. Der erste Durchbruch bei der größten Reederei der Welt dürfte Hoffnung machen.

Ergänzung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, MSC habe die zweitgrößte Containerschiffflotte der Welt. Dies ist weiterhin korrekt, allerdings überholte die Containerkapazität von MSC vor wenigen Wochen jene des Konkurrenten Maersk. MSC gilt somit nun als größte Reederei der Welt.

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Von Eckart von Hirschhausen
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