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Österreichs Waffenrecht: Wo der Schäferhund den Waffenschrank ersetzt

Österreichs laxes Waffenrecht  

Wo der Schäferhund den Waffenschrank ersetzt

28.01.2021, 20:51 Uhr | Matthias Röder, dpa

Österreichs Waffenrecht: Wo der Schäferhund den Waffenschrank ersetzt. Waffenladen in Wien: Österreich hat eines der laxesten Waffengesetze. (Quelle: imago images/Xinhua)

Waffenladen in Wien: Österreich hat eines der laxesten Waffengesetze. (Quelle: Xinhua/imago images)

Waffenbesitz ist in Österreich viel selbstverständlicher als in Deutschland. Das lockere Gesetz erschwert das keineswegs. Seit Jahren wächst die Zahl der privaten Feuerwaffen kontinuierlich.

Das Gewehr könnte aus einem US-Thriller stammen. Die Savage Arms Kal. 338 Lapua Magnum ist eine Repetierbüchse, für viel Geld aufrüstbar mit Zielfernrohr samt Computerunterstützung. Damit ist sie als Scharfschützengewehr zielsicher bis in 1.500 Metern Entfernung. Jeder mindestens 18-jährige EU-Bürger mit Wohnsitz in Österreich, gegen den kein Waffenverbot verhängt wurde, darf dieses Gewehr in Österreich nach kurzer Wartefrist und Registrierung kaufen. 

"Da werde ich nervös", meint der Wiener Waffenhändler Markus Schwaiger. Er gehört zu denjenigen in der Branche, die auf mögliche Schwachstellen der Gesetzeslage in Österreich hinweisen.

Drang nach Waffen – laxere Gesetze

Beim Waffenrecht haben Österreich und Deutschland deutliche Unterschiede. In der Bundesrepublik wäre für den Erwerb der Savage Arms zumindest eine Waffenbesitzkarte nötig, sagt ein Sprecher des Landeskriminalamts Bayern. Und generell: "Deutschland hat das strengste Waffengesetz in Europa." 

In der Alpenrepublik herrscht gerade aktuell ein auffallender Drang nach Pistolen und Gewehren. 2020 war für die Branche ein besonders gutes Jahr. Mit einem Absatzplus von fünf Prozent stieg allein der Neuwaffenmarkt laut Analyse des Marktforschungsinstituts Branchenradar so wie seit fünf Jahren nicht. 

Insgesamt liegen in Österreich viel mehr Waffen – bezogen auf die Einwohnerzahl – in den Schränken und Tresoren ihrer Besitzer als in Deutschland. Laut Innenministerium in Wien sind aktuell 1,16 Millionen Schusswaffen registriert – im neunmal bevölkerungsreicheren Deutschland sind es sechs Millionen. Die Zahl der illegalen Waffen in Österreich schätzen Experten auf mindestens eine Million, wenn nicht mehrere Millionen.

Weist auf Schwachstellen in der Gesetzgebung hin: Waffenhändler Markus Schwaiger, hier mit einer Savage Arms Kal. 338 Lapua Magnum. (Quelle: dpa/Matthias Röder)Weist auf Schwachstellen in der Gesetzgebung hin: Waffenhändler Markus Schwaiger, hier mit einer Savage Arms Kal. 338 Lapua Magnum. (Quelle: Matthias Röder/dpa)

Sorge vor unruhigen Zeiten

Der jüngste Grund für den Run auf die Schusswaffen liegt nach Überzeugung Schwaigers nicht an einer neuen Freude an der Jagd, sondern an Corona. "Mit Beginn der Pandemie zog der Waffenverkauf an, offenbar aus Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen und unruhigen Zeiten." Der Experte schätzt, dass die Hälfte der Käufer Sportschützen oder Jäger sind, die andere Hälfte komme wegen der Selbstverteidigung.

Das Recht zur Verteidigung von Haus, Gut und Leben gehört in Österreich selbstredend zu den Gründen, die der Käufer als Motiv für den Waffenerwerb angeben kann. Bei Revolvern und Pistolen sowie halbautomatischen Waffen sind die Hürden etwas höher. Es ist im Gegensatz zu Deutschland nicht zwingend, die Waffe in einem speziellen Schrank zu lagern. In der Alpenrepublik wird die Gesamtsituation der sicheren Verwahrung berücksichtigt unter dem Motto: Ist ein Schäferhund im Haus?

"In Österreich ist Waffenbesitz ein Recht, in Deutschland ein Privileg", so der Vorsitzende des deutschen Waffenlobby-Verbands prolegal, David Schiller, zu den ganz unterschiedlich hohen Hürden beim Waffenkauf. Nach spektakulären Waffenfunden oder Attentaten zieht die Debatte um Waffen, ihre Herkunft und etwaige Gesetzeslücken regelmäßig an.

Neonazis horteten Waffen – für deutsche Kampfgenossen?

Zuletzt waren in Österreich bei Hausdurchsuchungen in der Neonazi-Szene über 70 automatische und halbautomatische Schusswaffen, Handgranaten sowie Berge von Munition sichergestellt worden. Der Verdacht: Es handelte sich um ein Nachschublager auch für die rechtsextreme Szene in Deutschland.

Kerzenmeer am Desider-Friedmann-Platz: Im November 2020 erschoss ein Terrorist mit einer Kalaschnikow vier Menschen in der Wiener Innenstadt. (Quelle: imago images/photonews.at)Kerzenmeer am Desider-Friedmann-Platz: Im November 2020 erschoss ein Terrorist mit einer Kalaschnikow vier Menschen in der Wiener Innenstadt. (Quelle: photonews.at/imago images)

Vor dem blutigen Anschlag im November in Wien hatte der 20-jährige islamistisch gesinnte Attentäter versucht, in der Slowakei Munition für seine Kalaschnikow zu kaufen. Dieser ungeeignete Versuch zeige schon, wie schlecht dessen Kenntnisse oder sein Netzwerk gewesen seien, meint Schiller, der auch Waffen-Sachverständiger und Berater der Polizei ist. "Auf dem Balkan hätte er solche Munition ohne weiteres in großen Mengen bekommen."

Speziell in Österreich gilt der Balkan auch als eine der Hauptquellen für die millionenfach vorhandenen illegalen Schusswaffen, Granaten und Pistolen. Nach Ende der dortigen militärischen Konflikte in den 1990er Jahren seien viele Waffen über die Grenze gesickert, sagt Schiller. Auch der Abzug der russischen Armee aus dem wiedervereinten Deutschland habe güterwagenweise Waffen in dunkle Kanäle gelangen lassen.

Einfacher Zugang zu Waffen

Obendrein können bestimmte, ursprünglich ungefährliche Waffen bei entsprechenden Kenntnissen zu tödlichen umgebaut werden. Mit einer wieder scharf gemachten Theaterpistole vom Typ Glock 17 erschoss ein 18-Jähriger beim rassistisch motivierten Anschlag am Münchner Olympiazentrum 2016 neun Menschen. In diesem Fall wurde der Waffenhändler, der dem jungen Mann die Pistole und jede Menge Munition verkauft hatte, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Welches Potenzial eine Waffe in der Hand eines von Rache- und Gewaltfantasien beherrschten Menschen hat, zeigt der Fall eines 18-Jährigen in Österreich. Der Jugendliche wollte 2018 in Mistelbach an seiner ehemaligen Schule ein Blutbad anrichten. Zuvor hatte er eine einläufige Schrotflinte samt 25 Schrotpatronen für rund 195 Euro legal im Waffengeschäft erworben. Er verletzte einen Schüler schwer. Nur eine Ladehemmung verhinderte Schlimmeres.

Es seien zwar nur ganz wenige Kunden, die ihm letztlich suspekt erschienen, sagt der Wiener Waffenhändler Schwaiger. "Aber wenn sie sich von irgendwelchen Stimmen bedroht fühlen, dann schmeiß' ich die raus."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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