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Das unendliche Leiden: 100.000 Verschwundene in Mexiko

Von dpa
Aktualisiert am 17.05.2022Lesedauer: 3 Min.
Zu den Verschwundenen in Mexiko gehören unter anderem Aktivisten, Journalisten und Migranten.
Zu den Verschwundenen in Mexiko gehören unter anderem Aktivisten, Journalisten und Migranten. (Quelle: Jair Cabrera Torres/Jair Cabrera Torres./dpa)
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Mexiko-Stadt (dpa) - In Mexiko gelten nun offiziell mehr als 100.000 Menschen als vermisst. Die Datenbank der Regierung verzeichnete zum ersten Mal die Rekordzahl.

Rund 98 Prozent der FÀlle stammen aus der Zeit seit 2006, als der sogenannte Drogenkrieg begann, bis heute. Mit der Militarisierung des Konflikts mit den mÀchtigen Kartellen nahm die Gewalt erheblich zu. Die amtliche Statistik verÀndert sich stÀndig, manchmal sogar leicht nach unten. Die tatsÀchliche Zahl von Vermissten könnte jedoch viel höher liegen.

"Wir wissen, dass es noch viele andere gibt", sagte die Aktivistin LucĂ­a DĂ­az der Deutschen Presse-Agentur. "Die Zahlen beruhen auf Anzeigen - und Anzeige zu erstatten, ist nicht die Norm". Seit neun Jahren sucht sie ihren Sohn Luis. Mit 29 Jahren wurde der DJ im Bundesstaat Veracruz entfĂŒhrt. Aus Angst vor Repressalien scheuen viele Angehörige den Gang zu den Behörden, die nicht selten mit Verbrechersyndikaten zusammenarbeiten.

Menschen verschwinden zu lassen, ist hauptsĂ€chlich eine Taktik von Kriminellen, aber auch korrupter SicherheitskrĂ€fte. Die Leichname der Opfer werden oft heimlich begraben oder sogar zerstĂŒckelt und verbrannt, um Spuren zu verwischen. Dies bezeichnete das UN-Komitee gegen das Verschwindenlassen in seinemMexiko-Bericht im Aprilals "Paradigma des perfekten Verbrechens". Die Straflosigkeit sei "fast absolut". Seit Beginn des Drogenkriegs wurden in dem lateinamerikanischen Land mehr als 350.000 Menschen getötet, die Vermissten zĂ€hlen nicht dazu.

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Fall der vermissten Studenten erregte Aufmerksamkeit

FĂŒr internationales Aufsehen sorgte 2014 der Fall von 43 Studenten der Lehramtsschule von Ayotzinapa im sĂŒdlichen Bundesstaat Guerrero. Sie wurden von Polizisten festgehalten und den Mitgliedern eines Drogenkartells ĂŒbergeben, die sie wahrscheinlich töteten. Nur kleine Knochenteile von drei von ihnen wurden bislang gefunden und identifiziert.

Die Familien der Vermissten leiden vor allem unter der Ungewissheit. Sie können nicht trauern und widmen hĂ€ufig ihr ganzes Leben der Suche. Viele haben sich in Gruppen zusammengeschlossen, suchen in gefĂ€hrlichen Regionen des Landes auf eigene Faust nach MassengrĂ€bern und buddeln mit bloßen HĂ€nden, Schaufeln und Hacken nach den Leichen. So haben sie in den vergangenen Jahren Tausende von menschlichen Überresten gefunden.

DĂ­az hat sich mit anderen MĂŒttern zusammengetan und die Gruppe Solecito (Kleine Sonne) gegrĂŒndet. Die Frauen haben schon 374 Leichen gefunden. Bislang wurden allerdings nur 34 davon an ihre Familien ĂŒbergeben - von den anderen weiß man nicht, wer sie sind.

Vielen Leichen werden nicht identifiziert

In ganz Mexiko gibt es rund 52.000 nicht identifizierte Leichname. Viele dieser Menschen werden gleichzeitig noch gesucht. Aufgrund mangelnder KapazitĂ€ten und Apathie örtlicher Behörden bleiben die Toten oft in Leichenhallen und anonymen GrabstĂ€tten liegen. So verschwinden die Menschen zum zweiten Mal. RegierungsfunktionĂ€re und Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer "forensischen Notlage". Internationale Kooperationspartner, darunter Deutschland, unterstĂŒtzen die BemĂŒhungen, die rechtsmedizinischen Institute zu stĂ€rken.

Auf Druck der Familien wurde 2017 ein Gesetz gegen das Verschwindenlassen von Personen verabschiedet. Unter anderem wurden eine nationale und lokale Such-Kommissionen etabliert. Die geplante nationale DNA-Datenbank - ein SchlĂŒsselelement - gibt es allerdings immer noch nicht.

Die Angehörigen geben nicht auf. "Wir haben wenige Erfolge, aber wir mĂŒssen hartnĂ€ckig bleiben", sagte DĂ­az. "Denn irgendwann mĂŒssen wir sie finden oder zumindest den Trost haben, sagen zu können: Ich habe ihn zwar nicht gefunden, aber mein Leben dafĂŒr gegeben."

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