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Meinung
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Der letzte Akt

Eine Kolumne von Fabian Reinbold, Washington

Aktualisiert am 06.11.2020Lesedauer: 5 Min.
Donald Trump beim Auftritt im Weißen Haus: Es wird einsam um ihn.
Donald Trump beim Auftritt im Weißen Haus: Es wird einsam um ihn. (Quelle: Carlos Barria/Reuters-bilder)
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Es wird einsam um Donald Trump: Beim Kampf gegen die AuszĂ€hlung der Wahl gehen ihm treue VerbĂŒndete von der Stange. Ihm bleibt noch ein Ziel: seinen Fans eine Dolchstoßlegende einzupflanzen.

Die große AuffĂŒhrung im Weißen Haus hat ihren Schlussakt erreicht. Das viel besprochene StĂŒck, irgendwo zwischen Tragikomödie und Farce angesiedelt, bindet jetzt so viele Zuschauer wie noch nie. Und unser Held? Zeigt sich noch einmal in seinem wahren Wesen.


Vier Jahre PrÀsident Trump: Seine Amtszeit in Bildern

Immer wieder streitet Trump seit dem das Wahlergebnis ab. Mit mehreren Klagen versucht er die angeblich "gestohlene Wahl" zurĂŒckzugewinnen – bislang erfolglos.
Das AuszĂ€hlen der Stimmen dauerte lange. Und wĂ€hrend sich abzeichnete, dass Joe Biden die PrĂ€sidentschaftswahl gewinnen wĂŒrde, fuhr Trump auf den Golfplatz. Am 7. November erfuhr er dort dann von seiner Niederlage. Mit 46,9 Prozent verliert er gegen seinen Konkurrenten Joe Biden die US-Wahl.
+17

Donnerstagabend, der erste Auftritt seit der Wahlnacht. Die Aussichten werden schlechter und schlechter, das Ende ist nah, da zieht er noch einmal alle Register: Er hĂ€tte, ginge es nur mit rechten Dingen zu, lĂ€ngst gewonnen. Behauptet Donald Trump. Man wolle ihm die Wahl stehlen. Klagt er. Es gibt keinerlei Belege dafĂŒr.

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Auf Twitter konnte man in Echtzeit beobachten, wie der Auftritt weltweit fĂŒr Verstörung sorgte. Manche sahen auf der kleinen BĂŒhne des Press Briefing Rooms im Weißen Haus den TotengrĂ€ber der US-Demokratie, ich sah einen Verlierer. NatĂŒrlich: Man kann das Gebaren als Versuch eines Coups interpretieren, mit dem Ziel, sich um jeden Preis die Macht zu sichern. Oder als Weiterstricken der Legende, nach der er nach der drohenden Niederlage fĂŒr seinen Teil der Nation weiter PrĂ€sident der Herzen ist. Donald Trump, im Felde unbesiegt. Die Dolchstoßlegende des Jahres 2020.

Falls Trump wirklich im SchĂŒtzengraben liegt, um seine PrĂ€sidentschaft zu verteidigen, dann besteht sein letztes Aufgebot aus Kameraden der GĂŒteklasse Rudy Giuliani, Sohnemann Eric, Ex-Berlin-Botschafter Ric Grenell. Andere machen sich klammheimlich davon.

Folgen die Republikaner dem Kommando Trump oder dem demokratischen Prozess? Nach langem Schweigen machen einige mit, andere nicht. Am Donnerstag sieht es so aus, als ob es um Trump einsam wird. Von Stunde zu Stunde wird auffĂ€lliger, wie das Medienimperium rund um Rupert Murdochs Fox News in Teilen auf Distanz zu Trump geht. Dass die Wahlstatistiker des Senders am Wahlabend frĂŒh und mit Abstand als erstes den mitentscheidenden Staat Arizona fĂŒr Biden verbuchte, sorgte bei Trump und seinen Getreuen fĂŒr Zorn.

Trumps Auftritt im Weißen Haus: Arbeit an einer Dolchstoßlegende.
Trumps Auftritt im Weißen Haus: Arbeit an einer Dolchstoßlegende. (Quelle: Evan Vucci/ap-bilder)

Und jetzt? Ich sehe – wie immer in Amerika – Anlass zur Hoffnung und Anlass zur Sorge, das Helle und das Dunkle.

Die Institutionen ziehen bislang nicht mit. Trump kann zetern, wie er will, der Prozess geht seinen Gang. Die Gerichte schmettern die ersten AntrĂ€ge nach der Wahl aus dem Trump-Orbit ab, weil ihre BegrĂŒndungen nicht in der RealitĂ€t verankert sind. (Es werden noch viele weitere AntrĂ€ge und NeuauszĂ€hlungen folgen.)

Die Demokratie nimmt – trotz aller Unkenrufe – ihren Lauf. Ich lese in Schlagzeilen oft das Wort Wahlchaos. Sehe ich anders. Ja, der Prozess ist unĂŒbersichtlich und unverstĂ€ndlich, hier und da quĂ€lend langsam und fehleranfĂ€llig. Eine Folge des amerikanischen Wahlsystems, wo teils jeder Staat und teils jeder Bezirk eigene Regeln hat. VerstĂ€rkt durch die pandemiebedingt stark ausgeweitete Briefwahl, die wie erwartet Probleme verursacht. Aber die MĂŒhlen mahlen. Nur eben langsam.

Doch wenn Trump sagt, dass das alles ein einziger Betrug sei, dann glauben Dutzende Millionen ihm statt den Institutionen. So wie auch fast jedes Wort, das aus seinem Mund kommt. He tells it like it is, er sagt einfach, wie's ist. Kaum einen Satz hört man öfter, wenn man mit UnterstĂŒtzern des PrĂ€sidenten spricht.

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Trupps von Trump-UnterstĂŒtzern beziehen Stellung vor Wahllokalen in umkĂ€mpften Staaten, in Phoenix, in Philadelphia, in Detroit. Aufgestachelt durch Fantasien des AnfĂŒhrers. Wo das noch endet, weiß niemand. Man muss hoffen, dass das alles glimpflich ausgeht. So wenig wie die Gefahr gewalttĂ€tiger Konfrontationen ist der langfristige Vertrauensverlust in die Demokratie abzuschĂ€tzen.

Auch der genaue Weg fĂŒr Donald Trump, den die Dramaturgie im letzten Akt vorgesehen hat, ist noch nicht klar. Was er im Amt noch tun wird – und was kommt, wenn er das Weiße Haus doch verlassen muss. Er kann seinen eigenen Fernsehsender grĂŒnden. Er kann einfach weiter Wahlkampf machen (und Spenden sammeln) und – jetzt bitte ganz ruhig weiter atmen – 2024 noch einmal antreten.

Die Wahlnacht hat die Treue und Macht seiner Gefolgschaft verdeutlicht, auch wenn er verloren hat. Trump hat nach diesen vier Jahren voller Skandale, nach dem folgenreichen Versagen im Krisenmanagement von Corona- und Wirtschaftskrise, sogar noch Stimmen hinzugewonnen. Mindestens vier Millionen Amerikaner mehr als vor vier Jahren haben fĂŒr ihn gestimmt (die Wahlbeteiligung ist ja gestiegen).

Interessieren Sie sich fĂŒr die US-Politik? Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt ĂŒber seine Arbeit im Weißen Haus und seine EindrĂŒcke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

FĂŒr uns wird es, wenn die PrĂ€sidentschaft Trumps vorbei ist, etwas komplizierter. Wie wunderbar hat sich der Egomane doch geeignet, um alles Absurde und Wahnhafte, was uns aus Amerika begegnet, an ihm festzumachen! Doch die Spaltung hat er nur ausgeschlachtet, nicht hervorgerufen, die Wunden nur offengelegt. Und eine Haltung zur Demokratie, die mir Kopfschmerzen bereitet, nur verstĂ€rkt.

Ich musste am Wahltag zwölf Jahre zurĂŒckdenken. An einen Besuch als junger Journalist auf einer Wahlkampfrally Sarah Palins. Sie erinnern sich: die Gouverneurin aus Alaska, die damals US-VizeprĂ€sidentin werden sollte. Ich staunte damals ĂŒber die Reaktionen, die sie mit dem Zelebrieren der Ignoranz hervorrief. Mit Palin und der Begeisterung fĂŒr sie fing vieles an, worĂŒber wir heute sprechen.

Sarah Palin (mit Ehemann Todd): Wegbereiterin fĂŒr Trumps Art der Politik.
Sarah Palin (mit Ehemann Todd): Wegbereiterin fĂŒr Trumps Art der Politik. (Quelle: Jim Young/Reuters-bilder)
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Ich fand nach etwas Suchen meine Aufzeichnungen von damals wieder. Ich sprach bei Palin mit einem Rentner namens John, der sich ĂŒber die ganzen neu registrierten WĂ€hler beklagte. Er schlug einen Test am Wahltag vor, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob die Leute "informiert genug sind, um ihre Stimme abzugeben". Außerdem bete er fĂŒr Regen am Wahltag, sagte er, das wĂŒrde den "informierten, engagierten WĂ€hlern" helfen.

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Da mischte sich eine Frau namens Faye ein, engagiert beim örtlichen Rotarier-Club. "Wir machen es den Leuten heutzutage viel zu einfach, zur Wahl zur gehen", sagte auch sie. Andere drĂŒckten damals ihre Zweifel aus, dass Barack Obama wirklich Amerikaner sei.

Einige Jahre spĂ€ter machte ein Mann mit dieser damals geborenen Verschwörungstheorie, dass Obama kein richtiger Amerikaner sei, politische Karriere. Es war Donald Trump. Und der wusste genau, was er tat, als er angekommen im letzten Akt im Weißen Haus, gegen die ganzen Stimmen fĂŒr die Demokraten wetterte, die da noch gezĂ€hlt werden sollten.

Er weiß: Die ganz offene Ablehnung demokratischer Prinzipien fĂ€llt in der stolzen Demokratie auf fruchtbaren Boden. Die Vorstellung, dass manche Amerikaner gleicher sind als andere, ist immer anzuzapfen. Und doch haben zugleich nun so viele der wahlberechtigten BĂŒrger abgestimmt wie seit hundert Jahren nicht mehr.

Das Helle, das Dunkle. Und, ach ja, falls der letzte Akt der AuffĂŒhrung nicht doch noch zur Farce gerĂ€t, heißt der 46. PrĂ€sident der Vereinigten Staaten von Amerika: Joe Biden.

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