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Eine "Katastrophe in Zeitlupe"

J├╝rgen Ruf, dpa

Aktualisiert am 23.03.2014Lesedauer: 3 Min.
Nach Geothermiebohrungen ziehen sich dicke Risse durch viele H├Ąuser der Stadt Staufen
Der Schaden geht in die Millionen: Nach Geothermiebohrungen ziehen sich dicke Risse durch viele H├Ąuser der Stadt Staufen (Quelle: /dpa-bilder)
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Die Stadt bewegt sich. Seit knapp sieben Jahren leidet Staufen vor den Toren Freiburgs unter den Folgen einer missgl├╝ckten Erdw├Ąrme-Bohrung. Weil der Untergrund dadurch in Bewegung geriet, gehen dicke Risse durch die H├Ąuser der malerischen Stadt in Baden-W├╝rttemberg.

Rund 270 Geb├Ąude sind bislang besch├Ądigt. Au├čenw├Ąnde haben gro├če, offene Spalten, innen und au├čen f├Ąllt der Putz ab. Auch viele historische Altbauten sind betroffen.


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Baden-W├╝rttembergs Landesregierung und andere Kommunen helfen jetzt mit Geld. Es ist die erste gr├Â├čere Finanzhilfe f├╝r Staufen. Doch das Problem ist damit nicht gel├Âst. Denn ein Ende der zerst├Ârerischen Erdbewegungen ist nicht in Sicht.

Die beliebte Touristenstadt zerbricht langsam

"Es ist eine Katastrophe in Zeitlupe", sagt Michael Benitz, der B├╝rgermeister der 7500 Einwohner z├Ąhlenden Gemeinde am Rande des Schwarzwalds. Staufen mit seiner unter Denkmalschutz stehenden Altstadt ist ein ├╝berregional bekannter Touristenort. "Die Menschen kommen, weil es hier so sch├Ân ist. Doch die Stadt droht zu zerbrechen", so Benitz.

Desaster fing mit neuer Heizung f├╝rs Rathaus an

Mit seinem Rathaus befindet er sich genau im Zentrum des Geschehens. Direkt hinter dem Geb├Ąude gab es im Sommer 2007 mehrere Bohrungen nach Erdw├Ąrme. Eine neue Heizung f├╝r das Rathaus sollte mit der umweltfreundlichen Energie betrieben werden. Doch die Bohrsonden trafen im Untergrund auf eine Erdschicht, die Staufen bis heute keine Ruhe mehr l├Ąsst.

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"In Verbindung mit Grundwasser verwandelt sich diese Erdschicht in Gips, die Schichten quellen auf und die Erde hebt sich", erl├Ąutert Benitz. Seit fast sieben Jahren geht das so.

Geb├Ąude geraten in Schieflage

Fast 60 Zentimeter haben sich Teile der Stadt schon angehoben. Die Statik der Geb├Ąude ger├Ąt dadurch immer mehr in Schieflage. Und Experten gehen davon aus, dass diese Entwicklung andauern wird. Denn die Erde bewegt sich noch immer, obwohl die Bohrungen selbst schon lange eingestellt sind. Ein Weg, das Aufquellen des Bodens zu stoppen, wurde bislang nicht gefunden.

F├╝r die Geothermie mag sich in Staufen seither kaum einer mehr erw├Ąrmen. Denn die Folgen sind in weiten Teilen der Stadt zu erleben, vor allem im historischen Kern. Gro├če Risse durchziehen dort die sch├Ân renovierten Geb├Ąude mit Wappen und Fensterl├Ąden. Viele H├Ąuser m├╝ssen abgest├╝tzt werden. Ein Geb├Ąude, errichtet im Jahre 1915, ist bereits abgerissen worden. Es war rund einen halben Meter in die H├Âhe gegangen und drohte einzust├╝rzen.

"Nirgendwo auf der Welt gibt es einen Ort, den es derart zerrei├čt wie Staufen", meint Csaba-Peter Gaspar. Der 68-j├Ąhrige Unternehmensberater steht in seiner Wohnung in der Altstadt von Staufen. Auch bei ihm gibt es gro├če Risse, Mauern werden instabil.

Mehr als 50 Millionen Euro Schaden

Der Schaden in der Stadt wird auf mehr als 50 Millionen Euro gesch├Ątzt. Doch genau wei├č das niemand. "Es kommen ja jeden Tag neue Sch├Ąden hinzu", sagt der B├╝rgermeister.

Land, Kommunen und die Stadt Staufen stellen nun 30 Millionen Euro bereit. "Das Geld ist eine gro├če Hilfe", sagt Riss-Opfer Gaspar. Es werde aber wohl nur f├╝r die "Absicherung der Geb├Ąude reichen, wenn ├╝berhaupt". "An Sanierung oder Wiederaufbau ist noch lange nicht zu denken."

Geld f├╝r den Wiederaufbau sammeln

Un├╝berlegtes Bohren nach Erdw├Ąrme und die f├╝r die Region typische Bodenbeschaffenheit waren die kritische Mischung, die Staufen zum Verh├Ąngnis wurde. ├ähnliche Probleme gibt es zwar vereinzelt auch in anderen Orten, zum Beispiel in B├Âblingen und Leonberg bei Stuttgart sowie im Dorf Lochwiller im Elsass. Doch nicht in diesem Ausma├č.

Der Ort und die meisten Menschen dort haben gelernt, mit dem immer weiter wachsenden Problem zu leben. Um Geld f├╝r den Wiederaufbau zu sammeln, verkauft die Kleinstadt Andenken und wirbt mit Prominenten um Hilfe. Rote Aufkleber an den Geb├Ąuden, oft schr├Ąg ├╝ber die Risse geklebt, machen auf die Kampagne aufmerksam.

"Es gibt immer mehr Touristen, die extra wegen der Risse hierher reisen", sagt der Einzelh├Ąndler Alfred Rinderle. Eine Tendenz, die ihm so nicht behagt: "Zur Touristenunterhaltung sollen die Risse nicht dienen."

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