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Experte über Köln-Übergriffe: "Das sind keine Männer, sondern Pack"

Experte Ahmet Toprak  

"Das sind keine Männer, sondern Pack"

08.01.2016, 11:28 Uhr | t-online.de

Experte über Köln-Übergriffe: "Das sind keine Männer, sondern Pack". Übergriffe gegen Frauen in Köln: "unkontrollierbarer" Machismo. (Quelle: dpa)

Übergriffe gegen Frauen in Köln: "unkontrollierbarer" Machismo. (Quelle: dpa)

Ahmet Toprak ist Erziehungswissenschaftler an der Dortmunder Fachhochschule und beschäftigt sich unter anderem mit Gewalt männlicher Einwanderer. t-online.de sprach mit dem in der Türkei geborenen Toprak über die Angriffe von Köln

Herr Professor Toprak, viele, die bis vor Kurzem in der Flüchtlingsfrage noch ganz offen waren, fragen sich jetzt, ob ihre Toleranz gegenüber den Ankömmlingen aus dem Nahen Osten fehl am Platz ist. Was würden Sie denen sagen? 

Toprak: Natürlich ist die Gefahr jetzt groß, dass viele eine Million Flüchtlinge mit kriminellen Männern in einen Topf werfen. Das wird aber weder diesen Menschen gerecht, noch unserer Gesellschaft. Wahr ist: Die Gefahr ist groß, dass viele Flüchtlinge, die zu zwei Dritteln aus Männern bestehen, sich langweilen, ohne Arbeit frustriert sind, dass sie dann auf die Straße gehen und Dinge tun, die nicht angemessen sind.

Diese Gefahr besteht also tatsächlich? 

Diese Gefahr besteht immer, wenn viele Männer in einer eintönigen Unterkunft zusammenleben und dann nach entsprechendem Alkoholkonsum Mist bauen. Da kann es immer Dinge geben, die nicht mehr kontrollierbar sind. Das hat aber mit "den Flüchtlingen" nichts zu tun, sondern mit männlichem Verhalten. Die Gruppendynamik spielt dabei eine große Rolle. Das kennen wir aus unserem eigenen Umfeld: Da möchte man cool sein und keine Schwäche zeigen. 

Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak (Quelle: Fachhochschule Dortmund)Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak (Quelle: Fachhochschule Dortmund)Ahmet Toprak (45) ging in der Türkei auf die Grundschule und besuchte danach in Köln die Hauptschule. Später holte er die Hochschulreife nach und lehrt heute Erziehungswissenshaften in Dortmund. 2010 war er an einer Expertise im Auftrag von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) beteiligt. Das Thema: Gewaltphänomene bei männlichen muslimischen Jugendlichen. 

Was ist Ihrer Meinung nach in Köln passiert?

Meine These: Die waren vor allem auf Wertgegenstände aus. Die sexuelle Belästigung lief dann sozusagen "nebenher". Von wegen: Wenn ich schon klaue, dann kann ich mich auch gleich sexuell befriedigen, in dem ich belästige oder vergewaltige.

Das klingt ziemlich ekelhaft.

Das ist es auch. Deshalb sage ich: Das sind keine Männer, sondern Pack - auch wenn Alkohol oder Drogen das noch verschärft haben.

Jetzt sind diese Übergriffe aus einer ganz bestimmten Gruppe gekommen. Und zwar aus einer Gruppe, bei der viele - nicht nur Feministinnen wie Alice Schwarzer - schon lange die Befürchtung haben, "wir holen uns da eine Gefahr ins Land": Menschen, die westliche Frauen als "Schlampen" ansehen. Genauso sieht das doch aus, was wir da gesehen haben.

Es gibt bestimmte Männlichkeitsbilder, die dazu beitragen, dass Männer über offen auftretende Frauen denken: Wenn sie so offen sind, kann man sie auch ansprechen. Das heißt natürlich nicht, dass ich sie beschimpfe, beleidige und vergewaltige.

Welche Rolle spielt dabei der Islam?

Ein religiöser Mann, sollte Frauen respektieren und sie auch nicht anfassen, beleidigen, geschweige denn vergewaltigen. In seiner Community gilt ein Mann, der eine Frau vergewaltigt oder belästigt, als ehrlos. Mit Religion hat es nichts zu tun.

Aber vielleicht mit Kultur?

Ja, genau. Das hat mit Männlichkeitsnormen zu tun. Macho-Gehabe, Testosteron - das sind die Faktoren.

Wie muss man sich den Geisteszustand von Leuten vorstellen, die in einem fremden Land - Deutschland - offenbar gezielt und im Pulk auf vor allem einheimische Frauen losgehen?

Eines muss ich vorab dazu sagen: Ich bin in Köln aufgewachsen und kenne die Gegend um den Dom. Die war schon in den 80er Jahren ein Problem im Hinblick auf Drogen und Taschendiebstahl. Die kriminelle Energie der Menschen passt sich ja auch oft an die Gegebenheiten an.

Aber das Frauenbild von Männern in vielen islamischen Kulturen ist doch von oben herab, oder nicht?

Es gibt verschiedene Vorstellungen von Geschlechterrollen im Islam. Männer mit autoritären Vorstellungen sagen: Die Frau gehört nach Hause. Sie soll in der Öffentlichkeit nicht präsent sein und sich um die Kinder kümmern. Der Mann ist für alles Äußere zuständig. Das ist in bestimmten muslimischen Milieus noch da. Viele Männer aus diesen Milieus kennen auch nicht diese Präsenz der Frauen in der Öffentlichkeit.

Und dann?

Das kann dazu beitragen, dass sie sich bedienen. Von wegen: Selbst schuld, wenn sie sich so in der Öffentlichkeit zeigt. Das kennt man ja auch von Gerichtsverhandlungen in Deutschland, wo man Taten relativiert, in dem man fragt: "Was hat die Frau dazu beigetragen?" Dabei ist diese Relativierung abscheulich. Natürlich darf die Frau einen Minirock anziehen und natürlich darf sie auch flirten.

Was raten Sie der deutschen Gesellschaft? 

Das erste: Die Straftaten müssen aufgeklärt werden, die Justiz muss handeln und auch die Polizei. Die hat sich dort nicht mit Ruhm bekleckert, denn die Szene ist bekannt und die Polizei hätte mehr Präsenz zeigen müssen. Langfristig müssen diese Männer die Zuschreibung von Geschlechterrollen bei uns kennenlernen und sie auch akzeptieren. Beispielsweise, dass auch Frauen flirten dürfen.

Sie können den Deutschen jetzt aber nicht damit kommen, dass man mit diesen Typen reden muss.

Damit komme ich auch gar nicht. Klar müssen die bestraft werden. Ich beziehe mich darauf, was man für die Zukunft machen muss. Da spielt Erziehung eine Rolle und die Vermittlung von Werten. Das verändert man nicht in ein paar Tagen mit einem Strafenkatalog. Klar kann man die Strafen für Sexualdelikte erhöhen. Das ändert aber die Einstellung der Männer nicht. Denn wenn der Täter das tut, denkt er ja nicht an Strafe, sondern er hat ein bestimmtes Frauenbild im Kopf und daran muss man arbeiten. Nur so schützt man auch die Frauen. 

Die Fragen stellte Christian Kreutzer.

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