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Dubai: Die Flucht der Prinzessin ist eine Schmach für die arabische Welt

MEINUNGDoppelmoral am Golf  

Die Flucht der Prinzessin ist eine Schmach für die arabische Welt

Von Lamya Kaddor

05.07.2019, 19:59 Uhr
Dubai: Die Flucht der Prinzessin ist eine Schmach für die arabische Welt. Mohammed bin Raschid Al Maktoum und Haya bint al-Hussein: Nach außen geben die Emirate sich modern und weltoffen. Offenbar ist die Frau des Emirs von Dubai nun aber geflohen – nach Europa. (Archivfoto) (Quelle: imago images)

Mohammed bin Raschid Al Maktoum und Haya bint al-Hussein: Nach außen geben die Emirate sich modern und weltoffen. Offenbar ist die Frau des Emirs von Dubai nun aber geflohen – nach Europa. (Archivfoto) (Quelle: imago images)

Eine namhafte Emirate-Prinzessin entflieht ihrem goldenen Käfig und sucht Asyl im Ausland – ausgerechnet in Europa. Das kommt nicht von ungefähr, schreibt t-online.de Kolumnistin Lamya Kaddor. 

Die Sehnsucht mancher Frauen im Westen und in der arabischen Welt nach der Glitzermetropole Dubai am Persischen Golf ist weit verbreitet. Der Traum von 1.001 Nacht in luxuriösen, auf arktische Temperaturen herunterklimatisierten Penthauswohnungen mitten in der Wüste erscheint greifbar – vielleicht an der Seite eines echten Prinzen … 

Hinter den Fassaden der Wolkenkratzer ist nicht alles schlecht im "Übermorgenland" Dubai und in seinen etwas weniger hippen und oft auch preiswerteren Nachbaremiraten, die zusammen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) bilden. Die Spiegelverglasungen der Hochhäuser aber reflektieren auch viele Einblicke. Die Gesellschaft ist an vielen Stellen das Gegenteil der Hyper-Modernität, für die insbesondere Dubai und die zweite Metropole des Landes, Abu Dhabi, stehen. Die Emiratis, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch in verschlafenen Wüstendörfern ohne fließendes Wasser gelebt haben, haben sich trotz all des Reichtums wenig verändert; ich spreche dabei von den Staatsbürgern und -bürgerinnen, nicht von den Heerscharen an Gastarbeitern, die 90 Prozent der Einwohner in den VAE stellen. 

Skyline von Dubai: Die Vereinigten Emirate – allen voran Dubai – präsentieren sich modern und fortschrittlich. Doch die Strukturen sind nach wie vor traditionell-patriarchalisch.  (Quelle: imago images)Skyline von Dubai: Die Vereinigten Emirate – allen voran Dubai – präsentieren sich modern und fortschrittlich. Doch die Strukturen sind nach wie vor traditionell-patriarchalisch. (Quelle: imago images)

Wenn jetzt ausgerechnet eine von mehreren Ehefrauen des Herrschers von Dubai, einem der reichsten und mächtigsten Männer der Welt, Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum, flüchtet und um Asyl bittet, wie es verschiedene Medien berichten, dann ist das nicht überraschend. Schon zwei Töchter des Emirs hatten in der Vergangenheit versucht, sich trotz goldenem Löffel im Mund abzusetzen. 

Der Grad der Gleichstellung wird von Männern bestimmt

Arabische Frauen in den VAE haben in der Vergangenheit durchaus Fortschritte erlebt. In der Öffentlichkeit sind sie sichtbarer geworden. Sie partizipieren an der Bildung, machen Ausbildungen oder studieren. Viele kleinere Unternehmen werden von Frauen geführt. Es werden sogar Gleichstellungspreise in dem Land ausgelobt. Gut, die Welt machte sich Anfang des Jahres – nicht zu Unrecht – darüber lustig. Denn unter den Ausgezeichneten waren nur … Männer! 

Das wirkt naiv und unaufgeklärt, mit Einfältigkeit hat das aber nichts zu tun. Es verdeutlicht vielmehr die Anatomie der VAE. Sie werden die alten patriarchalischen Strukturen nah- und mittelöstlicher Gesellschaften trotz Dependancen berühmter Unis wie der Sorbonne, der New York oder Georgetown University, trotz Ablegern hochkultureller Giganten wie dem Musée du Louvre oder dem Guggenheim-Museum, trotz Opernhaus und riesiger, bald fertiggestellter Mohammed Bin Rashid-Bibliothek einfach nicht los. Beziehungsweise sie wollen sie nicht loswerden, denn sie glauben fest an den islamisch-fundamentalistischen Selbstbetrug, wonach man den technischen Fortschritt mit all seinen Annehmlichkeiten in vollen Zügen genießen, den sozialen Fortschritt jedoch fernhalten könne.

Und kommt die Wahrheit doch mal zum Vorschein und der soziale Fortschritt bricht sich Bahn, wird er sogleich mit harter Hand zurückgedrängt. So bleibt die emiratische Gesellschaft, wie die der anderen reichen Fürstentümer in der Region wie Katar oder Kuwait, von traditionellen männlichen Machtstrukturen dominiert. Und Mann denkt gar nicht daran, diese Privilegien zu teilen. Von diesem Standpunkt aus gesehen sind rein männliche Gleichstellungspreisträger nur stringent und folgerichtig: Macht geht immer vom Mann aus. Frau hat entweder nichts zu entscheiden oder sie wird von ihm gnädig in den Stand versetzt, etwas entscheiden zu dürfen. Für solche Großzügigkeit (Achtung: Ironie) gebühren dem Mann dann eben auch die Preise. 

Luxus wiegt mangelnde Freiheit nicht auf

Die Möglichkeit der Selbstermächtigung, des Selbst-Empowerment, bleibt Frau verwehrt, wenn Mann in Gestalt von Ehegatte, Vater, Onkel oder Bruder es nicht will. Moral kann man nur lernen, um mit Aristoteles zu sprechen. Viele Emiratis sind moderne Parvenüs, die sich mit ihrem neuen Geld zwar fast alles kaufen können, aber eben nicht die Moral des 21. Jahrhunderts. 

Das Königshaus ist davon nicht ausgenommen. Und so kommt es vor, dass märchenhafter Reichtum und höchste Annehmlichkeiten durch Diener, Chauffeure, Köche, Kammerzofen in manchen Fällen ein Leben im Käfig, unter der Knute eines nahezu allmächtigen Ehemanns und Vaters nicht aufwiegt. Wir kennen solche Geschichten aus der Literatur und dem Alltag von alten Adelsfamilien und traditionell Wohlhabenden. In den Emiraten jedoch, so will man die Menschen glauben machen, gibt es das nicht. Hier müssen alle glücklich und zufrieden mit ihrem "gerechten und guten" Herrscher sein. 

Nach innen haben die Ehefrauen und Kinder von Mohammed bin Raschid das zu tun, was der Patriarch sagt. Nach außen gibt sich Mohammed bin Raschid als Schöngeist vor seinen Millionen Followern in den sozialen Medien. Die mutmaßliche Flucht seiner Frau quittierte er offenbar, wie es sich für einen Araber gehört, mit einem moralinsauren Gedicht über Vertrauen und Verrat.

Damit verkörpert der Emir perfekt die Doppelmoral seines Landes: übertriebene Moderne hier, überkommene Traditionen mit antiquierten Geschlechterrollen dort. An all dem wird sich nichts ändern, wenn sich der Chef – der im Vergleich zu anderen autoritären Herrschern der Region vielleicht wirklich politisch milder und toleranter ist – mehrere Ehefrauen hält, so wie er sich ein Parkhaus voll mit Luxuskarossen und einen Stall voll mit edlen Pferden genehmigt. Ehefrauen werden zu Statussymbolen degradiert. 

Europa sollte nicht die Moralkeule schwingen

Die anscheinend jetzt geflohene Prinzessin ist keine Geringere als Haya bint al-Hussein, Tochter des verstorbenen Königs Hussein von Jordanien, und Halbschwester von König Abdullah von Jordanien. Diese Frau von offenkundig hohem gesellschaftlichen Stand flieht nicht etwa in das Land ihrer Eltern, sondern nach Europa. Das ist eine Schmach für die gesamte gehobene Gesellschaftsschicht in der arabischen Welt. Möglicherweise stimmt es den einen oder anderen dort nachdenklich, dass eine der berühmtesten Töchter es offenbar vorzieht, im Westen Schutz zu suchen. Vermutlich wird das nur ein frommer Wunsch bleiben. Im Erfinden von Ausreden, um von der eigenen Verantwortung abzulenken, sind zu viele Menschen in der arabischen Welt ganz groß. Selbstkritik ist für sie immer noch ein Mysterium. 
 

 
Aber bevor jetzt irgendjemand in Europa oder hierzulande Triumphgeheul anstößt, sollte man ebenso bedenken: Jegliche Hinweise auf aufklärerische Errungenschaften im Westen im Gegensatz zu hinterwäldlerischen Zuständen in der arabischen Welt sind insbesondere aus der Politik unangebracht, solange mit den Machthabern am Golf weiterhin fette Geschäfte gemacht werden. Der Vorwurf der Doppelmoral trifft auch Europa. Europas Zeigefinger in Sachen Menschen- und Frauenrecht geht nämlich nur dann allzu leicht hoch, wenn es die Wirtschaftsinteressen nicht stört. In zahlreichen Weltkonzernen stecken die Milliarden aus den VAE und den benachbarten Staaten – auch in den deutschen Unternehmen. Wer glaubwürdig agieren will, darf nicht nur reden.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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