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Lehrer berichten von Problemen: "Von einigen Sch├╝lern h├Âre ich gar nichts"

  • Hanna Klein
Von Charlotte Janus, Hanna Klein

Aktualisiert am 29.03.2020Lesedauer: 5 Min.
Geschlossene Schule
Wegen der Corona-Pandemie geschlossene Schule: Lehrer m├╝ssen sich nun ganz neue Lehrkonzepte ├╝berlegen. (Quelle: Waldm├╝ller/imago-images-bilder)
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Experten fordern seit Jahren, die Digitalisierung des Bildungssystems voranzutreiben. Nach den pl├Âtzlichen Schulschlie├čungen zeigt sich deutlich der immense Nachholbedarf. Vier Lehrer berichten aus ihrem neuen, digitalen Alltag.

Normalerweise klingelt bei Christina Mayer* jeden Morgen um 5.45 Uhr der Wecker, damit sie p├╝nktlich zum Unterrichtsbeginn um 8.00 Uhr vor ihren Sch├╝lern stehen kann. Christina Mayer ist Gymnasiallehrerin und Klassenlehrerin einer F├╝nften in Hamburg. Doch jetzt ist alles anders. Seit dem 16. M├Ąrz ist die Schule geschlossen: Wegen Corona. F├╝r Lehrer und Sch├╝ler ist Homeoffice angesagt. Der Unterricht findet online statt.

Die Umstellung auf digitalen Unterricht stellt Sch├╝ler vor neue Herausforderungen. Sie m├╝ssen sich ihren Tag selbst strukturieren und ihre Lerneinheiten einteilen: Selbstdisziplin ist gefragt. Einigen f├Ąllt das leichter als anderen. Einige werden dabei von ihren Eltern unterst├╝tzt, andere weniger oder gar nicht. Auch die Lehrer brauchen Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. "Gef├╝hlt kam das alles sehr ├╝berst├╝rzt", erz├Ąhlt Christina Mayer. Von den Schulschlie├čungen habe sie ├╝ber die Medien erfahren. Dann kam am Wochenende eine Mail vom Schulleiter und schon ab Montag war die Schule dicht.

Die Herausforderungen des ├ťbergangs variieren

Schnell mussten auf einer Lernplattform digitale Klassenr├Ąume eingerichtet werden. F├╝r viele Lehrer, die im Normalfall pers├Ânlich vor der Klasse stehen, Neuland. Bislang hatten sie die Plattform nur hin und wieder genutzt, um Hausaufgaben und Arbeitsbl├Ątter hochzuladen. Doch jetzt muss hier pl├Âtzlich der gesamte Unterricht stattfinden. "Auch wir Lehrer m├╝ssen das erstmal lernen." Die Ansage war: "Stellt da etwas rein und besch├Ąftigt die Sch├╝ler wie zu Schulzeiten."

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Ob eine solche Lernplattform vorhanden ist, h├Ąngt jedoch von der Schule ab. Justus Schneider* lehrt an einem beruflichen Gymnasium in S├╝dhessen, seine Sch├╝ler stehen kurz vor dem Abitur. "Bei uns gab es bereits eine rege Nutzung digitaler Angebote, deshalb funktioniert der ├ťbergang recht reibungslos." Doch nicht alle Inhalte k├Ânnten mittels Aufs├Ątze und Arbeitsbl├Ątter abgehandelt werden. Als Englischlehrer muss Schneider ├╝berlegen, wie er mit den Sch├╝lern weiter an deren Sprachkompetenz arbeiten kann. Eine Idee: "Vielleicht lasse ich sie einen Podcast oder ein Youtube-Video produzieren, in dem sie zu einem Thema Stellung nehmen m├╝ssen."

Wenn grundlegende Voraussetzungen fehlen

M├Âglichkeiten, die f├╝r Johannes Becker* derzeit unerreichbar scheinen d├╝rften. Becker unterrichtet an einer integrierten Gesamtschule in Hessen. Die Gegend gilt als sozialer Brennpunkt. Pro Jahrgang mit vier Klassen gibt es hier ein Smartboard, das Wlan ist unbest├Ąndig, die meisten USB-Anschl├╝sse im Computerraum funktionieren nicht. Der Unterricht findet jetzt komplett per E-Mail statt.

Schnell kamen erste praktische Probleme auf: Viele seiner 12- bis 13-j├Ąhrigen Sch├╝ler hatten keine E-Mail-Adresse, das Kommunikationsmedium ist ihnen fremd. "Nur, weil Menschen jung sind, haben sie noch keine Medienkompetenz", sagt Becker. "Ein Bild per WhatsApp verschicken ist f├╝r die Kinder kein Problem, aber einen Mail-Anhang kriegen sie nicht hin." Einige seiner Sch├╝ler stammen aus bildungsfernen Schichten oder die Eltern sprechen kaum Deutsch. Allein einen digitalen Kontakt zu allen von ihnen aufzubauen, hat einige Tage gedauert.

Selbstbestimmtes Lernen ist nicht immer m├Âglich

Seine Aufgaben schickt der Deutschlehrer nun per Mail an die Eltern, teilweise mit den Sch├╝lern in CC. "Ich wusste schon vorher, von wem ich die Aufgaben gewissenhaft erledigt zur├╝ckkriege", gibt Becker zu. Es seien die gleichen Kinder, die auch sonst gute Noten h├Ątten und bei denen die Eltern hinterher seien. Ein Drittel seiner Sch├╝ler gibt die Aufgaben nicht rechtzeitig ab. Die Gr├╝nde daf├╝r k├Ânnen vielf├Ąltig sein. "Ich kann nicht mal nachvollziehen, ob und wann die Eltern meine Nachrichten an ihre Kinder weitergeben", erkl├Ąrt Becker.

Noch deutlicher zeigt sich das Problem bei Nils Schmidt, Lehrer an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen. In den Klassen der Berufsfachschule holen Sch├╝ler ihren Hauptschulabschluss nach. Der Anteil an Fl├╝chtlingen und Migranten ist hoch. Schmidt kann mit ihnen nur per Mail oder mittels eines gemeinsam genutzten Dokuments in Kontakt treten. "Ich habe vielleicht von zwei oder drei Sch├╝lern ├╝berhaupt etwas geh├Ârt", sagt Schmidt. Sie werden in der derzeitigen Situation zur├╝ckfallen, weil ihnen die n├Âtige Unterst├╝tzung fehlt. "Wie gut die Umsetzung funktioniert, differiert sehr stark nach Bildungsabschl├╝ssen und nach Alter", res├╝miert Schmidt, dessen Frau Lehrerin an einem Gymnasium ist und dort positivere Erfahrungen macht.

Belastung auch f├╝r die Eltern

Auch j├╝ngere Sch├╝ler brauchen mehr Anleitung beim Lernen. Weil die Lehrer keinen direkten Kontakt zu den Kindern haben, m├╝ssen das nun die Eltern ├╝bernehmen. Einige M├╝tter und V├Ąter ├╝berfordere das, sagt Deutschlehrer Schmidt ÔÇô auch wegen der t├Ąglichen E-Mail-Flut, die sie jetzt von den Lehrern bek├Ąmen. Andere m├╝ssen nebenbei noch arbeiten, haben schlicht keine Zeit. Auch seien nicht immer ausreichend Computer f├╝r alle in den Familien vorhanden, berichtet etwa Christina Mayer.

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Hinzu kommt, dass Kinder nicht in der gleichen Weise auf ihre Eltern h├Âren, wie auf die Lehrer. Johannes Becker ist selbst Vater und wei├č: "Wenn ich meinem Kind sage, es muss jetzt Mathe machen, f├╝hrt das zu langen Diskussionen. Wenn es vom Lehrer kommt, wird es gemacht." Eigentlich sei es nicht die Aufgabe der Eltern, dass die Kinder etwas lernen. "Aber es ist eine au├čergew├Âhnliche Situation, die au├čergew├Âhnliche Ma├čnahmen erfordert." Immerhin berge der Heimunterricht auch eine Chance: Hier k├Ânnten sie Aufmerksamkeit bekommen, die sie in einer Klasse mit 29 anderen Sch├╝lern teilen m├╝ssen.

M├Âglicher Fortschritt f├╝r die Digitalisierung von Schule

Auch Christina Meyer sieht etwas Positives in den neuen Herausforderungen. Beim Thema Digitalisierung hinken Schulen oft noch hinterher. Nun beobachtet sie: "Viele Lehrer haben sich doch schnell digitalisiert. Auch solche, die sich bislang geweigert haben und das Thema kritisch sahen." Dadurch, dass die Lehrer nun gezwungen sind, sich mit den M├Âglichkeiten des Internets f├╝r ihren Unterricht auseinanderzusetzen, k├Ânnten neue F├Ąhigkeiten erlernt werden.

Sie als Lehrerin lerne jetzt viele neue Tools kennen, sei es f├╝r Videokonferenzen, zur Erstellung digitaler Lernposter oder um Tests online durchzuf├╝hren. Dadurch sei sie jetzt offener geworden, was den Einsatz neuer Techniken angeht. Das wolle sie in die Zeit nach der Corona-Krise mitnehmen. Und auch die Sch├╝ler k├Ânnten langfristig aus der Situation lernen. Durch das Kennenlernen neuer M├Âglichkeiten f├╝r Pr├Ąsentationen oder schlicht die F├Ąhigkeit, korrekte E-Mails zu schreiben. Dabei bleibt f├╝r Christina Meyer aber eines ganz klar: "Der reine Online-Unterricht kann immer nur eine Erg├Ąnzung dessen sein, was die Lehrer vor Ort in der Klasse leisten." Die Unmittelbarkeit des Pr├Ąsenzunterrichts ist wichtig, so sagt sie, um besonders auch lernschwachen Sch├╝lern die Aufmerksamkeit geben zu k├Ânnen, die sie ben├Âtigen.

Die Vermittlung von Medienkompetenz m├╝sse zudem ein fester Teil des Lehrplans werden, findet Johannes Becker. "Die Welt wird digitaler und das muss den Kindern in der Schule vermittelt werden." F├╝r Lehrer brauche es Fortbildungsm├Âglichkeiten, alle Schulen m├╝ssten entsprechend ausgestattet werden. Eine Laptop-Klasse bringe einer Klasse etwas, aber nicht dem Bildungssystem, sagt Becker. "Wir brauchen keine Schule der Zukunft, sondern Schulen der Gegenwart."

* Namen von der Redaktion ge├Ąndert

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