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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Mohammed-Karikaturen geh├Âren in den Unterricht

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 22.10.2020Lesedauer: 6 Min.
Sch├╝ler stehen vor der Schule, an der Samuel Paty unterrichtet hat: Der Geschichtslehrer wurde auf offener Stra├če enthauptet.
Sch├╝ler stehen vor der Schule, an der Samuel Paty unterrichtet hat: Der Geschichtslehrer wurde auf offener Stra├če enthauptet. (Quelle: Montage: t-online.de/AFP-bilder)
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Der islamistische Mord an einem franz├Âsischen Lehrer hat auch Diskussionen ├╝ber die Lage an deutschen Schulen ausgel├Âst. Lehrer m├╝ssen gefahrlos unterrichten k├Ânnen, aber auch ihre eigene Rolle kritisch hinterfragen.

Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland treffen mitunter auf Sch├╝ler wie Isa. Der Neuntkl├Ąssler mit dem arabischen Namen f├╝r Jesus versuchte, meinen Unterricht von Woche zu Woche zu nutzen, um mich und seine Mitsch├╝lerinnen und Mitsch├╝ler vom "wahren" Islam zu ├╝berzeugen.

Sein "wahrer" Islam sah zum Beispiel so aus, dass er zwar eine Gleichwertigkeit, aber keine Gleichberechtigung der Geschlechter anerkennen und Andersgl├Ąubige oder Atheisten als "Ungl├Ąubige" bezeichnen wollte. Musliminnen und Muslime mit anderen Auffassungen nannte er Heuchler.


Immer wieder verdeutlichte ich ihm, dass er ein fundamentalistisches Glaubensverst├Ąndnis vertritt und er meinen Unterricht nicht mit seinen Ansichten fluten k├Ânne. Auch Mitsch├╝lerinnen und Mitsch├╝ler baten ihn, mit seiner Provokation aufzuh├Âren ÔÇô zumal er sich doch selbst nicht an "die Regeln" halten w├╝rde.

Diskutieren geh├Ârt in der Schule dazu

Isa lie├č sich nicht abbringen, am Ende musste ich die Schulleitung einschalten. Kurz darauf sa├čen wir beim Schulleiter. Dieser bat ihn darum zu erkl├Ąren, warum er nach mehreren Unterrichtsstunden mit Auseinandersetzungen weiterhin st├Âre? Er antwortete trocken: "Nach Artikel 5 des Grundgesetzes hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu ├Ąu├čern. Genau das hat uns Frau Kaddor im Unterricht beigebracht. Was ist das Problem?"

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Erster Angriff mit neuer Waffe hat drastische Folgen


Lehrerinnen und Lehrer werden st├Ąrker hinterfragt als fr├╝her. Das zeigt diese Anekdote. Manche Sch├╝ler nehmen ihre Aussagen nicht mehr einfach ex cathedra hin, sondern wollen sie kritisch "├╝berpr├╝fen". Junge Menschen informieren sich durch unterschiedliche Medien und Kan├Ąle, um dann darauf zu dr├Ąngen, ihr "Wissen" einzubringen. Ich empfinde das als gewinnbringend. Diskutieren geh├Ârt zur Schule der Zukunft dazu. Die Zeit des reinen Frontalunterrichts und der Lehrermonologe ist vor├╝ber; das mag im Religionsunterricht besser funktionieren als in Mathe, gilt aber ganz allgemein.

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Als Lehrerin treffe ich heutzutage nicht nur auf Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler, die islamistische Positionen beziehen, sondern auch auf Corona-Leugner, Klimawandel-Skeptiker, Rechtsradikale, Linksextremisten, sonstige religi├Âse Fundamentalisten etc. Um mit ihnen zu arbeiten, ist eine solide demokratische Grundhaltung und die Bereitschaft n├Âtig, sich selbst anzweifeln zu lassen, gerade bei politisch anspruchsvollen Themen wie Islamismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, US-Au├čenpolitik, Fl├╝chtlings-, Euro-, Corona-Krise etc., die allesamt ├Âffentlich umstritten sind, mit Fakenews gen├Ąhrt werden, und Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler umtreiben.

F├╝r Probleme sind nicht nur Sch├╝ler und Eltern verantwortlich

Das Bild von Lehrerinnen und Lehrern ist im Wandel begriffen. Da zeugt es nicht von Weitblick, wenn die Probleme in Schulen allein den Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern oder deren Eltern zugeschoben werden. Das gilt leider auch f├╝r den ehemaligen Kollegen und Pr├Ąsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der bekannt ist f├╝r seine ├Âffentlichkeitswirksamen Aussagen. Er vertritt ein veraltetes Lehrerbild, wenn er mit dem Finger nur auf die anderen zeigt und den eigenen Berufsstand, also uns Lehrer, au├čen vor l├Ąsst. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus: Wer als Lehrer mit Vorurteilen vor eine Klasse tritt, ist Teil des Problems.

Ich unterrichte seit fast 15 Jahren extrem heterogene Gruppen meist im Fach Islamische Religion, aber auch dar├╝ber hinaus. Ein Gro├čteil dieser Arbeit fiel in die Hochphase der salafistischen Bedrohung und fand an Brennpunktschulen in einer der damaligen Hochburgen des gewaltbereiten Islamismus in Deutschland statt: Dinslaken.

Ich habe einen t├Ątlichen Angriff erleben m├╝ssen, es wurde mit einem Etui nach mir geworfen, zwei- oder dreimal mit Stiften. Ich musste mich um scharfe Waffen k├╝mmern, die Sch├╝ler mitf├╝hrten. Einige m├Ąnnliche Sch├╝ler wie Isa fanden es falsch, dass ich Religion ohne Kopftuch unterrichte und machten das mir gegen├╝ber deutlich.

Situation ist nicht vergleichbar mit der in Frankreich

In meinem Berufsleben habe ich folglich ├╝berwiegend mit jenen Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern zu tun, von denen nach dem bestialischen Anschlag in Conflans-Sainte-Honorine nahe Paris, bei dem ein 18-j├Ąhriger Islamist einen Kollegen, den Geschichtslehrer Samuel Paty, auf offener Stra├če enthauptete, jetzt wieder vermehrt als Problemf├Ąlle die Rede ist. Viele Horrorgeschichten, die manche ├╝ber den deutschen Schulalltag berichten, kann ich in ihrer angeblichen Breite so einfach nicht best├Ątigen.

Dennoch versuchen dieser Tage leider wieder einige Menschen hierzulande voreilig etwaige Schl├╝sse aus dem f├╝rchterlichen Schicksal Samuel Patys f├╝r Deutschland zu ziehen. Die Situation hier ist jedoch nicht mit der in Frankreich zu vergleichen. Zudem wird hier mal wieder ein einzelner Fall genommen, um auf das Grunds├Ątzliche zu schlie├čen. Eine solche Induktionslogik ist aber weder zwingend noch angesichts ihrer Verallgemeinerung gefeit vor einem Zirkelschluss.

Hilfreich f├╝r einen effektiven Kampf gegen Islamismus ist das somit nicht, denn um ihn zu gewinnen, braucht man die Mitarbeit marginalisierter Bev├Âlkerungsteile. Diese werden allerdings verprellt, wenn manche im Schatten der schockierenden Tat von Paris nun fordern: Jeder sollte eine Mohammed-Karikatur in den Sozialen Medien posten. Das kann man fordern, es bringt uns in der Sache aber nicht weiter, denn es ist pure Effekthascherei.

Zeigen von Mohammed-Karikaturen muss vorbereitet werden

Ich selbst w├╝rde diese Mohammed-Karikaturen jederzeit in meinem Unterricht zeigen. Als zeithistorisches Ereignis geh├Âren sie dorthin. Und ja, ich habe sie bereits direkt nach ihrem ersten Erscheinen genutzt, um daran das Thema Meinungsfreiheit zu behandeln. Dazu geh├Ârt, sowohl das Positive als auch das Negative dieser Zeichnungen herauszuarbeiten.

Daf├╝r ist jedoch ein erh├Âhter p├Ądagogischer und didaktischer Aufwand erforderlich. Das Zeigen von Mohammed-Karikaturen muss vorbereitet und nachgearbeitet werden, es kann nicht um des Zeigen willens erfolgen. Wenn das geschieht, liegen dem meist sachfremde Motive zugrunde.

Zudem braucht man als Lehrer Fingerspitzengef├╝hl, muss bereit sein, sich etwaigem Widerspruch zu stellen, und eine gewisse Sensibilit├Ąt aufbringen. Denn manche Freiheiten in einem freiheitlichen Land k├Ânnen die Gef├╝hle von Menschen verletzen. Es ist ├Ąhnlich, als w├╝rde man vor einer ├╝berwiegend j├╝dischen Klasse die antisemitischen Karikaturen der "S├╝ddeutschen Zeitung" nehmen, um daran die Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Oder vor einer Klasse mit vielen gl├Ąubigen Christen Martin Kippenbergers Skulptur "Zuerst die F├╝├če", die einen gekreuzigten gr├╝nen oder blauen Frosch mit Ei und Bierkrug in der Hand zeigt.

Razzien gegen radikale Vereine in Frankreich sind ├╝berf├Ąllig

Grunds├Ątzlich aber muss so etwas in der Bildungsarbeit mit dem Ziel, Menschen zu m├╝ndigen und vern├╝nftigen B├╝rgerinnen und B├╝rgern zu erziehen, m├Âglich sein ÔÇô und zwar v├Âllig gefahrlos. P├Ądagoginnen und P├Ądagogen d├╝rfen sich da nicht zur├╝ckziehen ÔÇô weder aus Bequemlichkeit noch aus Angst. Schulleitungen, Gesellschaft und der Staat m├╝ssen ihnen daher den R├╝cken st├Ąrken und Extremisten oder Fundamentalisten die Grenzen aufzeigen.

Demonstration in Paris: Ein Mann h├Ąlt ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin Samuel" als Zeichen der Solidarit├Ąt mit dem get├Âteten Lehrer Samuel Paty.
Demonstration in Paris: Ein Mann h├Ąlt ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin Samuel" als Zeichen der Solidarit├Ąt mit dem get├Âteten Lehrer Samuel Paty. (Quelle: Hans Lucas/imago-images-bilder)
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Frankreich hat in dieser Beziehung mehr zu tun als Deutschland. Die Razzien, die derzeit gegen die islamistische Szene laufen, sind ├╝berf├Ąllig. Das Verbot von Gruppierungen wie dem "Collectif Sheikh Yassine" und die Aufl├Âsung anderer radikaler Vereine h├Ątte schon fr├╝her erfolgen sollen. Sie sind der geistige N├Ąhrboden der islamistischen Gewaltbereitschaft, unter der Frankreich schon so lange leidet.

Der Vater einer Sch├╝lerin, der gegen Samuel Paty im Internet gehetzt hat, ist festgenommen worden. Er, und all jene, die mit ihm den Hass verbreitet haben, tragen eine Mitschuld an dem Mord. Man kann nur hoffen, dass sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Macron hat richtigen Pfad vorgegeben

Die Musliminnen und Muslime in Frankreich kann man nur aufrufen, solchen Leuten, wo es nur geht, Widerspruch entgegenzubringen. Es ist immer richtig und notwendig, auch aus der Community heraus ein Statement gegen Gewalt zu setzen. Schulterzucken reicht nicht.

Pr├Ąsident Emmanuel Macron hat den richtigen Pfad vorgegeben, als er vor drei Wochen sein Gesetz gegen islamistischen Separatismus ank├╝ndigte. In seiner Rede achtete er penibel darauf, nicht den Islamfeinden in die H├Ąnde zu spielen und gedankenlos antimuslimische Vorurteile zu bef├Ârdern.

Frankreich wird aufpassen m├╝ssen, diesen Pfad nicht zu verlassen. Nur wenige Stunden nach dem Mord an Samuel Paty wurden zwei muslimische Frauen algerischer Herkunft unter dem Eiffelturm als "dreckige Araber" beschimpft und niedergestochen. Der Kreislauf des Hasses ÔÇô er darf nicht zustande kommen.

Lamya Kaddor ist Deutsche mit syrischen Wurzeln. In ihrer Kolumne "Zwischent├Âne" analysiert die Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionsp├Ądagogin und Publizistin f├╝r t-online die Themen Islam und Migration.

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