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Mord bei Paris: "Mohammed-Karikaturen gehören in den Unterricht" – Kolumne

MEINUNGDer Mord an Samuel Paty  

Mohammed-Karikaturen gehören in den Unterricht

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

22.10.2020, 15:59 Uhr
Mord bei Paris: "Mohammed-Karikaturen gehören in den Unterricht" – Kolumne. Schüler stehen vor der Schule, an der Samuel Paty unterrichtet hat: Der Geschichtslehrer wurde auf offener Straße enthauptet. (Quelle: AFP/Montage: t-online.de)

Schüler stehen vor der Schule, an der Samuel Paty unterrichtet hat: Der Geschichtslehrer wurde auf offener Straße enthauptet. (Quelle: Montage: t-online.de/AFP)

Der islamistische Mord an einem französischen Lehrer hat auch Diskussionen über die Lage an deutschen Schulen ausgelöst. Lehrer müssen gefahrlos unterrichten können, aber auch ihre eigene Rolle kritisch hinterfragen.    

Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland treffen mitunter auf Schüler wie Isa. Der Neuntklässler mit dem arabischen Namen für Jesus versuchte, meinen Unterricht von Woche zu Woche zu nutzen, um mich und seine Mitschülerinnen und Mitschüler vom "wahren" Islam zu überzeugen.

Sein "wahrer" Islam sah zum Beispiel so aus, dass er zwar eine Gleichwertigkeit, aber keine Gleichberechtigung der Geschlechter anerkennen und Andersgläubige oder Atheisten als "Ungläubige" bezeichnen wollte. Musliminnen und Muslime mit anderen Auffassungen nannte er Heuchler.
 

 
Immer wieder verdeutlichte ich ihm, dass er ein fundamentalistisches Glaubensverständnis vertritt und er meinen Unterricht nicht mit seinen Ansichten fluten könne. Auch Mitschülerinnen und Mitschüler baten ihn, mit seiner Provokation aufzuhören – zumal er sich doch selbst nicht an "die Regeln" halten würde. 

Diskutieren gehört in der Schule dazu

Isa ließ sich nicht abbringen, am Ende musste ich die Schulleitung einschalten. Kurz darauf saßen wir beim Schulleiter. Dieser bat ihn darum zu erklären, warum er nach mehreren Unterrichtsstunden mit Auseinandersetzungen weiterhin störe? Er antwortete trocken: "Nach Artikel 5 des Grundgesetzes hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Genau das hat uns Frau Kaddor im Unterricht beigebracht. Was ist das Problem?"

Lehrerinnen und Lehrer werden stärker hinterfragt als früher. Das zeigt diese Anekdote. Manche Schüler nehmen ihre Aussagen nicht mehr einfach ex cathedra hin, sondern wollen sie kritisch "überprüfen". Junge Menschen informieren sich durch unterschiedliche Medien und Kanäle, um dann darauf zu drängen, ihr "Wissen" einzubringen. Ich empfinde das als gewinnbringend. Diskutieren gehört zur Schule der Zukunft dazu. Die Zeit des reinen Frontalunterrichts und der Lehrermonologe ist vorüber; das mag im Religionsunterricht besser funktionieren als in Mathe, gilt aber ganz allgemein. 

Als Lehrerin treffe ich heutzutage nicht nur auf Schülerinnen und Schüler, die islamistische Positionen beziehen, sondern auch auf Corona-Leugner, Klimawandel-Skeptiker, Rechtsradikale, Linksextremisten, sonstige religiöse Fundamentalisten etc. Um mit ihnen zu arbeiten, ist eine solide demokratische Grundhaltung und die Bereitschaft nötig, sich selbst anzweifeln zu lassen, gerade bei politisch anspruchsvollen Themen wie Islamismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, US-Außenpolitik, Flüchtlings-, Euro-, Corona-Krise etc., die allesamt öffentlich umstritten sind, mit Fakenews genährt werden, und Schülerinnen und Schüler umtreiben. 

Für Probleme sind nicht nur Schüler und Eltern verantwortlich

Das Bild von Lehrerinnen und Lehrern ist im Wandel begriffen. Da zeugt es nicht von Weitblick, wenn die Probleme in Schulen allein den Schülerinnen und Schülern oder deren Eltern zugeschoben werden. Das gilt leider auch für den ehemaligen Kollegen und Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der bekannt ist für seine öffentlichkeitswirksamen Aussagen. Er vertritt ein veraltetes Lehrerbild, wenn er mit dem Finger nur auf die anderen zeigt und den eigenen Berufsstand, also uns Lehrer, außen vor lässt. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus: Wer als Lehrer mit Vorurteilen vor eine Klasse tritt, ist Teil des Problems.   

Ich unterrichte seit fast 15 Jahren extrem heterogene Gruppen meist im Fach Islamische Religion, aber auch darüber hinaus. Ein Großteil dieser Arbeit fiel in die Hochphase der salafistischen Bedrohung und fand an Brennpunktschulen in einer der damaligen Hochburgen des gewaltbereiten Islamismus in Deutschland statt: Dinslaken.

Ich habe einen tätlichen Angriff erleben müssen, es wurde mit einem Etui nach mir geworfen, zwei- oder dreimal mit Stiften. Ich musste mich um scharfe Waffen kümmern, die Schüler mitführten. Einige männliche Schüler wie Isa fanden es falsch, dass ich Religion ohne Kopftuch unterrichte und machten das mir gegenüber deutlich. 

Situation ist nicht vergleichbar mit der in Frankreich

In meinem Berufsleben habe ich folglich überwiegend mit jenen Schülerinnen und Schülern zu tun, von denen nach dem bestialischen Anschlag in Conflans-Sainte-Honorine nahe Paris, bei dem ein 18-jähriger Islamist einen Kollegen, den Geschichtslehrer Samuel Paty, auf offener Straße enthauptete, jetzt wieder vermehrt als Problemfälle die Rede ist. Viele Horrorgeschichten, die manche über den deutschen Schulalltag berichten, kann ich in ihrer angeblichen Breite so einfach nicht bestätigen. 

Dennoch versuchen dieser Tage leider wieder einige Menschen hierzulande voreilig etwaige Schlüsse aus dem fürchterlichen Schicksal Samuel Patys für Deutschland zu ziehen. Die Situation hier ist jedoch nicht mit der in Frankreich zu vergleichen. Zudem wird hier mal wieder ein einzelner Fall genommen, um auf das Grundsätzliche zu schließen. Eine solche Induktionslogik ist aber weder zwingend noch angesichts ihrer Verallgemeinerung gefeit vor einem Zirkelschluss.

Hilfreich für einen effektiven Kampf gegen Islamismus ist das somit nicht, denn um ihn zu gewinnen, braucht man die Mitarbeit marginalisierter Bevölkerungsteile. Diese werden allerdings verprellt, wenn manche im Schatten der schockierenden Tat von Paris nun fordern: Jeder sollte eine Mohammed-Karikatur in den Sozialen Medien posten. Das kann man fordern, es bringt uns in der Sache aber nicht weiter, denn es ist pure Effekthascherei.

Zeigen von Mohammed-Karikaturen muss vorbereitet werden

Ich selbst würde diese Mohammed-Karikaturen jederzeit in meinem Unterricht zeigen. Als zeithistorisches Ereignis gehören sie dorthin. Und ja, ich habe sie bereits direkt nach ihrem ersten Erscheinen genutzt, um daran das Thema Meinungsfreiheit zu behandeln. Dazu gehört, sowohl das Positive als auch das Negative dieser Zeichnungen herauszuarbeiten.

Dafür ist jedoch ein erhöhter pädagogischer und didaktischer Aufwand erforderlich. Das Zeigen von Mohammed-Karikaturen muss vorbereitet und nachgearbeitet werden, es kann nicht um des Zeigen willens erfolgen. Wenn das geschieht, liegen dem meist sachfremde Motive zugrunde.

Zudem braucht man als Lehrer Fingerspitzengefühl, muss bereit sein, sich etwaigem Widerspruch zu stellen, und eine gewisse Sensibilität aufbringen. Denn manche Freiheiten in einem freiheitlichen Land können die Gefühle von Menschen verletzen. Es ist ähnlich, als würde man vor einer überwiegend jüdischen Klasse die antisemitischen Karikaturen der "Süddeutschen Zeitung" nehmen, um daran die Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Oder vor einer Klasse mit vielen gläubigen Christen Martin Kippenbergers Skulptur "Zuerst die Füße", die einen gekreuzigten grünen oder blauen Frosch mit Ei und Bierkrug in der Hand zeigt.

Razzien gegen radikale Vereine in Frankreich sind überfällig

Grundsätzlich aber muss so etwas in der Bildungsarbeit mit dem Ziel, Menschen zu mündigen und vernünftigen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, möglich sein – und zwar völlig gefahrlos. Pädagoginnen und Pädagogen dürfen sich da nicht zurückziehen – weder aus Bequemlichkeit noch aus Angst. Schulleitungen, Gesellschaft und der Staat müssen ihnen daher den Rücken stärken und Extremisten oder Fundamentalisten die Grenzen aufzeigen.

Demonstration in Paris: Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin Samuel" als Zeichen der Solidarität mit dem getöteten Lehrer Samuel Paty.  (Quelle: imago images/Hans Lucas)Demonstration in Paris: Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin Samuel" als Zeichen der Solidarität mit dem getöteten Lehrer Samuel Paty. (Quelle: Hans Lucas/imago images)

Frankreich hat in dieser Beziehung mehr zu tun als Deutschland. Die Razzien, die derzeit gegen die islamistische Szene laufen, sind überfällig. Das Verbot von Gruppierungen wie dem "Collectif Sheikh Yassine" und die Auflösung anderer radikaler Vereine hätte schon früher erfolgen sollen. Sie sind der geistige Nährboden der islamistischen Gewaltbereitschaft, unter der Frankreich schon so lange leidet.

Der Vater einer Schülerin, der gegen Samuel Paty im Internet gehetzt hat, ist festgenommen worden. Er, und all jene, die mit ihm den Hass verbreitet haben, tragen eine Mitschuld an dem Mord. Man kann nur hoffen, dass sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden. 

Macron hat richtigen Pfad vorgegeben

Die Musliminnen und Muslime in Frankreich kann man nur aufrufen, solchen Leuten, wo es nur geht, Widerspruch entgegenzubringen. Es ist immer richtig und notwendig, auch aus der Community heraus ein Statement gegen Gewalt zu setzen. Schulterzucken reicht nicht. 

Präsident Emmanuel Macron hat den richtigen Pfad vorgegeben, als er vor drei Wochen sein Gesetz gegen islamistischen Separatismus ankündigte. In seiner Rede achtete er penibel darauf, nicht den Islamfeinden in die Hände zu spielen und gedankenlos antimuslimische Vorurteile zu befördern.

Frankreich wird aufpassen müssen, diesen Pfad nicht zu verlassen. Nur wenige Stunden nach dem Mord an Samuel Paty wurden zwei muslimische Frauen algerischer Herkunft unter dem Eiffelturm als "dreckige Araber" beschimpft und niedergestochen. Der Kreislauf des Hasses – er darf nicht zustande kommen. 

Lamya Kaddor ist Deutsche mit syrischen Wurzeln. In ihrer Kolumne "Zwischentöne" analysiert die Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionspädagogin und Publizistin für t-online die Themen Islam und Migration.

Verwendete Quellen:

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