Sie sind hier: Home > Panorama >

Gedenken zum 10. Jahrestag - Winnenden: "Zeit heilt Wunden - das stimmt hier nicht"

15 Menschen erschossen  

Winnenden: "Zeit heilt Wunden - das stimmt hier nicht"

11.03.2019, 16:58 Uhr | dpa

Gedenken zum 10. Jahrestag - Winnenden: "Zeit heilt Wunden - das stimmt hier nicht". Datum und Uhrzeit des Amoklaufs von Winnenden stehen im Gedenkraum der Albertville-Realschule an einer Wand.

Datum und Uhrzeit des Amoklaufs von Winnenden stehen im Gedenkraum der Albertville-Realschule an einer Wand. Foto: Marijan Murat. (Quelle: dpa)

Winnenden (dpa) - Als um 9.33 Uhr die Kirchenglocken in Winnenden ertönen, hüllt sich der Platz an der Gedenkstätte in Schweigen. Hunderte Menschen stehen dort - jeder ist nun mit seinen Gedanken, mit seinen Erinnerungen für sich.

"Kaum einer in Winnenden ist nicht betroffen", sagt Christina Riedl. Ihr Vater war Lehrer an der Albertville-Realschule, an der ein ehemaliger Schüler am 11. März 2009 das Feuer eröffnete.

Der Vater überlebte den Amoklauf, acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen werden ermordet. Der 17 Jahre alte Amokläufer tötet auf seiner Flucht nach Wendlingen drei weitere Menschen und schließlich sich selbst. "Jeder hier weiß, was er an dem Tag gemacht hat. Der Tag hat sich eingebrannt", sagt Riedl.

Zum zehnten Jahrestag kommen rund 350 Menschen: Angehörige, ehemalige Schüler, Einwohner. Innenminister Thomas Strobl und Kultusministerin Susanne Eisenmann (beide CDU) sind angereist, Kamerateams und Fotografen haben sich postiert.

An den Medienauflauf zu den Gedenktagen scheinen die Trauernden gewöhnt zu sein - doch im Umgang mit dem Schock, der damals in die Kleinstadt im Rems-Murr-Kreis fuhr, will sich keine Routine einstellen. "Es ist so bitter für uns. Das fällt auch nicht leichter mit jedem Jahr", sagt eine Frau, deren Arbeitskollege beim Amoklauf seinen Sohn verlor.

Von der Realschule bilden heutige Schüler eine Menschenkette hin zum nahe gelegenen Stadtpark, wo ein Mahnmal an die Ermordeten erinnert. Ihre Namen sind innen in dem tonnenschweren "Gebrochenen Ring" zu lesen - die meisten waren 15 oder 16 Jahre alt.

"Jedes Mal, wenn man hier vorbeifährt, denkt man daran", sagt die 18 Jahre alte Jil Weber. Sie ging noch zur Grundschule, als sich die Bluttat ereignete. Die junge Frau erinnert sich: Die Rollos seien auf einmal runtergegangen. Später hätten Eltern oder Großeltern die Schüler abgeholt. "Jetzt realisiert man viel mehr als früher, was damals eigentlich geschah."

Gemeinsam mit anderen Frauen liest Jil Weber zehn Jahre später die Namen der Ermordeten vor. Es ist - neben dem Läuten der Kirchenglocken zum Zeitpunkt des ersten Notrufs oder den 15 weißen Rosen am Mahnmal - eines der Rituale, mit denen man in Winnenden versucht, das Unfassbare zu greifen.

"Das Verlesen der Namen ist jedes Mal ein Stich ins Herz. Wenn man den Namen seines Angehörigen hört, wird aber jedes Mal ein Stück klarer, dass das so passiert ist - das hilft beim Schritt zur Akzeptanz", sagt der Psychologe Georg Pieper. Er gilt als einer der erfahrensten Trauma-Experten in Deutschland. Gedenktage sind seiner Ansicht nach extrem wichtig. "Es gibt viele Betroffene, die sagen, ich brauche so was nicht, ich denke eh jeden Tag daran. Das ist richtig, aber im Alltag ist das häufig so nicht möglich."

Vor allem zehn Jahre danach, wenn manch ein Bekannter oder Kollege denke: Da sei doch jetzt Gras drüber gewachsen. Pieper hat Opfer und Angehörige nach dem Amoklauf von Erfurt 2002, nach der ICE-Katastrophe von Eschede 1998 und nach dem Grubenunglück von Borken 1988 betreut. Für die meisten Angehörigen und Direktbeteiligten fühlten sich zehn Jahre wie eine kurze Zeit an: "Das Trauern, das Verarbeiten, für viele ist das ein lebenslanger Prozess", sagt der Psychologe.

"Zeit heilt alle Wunden - das stimmt hier nicht", sagt Andreas Söltzer. Seine Kinder, damals neun und elf Jahre alt, besuchten nicht die Albertville-Realschule, aber ein Gedanke habe sich damals breit gemacht: "Es hätte unser Kind treffen können", so Söltzer. "Man kann nicht rückgängig machen, was passiert ist. Aber man kann etwas dafür tun, dass das nie mehr passiert."

Das macht er im Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden, das kurz nach der Tat von Angehörigen ins Leben gerufen wurde. Das Bündnis, aus dem die Stiftung gegen Gewalt an Schulen hervorging, setzte sich erfolgreich für Kontrollen zur Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten ein, engagiert sich für mehr Sicherheit an Schulen, gegen Gewalt und Mobbing.

Winnendens Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth (CDU) betont in seiner Rede am Montag, man sei nicht allein mit Trauer und Leid. "Wir fühlen deswegen heute mit allen Menschen, in jedem Land in der ganzen Welt, die von einem Amoklauf, von Terror oder gar Krieg betroffen sind." Er wünschte allen "die notwendige Achtsamkeit, um auch in Zukunft gut miteinander leben zu können."

Anmerkung der Redaktion: Diese Nachricht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist Teil eines automatisierten Angebots, das auf unserer Webseite ausgespielt wird. Weder der Inhalt noch die Rechtschreibung wurden durch die t-online.de-Redaktion geprüft. Die dpa arbeitet aber streng nach journalistischen Standards. Sollten Sie dennoch Fehler entdecken, freuen wir uns über eine Rückmeldung. Herzlichen Dank!

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Bauknecht Kühl-/ Gefrierkom- bis: „wenn du cool bleibst“
gefunden auf otto.de
Gerry Weberbonprix.deOTTOCECILHappy SizeLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • giga.de
  • desired.de
  • kino.de
  • Statista
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Magenta TV
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Magenta Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe