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#Bleibzuhause: Eifel-Dorf Kaifenheim dämmt Coronavirus erfolreich ein

Vorbild aus der Eifel  

Ein Dorf dämmt das Coronavirus ein

27.03.2020, 10:57 Uhr
Coronavirus: So verteilen sich die positiv Getesteten auf deutsche Landkreise

Täglich gibt es in Deutschland neue Coronavirus-Fälle. Eine Karte zeigt, wie sich die Infektionen auf die einzelnen Landkreise verteilen. (Quelle: t-online.de)

Zeitraffer-Animation: So breitet sich das Coronavirus in den Landkreisen aus. (Quelle: t-online.de)


Zwölf Coronafälle unter 850 Einwohnern – die Menschen in Kaifenheim in der Eifel waren alarmiert, viele mussten in Quarantäne. Der kleine Ort ist ein Beispiel dafür, dass der Kampf gegen das Virus funktionieren kann.

Der Vorstand der "Trink Sport Gruppe e.V." war bereit, und er ist es weiter: Wenn jemand Besorgungen zu machen hat und nicht selbst aus dem Haus kann, übernimmt die TSG. So wurde es beschlossen, als klar war, dass das Coronavirus angekommen ist im Örtchen Kaifenheim zwischen Mosel und Eifel.

Bei der TSG wussten sie da noch nicht, dass es zwölf positive Fälle unter den 850 Einwohnern gibt und noch mehr Kontaktpersonen im Ort in Quarantäne müssen. Die Hilfsbereitschaft könnte nicht die einzige Erfolgsgeschichte sein.

Ortsbürgermeister Gerhard Mieden ist selbst in Quarantäne, aber er hat Grund zur Hoffnung. Der Reporter von t-online.de solle keine Jubel-Schlagzeile schreiben, "dass Kaifenheim ab morgen coronafrei ist", sagt er. Aber der Ort ist ein Beispiel, dass Eindämmung funktionieren kann. "Die Infektionskette ist hier hoffentlich unterbrochen."

"Ich dachte sofort, es kann einer aus dem Ort sein"

Der Ortsbürgermeister saß am 12. März abends in einer Besprechung mit Kollegen der 25 Gemeinden des Verbands Kaisersesch, als die Nachricht der Lokalzeitung aufs Handy kam. Es hieß, positiv getestet sei ein 54-Jähriger aus dem Raum Kaisersesch, der mit einer Reisegruppe aus Ischgl zurückgekehrt ist. 

"Ich habe sofort gedacht, es könnte einer aus unserem Ort sein", erinnert sich Mieden. Aus Kaifenheim sind fünf Männer im Alter zwischen 50 und 60 in Ischgl gewesen, wo sich so viele Urlauber angesteckt haben. Tags darauf hatte der Bürgermeister aus einer WhatsApp-Gruppe die Bestätigung. "Da wusste ich, da kommt was auf uns zu."

Die Ereignisse überschlugen sich ohnehin.Die Nachrichtenagentur dpa schickte an dem Tag rekordverdächtige 31 Eilmeldungen. Die von 14.02 Uhr betraf Gerhard Mieden direkt: Rheinland-Pfalz schließt die Schulen und Kitas. Sein erster Gedanke: Muss eine Notbetreuung in der Kindertagesstätte St. Nikolaus Kaifenheim organisiert werden?

Kaifenheims Ortsdurchfahrt: Mit einer Fülle von Infizierten und Kontaktpersonen in Quarantäne wurde es sehr ruhig im Eifelort.  (Quelle: Kevin Rühle/RZ)Kaifenheims Ortsdurchfahrt: Mit einer Fülle von Infizierten und Kontaktpersonen in Quarantäne wurde es sehr ruhig im Eifelort. (Quelle: Kevin Rühle/RZ)

Als die Abstimmung dazu mit den Eltern noch lief, gab es per WhatsApp neue Nachrichten von den Ischgl-Rückkehrern. Auch ein Gemeinderatsmitglied, das am Dienstag mit Mieden und sieben weiteren Ratskollegen zusammengesessen hatte, galt jetzt als Corona-Verdachtsfall. Die Bestätigung vom Gesundheitsamt kam am Sonntag, dem 15. März. Der Ortsbürgermeister war jetzt selbst offiziell ein Fall für die Quarantäne. "Den Spielplatz habe ich dann schon nicht mehr selbst abgesperrt, sondern jemanden gebeten."

Neue Handy-Nummer für Hilfsangebot aktiviert

Die Menschen im Ort reagierten auf die ersten bestätigten Infektionen mit großer Hilfsbereitschaft. Die Vorstandsmitglieder der "Trink Sport Gruppe" beispielsweise beschlossen schnell, dass sie helfen wollen. Sonst organisiert die TSG eines der größten Junggesellenfeste der Region. "Trink Sport Gruppe" haben sie sich genannt, weil sie "Junggesellenverein" ideenlos fanden. Schriftführer Jan Wilhelmi (19) zu t-online.de: "Jeder wusste, dass Kaifenheimer in Ischgl waren, also haben wir gedacht, wir tun was. Wir schaffen eine Anlaufstelle." Direkt nach der Vorstandsitzung am Sonntagmittag um kurz nach 12 Uhr postete Wilhelmi das Angebot auf Facebook. Er aktivierte sogar eine eigene neue Prepaid-Nummer dafür.

Abgesprochen war das nicht, aber das muss es auch nicht, sagt Ortsbürgermeister Mieden. Der Freiwilligen Feuerwehr, in der auch etliche der TSG-Mitglieder aktiv sind, blieb dann nicht viel mehr, als den Hilfsaufruf zu teilen – und anschließend auch ein Video der Feuerwehr im Nachbarort zu verbreiten. Es ist ein Aufruf von Kindern, daheim zu bleiben. "Wir wollen, dass unsere Omas, Opas, Mamas, Papas und alle kranken Menschen geschützt werden", beginnt die rührende Aufnahme. In den Orten rundum hat sie fast jeder gesehen.

Die Verbandsgemeindeverwaltung klärte mit Supermärkten in Nachbarorten ab, dass Helfer von der TSG kommen könnten und beim Einkauf für andere auch mehr als handelsübliche Mengen holen dürfen. Viel genutzt wurde das Angebot nicht, das Handy hat nur einmal geklingelt. Doch das 100 Mal geteilte Facebook-Posting dürfte einige zu Hilfe animiert haben. "Das macht hier jeder für den Nachbarn mit", sagt der Ortsbürgermeister. "Besser zu viele als zu wenige Angebote", sagt Wilhelmi. 

Am Montag, 16. März, stand fest, dass sich die Ischgl-Fahrer allesamt angesteckt hatten, dazu ihre Frauen auch und weitere Familienmitglieder: Zwölf positive Testergebnisse aus Kaifenheim. Hochgerechnet auf 100.000 Einwohner wären das 1406 Infektionen, drei Mal so viele wie heute im am schlimmsten betroffenen Landkreis Heinsberg (NRW) – wenn so eine Hochrechnung bei einem kleinen Ort Sinn ergibt.

Solidarität: Blumenladen machte gute Geschäfte

Die zwölf Fälle machten zu dem Zeitpunkt die Hälfte aller Infektionen im gesamten Kreis Cochem-Zell aus. Wie viele Menschen in den 300 Häusern des Ortes in Quarantäne geschickt wurden, weiß der Ortsbürgermeister nicht, und das Gesundheitsamt sagt es mit Verweis auf Datenschutz nicht. Keine Zahlen auf Ortsebene. Die Kreisverwaltung bestätigt nicht einmal die Zahlen des Gemeindechefs.

Für Andrea Irmiter. Inhaberin einer Gärtnerei in Kaifenheim, lief das Geschäft noch mal gut, ehe sie am Mittwoch, dem 18. März, schließen musste: "50 Prozent mehr Umsatz in den letzten Tagen." Die Kunden hätten spürbar Solidarität gezeigt: "Hier ein Bund Tulpen, da ein bunter Strauß für Bewohner, die nicht mehr aus dem Haus durften." Sie hat das auch als Vorschlag gepostet, als sie dann schließen musste. 


Imiters Schwester, ihr Schwager und ihr Neffe sind unter den zwölf Infizierten. Aus heutiger Sicht sei es gut, dass auf einen Schlag so viele betroffen gewesen seien, sagt sie. "Da waren gleich viele Familien gewarnt. Hier haben ja auch die meisten Verbindungen untereinander. Man kennt auch die älteren Menschen alle, und denkt auch an die." 

In Kaifenheim hätten sich alle sehr genau an Quarantäneregeln gehalten, sagt Ortsbürgermeister Mieden. Vielleicht nicht nur aus Verantwortungsbewusstsein, sondern auch wegen der sozialen Kontrolle, und Mieden will auch gar nicht über das Verhalten von Städtern spekulieren. "Aber hier würden die Leute einen Teufel tun und in Quarantäne durchs Dorf laufen."

Ein Kranker bekam Atemnot

Die Kaifenheimer erlebten auch, wie ernst die Lage sein kann. Einer der Erkrankten bekam immer schlechter Luft, er musste ins Krankenhaus gebracht werden. Nach Sauerstoffversorgungen und drei Tagen in der Klinik durfte er wieder heim. Mieden: "Es geht allen so weit gut. Und es sind keine weiteren Fälle hinzugekommen, von denen ich wüsste."

Deutschlandweit hat sich die Zahl positiver Fälle seit dem 16. März verachtfacht, im Kreis Cochem-Zell hat sie sich verdreifacht, in Kaifenheim sind die zwölf Infizierten alle genesen, sagt Mieden. Die Quarantäne von ihm und den anderen Kontaktpersonen endet am Sonntag. Das Gesundheitsamt, dass es sicher wissen muss, kommentiert das nicht.

Viele fahren zum Arbeiten aus dem Ort

Und Kaifenheim liegt direkt an der A48 Koblenz-Trier, nicht abgeschottet vom Rest der Welt. Gut 350 Bewohner pendeln gewöhnlich zum Arbeiten. Auch Jan Wilhelmi von der TSG kann seine Aufgaben bei einem Energieversorger nur zum Teil von daheim erledigen. 

Vor diesem Hintergrund, so warnt Ortsbürgermeister Mieden, ist auch in Kaifenheim noch nichts geschafft: "Wir wissen ja nicht, ob sich nicht jemand woanders ansteckt." Aber im Ort haben sie gezeigt, dass es funktionieren kann, Corona einzudämmen. Und wenn nächste Woche das Amtsblatt in alle Haushalte kommt, wird dort die Hilfsnummer der Trink Sport Gruppe abgedruckt sein. 

Verwendete Quellen:

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