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Ein Dorf dÀmmt das Coronavirus ein

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 27.03.2020Lesedauer: 5 Min.
850 Einwohner hat Kaifenheim in der Eifel: Zwölf wurden positiv auf das Coronavirus getestet, der Ort war ein Hotspot. Jetzt kann das Dorf hoffen, fĂŒrs Erste gewonnen zu haben.
850 Einwohner hat Kaifenheim in der Eifel: Zwölf wurden positiv auf das Coronavirus getestet, der Ort war ein Hotspot. Jetzt kann das Dorf hoffen, fĂŒrs Erste gewonnen zu haben. (Quelle: Kevin RĂŒhle/RZ)
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Zwölf CoronafĂ€lle unter 850 Einwohnern – die Menschen in Kaifenheim in der Eifel waren alarmiert, viele mussten in QuarantĂ€ne. Der kleine Ort ist ein Beispiel dafĂŒr, dass der Kampf gegen das Virus funktionieren kann.

Der Vorstand der "Trink Sport Gruppe e.V." war bereit, und er ist es weiter: Wenn jemand Besorgungen zu machen hat und nicht selbst aus dem Haus kann, ĂŒbernimmt die TSG. So wurde es beschlossen, als klar war, dass das Coronavirus angekommen ist im Örtchen Kaifenheim zwischen Mosel und Eifel.

Bei der TSG wussten sie da noch nicht, dass es zwölf positive FĂ€lle unter den 850 Einwohnern gibt und noch mehr Kontaktpersonen im Ort in QuarantĂ€ne mĂŒssen. Die Hilfsbereitschaft könnte nicht die einzige Erfolgsgeschichte sein.

OrtsbĂŒrgermeister Gerhard Mieden ist selbst in QuarantĂ€ne, aber er hat Grund zur Hoffnung. Der Reporter von t-online.de solle keine Jubel-Schlagzeile schreiben, "dass Kaifenheim ab morgen coronafrei ist", sagt er. Aber der Ort ist ein Beispiel, dass EindĂ€mmung funktionieren kann. "Die Infektionskette ist hier hoffentlich unterbrochen."

"Ich dachte sofort, es kann einer aus dem Ort sein"

Der OrtsbĂŒrgermeister saß am 12. MĂ€rz abends in einer Besprechung mit Kollegen der 25 Gemeinden des Verbands Kaisersesch, als die Nachricht der Lokalzeitung aufs Handy kam. Es hieß, positiv getestet sei ein 54-JĂ€hriger aus dem Raum Kaisersesch, der mit einer Reisegruppe aus Ischgl zurĂŒckgekehrt ist.

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"Ich habe sofort gedacht, es könnte einer aus unserem Ort sein", erinnert sich Mieden. Aus Kaifenheim sind fĂŒnf MĂ€nner im Alter zwischen 50 und 60 in Ischgl gewesen, wo sich so viele Urlauber angesteckt haben. Tags darauf hatte der BĂŒrgermeister aus einer WhatsApp-Gruppe die BestĂ€tigung. "Da wusste ich, da kommt was auf uns zu."

Die Ereignisse ĂŒberschlugen sich ohnehin.Die Nachrichtenagentur dpa schickte an dem Tag rekordverdĂ€chtige 31 Eilmeldungen. Die von 14.02 Uhr betraf Gerhard Mieden direkt: Rheinland-Pfalz schließt die Schulen und Kitas. Sein erster Gedanke: Muss eine Notbetreuung in der KindertagesstĂ€tte St. Nikolaus Kaifenheim organisiert werden?

Kaifenheims Ortsdurchfahrt: Mit einer FĂŒlle von Infizierten und Kontaktpersonen in QuarantĂ€ne wurde es sehr ruhig im Eifelort.
Kaifenheims Ortsdurchfahrt: Mit einer FĂŒlle von Infizierten und Kontaktpersonen in QuarantĂ€ne wurde es sehr ruhig im Eifelort. (Quelle: Kevin RĂŒhle/RZ)

Als die Abstimmung dazu mit den Eltern noch lief, gab es per WhatsApp neue Nachrichten von den Ischgl-RĂŒckkehrern. Auch ein Gemeinderatsmitglied, das am Dienstag mit Mieden und sieben weiteren Ratskollegen zusammengesessen hatte, galt jetzt als Corona-Verdachtsfall. Die BestĂ€tigung vom Gesundheitsamt kam am Sonntag, dem 15. MĂ€rz. Der OrtsbĂŒrgermeister war jetzt selbst offiziell ein Fall fĂŒr die QuarantĂ€ne. "Den Spielplatz habe ich dann schon nicht mehr selbst abgesperrt, sondern jemanden gebeten."

Neue Handy-Nummer fĂŒr Hilfsangebot aktiviert

Die Menschen im Ort reagierten auf die ersten bestĂ€tigten Infektionen mit großer Hilfsbereitschaft. Die Vorstandsmitglieder der "Trink Sport Gruppe" beispielsweise beschlossen schnell, dass sie helfen wollen. Sonst organisiert die TSG eines der grĂ¶ĂŸten Junggesellenfeste der Region. "Trink Sport Gruppe" haben sie sich genannt, weil sie "Junggesellenverein" ideenlos fanden. SchriftfĂŒhrer Jan Wilhelmi (19) zu t-online.de: "Jeder wusste, dass Kaifenheimer in Ischgl waren, also haben wir gedacht, wir tun was. Wir schaffen eine Anlaufstelle." Direkt nach der Vorstandsitzung am Sonntagmittag um kurz nach 12 Uhr postete Wilhelmi das Angebot auf Facebook. Er aktivierte sogar eine eigene neue Prepaid-Nummer dafĂŒr.

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Abgesprochen war das nicht, aber das muss es auch nicht, sagt OrtsbĂŒrgermeister Mieden. Der Freiwilligen Feuerwehr, in der auch etliche der TSG-Mitglieder aktiv sind, blieb dann nicht viel mehr, als den Hilfsaufruf zu teilen – und anschließend auch ein Video der Feuerwehr im Nachbarort zu verbreiten. Es ist ein Aufruf von Kindern, daheim zu bleiben. "Wir wollen, dass unsere Omas, Opas, Mamas, Papas und alle kranken Menschen geschĂŒtzt werden", beginnt die rĂŒhrende Aufnahme. In den Orten rundum hat sie fast jeder gesehen.

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Die Verbandsgemeindeverwaltung klĂ€rte mit SupermĂ€rkten in Nachbarorten ab, dass Helfer von der TSG kommen könnten und beim Einkauf fĂŒr andere auch mehr als handelsĂŒbliche Mengen holen dĂŒrfen. Viel genutzt wurde das Angebot nicht, das Handy hat nur einmal geklingelt. Doch das 100 Mal geteilte Facebook-Posting dĂŒrfte einige zu Hilfe animiert haben. "Das macht hier jeder fĂŒr den Nachbarn mit", sagt der OrtsbĂŒrgermeister. "Besser zu viele als zu wenige Angebote", sagt Wilhelmi.

Am Montag, 16. MĂ€rz, stand fest, dass sich die Ischgl-Fahrer allesamt angesteckt hatten, dazu ihre Frauen auch und weitere Familienmitglieder: Zwölf positive Testergebnisse aus Kaifenheim. Hochgerechnet auf 100.000 Einwohner wĂ€ren das 1406 Infektionen, drei Mal so viele wie heute im am schlimmsten betroffenen Landkreis Heinsberg (NRW) – wenn so eine Hochrechnung bei einem kleinen Ort Sinn ergibt.

SolidaritÀt: Blumenladen machte gute GeschÀfte

Die zwölf FĂ€lle machten zu dem Zeitpunkt die HĂ€lfte aller Infektionen im gesamten Kreis Cochem-Zell aus. Wie viele Menschen in den 300 HĂ€usern des Ortes in QuarantĂ€ne geschickt wurden, weiß der OrtsbĂŒrgermeister nicht, und das Gesundheitsamt sagt es mit Verweis auf Datenschutz nicht. Keine Zahlen auf Ortsebene. Die Kreisverwaltung bestĂ€tigt nicht einmal die Zahlen des Gemeindechefs.

FĂŒr Andrea Irmiter. Inhaberin einer GĂ€rtnerei in Kaifenheim, lief das GeschĂ€ft noch mal gut, ehe sie am Mittwoch, dem 18. MĂ€rz, schließen musste: "50 Prozent mehr Umsatz in den letzten Tagen." Die Kunden hĂ€tten spĂŒrbar SolidaritĂ€t gezeigt: "Hier ein Bund Tulpen, da ein bunter Strauß fĂŒr Bewohner, die nicht mehr aus dem Haus durften." Sie hat das auch als Vorschlag gepostet, als sie dann schließen musste.

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Imiters Schwester, ihr Schwager und ihr Neffe sind unter den zwölf Infizierten. Aus heutiger Sicht sei es gut, dass auf einen Schlag so viele betroffen gewesen seien, sagt sie. "Da waren gleich viele Familien gewarnt. Hier haben ja auch die meisten Verbindungen untereinander. Man kennt auch die Àlteren Menschen alle, und denkt auch an die."

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In Kaifenheim hĂ€tten sich alle sehr genau an QuarantĂ€neregeln gehalten, sagt OrtsbĂŒrgermeister Mieden. Vielleicht nicht nur aus Verantwortungsbewusstsein, sondern auch wegen der sozialen Kontrolle, und Mieden will auch gar nicht ĂŒber das Verhalten von StĂ€dtern spekulieren. "Aber hier wĂŒrden die Leute einen Teufel tun und in QuarantĂ€ne durchs Dorf laufen."

Ein Kranker bekam Atemnot

Die Kaifenheimer erlebten auch, wie ernst die Lage sein kann. Einer der Erkrankten bekam immer schlechter Luft, er musste ins Krankenhaus gebracht werden. Nach Sauerstoffversorgungen und drei Tagen in der Klinik durfte er wieder heim. Mieden: "Es geht allen so weit gut. Und es sind keine weiteren FĂ€lle hinzugekommen, von denen ich wĂŒsste."

Deutschlandweit hat sich die Zahl positiver FÀlle seit dem 16. MÀrz verachtfacht, im Kreis Cochem-Zell hat sie sich verdreifacht, in Kaifenheim sind die zwölf Infizierten alle genesen, sagt Mieden. Die QuarantÀne von ihm und den anderen Kontaktpersonen endet am Sonntag. Das Gesundheitsamt, dass es sicher wissen muss, kommentiert das nicht.

Viele fahren zum Arbeiten aus dem Ort

Und Kaifenheim liegt direkt an der A48 Koblenz-Trier, nicht abgeschottet vom Rest der Welt. Gut 350 Bewohner pendeln gewöhnlich zum Arbeiten. Auch Jan Wilhelmi von der TSG kann seine Aufgaben bei einem Energieversorger nur zum Teil von daheim erledigen.

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Vor diesem Hintergrund, so warnt OrtsbĂŒrgermeister Mieden, ist auch in Kaifenheim noch nichts geschafft: "Wir wissen ja nicht, ob sich nicht jemand woanders ansteckt." Aber im Ort haben sie gezeigt, dass es funktionieren kann, Corona einzudĂ€mmen. Und wenn nĂ€chste Woche das Amtsblatt in alle Haushalte kommt, wird dort die Hilfsnummer der Trink Sport Gruppe abgedruckt sein.

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