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"Das ist kein Notstand, das ist ein Katastrophenzustand"

afp, Von Michael Dantas und Valeria Pacheco

Aktualisiert am 24.04.2020Lesedauer: 3 Min.
Massengrab fĂŒr Covid-19-Opfer: Ein Radlader schiebt Sand in eine Grube, in der mehrere SĂ€rge aufgereit sind.
Massengrab fĂŒr Covid-19-Opfer: Ein Radlader schiebt Sand in eine Grube, in der mehrere SĂ€rge aufgereit sind. (Quelle: Bruno Kelly/Reuters-bilder)
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In Manaus im brasilianischen Dschungel leben 1,7 Millionen Menschen. FĂŒr sie gibt es 50 Intensivbetten. In der eskalierenden Corona-Pandemie arbeiten die Kliniken am Rande des Kollaps.

ÜberfĂŒllte KrankenhĂ€user, KĂŒhlcontainer voller Leichen, MassengrĂ€ber auf den Friedhöfen – die Corona-Pandemie hat die Metropole Manaus im brasilianischen Bundesstaat Amazonas ins Chaos gestĂŒrzt. "Man kommt sich vor wie in einem Horrorfilm", sagt Arthur VirgĂ­lio Neto, BĂŒrgermeister der Hauptstadt des Bundesstaates im Norden Brasiliens. Besonders anfĂ€llig fĂŒr das Virus sind zudem die Ureinwohner in dem riesigen Gebiet.

Die 50 Intensivbetten in Manaus – eine lĂ€cherlich geringe Zahl fĂŒr eine Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern – sind alle belegt. Dabei steht Brasilien der Höhepunkt der Pandemie erst noch bevor. Er wird fĂŒr Mai oder sogar erst Juni erwartet. "Man kann nicht mehr von einem Notstand sprechen, das ist ein absoluter Katastrophenzustand", sagt der BĂŒrgermeister.

Die Dunkelziffern dĂŒrften sehr hoch sein

Der Bundesstaat Amazonas umfasst ein gigantisches Gebiet von 1,5 Millionen Quadratkilometern und steht offiziell auf Rang fĂŒnf der Corona-Statistik der brasilianischen Bundesstaaten. FĂŒr ganz Brasilien wurden am Donnerstag mehr als 3.300 TodesfĂ€lle gemeldet, darunter ein großer Anteil im Bundesstaat Sao Paulo. Doch die Dunkelziffern dĂŒrften sehr hoch sein.

KĂŒhlcontainer voller Leichen: Die Sterblichkeitsrate in Manaus ist um das vier- bis fĂŒnffache gestiegen.
KĂŒhlcontainer voller Leichen: Die Sterblichkeitsrate in Manaus ist um das vier- bis fĂŒnffache gestiegen. (Quelle: Bruno Kelly/Reuters-bilder)
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In normalen Zeiten sterben tĂ€glich 20 bis 30 Menschen in Manaus. Doch infolge der Pandemie ist die Sterblichkeitsrate regelrecht explodiert, heißt es aus dem Rathaus. Mehr als 100 Menschen sterben jeden Tag – so viele wie in keiner anderen der 27 BundeshauptstĂ€dte Brasiliens. "Viele Menschen sterben zu Hause, einige konnten keine medizinische Hilfe erhalten", bedauert der BĂŒrgermeister.

Sterben die Infizierten außerhalb der KrankenhĂ€user, haben ihre Angehörigen große Schwierigkeiten, ihre Leichen abholen zu lassen. "Bisher ist niemand gekommen, um mir zu sagen, was ich tun soll. Und ich weiß nicht, wie ich meine Großmutter beerdigen soll", erzĂ€hlt Rita Alencar.

Die Leichenwagen stauen sich vor den Friedhöfen

Auf dem Friedhof Parque TarumĂŁ wurden MassengrĂ€ber angelegt, um der Zahl der Corona-Opfer Herr zu werden. Auf im Internet geteilten Videos ist zu sehen, wie sich die Leichenwagen vor den Friedhöfen stauen. "Mehrere Friedhofsmitarbeiter sind krank geworden, einige sind sogar am Coronavirus gestorben", erzĂ€hlt der BĂŒrgermeister.

Besorgniserregende Lage: Angehörige eines Coronavirus-Patienten warten vor einer Klinik in Manaus.
Besorgniserregende Lage: Angehörige eines Coronavirus-Patienten warten vor einer Klinik in Manaus. (Quelle: Bruno Kelly/Reuters-bilder)

Er hat nun die Bundesregierung um zusĂ€tzliche finanzielle Mittel gebeten. Die Not ist so groß, dass er sogar erwĂ€gt, andere LĂ€nder um Hilfe zu bitten. Ein provisorisches Krankenhaus wurde vergangene Woche eingeweiht, Ärzte aus dem ganzen Land wurden zur VerstĂ€rkung nach Manaus gerufen.

Bernardo Albuquerque, Spezialist fĂŒr Infektionskrankheiten an der UniversitĂ€t von Amazonas (UFAM), stuft die Lage als "Ă€ußerst besorgniserregend" ein. Das Gesundheitssystem sei nicht in der Lage, die wachsende Zahl schwer erkrankter Patienten zu bewĂ€ltigen, sagt er. Neben Intensivbetten fehlt es in den KrankenhĂ€usern auch an SchutzausrĂŒstung, Medikamenten und RöntgengerĂ€ten.

Ein GrÀberfeld in Manaus, das wegen des Corona-Ausbruchs erheblich erweitert werden musste.
Ein GrÀberfeld in Manaus, das wegen des Corona-Ausbruchs erheblich erweitert werden musste. (Quelle: Bruno Kelly/Reuters-bilder)

Manche Patienten sind tagelang mit dem Boot unterwegs

Zudem verfĂŒgt der Bundesstaat ĂŒber ein stark zentralisiertes Gesundheitssystem: SĂ€mtliche Intensivstationen befinden sich in Manaus. Auch 80 Prozent der Ärzte, die Corona-Patienten ĂŒberhaupt behandeln können, praktizieren in der Hauptstadt. Die Erkrankten sind also gezwungen, sich dort behandeln zu lassen. Manche sind dafĂŒr tagelang mit dem Boot unterwegs. "Die meisten Dörfer sind nur ĂŒber den Wasserweg an Manaus angebunden. Es gibt nur sehr wenige Flugverbindungen", erklĂ€rt Albuquerque.

"Wenn der Patient es schafft, lebend hier anzukommen, befindet er sich oft in einem beklagenswerten Zustand. Und es gibt keine Garantie, dass er geheilt werden kann. Die Lage ist dramatisch", ergĂ€nzt der BĂŒrgermeister.

Noch besorgniserregender ist die Lage fĂŒr die Ureinwohner, die besonders anfĂ€llig fĂŒr Viren von außerhalb sind. Drei von ihnen starben bereits an der Lungenkrankheit Covid-19. FĂŒr die indigene Bevölkerung soll nun eigens ein provisorisches Krankenhaus in Manaus mit Bundesmitteln gebaut werden.

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