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Heilpraktikerin nach Tod von Patientin verurteilt

Von dpa
Aktualisiert am 25.03.2021Lesedauer: 3 Min.
Die angeklagte Heilpraktikerin vor Prozessbeginn im Sitzungssaal des OLG MĂŒnchen.
Die angeklagte Heilpraktikerin vor Prozessbeginn im Sitzungssaal des OLG MĂŒnchen. (Quelle: Sven Hoppe/dpa./dpa)
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MĂŒnchen (dpa) - Eine junge Frau erkrankt an GebĂ€rmutterhalskrebs. Obwohl sie Heilungschancen hat, bricht sie eine Chemo- und Strahlentherapie aber ab und setzt stattdessen auf Schlangengift-PrĂ€parate von ihrer Heilpraktikerin. Sie stirbt und hinterlĂ€sst ihr Baby, ihren kleinen Sohn.

Der bekommt nun 30.000 Euro Schmerzensgeld von der Heilpraktikerin seiner Mutter, wie das Oberlandesgericht (OLG) MĂŒnchen am Donnerstag entschied. "Die Beklagte ist bei der Behandlung von dem als Heilpraktikerin geschuldeten Standard abgewichen und hat dadurch den Tod der Mutter des KlĂ€gers verursacht", heißt es in der UrteilsbegrĂŒndung. Ein Urteil des Landgerichts Passau, das die Forderungen zurĂŒckgewiesen hatte, wurde damit aufgehoben.

"Die Beklagte hat ihrer Patientin nicht aktiv zum Abbruch der lebensrettenden Strahlentherapie geraten", befand das Gericht zwar. "Sie ist aber ihrer sich abzeichnenden Entscheidung nicht entgegengetreten, was als Heilpraktikerin ihre Aufgabe gewesen wĂ€re." Aus Sicht des Gerichts hĂ€tte sie ihrer Patientin raten mĂŒssen, die Chemotherapie wieder aufzunehmen. "Dieses ĂŒber Wochen hinweg fortgesetzte Unterlassen der Beklagten war unverantwortlich und aus Sicht eines verantwortungsbewussten Heilpraktikers schlechterdings unverstĂ€ndlich."

Der Vater des Jungen hatte fĂŒr das Kind ursprĂŒnglich 170 000 Euro verlangt. Hinter dieser Forderung blieb das Urteil zwar deutlich zurĂŒck. Neben dem Schmerzensgeld wurde die - nicht haftpflichtversicherte - Heilpraktikerin aber auch noch zur Zahlung von Schadenersatz fĂŒr entgangenen Kindesunterhalt verurteilt und dazu, außergerichtliche Anwaltskosten des klagenden Vaters zu ĂŒbernehmen, der das Urteil auf Anfrage nicht kommentieren wollte.

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Der Senat stĂŒtzt sich in seinem Urteil auf das Patientenrechtegesetz, das nach seiner Auffassung auch fĂŒr Heilpraktiker gilt. "FĂŒr die Frage, ob die Behandlung fehlerhaft war, gilt auch bei Anwendung alternativer Behandlungsmethoden der Standard, wie er von einem ausgebildeten und praktizierenden Heilpraktiker einzuhalten ist", erlĂ€utert ein Gerichtssprecher. Die fachliche EinschĂ€tzung eines Arztes entlastet demnach den Heilpraktiker nicht davon, dass er den Patienten darauf hinweisen muss, dass seine Behandlungsmethode (wie in diesem Fall die Schlangengift-Therapie) kein adĂ€quater Ersatz fĂŒr die Schulmedizin (in diesem Fall die Strahlentherapie) ist.

"Erkennbaren Zweifeln des Patienten an der Sinnhaftigkeit der empfohlenen medizinischen Behandlung muss der Heilpraktiker entgegentreten und darf den Patienten nicht in der Abkehr von der gebotenen Therapie bestÀrken", betont das Gericht. "Dabei handelt es sich nicht um einen Mangel der SelbstbestimmungsaufklÀrung, sondern um einen Behandlungsfehler im Sinne der therapeutischen AufklÀrung."

Der MĂŒnchner Fall ist nicht das erste Mal, dass Heilpraktiker-Behandlungen die Justiz beschĂ€ftigen. Im Mai 2019 wurde ein Heilpraktiker in NĂŒrnberg zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er zusammen mit seiner Ehefrau nicht zugelassene Medikamente verkauft haben soll, die angeblich gegen Krebs im Endstadium oder Autismus helfen sollten. Im September 2019 verurteilte das Amtsgericht Erkelenz einen Heilpraktiker zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf BewĂ€hrung, weil er einer Patientin unter Hypnose einreden wollte, sie beide seien weltbekannte Porno-Stars und mĂŒssten fĂŒr den nĂ€chsten Film ĂŒben.

Aller Kritik zum Trotz erlebt der Heilpraktikerberuf aber schon seit Jahren einen Boom, viele private Krankenkassen ĂŒbernehmen die Behandlungshonorare. Laut Landesgesundheitsamt Bayern hat sich die Zahl der Heilpraktiker im Freistaat in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt - auf gut 23 500 im Jahr 2019. Bundesweit gibt es keine genauen Zahlen, BerufsverbĂ€nde gehen aber von 60 000 BeschĂ€ftigten in Heilpraktikerpraxen aus. Nach einer Umfrage des Bundes Deutscher Heilpraktiker aus dem Jahr 2017 gehen jeden Tag rund 128 000 Deutsche in eine solche Praxis - wohl auch, weil Heilpraktiker oft sehr viel mehr Zeit fĂŒr ihre Patienten haben als niedergelassene Ärzte.

Das OLG MĂŒnchen spricht am Donnerstag zwar auch der gestorbenen Krebspatientin eine Mitschuld zu, weil sie sich freiwillig fĂŒr den Abbruch der möglicherweise lebensrettenden Therapie entschieden hatte. Sie habe sich aber "in grĂ¶ĂŸter Not der Beklagten als Patientin anvertraut und auf deren ĂŒberlegenes – von ihr vorausgesetztes – Fachwissen verlassen", urteilt das Gericht. "Sie musste erkennen, dass sie sich im Vertrauen auf die Beklagte fĂŒr einen todbringenden Weg entschieden hatte und mit dieser Erkenntnis leben (und sterben)." DafĂŒr stehe Schmerzensgeld zu, das jetzt an ihren Sohn ausgezahlt werden soll.

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