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So schadet Corona den Menschen in den Alpen

Von dpa
Aktualisiert am 05.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Radfahrer in den Oberstdorfer Bergen: Durch die Corona-Epidemie zog es mehr Menschen in die Alpen.
Radfahrer in den Oberstdorfer Bergen: Durch die Corona-Epidemie zog es mehr Menschen in die Alpen. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Viele Deutsche verzichten in der Pandemie auf Auslandsreisen und bleiben in heimischen Gefilden. In den Alpen wird das zu einem Problem. Die Zahl der Toten dort stieg rapide an.

Volle ParkplĂ€tze, Stop-and-go auf den Straßen, MĂŒll und andere Hinterlassenschaften in Wiesen und WĂ€ldern – der Ansturm auf die bayerischen Alpen hat in der Pandemie neue Rekorde erreicht. Das bekommen auch die RettungskrĂ€fte zu spĂŒren. Die Zahl der UnfĂ€lle stieg 2021 nach Daten der Bergwacht Bayern auf einen Höchststand. Im Sommer mussten die Bergretter 3.650 Mal ausrĂŒcken, rund 250-mal mehr als im Vorjahr und 800-mal mehr als noch 2017 (knapp 2.840 EinsĂ€tze).

"Die Vielzahl der Menschen im Gebirge ist wohl der wesentliche Grund fĂŒr die Steigerung der EinsĂ€tze", sagt Bergwachtsprecher Roland Ampenberger. "Der Zuspruch zur AktivitĂ€t im Freien vor dem Hintergrund der Infektionsgefahr, die eingeschrĂ€nkten Möglichkeiten fĂŒr andere Sportarten und die Reiseerschwernisse fĂŒhrten auch in diesem Sommer zu einem sehr hohen Nutzungsdruck."

"Die Leute fahren nicht weit weg"

Auch Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein (DAV) spricht von einem "sehr großen Druck auf die bayerischen Alpen". "Die Leute fahren nicht weit weg, sie bleiben lieber daheim." Teils waren Grenzen geschlossen, teils gab es ReisebeschrĂ€nkungen oder komplizierte Regelungen. So kumulierten sich offenbar nicht nur AusflĂŒgler und Wohnmobile in Oberbayern, sondern auch UnfĂ€lle.

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Obwohl Bergsport im Trend liegt und deshalb die UnfĂ€lle seit Jahren stetig zunehmen, zeigte der Blick nach Österreich und Tirol im Sommer leicht gesunkene Zahlen. Von Anfang Mai bis Anfang Oktober seien in Österreichs Bergen gut 3.860 Menschen in UnfĂ€lle verwickelt gewesen, 200 weniger als im Vorjahr, schreibt das österreichische Kuratorium fĂŒr alpine Sicherheit. Das könne unterschiedliche GrĂŒnde haben, hieß es allerdings; etwa auch das Wetter.

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Anzahl der Bergtoten rapide gestiegen

Doch die Zahl der Bergtoten ist markant: WĂ€hrend sie in Österreich und Tirol im Gesamtjahr 2021 sank, stieg sie in Oberbayern rapide. Das PolizeiprĂ€sidium Oberbayern SĂŒd zĂ€hlte von Berchtesgaden bis zur Zugspitze 50 TodesfĂ€lle – im Vorjahr waren es 34.

Der Berchtesgadener PolizeibergfĂŒhrer Jörg Fegg kennt den Ansturm auf seine Heimat seit Jahren – doch 2021 hat selbst ihn ĂŒberrascht. "Mit der Aufhebung des Lockdown hat es mit den Skitouren angefangen. Wir sind ĂŒberrannt worden in dem kleinen Talkessel, weil man nicht nach Österreich durfte. Das hat sich im Sommer fortgesetzt." Es gab Megastaus. "In den Restaurants alles voll, die ParkplĂ€tze voll", oft mit Campern. Bis zu 200 hĂ€tten teils am Königsseeparkplatz gestanden.

Allein in den Berchtesgadener Bergen gab es 18 tödliche UnfĂ€lle, sonst seien es 10 oder 12, sagt der PolizeibergfĂŒhrer. "18 Tote nur bei uns – fĂŒr uns war es ein Wahnsinn." Vier Menschen starben am Watzmann (2.713 Meter).

Fegg: "Oft regiert Unvernunft"

"Groß und mĂ€chtig, schicksalstrĂ€chtig", besang Wolfgang Ambros den berĂŒhmten Berg. Doch mehr als das Schicksal dĂŒrfte – neben der hohen Zahl von teils mehreren Hundert Bergsteigern am Tag – mangelnde Erfahrung UnfĂ€lle mitbegrĂŒnden. "Die alpine Basisausbildung fehlt oft", sagt Fegg.

Einen tödlichen Absturz gab es am Watzmann, weil sich Kletterer gleich zu Beginn verstiegen hatten. Sie hatten sich aufs GPS verlassen. Das macht in der Vertikale aber wenig Sinn. Oft regiere Unvernunft, sagt Fegg. "Wir sehen oft haarstrÀubende Dinge." Etwa Eltern mit dem Nachwuchs in der Kraxe auf schwierigen Klettersteigen.

StĂŒrzen, Stolpern, Herz-Kreislauf-Probleme

Die meisten UnfĂ€lle geschehen beim Wandern, gefolgt vom Mountainbiken. Das E-Bike hat auch weniger trainierten Sportlern zuvor unerreichbare Regionen erschlossen. Nach StĂŒrzen und Stolpern zĂ€hlen Herz-Kreislauf-Probleme zu den hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr TodesfĂ€lle.

PolizeibergfĂŒhrer kommen bei tödlichen UnfĂ€llen zum Einsatz oder wenn FahrlĂ€ssigkeit im Spiel gewesen sein könnte. Bei gutem Bergwetter hĂ€ufen sich die EinsĂ€tze. Im September suchten die Beamten nach einer Berlinerin, die zu einer HĂŒttentour im Steinernen Meer aufbrach und nie auf einer HĂŒtte ankam, als der nĂ€chste Notruf einging: In steilem GelĂ€nde am Watzmann hatte ein Bergsteiger einen Toten entdeckt.

Wie sich Tage spÀter herausstellte, handelte es sich um einen jungen Argentinier auf Rucksack-Tour durch Europa. "Ich vermute, dass er bei nicht idealem Wetter oben war und in die falsche Richtung abgestiegen ist", sagt Fegg. Wahrscheinlich habe er sich im Nebel gedreht "und dann nicht mehr gewusst, wo er herkam".

Berlinerin bis heute nicht gefunden

Manche FĂ€lle beschĂ€ftigen die PolizeibergfĂŒhrer ĂŒber Jahre. Am GrĂŒnstein im Watzmannstock wurde 2019 ein Toter entdeckt, dessen IdentitĂ€t bis heute ungeklĂ€rt ist. "Wir haben keine Papiere, keine AbgĂ€ngigkeitsmeldung." Die Berlinerin wurde bis heute nicht gefunden.

Auch 2022 könnte unfalltrĂ€chtig werden: Anders als im Vorjahr laufen die Skilifte. TodesfĂ€lle sind auf der Piste selten, UnfĂ€lle aber hĂ€ufig. Der ausgefallene Skiwinter hatte in Oberbayern und im AllgĂ€u aufs ganze Jahr gesehen fĂŒr insgesamt niedrigere Unfallzahlen gesorgt.

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"An BergunfĂ€llen zĂ€hlen wir 50, nach 96 im Vorjahr", berichtet Holger Stabik, Sprecher des PolizeiprĂ€sidiums Schwaben SĂŒd/West in Kempten. "Besonders auffĂ€llig ist der RĂŒckgang bei der Zahl der Pisten- und RodelunfĂ€lle." Im Jahr 2021 stand die Zahl trotz schneereicher Wintermonate bis weit ins FrĂŒhjahr kurz vor Weihnachten bei null.

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