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Homo sapiens schlug sich den Schädel ein wie der Neandertaler

Von Angelika Franz

21.01.2019Lesedauer: 4 Min.
Grafische Darstellung von Neandertalern: Eine neue Studie belegt, dass die Verwandten des Homo sapiens ebenso gefährlich lebten wie unsere Vorfahren.
Grafische Darstellung von Neandertalern: Eine neue Studie belegt, dass die Verwandten des Homo sapiens ebenso gefährlich lebten wie unsere Vorfahren. (Quelle: Gregoire Cirade/Novapix/Leemage/imago-images-bilder)
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Brutal und dumm: Der Neandertaler hat ein schlechtes Image. Eine Studie zeigt nun, dass unsere Vorfahren

Neandertaler lebten gefährlich. Einzelfunde von Schädeln mit schrecklichen Verletzungen erzählen von der grausamen Gewalt, der sie in ihrer Umwelt ausgesetzt waren. Das harte Leben der grobschlächtigen und gewalttätigen Frühmenschen sorgte bedeutend öfter für einen frühen Tod als bei den schlaueren, friedfertigeren modernen Menschen.

So zumindest glaubten es bislang die Forscher aufgrund von spektakulär untersuchten Einzelfunden. Allerdings hatte sich noch niemand die Mühe gemacht, tatsächlich die Knochen von Neandertalern und modernen Menschen zu vergleichen. In einer Studie, die in der Zeitschrift "Nature" erschienen ist, schaut ein Forscherteam unter der Leitung von Katerina Harvati vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment und der Universität Tübingen erstmals genau hin.

Todbringende Vegetarier

Sie kommt zu dem Schluss, dass unsere eigenen Vorfahren keineswegs friedfertiger und besser gegen die Alltagsgefahren des Jungpaläolithikums gewappnet waren.

Es war zugegebenermaßen für beide ein hartes Leben. In der Welt der jüngeren Altsteinzeit lauerten gefährliche Bestien. Nie konnte man zum Beispiel wissen, ob ein Unterschlupf nicht vielleicht bereits von einem Höhlenbären (Ursus spelaeus) besetzt war. Die bis zu 3,50 Meter großen Höhlenbewohner ernährten sich zwar ausschließlich von Pflanzen, setzten aber gerne ihre scharfen Krallen und wuchtigen Kiefer ein, wenn ein Zweibeiner sie versehentlich beim Nickerchen störte.

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Nicht viel besser waren die Höhlenhyänen (Crocuta crocuta spelaea), die ungebeten zum gedeckten Tisch kamen, sobald ihnen der Geruch eines von Menschen erlegten Beutetieres in die Nase wehte. "Man glaubte bislang, dass Neandertaler gefährlicher lebten, weil sie Kurzdistanzwaffen wie Stoßspeere für die Jagd nutzten, mit denen sie ihrer Beute gefährlich nahe kamen", erklärt Katerina Harvati.

Vergleich Hunderter Knochenfragmente

Hinzu kommt das Vorurteil, dass Neandertaler im Umgang miteinander ein wesentlich ruppigeres Sozialverhalten an den Tag legten das mitunter ebenfalls zu schweren Kopfverletzungen führen konnte. "Aber all diese Annahmen über die Neandertaler und ihr verletzungsreiches Leben basierten vor allem auf der Untersuchung von Einzelfällen", betont Harvati.

In der neuen Studie trug das Tübinger Forscherteam die Daten von mehreren Hundert Knochenfragmenten von Neandertalern und modernen Menschen des Jungpaläolithikums aus dem westlichen Eurasien zusammen. Dabei spielte es zunächst einmal keine Rolle, ob Verletzungsspuren an den Knochen zu sehen waren oder nicht.

Stattdessen schauten sie, welches Geschlecht der oder die Tote hatte, in welchem Alter der Tod eingetreten war, aus welcher Region die Knochen stammten und in welchem Erhaltungszustand sie sich befanden. Die Überraschung: Der Vergleich ergab keine signifikanten Unterschiede für Verletzungen zwischen Neandertalern und modernen Menschen.

Männer lebten anscheinend gefährlicher

"Entgegen früherer Annahmen müssen wir nun die Hypothese verwerfen, nach der Neandertaler häufiger an Kopfverletzungen litten als moderne Menschen", sagt Katerina Harvati. "Daher müssen auch die Vorstellungen überdacht werden, dass Neandertaler gewalttätig waren oder gefährlichere Jagdmethoden nutzten."

Skelette eines Neandertalers (links) und eines modernen Menschen: Die neue Studie wiederlegt bisherige Annahmen über Homo neanderthalensis und Homo sapiens.
Skelette eines Neandertalers (links) und eines modernen Menschen: Die neue Studie wiederlegt bisherige Annahmen über Homo neanderthalensis und Homo sapiens. (Quelle: Ian Tattersall/American Museum of Natural History)

In beiden Gruppen bekamen Männer jedoch deutlich häufiger schwere Schläge auf den Kopf als Frauen. "Ein solches Muster lässt sich zum Beispiel durch Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen erklären, durch die Männer möglicherweise eine größere Verletzungsgefahr hatten, oder durch andere kulturell bedingte geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Aktivitäten", erläutert die Forscherin.

Stimmt das alte Bild also doch? Gingen die Männer auf die Jagd und schlugen sich beim jungpaläolithischen Äquivalent von Kneipenschlägereien die Schädel ein, während die Frauen zu Hause saßen, den Gazelleneintopf umrührten und sich höchstens verletzten, wenn sie sich beim Nähen die Knochennadel in den Finger stachen? Zumindest deuten die Verletzungsmuster an den Knochen darauf hin, dass Männer – egal ob Neandertaler oder moderner Mensch – im Alltag öfter Gefahr liefen, heftige Schläge zu kassieren.

Junge erlitten öfter Verletzungen

Gab es denn tatsächlich am Ende weniger Unterschiede zwischen Neandertalern und modernen Menschen, als bislang angenommen? Zumindest auf eine bemerkenswerte Abweichung stießen die Forscher bei der Auswertung ihrer Daten doch: "Während die Verletzungshäufigkeit der beiden Menschenarten insgesamt gleich ist, stellten wir altersabhängige Unterschiede bei der Verletzungshäufigkeit fest", wirft Judith Beier, die Erstautorin der Studie, ein.

Bei jungen Neandertalern waren Schädelverletzungen häufiger als bei jungen modernen Menschen. Dafür erlitten Neandertaler im fortgeschrittenen Alter offenbar weniger schwere Schläge auf den Kopf, sodass die Gesamtzahl an Verletzungen sich am Ende zwischen den beiden Gruppen ausglich. Eine mögliche Erklärung ist, dass junge Neandertaler tatsächlich größeren Verletzungsgefahren ausgesetzt waren als ihre Altersgenossen unter den modernen Menschen des Jungpaläolithikums.

Grenzen der Forschung

Es gäbe aber auch noch eine andere Erklärung. Leider ist es nicht möglich, festzustellen, ob ein Individuum eine Schädelverletzung in jungen Jahren oder im fortgeschrittenen Alter davontrug. Die Forscher mussten davon ausgehen, dass der Tod kurz nach der schweren Verletzung eintrat.


Es ist aber durchaus denkbar, dass moderne Menschen über bessere Heilmethoden verfügten als Neandertaler und mehr von ihnen eine schwere Kopfverletzung überlebten. Derartige Fälle hätten dann die Statistik erheblich verschoben.

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