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Schatz des Pharaos stammte nicht von der Erde

Von Angelika Franz

07.07.2019Lesedauer: 4 Min.
Sarkophag des Tutanchamun: Das Grab des Pharao wurde 1922 von Howard Carter geöffnet.
Sarkophag des Tutanchamun: Das Grab des Pharao wurde 1922 von Howard Carter geöffnet. (Quelle: imagebroker/imago-images-bilder)
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Pharao Tutanchamun besaß besonderen Schmuck: einen Skarabäus aus Libyschem Wüstenglas. Das extrem seltene Material entstand bei einer Naturkatastrophe. Das war aber nicht sein einziger kosmischer Schatz.

Am Nachmittag des 26. November 1922 brach der Archäologe Howard Carter ein kleines Loch in die Mauer, die mehr als 3.000 Jahre lang das Grab des Pharaos Tutanchamun versiegelt hatte. "Zuerst konnte ich nichts sehen, da die aus der Kammer entweichende heiße Luft das Licht der Kerze zum Flackern brachte", beschrieb er den Moment, der in die Geschichte eingehen sollte, in seinem Grabungsbericht. "Als meine Augen sich aber an das Licht gewöhnten, tauchten bald mehr Einzelheiten im Inneren der Kammer aus dem Nebel auf."

Der gestandene Archäologe war sprachlos vor Staunen. Ungeduldig fragte sein Geldgeber, der britische Lord Carnavon, hinter seiner Schulter, ob Carter etwas erkennen könne. "Ja", brachte Carter schließlich hervor, "ich sehe wunderbare Dinge!"

Nur an einem Ort

Was Carter damals freilich noch nicht ahnen konnte war, wie wunderbar die Schätze des kindlichen Pharaos tatsächlich waren. Eines der Geheimnisse haben der Geologe Aaron Cavosie von der australischen Curtin University und der österreichische Geochemiker Christian Köberl von der Universität Wien erst jetzt exakt gelüftet, fast 100 Jahre nach der Graböffnung.

Ein Skarabäus, den der Pharao in einem kostbaren Brustbehang eingearbeitet trug, ist aus einem ganz besonderen Material geschnitzt – aus Glas, das bei einem Meteoriteneinschlag in der Libyschen Wüste entstand. Damit bewies Tutanchamun einen extrem erlesenen Geschmack bei der Wahl seiner Juwelen, denn das sogenannte Libysche Wüstenglas gehört zu den seltensten Mineralen der Erde. Die kanarienvogelgelben Steine kommen nur im Ägyptischen Sandmeer vor, einer der entlegensten Regionen der Libyschen Wüste.

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Antiker Schatz: Der Skarabäus im Brustbehang ist aus libyschem Wüstenglas.
Antiker Schatz: Der Skarabäus im Brustbehang ist aus libyschem Wüstenglas. (Quelle: Robert Harding Productions/imago-images-bilder)

Wusste der Pharao möglicherweise sogar, dass sein Skarabäus vom Himmel gefallen war? Denn der heilige Käfer ist das Mittelstück der breiten Kette, die Howard Carter in einer Truhe entdeckt hatte. Der Skarabäus ist als Sonnengott Ra dargestellt, auf seinen ausgebreiteten Flügeln trägt er Sonne und Mond in der Himmelsbarke empor – eine mehr als passende Symbolik für einen Stein, der tatsächlich durch einen herabfallenden Himmelskörper entstanden ist.

Gewaltige Kräfte

Auf die Spur des Meteors kamen Cavosie und Köberl, als sie in Libyschem Wüstenglas Zirkone mit ganz besonderen Strukturen entdeckten. Diese Anordnung verriet, dass es in dem gelben Glas einst Reidit gegeben haben muss – ein Mineral, das unter extrem hohem Druck aus Zirkon entsteht. Mit der Zeit zerfällt das Reidit zwar wieder zu Zirkon, hinterlässt jedoch eine typische Kristallstruktur. Vor rund 26 bis 28 Millionen Jahren, folgerten die Wissenschaftler, muss ein Meteorit dort eingeschlagen sein, wo sich heute die riesigen Dünen des Ägyptischen Sandmeeres auftürmen.

Nur den dazu passenden Krater hat bislang noch niemand entdeckt. Daher glaubten die meisten Forscher bislang, das Libysche Wüstenglas sei entstanden, als ein extraterrestrisches Objekt beim Eintritt in die Erdatmosphäre explodierte und einen sogenannten Airburst auslöste. Auch ein solches Ereignis setzt gewaltige Kräfte frei wie jener Meteor zeigte, der am 15. Februar 2013 um 9.20 Uhr Ortszeit über der Stadt Tscheljabinsk im russischen Ural verglühte. Rund 1.500 Personen wurden verletzt, die meisten von ihnen durch splitterndes Fensterglas. Doch so verheerend der Schaden auch war, Gestein schmolz bei diesem Airburst nicht.

Howard Carter (l.) 1922 vor der Grabkammer des Pharaos Tutanchamun.
Howard Carter (l.) 1922 vor der Grabkammer des Pharaos Tutanchamun. (Quelle: United Archives International/imago-images-bilder)

Bei einem größeren Airburst können allerdings schon mal Temperaturen um die 2.000 Grad entstehen, dabei schmelzen tatsächlich die oberen Schichten des Bodens zu Glas. Doch für die Entstehung von Reidit müssen noch gewaltigere Kräfte entfesselt werden. Airbursts setzten Schockwellen frei, schreiben die Forscher in Ihrem Aufsatz in der Zeitschrift "Geology", die einen Druck von mehreren Tausend Pascal erreichen können. Bei einem tatsächlichen Meteoriteneinschlag auf der Erdoberfläche aber liegt der Druck eher bei einigen Milliarden Pascal, millionenmal mehr als bei einem einfachen Airburst – und genügend für Reidit.

Kein Grund zur Besorgnis

Der gelbe Skarabäus ist nicht das einzige Objekt himmlischen Ursprungs im Grab Tutanchamuns. An seinem rechten Oberschenkel mit einbalsamiert trug der Pharao einen etwa 30 Zentimeter langen Dolch, dessen Klinge aus Eisen geschmiedet wurde. Doch die Brennöfen jener Zeit konnten noch gar nicht die Temperaturen erreichen, die zur Eisengewinnung notwendig sind. Das Material für die Klinge stammt von einem Eisenmeteoriten, dessen Trümmer in der Oase Kharga, rund 200 Kilometer westlich von Alexandria, niedergegangen waren.

Hauptautor Cavosie jedenfalls sieht trotz der gewaltigen Kräfte, die er beschreibt, in seinen Forschungsergebnissen keinen Grund zur Sorge. "Tatsächliche Meteoriteneinschläge sind katastrophale Ereignisse, aber sie sind sehr selten", beteuert er in einer Pressemitteilung. "Nur Airbursts passieren häufiger. Aber jetzt wissen wir, dass wir in näherer Zukunft kein zweites Ereignis wie in der Libyschen Wüste zu erwarten haben, bei dem Gestein zu Glas schmilzt – und das ist doch beruhigend!"

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