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Friedrich Ebert in 1919: Die Präsidenten-Badehose erschütterte die Republik

Skandal 1919  

Als die Badehose des Präsidenten die Republik erschütterte

18.07.2020, 11:30 Uhr
Friedrich Ebert in 1919: Die Präsidenten-Badehose erschütterte die Republik. Friedrich Ebert (2. v. r.) 1919 beim Bad in der Lübecker Bucht: Dieses Foto sollte Anlass zu zahlreichen Schmähungen des Reichspräsidenten bieten. (Quelle: ullstein bild/Wilhelm Steffen)

Friedrich Ebert (2. v. r.) 1919 beim Bad in der Lübecker Bucht: Dieses Foto sollte Anlass zu zahlreichen Schmähungen des Reichspräsidenten bieten. (Quelle: Wilhelm Steffen/ullstein bild)

Eigentlich hatte Reichspräsident Friedrich Ebert 1919 nur ein harmloses Bad genommen. Doch das Ereignis sollte in der ersten deutschen Demokratie für Aufruhr sorgen. Was an einem Kleidungsstück lag.

Erfrischung – das ist es, was eine kleine Truppe ehrwürdiger Herren Mitte Juli 1919 in der Lübecker Bucht sucht. Der kleinste Mann im Wasser ist dabei der bedeutendste: Friedrich Ebert. Erst vor wenigen Monaten von der Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt, reiste der Sozialdemokrat im Sommer nach Haffkrug zur Eröffnung eines Kindererholungsheims an der Ostsee.

Die Planscherei des Staatsoberhauptes blieb nicht undokumentiert: Der Fotograf Wilhelm Steffen hielt die Szene fest. Allerdings stellte Ebert zuvor eine Bedingung: Auf keinen Fall dürfe das Bild seinen Weg in die Öffentlichkeit finden!

Skandal im Anmarsch

Dem Politiker schwante wohl bereits, wie sehr ihm die Szenerie politisch schaden könnte. Was nicht an der Zusammensetzung der Badegruppe lag: Ebert, Reichswehrminister Gustav Noske zu seiner Rechten, dazu Honoratioren der Stiftung, die das Kindererholungsheim betrieb. Davon einer, nur den Kopf aus dem Wasser gestreckt, der den Meeresgott Neptun gab.

Nein, es lag an einem Kleidungsstück zum Schwimmen: der Badehose. Heute ein vollkommen alltägliches Utensil war sie 1919 recht ungewöhnlich, geradezu verpönt. Besonders bei einem Politiker. Denn in dieser sittenstrengen Zeit zwängten sich die Herren – und erst recht die Damen – in Badeanzüge, die möglichst viel vom Körper verdeckten. Nackte Männerbrüste? Gott bewahre, so viel Prüderie musste sein.

 (Quelle: ullstein bild/Wilhelm Steffen) (Quelle: ullstein bild/Wilhelm Steffen)

Eberts Vorsicht war also wohlbegründet. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn das Foto nie entstanden wäre. Am 9. August 1919 erschien es plötzlich in der "Deutschen Tageszeitung", einem rechtskonservativen Blatt, das mit Republik und Demokratie eher haderte. Der ganz große Skandal folgte aber erst am 21. August 1919, als das Massenblatt "Berliner Illustrirte Zeitung" mit Eberts und Noskes Badeaufzug in Großaufnahme titelte. Das ursprüngliche Foto war extra zu diesem Zweck auf die beiden Politiker zugeschnitten worden, das Erscheinungsdatum vorgezogen.

Katastrophe in Vollendung

Besagter Tag war ungewollt gut gewählt, um die Katastrophe zu vollenden. Denn an diesem Tag wurde Ebert auf die neue Verfassung vereidigt. Ein Reichspräsident, der sich in Badehose mit entblößtem Oberkörper ablichten ließ? Die Redaktion der liberalen "Berliner Illustrirten Zeitung" hatte sich eigentlich einen harmlosen Scherz erlauben wollen mit dem Staatsoberhaupt. Für die Feinde der Demokratie war es hingegen das gefundene Fressen.

Denn die junge Republik von Weimar war unter denkbar schwierigen Bedingungen begründet worden. Am 9. November 1918 hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausgerufen, der Kaiser dankte ab. Nach vier Jahren des verheerenden Ersten Weltkrieges unterzeichnete die neue demokratische Reichsregierung schließlich den von den Deutschen als Demütigung empfundenen Friedensvertrag von Versailles unter Protest Ende Juni 1919.

Friedrich Ebert avancierte zu einem der meistgehassten Männer dieser Zeit. Von rechter Seite wurde ihm der Tod gewünscht, weil er die junge Republik verkörperte. Und ohne Grundlage mitverantwortlich für Deutschlands Niederlage im Krieg gemacht wurde. Von den Linken, weil er die Niederschlagung des Januaraufstands Anfang 1919 unterstützt hatte. Mit diesem hatten Radikale gewaltsam eine Räterepublik in Deutschland nach Vorbild der russischen Bolschewiken errichten wollen.

"Heil, Ebert, dir!"

Seit August 1919 war also das besagte Badefoto in der Öffentlichkeit. Auf welchem Wege es aus der Hand des Fotografen dorthin gelangt war? Unbekannt. Es sollte Ebert jedenfalls nicht mehr loslassen. Mit Niedertracht weideten die Antidemokraten von rechts das Bild aus. Denn Friedrich Ebert war eben nicht nur ein Politiker, sondern die Verkörperung der Republik.

Paul von Hindenburg: Der als Kriegsheld verehrte Generalfeldmarschall wurde Nachfolger von Reichspräsident Ebert. (Quelle: ullstein bild/Walter Gircke)Paul von Hindenburg: Der als Kriegsheld verehrte Generalfeldmarschall wurde Nachfolger von Reichspräsident Ebert. (Quelle: Walter Gircke/ullstein bild)

Das antidemokratische Lager scharte sich geradezu um das Banner der Badehose, 1922 wurde Ebert etwa bei einem Besuch in München mit einem geschwenkten derartigen Badeuntensil "begrüßt". So absurd es heute wie damals ist und war. Bald nach dem August 1919 verbreitete sich zudem eine Postkarte, für die wiederum die "Deutsche Tageszeitung" verantwortlich zeichnete. Sie zeigt Ebert und Noske in Badehose – kontrastiert mit Kaiser Wihelm II. und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in vollem Ornat. "Einst und jetzt!", stand darauf.

Das nach rechts abdriftende Witzblatt "Kladderadatsch" spottete hingegen: "Heil dir am Badestrand / Herrscher im Vaterland / Heil, Ebert, dir! / Du hast die Badebüx, / sonst hast du weiter nix / als deines Leibes Zier, / Heil, Ebert, dir!" Es war eine Schmutzkampagne, die den Reichspräsidenten die letzten Jahre seines Lebens juristisch beschäftigen sollte.

Offizier statt Demokrat

Ebert strengte einen Prozess gegen die diffamierende Postkarte an. Es sollte das erste von fast 200 Verfahren werden, die er wegen Verleumdung und Beleidigung in den nächsten Jahren führte. Dies in einer Zeit, als eine Vielzahl schwerer Krisen wie die Besetzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier 1923 ohnehin die ganze Aufmerksamkeit des Reichspräsidenten erforderten. Ebert schonte sich nicht – am 28. Februar 1925 starb er an den Folgen einer Entzündung des Blinddarms.

Zuvor hatte es ein gerichtliches Urteil möglich gemacht, den Reichspräsidenten ungestraft als "Landesverräter" bezeichnen zu dürfen. Nachfolger wurde Paul von Hindenburg: der besagte Generalfeldmarschall aus dem Ersten Weltkrieg, der in seiner Uniform für die Rechten eine so viel bessere Figur als der Sozialdemokrat Ebert machte.

Es war dann Hindenburg, der Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte – und damit das Ende der Weimarer Republik einleitete, für die Friedrich Ebert so gekämpft hatte.

Verwendete Quellen:

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