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Anne Frank: Historiker kritisieren neue Theorie – "verleumderischer Unsinn"


"Verleumderischer Unsinn"
Historiker üben scharfe Kritik an Anne-Frank-Theorie

Von dpa, t-online
Aktualisiert am 18.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Foto von Anne Frank an einer Hauswand: Ein Historiker ist der Meinung, die neue Untersuchung zum Verrat von Anne Frank sei "verleumderischer Unsinn".Vergrößern des BildesFoto von Anne Frank an einer Hauswand: Ein Historiker ist der Meinung, die neue Untersuchung zum Verrat von Anne Frank sei "verleumderischer Unsinn". (Quelle: Jürgen Ritter/imago-images-bilder)
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Am Montag wurde eine Untersuchung zum Verrat an Anne Frank vorgestellt. Sie beschuldigt den niederländischen Notar Arnold van den Bergh. Nun kritisieren Historiker die Theorie jedoch – ihnen fehlen die Beweise.

Historiker haben deutliche Kritik an der Untersuchung über den Verrat des Verstecks von Anne Frank vor den Nationalsozialisten geübt. Die Beweislage sei sehr dünn, sagte der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, im NRC Handelsblad am Dienstag. "Zu großen Beschuldigungen gehören große Beweise. Und die gibt es nicht."

Ein internationales Recherche-Team bestehend aus rund 20 Historikern, Kriminologen und einem ehemaligen FBI-Agenten hatte fünf Jahre lang in Archiven geforscht, wer 1944 das Versteck von insgesamt acht jüdischen Menschen in Amsterdam an die Nazis verraten hatte. Zwei Jahre lang lebten die Familien dort unentdeckt. Anne Frank (1929 - 1945) schrieb in dem Hinterhaus ihr heute weltberühmtes Tagebuch. Doch im August wurde das Versteck entdeckt und die Familien deportiert. Anne und ihre Schwester Margot starben kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nur Annes Vater Otto überlebte.

Verraten, um die eigene Familie zu retten

Das Team hatte am Montag seine Ergebnisse veröffentlicht. Absolute Sicherheit gebe es nicht, hieß es. Aber sehr wahrscheinlich habe der jüdische Notar Arnold van den Bergh das Versteck verraten. Er war Mitglied im "Judenrat" Amsterdams.

Mit dem Verrat habe der Notar seine Familie das Leben retten wollen, behauptete das Team. Dabei berufen sie sich vor allem auf die Kopie eines anonymen Briefes, den Otto Frank nach dem Krieg erhalten hatte und in dem der Name des Notars bereits genannt wird. "Eine ganze Liste von Adressen" soll van den Bergh den deutschen Besatzern demnach gegeben haben.

"Davon habe ich noch nie etwas gehört"

Mehrere Historiker äußerten nun Zweifel an den Schlussfolgerungen und verwiesen auf angebliche Fehler und Ungenauigkeiten in der Untersuchung. So gebe es keinerlei Beweise, dass der Jüdische Rat im Zweiten Weltkrieg Listen mit Adressen von Verstecken von Juden aufgestellt habe, sagte Professor Houwink ten Cate. "Davon hab ich in 35 Jahren Forschung noch nie etwas gesehen."

Auch sehen die Historiker kein Motiv bei dem Notar. Er war nach einer historischen Studie bereits selbst im Sommer 1944 mit seiner Familie wegen drohender Deportation untergetaucht. Mit einer Anzeige beim Sicherheitsdienst hätte der Notar nach Darstellung der Historiker nur die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.

"Beweisführung so wacklig wie ein Kartenhaus"

Auch in Gesprächen mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" äußerten Historiker Zweifel. "Jemanden auf der Basis eines anonymen Schreibens des Verrats an Anne Frank und ihrer Familie anzuschuldigen, ist mehr als fragwürdig", sagte der Amsterdamer Historiker Ben Wallet. Sein Kollege Bart van der Boom von der Universität Leiden geht noch weiter. Er sagte, der Verdacht sei "verleumderischer Unsinn".

Nach Auffassung von Wallet ist "die Beweisführung des Rechercheteams so wacklig wie ein Kartenhaus". In der Nachkriegszeit habe es viele Gerüchte und Anschuldigungen gegeben, vor allem gegen Mitglieder des Jüdischen Rates. "Van den Bergh war bei Weitem nicht der einzige, den man wegen seiner Mitgliedschaft im 'Judenrat' der Kollaboration mit den Nationalsozialisten verdächtigte", so Wallet. Zwar sei nach dem Ende des Krieges gegen ihn ermittelt worden, "doch der Vorwurf, er habe versteckte Juden verraten, ist damals zu keinem Zeitpunkt erhoben worden", erklärte er.

Historiker würdigten aber auch die gründliche Untersuchung in Archiven. Eine Antwort werde es aber kaum geben, sagte David Barnouw, der jahrelang über den Verrat des Hinterhauses geforscht hatte, in Amsterdam. "Ich schätze, dass die Chance gering ist, dass man noch eine endgültige Antwort findet."

Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Spiegel-Vorab: "Theorie zu Verrat von Anne Frank: 'Verleumderischer Unsinn'"
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