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Gedenken an Giftmörderin Gesche Gottfried: Tradition oder nur ekelhaft?


Andenken an Giftmörderin
Gottfrieds Spuckstein: Tradition oder einfach nur ekelhaft?

Von Steffen Koller

22.04.2023Lesedauer: 6 Min.
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Eine historische Zeichnung der Giftmörderin Gesche Gottfried. Sie war die Tochter des Schneidermeisters Johann Timm und der Wollnäherin Gesche Margarethe Timm.Vergrößern des Bildes
Eine historische Zeichnung der Giftmörderin Gesche Gottfried. Sie war die Tochter des Schneidermeisters Johann Timm und der Wollnäherin Gesche Margarethe Timm. (Quelle: Focke-Museum Bremen)

Als Zeichen der Abscheu vor der Giftmörderin Gesche Gottfried spucken Menschen auf einen Stein – seit 200 Jahren. Warum? Und: Ist das noch zeitgemäß?

Gesche Gottfrieds Leben endete mit 46 Jahren. Am Tag ihres Todes karren Gefängniswärter die abgemagerte Frau in einem Pferdewagen auf den Bremer Marktplatz. Vor den Augen von mehr als 35.000 Schaulustigen wird sie am 6. März 1828 enthauptet. Ihr Kopf fällt auf das Pflaster des Stadtkerns, der Richter zeigt ihn der johlenden Menge, dann wird ihr Leichnam in einen Sarg gepackt und abtransportiert. Bis heute erinnert der sogenannte Spuckstein an die letzte Hinrichtung in Bremen – und an die Massenmörderin Gesche Gottfried.

15 Menschenleben, so überliefert es die Geschichte, hat Gottfried auf dem Gewissen. Ermordet mit Gift. Sie löscht ein Leben nach dem anderen aus. Unter den Toten sind zwei ihrer Töchter und ein Sohn, auch ihr Vater und zwei Brüder sterben durch ihre Hand, außerdem ein dreijähriges Mädchen.

Bis heute gilt Gesche Gottfried, geboren am 6. März 1785, als die bekannteste Bremerin überhaupt. Und bis heute wird über ihre Motive gerätselt. 15 Tote, dazu 19 schwer erkrankte Menschen, alle vergiftet mit Arsen, dem seit der Spätantike meist verwendeten Mittel, um Menschen zu ermorden.

Sie tötet ihren Mann – dann folgt die Mutter

Ihren ersten Mord begeht Gottfried im Jahr 1813. Das Opfer: ihr Ehemann Johann Miltenberg. Etwa ein Jahr zuvor schenkt ihr ihre Mutter Gesche Margarethe Timm ein Säckchen mit Arsen. Sie soll damit eigentlich die Ratten im Haus töten. Doch sie nutzt es, um Menschen umzubringen. Nur zwei Jahre später wird ihre Mutter das am eigenen Leib erfahren, auch sie vergiftet Gottfried.

Bis zum 5. Juni 1817 begeht die zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alte Frau sechs weitere Morde. Darunter sind ihre beiden Töchter Johanna und Adelheid, ihr Vater Johann, ihr Sohn Heinrich und einer ihrer Brüder, Johann Timm. Auch ihr zweiter Ehemann Michael Christoph Gottfried stirbt durch das Gift.

Viele Bremerinnen und Bremer sind erschüttert und stellen sich die quälende Frage: Geht ein Serienmörder durch die Stadt? Dass es Gottfried selbst ist, die einen nach dem anderen vergiftet, das mag keiner so recht glauben. Und gerade weil die junge Frau sich augenscheinlich so rührend um ihre Familie kümmert, erhält sie den Spitznamen "Engel von Bremen". Dabei ist sie alles andere als engelhaft.

Sechs Jahre Pause, dann geht das Morden weiter

Sechs Jahre lange ist Pause. Die Angst weicht dem Alltag, die Erinnerungen an die Morde verblassen. Doch das Grauen kehrt am 1. Juni 1823 zurück. Paul Thomas Zimmermann, der Verlobte von Gesche Gottfried, stirbt. Dann folgen die Musiklehrerin Anna Lucia Meyerholz und Gottfrieds Nachbar Johann Mosees (beide 1825).

Eine Flasche mit Arsen.
Eine Flasche mit Arsen. (Quelle: IMAGO/Zoonar.com/Roy Henderson)

Arsen – "Das Erbschaftspulver"

Arsen ist ein toxisches Halbmetall, das vor allem bei der Gewinnung von Kupfer und Blei als Nebenprodukt oder bei der Kohleverbrennung entsteht. Akute Vergiftungssymptome sind Krämpfe, Übelkeit, Erbrechen, innere Blutungen, Durchfall und Kreislaufversagen. Seit der Spätantike wurde das Gift immer wieder als Mordwerkzeug benutzt. Weil es geruchs- und geschmacklos ist, ließ sich das Pulver gut unter Lebensmittel mischen. Zudem waren die Symptome einer Vergiftung kaum von denen der Cholera zu unterscheiden. Das Gift erhielt daher auch den Namen "Erbschaftspulver" ("poudre de succession").

Bis 1827 geht das so weiter. Immer wieder sterben nahe Angehörige und Freunde der Frau, auch die dreijährige Tochter ihrer Magd wird zum Opfer. Ihr letzter Mord ist auf den 24. Juli datiert. Gottfried vergiftet ihren langjährigen Freund Friedrich Kleine in Hannover. Es ist der einzige Mord außerhalb Bremens – und markiert das Ende der schrecklichen Serie an unheimlichen Todesfällen.

Zurückzuführen ist Gottfrieds Entdeckung wohl auf ihren Vermieter Johann Christoph Rumpff. Neben Gerüchten um Gottfrieds Täterschaft, die in Bremen die Runde machen, jedoch keinen Beweis für die Schuld der Giftmörderin liefern, ist es er, der nach einiger Zeit etwas Handfestes erbringt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Festnahme an ihrem Geburtstag

Vermieter Rumpff entdeckt etwas Verdächtiges an einem Stück Schinken. Weiße Reste eines Pulvers kleben am Fleisch, der Mann wird misstrauisch und übergibt seinen Fund an den Mediziner Gottfried Wilhelm Luce. Der Arzt untersuchte zuvor bereits Verstorbene aus dem Umkreis von Gesche Gottfried. Damals bemerkte er jedoch nichts von den Giftmorden. Doch jetzt liegt der Beweis vor: Es ist Arsen, was am Schinken klebt. Die Giftmörderin ist überführt.

Am 6. März 1828 – ihrem Geburtstag – wird sie verhaftet und ins Detentionshaus am Ostertor gebracht, vielen Bremern heute als Wilhelm-Wagenfeld-Haus bekannt. Mehr als drei Jahre später ist sie tot. Hingerichtet auf dem Bremer Marktplatz, in Sichtweite des Doms. Heute erinnert nur noch der sogenannte Spuckstein an ihre Person und ihre Taten. Doch wie lange noch?

Zurzeit formiert sich eine Initiative in der Stadt, die den Basaltquader entfernen lassen will. Federführend, so mehrere Berichte, ist dabei die Bremerin Juditha Friehe. Regelmäßig legt sie bedruckte Zettel am Spuckstein ab. Darauf steht unter anderem: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch für Gesche Gottfried. Der Stein gehört ins Museum." Auch Kerzen und Blumen legt sie direkt neben den Stein. Zum Teil komme sie täglich und schaue nach, ob die Sachen dort noch liegen, sagte sie der "Tageszeitung" (taz).

"Haltet die Bremer bitte nicht für ungehobelte Menschen"

Als Zeichen der Abscheu gegenüber den schrecklichen Verbrechen spuckten die Menschen vor allem bis zum Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig und viel auf den Stein. Dieses Ritual hält sich bis heute. Die Bremer Wirtschaftsförderung schreibt dazu auf der Stadtportal-Seite: "Haltet die Bremer bitte nicht für ungehobelte Menschen, wenn ihr mal beobachtet, wie sie auf den Domshof spucken."

Ähnlich wie Friehe sehen das Spucken aber auch immer mehr Stadtführer problematisch. Wie die "taz" berichtet, raten diese Touristen mittlerweile öfter, vom Spucken abzusehen. Anders jedoch die Debatten im Netz. Nutzer diskutieren ausgelassen, Pro und Contras fliegen umher, der Ton ist rauer.

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Das Regionalmagazin "buten un binnen" hatte Mitte Februar eine Umfrage zum Thema gestartet. Ergebnis: Von 2.146 Befragten gaben 52,5 Prozent an, das Spucken sei "eine Bremer Tradition und gehört zur Stadtgeschichte". 26,2 Prozent empfinden das Spucken als "unwürdige Tradition", 21,3 Prozent wollen den Stein sogar im Museum sehen.

Gottfried narrte alle

Für die Menschen des 19. Jahrhunderts wäre ein solcher Vorstoß wohl undenkbar gewesen. Die Wut, der unbändige Zorn auf die Giftmörderin war riesig. Dieser Verachtung wollten sie Ausdruck verleihen.

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Das lag wahrscheinlich nicht nur an der hohen Zahl von Todesopfern und schwer Erkrankten, die Gottfried hinterlassen hatte. Womöglich war es auch die Art und Weise, wie sie mordete – und ihre Umwelt zum Narren hielt.

Vielen ihrer Opfer mischte sie das Gift mithilfe sogenannter "Mäusebutter" unters Essen. Mit einer Mischung aus Butterschmalz und Arsen ermordete sie insgesamt sieben Menschen. Und lange Zeit bleibt das vollkommen unbemerkt. Viele Bremer haben vielmehr Mitleid mit der jungen Frau, war sie es doch, die einen Familienangehörigen nach dem anderen zu Grabe tragen musste. Das falsche Spiel der Gesche Gottfried – bis heute hallt es nach.

Über das Motiv wird bis heute gerätselt

Warum Gottfried so viele Menschen tötete und auch vor den eigenen Verwandten, sogar ihren eigenen Kindern, nicht Halt machte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Ein Richter schreibt vier Monate nach ihrer Verhaftung: "Eine Charakteristik der Inculpatin (Angeklagte, Anmerkung der Redaktion) zu geben, scheint mir bis jetzt eine Aufgabe, die an's Unmögliche gränzt."

Ihre möglichen Motive beschäftigen die Menschen bis in die Gegenwart. Doch auch damals rätselten die Bremer schon ausgiebig zu ihren Beweggründen. Mal seien es Geldsorgen gewesen, mal "Wollust" oder "sexuell motivierte Eitelkeit und ein Hang zu egozentrischer Sentimentalität", mutmaßte ein Nervenarzt 1913. So steht es im Buch "Reise in Bremens Vergangenheit" von 1963.

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Möglich sei auch, dass Gottfried mordete, um Mitleid zu erhaschen oder sich gegenüber ihren Opfern als Wohltäterin aufzuspielen. Sie selbst, so geht es aus historischen Aufzeichnungen hervor, behauptete einst, aus einem Drang, einem Trieb gehandelt zu haben. Diesen habe sie sich jedoch nicht erklären können. Ein psychiatrisches Gutachten über sie wurde nie erstellt.

Was wird aus dem Spuckstein?

Wie es mit dem Spuckstein weitergeht, ist bislang unklar. Zwar habe die 54-jährige Juditha Friehe mit ihren Aktionen schon jetzt Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen und somit auch Menschen davon abhalten können, weiter auf den Stein zu spucken. Dass der Stein nun tatsächlich auf absehbare Zeit ins Museum wandert, scheint zumindest sehr fraglich.

Auch Peer Meter, Autor des Buches "Gesche Gottfried. Eine Bremer Tragödie", fordert, den Stein vom Domshof zu verbannen. Es sei "eine ekelhafte Sache, auf eine psychisch Kranke hinunter zu speien", sagte er dem "Weser Kurier". Allerdings bezweifelt auch er, dass es dazu kommen wird. Bereits vor 30 Jahren gab es erste ernsthafte Bemühungen, den Stein zu entfernen. Passiert ist seitdem nichts.

Sobald es wärmer wird, will Juditha Friehe Unterschriften sammeln und eine Petition für die Entfernung des Steins ins Leben rufen. Ob das klappt, steht in den Sternen. Der Gottfried-Experte Peer Meter sieht jedenfalls kaum Aussichten auf Erfolg. Der einfache Grund, so sagte er es dem "Weser Kurier": "Der Spuckstein ist eben eine große Touristenattraktion."

Verwendete Quellen
  • Peer Meter: Gesche Gottfried – Eine Bremer Tragödie (2010)
  • weser-kurier.de: "Diskussion um Entfernung des Bremer Spucksteins neu entbrannt" (kostenpflichtig)
  • taz.de: "Respekt für alle"
  • bremen.de: Spuckstein
  • stern.de: "Es ist wohl mehr Trieb als Absicht": Wie der "Engel von Bremen" zur Giftmörderin wurde"
  • butenunbinnen.de: "Ist das Spucken auf den Bremer "Spuckstein" eine unwürdige Tradition?"
  • fr.de: "Mörderin ohne Grund"
  • bremerfrauengeschichte.de: Gesche Margarethe Gottfried, geb. Timm
  • umwelt.niedersachsen.de: Arsen
  • Eigene Recherche
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