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Fl├╝chtlingshelfern geht die Puste aus

Kristin Hermann

18.05.2022Lesedauer: 6 Min.
Olga Kovalenko: Vereinsgr├╝nderin und Namensgeberin f├╝r die Initialen in "O.K. Human Rights Ukraine".
Olga Kovalenko: Vereinsgr├╝nderin und Namensgeberin f├╝r die Initialen in "O.K. Human Rights Ukraine". (Quelle: Kristin Hermann)
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Seit Beginn des Krieges leistet der Verein "O.K. Human Rights Ukraine" Hilfe f├╝r Menschen in der Ukraine und Gefl├╝chtete in Bremen. Obwohl der Bedarf nach wie vor gro├č ist, sto├čen die Ehrenamtlichen inzwischen an ihre Grenzen. Sie w├╝nschen sich mehr Unterst├╝tzung von offizieller Seite.

Die Schlange vor der "Help Base" ist bereits eine Stunde vor der offiziellen ├ľffnungszeit lang. Viele der ukrainischen Gefl├╝chteten, die dort warten, kommen derzeit in den nahegelegenen Messehallen 6 und 7 unter und ben├Âtigen Kleidung und andere Dinge des t├Ąglichen Bedarfs, die sie auf der Flucht vor dem russischen Angriffskrieg nicht mitnehmen konnten. Die Kleiderkammer, die aus mehreren R├Ąumen besteht, wird am Ende des Tages wieder fast leer sein.

In einem Geb├Ąude des Energieversorgers SWB hat der Verein "O.K. Human Rights Ukraine" (OKHRU) in der Findorffstra├če 11 einen Anlaufpunkt geschaffen, den nach Angaben der Mitglieder etwa 100 bis 150 Menschen pro Tag aufsuchen. Von Dienstag bis Freitag finden sie in den R├Ąumlichkeiten neben Kleidung und Schuhen unter anderem auch Kinderwagen, Bettw├Ąsche oder Koffer.

Hinzu kommen seit neuestem Freizeitangebote f├╝r Kinder und Erwachsene: Malen, Basteln oder kleinere Willkommenskurse, um zum Beispiel die deutsche B├╝rokratie besser zu verstehen. "Diejenigen, die mittlerweile eine Unterkunft und Kleidung haben, wollen sich jetzt integrieren", sagt Olga Kovalenko, die den Verein Ende M├Ąrz zusammen mit ihrem Partner gegr├╝ndet hat.

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Bremen: Ukraine-Helfende sto├čen an finanzielle Grenzen

Innerhalb k├╝rzester Zeit bauten die geb├╝rtige Ukrainerin und ihre Mitstreiter eine gro├če Community auf. "Wir standen zun├Ąchst alle unter Schock und haben pausenlos geweint", erz├Ąhlt die 30-J├Ąhrige. "Dann sind wir aber relativ schnell an den Punkt gekommen, wo wir uns ablenken und etwas Sinnvolles tun wollten." Mithilfe von Lkw und Sprintern schickten sie bisher etwa 300 Tonnen Hilfsg├╝ter in die Ukraine und schufen in Bremen mehrere Angebote f├╝r die Ankommenden.

Doch den Mitgliedern des Vereins geht langsam die Puste aus: "Sollte sich nicht zeitnah etwas ├Ąndern, k├Ânnen wir unser jetziges Pensum wahrscheinlich nur noch wenige Wochen aufrechterhalten", erz├Ąhlt Kovalenko. Das liege vor allem daran, dass viele der Freiwilligen seit Wochen Zeit und privates Geld in den Verein stecken und ihren eigentlichen Berufen nicht mehr nachkommen k├Ânnen. "Viele von uns haben unbezahlten Urlaub genommen oder sich freistellen lassen", sagt Kovalenko.

Der Hilfsverein stellt auch einen Spielraum zur Verf├╝gung: Die Helfenden haben Kontakt zu mehreren Tausend Ukrainern.
Der Hilfsverein stellt auch einen Spielraum zur Verf├╝gung: Die Helfenden haben Kontakt zu mehreren Tausend Ukrainern. (Quelle: Kristin Hermann)

Verein w├╝nscht sich schnelle und pragmatische Hilfe

Die 30-j├Ąhrige selbstst├Ąndige Ingenieurin sei selbst seit zwei Monaten nicht mehr im Dienst. "Auch wenn man seinen Lebensstandard einschr├Ąnkt ÔÇô laufende Kosten hat man weiterhin", sagt sie. Mehrere Tausend Euro h├Ątten die Ehrenamtlichen bereits aus eigener Tasche in den Verein gesteckt. "Bei mir sind es sicherlich zwischen 5.000 und 6.000 Euro", sagt Svetlana Kotelnikova, die zu den Mitgliedern der ersten Stunde z├Ąhlt.

Besonders die Tankkosten f├╝r Fahrten innerhalb der Stadt und die Transporte in die Ukraine gingen ins Geld. Die Ehrenamtlichen sind entt├Ąuscht dar├╝ber, bisher nicht mehr Unterst├╝tzung von offizieller Seite erhalten zu haben. "Wenn man so viel Arbeit leistet und die Stadt so unterst├╝tzt, dachte ich, dass auch etwas zur├╝ckkommt", sagt Olga Kovalenko.

Auch Svetlana Kotelnikova w├╝nscht sich schnelle und pragmatische Hilfe. "Es m├╝ssen ja keine neuen Fahrzeuge angeschafft werden, aber es stehen doch sicherlich ein paar Sprinter rum, die mitgenutzt werden k├Ânnen", sagt sie. Bisher m├╝ssen die Mitglieder sich einen alten Bus teilen, den einer der Freiwilligen zur Verf├╝gung gestellt habe, wie sie erz├Ąhlt. "Wir ben├Âtigen aber mehr Fahrzeuge", sagt Kotelnikova.

Helfende in Kontakt mit mehr als 3.000 Gefl├╝chteten via Chat

Zus├Ątzlich zu der Anlaufstelle in der Findorffstra├če verf├╝gt der Verein n├Ąmlich ├╝ber ein Lager in der ├ťberseestadt, das ihnen von der Firma Zech Logistics kostenlos zur Verf├╝gung gestellt wird. Dort sammeln sie unter anderem Spenden, die direkt in die Ukraine geschickt werden. Zudem seien die Mitglieder in mehreren Fl├╝chtlingsunterk├╝nften der Stadt aktiv und w├╝rden beispielsweise bei der Verteilung von Sachspenden oder ├ťbersetzungsarbeiten helfen.

Dass die Arbeit der Freiwilligen zeitintensiv ist, verdeutlicht auch eine andere Zahl: Der Verein steht laut eigenen Angaben ├╝ber den Nachrichtendienst Telegram mit mehr als 3.000 Gefl├╝chteten in Bremen in Kontakt und beantwortet aufkommende Fragen. Zum Vergleich: Laut Angaben des Sozialressorts halten sich derzeit etwa 7.500 Gefl├╝chtete aus der Ukraine im Land Bremen auf, davon 5.700 in Bremen und 1.800 in Bremerhaven.

Wie wichtig die Arbeit des Vereins ist, wurde den Ehrenamtlichen in den vergangenen Wochen von verschiedensten Seiten attestiert ÔÇô unter anderem von h├Âchster Stelle. So war Bremens B├╝rgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) Mitte April in der "Help Base" vor Ort und sagte: "Es ist einfach unglaublich, was die Ehrenamtlichen hier leisten."

Das Bremer Rathaus hat eine Ukraine-Flagge gehisst: Die Helfenden w├╝rden sich mehr Unterst├╝tzung von offizieller Seite w├╝nschen.
Das Bremer Rathaus hat eine Ukraine-Flagge gehisst: Die Helfenden w├╝rden sich mehr Unterst├╝tzung von offizieller Seite w├╝nschen. (Quelle: Richard Wareham/imago-images-bilder)

Neben den sieben festen Vereinsmitgliedern, die die Hilfsangebote koordinieren, sind laut Kovalenko bis zu 300 Freiwillige im Einsatz, unter ihnen auch zahlreiche Ukrainer, die erst seit wenigen Wochen in Bremen leben.

"Nur mit Lob kann niemand seinen Tank f├╝llen"

Auch die sozialpolitische Sprecherin der Bremer CDU-Fraktion, Sigrid Gr├Ânert, hat sich in den vergangenen Wochen ein Bild von der Arbeit des Vereins gemacht und kann nicht nachvollziehen, warum man sie nicht mehr unterst├╝tzt. "Der Verein ist gut aufgestellt und arbeitet strukturiert. Die Arbeit der Ehrenamtlichen ist ein wichtiger Integrationsfaktor", so Gr├Ânert.

"Nur mit Lob, selbst wenn es vom B├╝rgermeister kommt, kann niemand seinen Tank f├╝llen, um Hilfsg├╝ter zu transportieren oder zum ├ťbersetzen zu fahren. Dieser Verein braucht dringend Geld, um seinen Dienst weiterzumachen", kommentiert die CDU-Politikerin einen Beitrag des Senats bei Instagram.

Der Verein habe sich bereits mit Schreiben an die Sozialbeh├Ârde und den B├╝rgermeister mit der Bitte um Unterst├╝tzung gewandt ÔÇô bisher nur mit m├Ą├čigem Erfolg, sagen Kovalenko und ihre Mitstreiter. So habe eine Vertreterin der Sozialbeh├Ârde zwar ├╝ber m├Âgliche F├Ârderm├Âglichkeiten informiert, diese h├Ątten sich aber gr├Â├čtenteils auf F├Ârdert├Âpfe bei privaten Stiftungen bezogen, deren Antr├Ąge h├Ąufig lange Vorlaufzeiten ben├Âtigen. "Diese Zeit haben wir aktuell nicht", sagt Kovalenko.

Aus der Sozialbeh├Ârde hei├čt es auf Nachfrage dazu: "Die Arbeit des Vereins 'O.K. Human Rights Ukraine' f├╝r Gefl├╝chtete aus der Ukraine ist sehr beeindruckend und ein herausragendes Beispiel f├╝r zivilgesellschaftliches Engagement in unserer Stadt."

Stadt Bremen beruft sich auf begrenzte Mittel

Die Mittel, die die Stadt zur Verf├╝gung stellen k├Ânne, seien jedoch begrenzt. "Den Wunsch, sehr schnell finanzielle Unterst├╝tzung zu bekommen, kann ich nachvollziehen", sagt Wolf Kr├Ąmer, Sprecher im Sozialressort. "Als ├Âffentliche Hand k├Ânnen wir solche Mittel aber nicht freih├Ąndig vergeben, sondern m├╝ssen ÔÇô auch aus Gr├╝nden der Fairness und Transparenz ÔÇô die bew├Ąhrten Verfahren einhalten."

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Eine Option der F├Ârderung seien etwa der Stadtteilfonds zur Teilhabe von gefl├╝chteten Menschen. "Hier haben wir gerade erst die neue F├Ârderrunde mit einem Gesamtvolumen von 82.000 Euro ausgeschrieben", so Kr├Ąmer weiter.

Hier wird Kleidung f├╝r die Gefl├╝chteten gesammelt: Der Verein musste bereits f├╝r einige Tage schlie├čen, weil die Spenden ausblieben.
Hier wird Kleidung f├╝r die Gefl├╝chteten gesammelt: Der Verein musste bereits f├╝r einige Tage schlie├čen, weil die Spenden ausblieben. (Quelle: Kristin Hermann)

Der Verein will sich zwar auf den neuen Stadtteilfonds bewerben, glaubt aber nicht daran, dass die Mittel langfristig ausreichen w├╝rden: "In der ersten F├Ârderrunde haben Projekte bis zu 1.500 Euro bekommen ÔÇô damit kommen wir nicht weit", sagt Kovalenko. Sie erhoffe sich vielmehr eine langfristige und intensivere Zusammenarbeit mit der Stadt. "Die Integrationsarbeit wird Bremen noch eine ganze Weile besch├Ąftigen. Wir k├Ânnten dabei eine wichtige Vermittlungsrolle ├╝bernehmen. Einige von uns w├╝rden sich auch gerne langfristig und in Vollzeit engagieren."

Uneinigkeit ├╝ber Hilfseinsatz bei Tr├Ągern

Etwas mehr Anerkennung w├╝nscht sich "O.K. Human Rights Ukraine" indes auch von den Tr├Ągern der Fl├╝chtlingshilfe, f├╝r die sie unterst├╝tzend im Einsatz sind. Laut eigenen Angaben helfe der Verein unter anderem in der Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Lindenstra├če und in den Notunterk├╝nften des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). "Das verlief bisher leider eher einseitig", sagt Olga Kovalenko.

Bei den Tr├Ągern selbst sieht man das etwas anders. "Der Verein spielt f├╝r Einrichtungen der AWO Bremen im Bereich Asyl, die im Auftrag der Sozialbeh├Ârde betrieben werden, keine Rolle", teilt Anke Wiebersiek, Sprecherin der AWO Bremen, auf Nachfrage mit. Es gebe lediglich gelegentlich einen Austausch mit Vertretern von "Gemeinsam in Bremen", einem tr├Ąger├╝bergreifenden Projekt f├╝r ehrenamtliches Engagement im Fl├╝chtlingsbereich, das von der AWO Bremen koordiniert wird.

Beim ASB sch├Ątzt man den Einsatz des Vereins unterdessen mehr. "OKHRU ist ein hilfreicher Kooperationspartner, wenn es um Sachspenden f├╝r unsere Notunterkunft in der Messehalle 6 und 7 geht", sagt ASB-Sprecher Julian Thies. "Zudem freuen wir uns, dass der Austausch zwischen dem Verein, den von uns betreuten Menschen und den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern des ASB auf vielen Ebenen positiv zu bewerten ist." Inzwischen seien auch Angebote gemacht worden, die Freiwilligen finanziell oder auf anderem Wege zu unterst├╝tzen.

Hilfsstelle musste aus Mangel an Spenden erstmals schlie├čen

Neben finanzieller Unterst├╝tzung hofft der Verein in den kommenden Wochen zudem wieder auf mehr Sachspenden, um weiter Hilfsg├╝ter in die Ukraine schicken zu k├Ânnen. "Die Spendenbereitschaft war am Anfang enorm und sehr beeindruckend. Mittlerweile gew├Âhnen sich leider viele an den Krieg, dabei ist der Hilfebedarf nach wie vor riesig", sagt Kovalenko.

F├╝r den Transport in die Ukraine w├╝rden vor allem haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel ben├Âtigt. Den Ankommenden in Bremen fehle es derzeit vor allem an Sommerbekleidung und Schuhen. "Diese Woche mussten wir die 'Help Base' das erste Mal f├╝r einige Tage schlie├čen, weil wir nicht mehr ausreichend Kleidung haben. Wir hoffen sehr, dass sich das wieder ├Ąndert."

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Von Mara Schumacher
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