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Essen: Wie mich Corona mit meiner Oma versöhnte

Einsamer Tod  

Wie Corona mich mit meiner Oma versöhnte

Von Thomas Schneider*

14.01.2021, 05:22 Uhr
Essen: Wie mich Corona mit meiner Oma versöhnte. Eine alte Dame sitzt im Rollstuhl in einem Pflegeheim (Symbolbild): Der Autor hat seine Großmutter durch Covid-19 verloren. (Quelle: imago images/Karina Hessland)

Eine alte Dame sitzt im Rollstuhl in einem Pflegeheim (Symbolbild): Der Autor hat seine Großmutter durch Covid-19 verloren. (Quelle: Karina Hessland/imago images)

Meine Großmutter und ich hatten eine komplizierte Beziehung. Wegen unseres Zerwürfnisses haben wir über Jahre kaum miteinander geredet. Dann kam Corona – und eine plötzliche Wende.

"Du bist für mich gestorben" – fast wäre das der letzte Satz gewesen, den ich meiner Großmutter Jahre vor ihrem Tod sagte. Es war Weihnachten 2014 und es waren viele Gründe, teils Jahrzehnte zurück, die mich zu diesem Satz gebracht hatten. Intrigen spinnen, sich in die Beziehung meiner Eltern einmischen, der Versuch, mich gegen meinen Vater auszuspielen – so war meine Oma. 

Sie verhielt sich nicht selten rücksichtslos, rauchte im Beisein meines Großvaters – der seiner Vergangenheit als Bergmann geschuldet an Staublunge litt – bis zu dessen Tod täglich Kette. Wegen dieser und anderer Rücksichtslosigkeiten sprachen wir beide in den vergangenen sechs Jahren nur wenig miteinander. Ein kurzes "Hallo!" und "Auf Wiedersehen!" an Feiertagen oder auf Familienfeiern, mehr war da nicht.

Hinzu kam eine fortschreitende Demenz meiner Großmutter, die bereits 2016 diagnostiziert worden war. An Weihnachten 2019 hatte sie bereits Probleme, die Gesichter unserer Familienangehörigen zu erkennen. Es war das erste Mal als Erwachsener, dass die Wut auf meine Oma in mir Mitleid Platz machte. Erstmals seit vielen Jahren war diese typische Härte, die ich immer mit ihrem Verhalten assoziiert hatte, aus ihrem Gesicht verschwunden. Stattdessen sah ich nur noch eine alte, faltige Dame mit traurigen Augen. Jemand, der mehr in sich trug als Rücksichtslosigkeit und Egoismus.

Der Test verändert alles in mir

Meine Großmutter lebte zuletzt in einer Senioreneinrichtung im Ruhrgebiet, Familienbesuch war nur noch eingeschränkt möglich. Und so sollte Weihnachten 2019 das letzte richtige Treffen zwischen ihr und mir bleiben. Denn Anfang Dezember 2020 gab es einen Corona-Fall in ihrem Altenheim. Bei einem Routine-Test wurde auch bei ihr das Virus diagnostiziert. Als meine Mutter mir Bescheid gab, hatte ich erstmals seit meiner frühen Kindheit ein mulmiges Gefühl beim Gedanken an meine Oma. Sie war aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters, ihrer Diabetes-Erkrankung und ihres Übergewichts eine klare Risikopatientin. Doch trotz allem, was geschehen war und zwischen uns stand, wollte ich nicht, dass es ihr schlecht ging.  

Mit dem mulmigen Gefühl kamen bereits vergessen geglaubte Erinnerungen zurück an die Oberfläche. Ich dachte viel über das "Früher" nach, die Zeit, in der ich als Grundschüler oft nach der Schule zum Essen bei meinen Großeltern war, da meine Eltern beide berufstätig waren. Ich sah mich durch Omas und Opas Garten rennen, uns drei zum Minigolf fahren, sah meine Oma für die ganze Familie kochen. Statt Gemeinheiten war da eine Familie, statt Wut war kindliche Leichtigkeit mein Begleiter. Im Angesicht des Todes mag man vieles verklären, das wird auch bei mir so sein, doch mich von meiner Wut zu trennen, erleichterte mich in diesen aufwühlenden Tagen ungemein.

Abschied per Video

Nach einigen Tagen ohne Corona-Symptome wurde meine Großmutter mit Fieber und starkem Husten ins Krankenhaus eingeliefert. Besuche waren auch im Krankenhaus unmöglich. Also nahmen wir mit der ganzen Familie eine Videobotschaft auf: Ich sagte ihr darin, dass das Leben zu kurz sei, um immer nur wütend zu sein. Und meinte es genauso. Ich wollte, dass sie weiß, dass ich ihr vergeben habe und dafür bete, dass sie gesund wieder aus dem Krankenhaus herauskommt.

Doch ihr Zustand verschlechterte sich in der Klinik rapide. Bereits am zweiten Tag musste sie an eine Beatmungsmaschine angeschlossen werden. Kurz vor Weihnachten starb meine Großmutter im Alter von 82 Jahren an Covid-19. Fast genau auf den Tag sechs Jahre nachdem ich ihr gesagt hatte, sie sei für mich gestorben. Weder sie noch ich konnten ungeschehen machen, was nun mal geschehen war, aber ich bin froh, dass nicht dieser Satz der letzte war, der zwischen uns geblieben ist.

Der einsame Tod

Der Heiligabend im Corona-Jahr war für viele Familien anders –  unserer war es in besonderem Maße. Vor allem der Gedanke, dass meine Großmutter einsam und ohne auch nur eine ihrer Töchter im Krankenhaus eingeschlafen war, machte uns allen zu schaffen.

In den vergangenen Jahren hatte sie aufgrund ihrer Demenz oft auf ihrem Bett gesessen und Schokolade verlangt, "weil ihr das zustehe". Dass sie kurz zuvor bereits ein Stück bekommen hatte, war ihr nicht mehr bewusst. Meine Tante beschrieb am Weihnachtsabend, dass sie die ganze Zeit meine Oma vor Augen habe, wie sie auf ihrem Krankenhausbett nach Schokolade fragt, ohne dass es jemand versteht. Meine Oma, diese fast schon ungesund selbstbewusste Frau, in den Stunden ihres Todes völlig hilflos und allein – das wollte in keinem unserer Köpfe zusammenpassen.

Frieden geschlossen

Meine Großmutter war keine einfache Person, aber sie ist – auch oder gerade am Ende – der Mensch, der meine Mutter zur Welt gebracht hat. Und trotz ihres späteren Verhaltens war sie ihren Kindern eine gute Mutter, die in der Erziehung vieles richtig gemacht hat. Genau diese Seite von ihr stand auch im Mittelpunkt der Beerdigung.

Es hat lange gedauert, bis ich dies erkennen und auch aufhören konnte, ihr Verhalten und das Geschehene zu hinterfragen. Auch wenn ich weiß, dass man nicht vergessen kann und all das mein Leben und Verhalten für immer prägen wird. Aber ich kann nun mit dem Wissen leben, meiner Oma vergeben zu haben. Auch wegen Corona.

* Der Autor des Textes hat um Anonymität gebeten. Der Name ist der Redaktion bekannt. Wir haben ihn durch ein Pseudonym ersetzt.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Beobachtungen

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