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Köln-Volkhoven: Das Flammenwerfer-Attentat heute vor 60 Jahren


Heute vor 60 Jahren
Als der Feuerteufel von Köln-Volkhoven Amok lief


11.06.2024Lesedauer: 6 Min.
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Walter Seifert, Feuerteufel von Köln-VolkhovenVergrößern des Bildes
Walter Seifert (Archivbild): Gutachter beurteilten ihn als "psychisch abwegig". (Quelle: murderpedia.org)

Am 11. Juni 1964 spielt sich in Köln-Volkhoven eine Tragödie ab: Ein Mann läuft in einer Grundschule Amok, er tötet acht Kinder und zwei Lehrerinnen.

"Der 11. Juni 1964 war ein sehr heißer Tag", erinnert sich Peter Ohren, "es war nicht so ein verregneter Sommer, wie wir ihn heute haben." Der 84-Jährige sitzt am Esstisch seiner Porzer Wohnung, der Rhein führt Hochwasser. Er spricht über jenen Tag vor 60 Jahren, an dem Walter Seifert, der "Feuerteufel von Volkhoven", an einer Volksschule Amok lief. "Die Erinnerungen daran kann man nicht abschütteln wie ein Hund das Regenwasser", sagt Ohren.

1964 war Ohren 23 Jahre alt und als OP-Pfleger im Kinderkrankenhaus an der Amsterdamer Straße tätig. Er machte gerade eine Pause im Aufenthaltsraum, als ein Anruf kam, der sein Leben verändern sollte: "Uns wurde gesagt, dass eine Schule brennt", erzählt er, "wir wussten aber nicht, was Sache war." Am Nachmittag dann wurden die ersten verbrannten Kinder in die Klinik gebracht.

Walter Seifert, der sonderbare Nachbar

Walter Seifert wird am 19. Juni 1921 in Bickendorf geboren und mit zwanzig Jahren zur Luftwaffe eingezogen. Der Zweite Weltkrieg, das große Töten, ist in vollem Gange. Seifert gerät in Gefangenschaft und tritt nach Kriegsende der Kölner Schutzpolizei bei. Aufgrund einer Tuberkulose aber wird der 25-Jährige nach einem Jahr für dienstuntauglich befunden. Gleichzeitig beginnt auch der geistige Verfall des Mannes. Verschiedene Gutachten aus jener Zeit beurteilen Seifert als "psychisch abwegig" und attestieren ihm "paranoide Gedankengänge". Ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie stellt Seifert die Diagnose "eines schizophrenen Defektzustands und einer paranoiden Entwicklung" aus.

In den 50er-Jahren heiratet Seifert eine namentlich nicht bekannte Frau. Sie wird schwanger. Aber sie und das gemeinsame Kind sterben an den Komplikationen einer Frühgeburt. Seifert macht die Ärzte für die Tragödie verantwortlich. Er verfasst ein Manifest, das er an Behörden, Ärzte und Pharmaunternehmen verschickt. In diesem bezeichnet er Mediziner als Massenmörder, die "Terror" ausüben würden – darauf, so Seifert, könnte nur Gegenterror die Antwort sein: "Wer mir den Schutz des Gesetzes verweigert, zwingt mir die Keule in die Hand."

"Unheimlich und verrückt"

In seiner Nachbarschaft gilt der Mann als kinderlieb und hilfsbereit. Andere Stimmen aber sagen, Seifert habe den Verlust nie verkraftet, unheimlich und verrückt sei er geworden. Wie Seiferts Bruder Gerhard später der Polizei erklärt, habe der ältere den Plan gehabt, einen Tiefkeller unter dem Haus zu bauen. In diesem wollte Seifert kleine Mädchen festhalten und missbrauchen: "Mir ist bekannt, dass er auf Feldwegen Minderjährige überrumpeln, betäuben und sie dann [...] in unser Haus schaffen wollte", sagt Gerhard Seifert der Polizei.

Dass Seifert tatsächlich zu abscheulichen Taten in der Lage war, sollte die gesamte Stadt an jenem Donnerstagmorgen des 11. Juni 1964 erfahren. Gegen 9 Uhr setzt sich Seifert schwer bepackt auf sein Fahrrad und fährt los, den Volkhovener Weg hinauf.

"Wie menschliche Fackeln"

Die Katholische Volksschule liegt am Volkhovener Weg 209-211. An jenem Morgen befinden sich ungefähr 350 Schülerinnen und Schüler auf dem Gelände. Dann betritt Walter Seifert den Pausenhof. Auf seinem Rücken trägt der Frührentner ein Sprühgerät, wie es in der Gartenarbeit zum Einsatz kommt, um Pflanzenmittel zu verspritzen.

Lehrerin Anna Langohr ahnt nichts von dem drohenden Unheil. Die 67-Jährige unterrichtet gerade eine Klasse im Turnen, als sich Seifert mit dem Spritzgerät nähert. Dieser drückt den Auslöser und eine sechs Meter lange Flamme schießt aus der Spitze, die Seifert nun auf die Schulklasse richtet. Ein Augenzeuge wird später berichten, dass die Kinder "wie menschliche Fackeln" über den Schulhof rannten, die Haare in Flammen.

Anschließend hält Seifert seinen Flammenwerfer in mehrere Klassenräume, bis der Tank des Spritzgerätes leer ist. Er lässt es auf dem Schulhof zurück und greift zu einer selbst gebauten Lanze. Seifert attackiert die Lehrerin Gertrud Bollenrath, sticht ihr die Lanze in den Bauch. Die 61-Jährige stirbt im Krankenhaus. Sie ist eines der Opfers des Attentats, bei dem zwei Lehrerinnen und acht Kinder getötet werden.

Seifert nähert sich nun einem weiteren Klassenraum. Lehrerin Ursula Kuhr versucht gemeinsam mit einer Kollegin, den Eingang zu versperren, doch Seifert ist stärker. Er reißt die Tür auf, die 24-Jährige fällt ihm vor die Füße. Seifert rammt ihr seine Lanze zweimal in den Oberschenkel und verwundet sie durch einen Stich in den Rücken tödlich.

15 Kinder kommen in die Klinik

Der ehemalige OP-Pfleger Peter Ohren denkt oft an den 11. Juni 1964. Die Bilder von damals wühlen ihn auch heute noch auf, 60 Jahre später: "Am Nachmittag kamen dann die ersten schwerst verbrannten Kinder zu uns. Für mich war das die gravierendste Zeit überhaupt", sagt Ohren heute, der insgesamt 41 Jahre lang in der Kinderklinik tätig war und 2004 in den Ruhestand ging: "Diese Geschichte hat mich – das kann ich nicht anders sagen – an das Haus gefesselt."

Das Kinderkrankenhaus in Riehl hatte erst 1962 den Betrieb aufgenommen, eine Station für Verbrennungsopfer gab es noch nicht: "Alle nicht nötigen Operationen wurden sofort gestoppt, wir haben uns nur auf das konzentriert, was da auf uns zukam", so Ohren. Viele der 15 Kinder müssen beatmet werden, weil sie auf Grund der Verbrennungen ihrer Lungen kaum Luft bekommen. Trotz aller Bemühungen können die Pfleger, Schwestern und Ärzte aber nicht alle Kinder retten: "In der ersten Woche starb uns fast jeden Tag eines weg", sagt Ohren, legt die Brille ab und reibt sich die Augen.

Neben der Wundversorgung kümmert sich das Personal auch um die seelische Genesung der traumatisierten Schülerinnen und Schüler: "Ich habe ihnen sehr viel vorgelesen", berichtet Ohren, "man musste aber auch sehr kreativ sein, um die Kinder bei Laune zu halten – einmal habe ich mich als Nonne verkleidet und ein wenig geschauspielert, um sie zu unterhalten."

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Dennoch herrscht in den ersten Tagen nach der Tat weiterhin die Furcht in den Patientenbetten: "Die Kinder hatten Angst, dass der Mann wiederkommen könnte", erinnert sich Peter Ohren.

"Eine böse Sache"

Der Mann, Walter Seifert, kann auf seiner Flucht von der Polizei gestellt und durch einen Beinschuss gestoppt werden. Im Krankenhaus wird er vom damaligen Leiter der Kölner Mordkommission, Dr. Manfred Gundlach, zu seiner Tat befragt, die Seifert selbst "als eine böse Sache" bezeichnet. Warum er die Kinder angriff, wolle er am nächsten Tag erklären.

Diesen nächsten Tag jedoch sollte Seifert nicht mehr erleben. Um 20.30 Uhr verstirbt der "Feuerteufel von Volkhoven". Die Todesursache: Vergiftung. Seifert hatte das Insektizid E 605, im Volksmund auch "Schwiegermuttergift" genannt, getrunken, als seinem Flammenwerfer der Sprit ausgegangen war. Durch das Geständnis des Täters und die detaillierten Zeugenaussagen waren weitere Ermittlungen praktisch nicht nötig – nur das Motiv für die schreckliche Tat gab den Polizisten weiterhin Rätsel auf.

Kriminaloberrat Karl Kiehne, der den Fall betreute, schließt seinen Bericht zum Attentat mit der Einschätzung, dass Seifert wohl nach der "krankhaften" Idee handelte, sich gegen die ungerechte Gesellschaft wehren zu müssen: "Gleichzeitig wollte er sich [...] aus seiner eingebildeten Hilflosigkeit befreien, indem er sich auflehnte und seinerseits 'Macht' anwandte."

Köln-Volkhoven heute: "Wir werden sie nicht vergessen"

Noch heute ist Volkhoven eher dörflich geprägt: Hübsche Einfamilienhäuser stehen den Autos am Volkhovener Weg Spalier, die ab und an Bewegung in die friedliche Ruhe bringen. Inzwischen befindet sich unweit der ehemaligen Volksschule die Feuer- und Rettungswache 6, das Schulgelände selbst ist in seinen Grundzügen noch erhalten. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Heute sind dort Künstlerateliers untergebracht, auf dem Schulhof steht die Simultanhalle, ein 1979 errichteter Ausstellungsraum.

An das Attentat auf die Volksschule erinnert eine Gedenktafel am Hauptgebäude: "Viele wurden verletzt, acht Kinder und zwei Lehrerinnen starben. Wir werden sie nicht vergessen", steht dort geschrieben. Unter der Tafel liegt ein Blumenkranz, links und rechts davon stehen Grabkerzen: "In stillem Andenken" steht auf der Trauerschleife des Bürgervereins Köln Volkhoven-Weiler. Ein wenig weiter den Volkhovener Weg hinab liegt heute die Ursula-Kuhr-Schule, benannt nach der 24-jährigen Lehrerin, die den Schutz ihrer Schüler mit dem Leben bezahlte.

Ex-Pfleger Peter Ohren weiß, dass einige der Opfer noch heute mit den Erinnerungen zu kämpfen haben. Viele zogen weg, wenige leben noch heute in der Nähe ihrer ehemaligen Schule. Manche schrieben Bücher, andere wollen mit dem Erlebten nicht an die Öffentlichkeit gehen: "Die Kinder sind von der Tat für ihr Leben geprägt. Sie haben ja auch Brandmale davongetragen, sie sind gekennzeichnet", sagt Peter Ohren und blickt aus dem Fenster auf den Rhein.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Peter Ohren
  • Kiehne, Karl: "Das Flammenwerferattentat in Köln-Volkhoven", in "Archiv für Kriminologie, Vol. 136"; F.C.W. Vogel, 1965.
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