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Wie k├Ânnt ihr uns so missverstehen?

Ein Kommentar von Carlotta Cornelius

25.02.2022Lesedauer: 3 Min.
Ein politischer Motivwagen zum Thema Belarus und Lukaschenko steht beim Richtfest des K├Âlner Rosenmontagszug 2022. Wegen des Ukraine-Konflikts wurde der Rosenmontagszug erneut abgesagt.
Ein politischer Motivwagen zum Thema Belarus und Lukaschenko steht beim Richtfest des K├Âlner Rosenmontagszug 2022. Wegen des Ukraine-Konflikts wurde der Rosenmontagszug erneut abgesagt. (Quelle: imago-images-bilder)
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In der Ukraine w├╝tet ein Krieg und in K├Âln feiert man Karneval. Im Netz hagelt es nach dem Auftakt des Stra├čenkarnevals wie erwartet Kritik. Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.

"Ignorant", "ohne Worte", "Hauptsache Karneval" ÔÇô Kommentare wie diese flogen einem am Donnerstag auf Twitter hundertfach um die Ohren. Und man kann es verstehen: Trotz Corona und der schrecklichen Nachricht vom ├ťberfall Russlands auf die Ukraine startete am Weiberfastnachtsmorgen in K├Âln der Stra├čenkarneval.

Und auch wenn ich das Unverst├Ąndnis in den sozialen Netzwerken nachvollziehen kann, macht es mich nach den Eindr├╝cken des gestrigen Tages nicht minder w├╝tend.

K├Âln: Keinen hier l├Ąsst der Ukraine-Krieg kalt

Als geb├╝rtige K├Âlnerin und Reporterin vor Ort habe ich Weiberfastnacht intensiv und vielerorts miterlebt. In der Altstadt, in der Innenstadt, im Z├╝lpicher Viertel und auf der Solidarit├Ątsdemo am Neumarkt.

Keinen der Menschen, mit denen ich an diesem Tag gesprochen habe, lie├č die Nachricht vom Krieg in der Ukraine unber├╝hrt ÔÇô weder die Vertreter der Stadt noch das Festkomitee, die Gastwirte oder die Menschen auf der Stra├če. So war es auch Henriette Reker (parteilos), die am Morgen als erste Amtshandlung Unterst├╝tzung f├╝r die Gefl├╝chteten aus der Ukraine zusagte.

"Hauptsache Karneval" fasst die Sache zu kurz

Vielleicht muss man mit dem Karneval aufgewachsen sein, um zu wissen: Der Karneval war niemals in seiner jahrtausendealten Geschichte nur das, was man jedes Jahr in den Medien sieht: Feiern, Trinken, Exzess. Karneval war immer politisch und Karneval war immer auch Trost. Karneval ist nicht nur Brauchtum, Karneval ist ein Ventil. Und jeder begeht ihn anders.

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Man ist kaum der Krippe entstiegen, da f├Ąngt es an: Man begleitet die Eltern zum Zoch, f├Ąngt Kamelle, feiert in Kita, Schulen, Vereinen. Am Weiberfastnachtsmorgen wacht man mit kribbelndem Bauch auf und kann es kaum erwarten, sein Kost├╝m anzuziehen. Karneval ist Erinnerung an leichtere Zeiten. Karneval ist Kindheit.

Man ist jung, man will vergessen ÔÇô was erwartet ihr?

Als Jugendlicher tobt man sich aus. Alles nervt einen, die Schule, das Leben. Auf einmal wird das Leben ernster. An Karneval f├Ąhrt man nach der Schule im gro├čen Pulk in die Stadt. Fischmarkt, Z├╝lpicher Viertel. Man ist albern verkleidet, man trinkt, man gr├Âlt, man vergisst. Karneval ist Eskapismus.

Verkleidete Jugendliche sind an Weiberfastnacht auf dem Weg ins Z├╝lpicher Viertel: Nach zwei Jahren Pandemie wollen sie Spa├č haben ÔÇô und vergessen.
Verkleidete Jugendliche sind an Weiberfastnacht auf dem Weg ins Z├╝lpicher Viertel: Nach zwei Jahren Pandemie wollen sie Spa├č haben ÔÇô und vergessen. (Quelle: Dominik Sommerfeld/T-Online-bilder)

Und irgendwann ist man erwachsen, ├Ąlter, manchmal weiser geworden. An Weiberfastnacht steht man auf, stellt das Radio an und h├Ârt Karnevalsmusik. Wer sich nicht freigenommen hat, dem wird freigegeben. Es ist Fastelovend. Die ganze Stadt ist auf den Stra├čen. Karneval geh├Ârt zum Leben dazu.

Der K├Âlner Karneval ist politisch. Punkt.

Was ├╝bers Jahr die Politik aufregt, wird an Rosenmontag in Pappmach├ę gegossen. M├Ąnnern der Macht werden beim Rathaussturm von Frauen die Krawatten abgeschnitten und die Schl├╝ssel zur Stadt geklaut. Jeder kennt die Geschichte von Anno und den Fensterrahmen. Karneval ist politisch.

Und dann gibt es die Ausnahmezust├Ąnde. Nach dem Zweiten Weltkrieg feierte man in K├Âln zwischen Tr├╝mmerhaufen, n├Ąrrisch und ersch├╝ttert zugleich, wie der damalige Leiter des Festkomitees Thomas Liessem in einem denkw├╝rdigen Zitat berichtet.

Karneval ist unser Weg, um mit der Schwere klarzukommen. Und gerade deshalb tat es so weh, als er im vergangenen Pandemiejahr ausfallen musste. Karneval ist Hoffnung.

Solidarit├Ątsbekundung mit den Opfern des russischen Krieges: "Wie k├Ânnt ihr denn schie├čen? Seht ihr nicht, dass da Leute stehen?", steht auf dem Schild dieses verkleideten Mannes.
Solidarit├Ątsbekundung mit den Opfern des russischen Krieges: "Wie k├Ânnt ihr denn schie├čen? Seht ihr nicht, dass da Leute stehen?", steht auf dem Schild dieses verkleideten Mannes. (Quelle: Dominik Sommerfeld/T-Online-bilder)

Der Karneval ist nicht ignorant

Wer den Karneval nicht kennt, wird die Szenen vom Alter Markt und aus dem Z├╝lpicher Viertel nicht verstehen. Aber wenn uns die Reaktionen der Stadtleitung, des Festkomitees und der Menschen auf den Stra├čen wie am Neumarkt eines gezeigt haben, dann, dass der Karneval mitnichten ignorant ist.

Ein Satz, der mich gestern den ganzen Tag ├╝ber begleitet hat, stammt von Jungfrau Gerdemie (alias Bj├Ârn Braun), Teil des K├Âlner Dreigestirns. Den Tr├Ąnen nah, sagte sie: "Wir schunkeln nicht an den Sorgen der Menschen vorbei. Aber wir lassen uns auch nicht die Grenzen des Frohsinns von Leuten diktieren, die die Werte der Freiheit mit F├╝├čen treten!" Keinen Satz k├Ânnte ich heute mehr unterschreiben.

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Von Carlotta Cornelius
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