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Michael Köllner: "Deutschland hat Nachholbedarf in der Talentförderung"

INTERVIEWMichael Köllner  

"Das Spielerberatersystem muss transparenter werden"

Von Tobias Ruf

13.10.2018, 15:37 Uhr
Michael Köllner: "Deutschland hat Nachholbedarf in der Talentförderung". Kritisiert die Spielerberater in Deutschland: Michael Köllner. (Quelle: imago images/Zink)

Kritisiert die Spielerberater in Deutschland: Michael Köllner. (Quelle: Zink/imago images)

Nürnberg-Trainer Michael Köllner erklärt die hohen Niederlagen in der Bundesliga, sieht Defizite in der Nachwuchsförderung in Deutschland und übt deutliche Kritik am System der Spielerberater.

Nicht wenige Fans und Experten hatten den 1. FC Nürnberg als Favorit auf den Abstieg gesehen. Doch nach sieben Spieltagen steht der "Club" in der Tabelle vor Hoffenheim, Leverkusen und Schalke auf Platz zwölf. Das Team von Michael Köllner spielt offensiven Fußball, der die Fans begeistert. Der Mut der Franken hat aber auch Schattenseiten. Gegen Borussia Dortmund (0:7) und RB Leipzig (0:6) kassierte Nürnberg bittere Pleiten.

Über die beiden Niederlagen und vieles mehr sprach Michael Köllner im Interview mit t-online.de. 

t-online.de: Herr Köllner, wie beurteilen Sie den Saisonstart des 1. FC Nürnberg?

Michael Köllner: Mit acht Punkten aus sieben Spielen können wir zufrieden sein. Die zwei hohen Niederlagen gegen Dortmund und Leipzig schlagen natürlich etwas aufs Gemüt. Aber in fünf von sieben Spielen haben wir gut gespielt. Das muss man in die Beurteilung mit einbeziehen und das stimmt uns zuversichtlich für die kommenden Aufgaben.

Wie sind diese zwei hohen Niederlagen zu erklären?

In beiden Spielen haben wir ein frühes Gegentor kassiert, ein zweites gleich hinterher. Die Spiele haben dann eine Eigendynamik entwickelt, die wir nicht stoppen konnten. Daran müssen wir arbeiten. Man muss an dieser Stelle aber auch betonen, dass wir einen auf diesem Niveau unerfahrenen und auch jungen Kader haben. Entsprechend wichtig ist es jetzt, dass wir aus diesen Erlebnissen gegen die beiden Top-Teams der Liga die richtigen Schlüsse ziehen.

Wie sieht die Aufarbeitung aus?

Da kommt uns die Länderspielpause ganz gelegen. Wir sprechen viel miteinander und versuchen, nicht nur auf dem Platz, sondern auch im mentalen Bereich mit den Spielern zu arbeiten. 

Michael Köllner (r.) empfing t-online.de-Redakteur Tobias Ruf auf dem Vereinsgelände des 1. FC Nürnberg. (Quelle: t-online.de)Michael Köllner (r.) empfing t-online.de-Redakteur Tobias Ruf auf dem Vereinsgelände des 1. FC Nürnberg. (Quelle: t-online.de)

Wie geht man als Trainer damit um?

Indem ich mich auf Fehleranalyse begebe, intensiv mit der Mannschaft darüber spreche, aber auch bei mir selbst ansetze. Was bezüglich des Lernprozesses für die Spieler gilt, gilt natürlich auch für mich. Da wir hier gemeinsam etwas entwickeln wollen, dürfen wir uns nicht durch einzelne Ergebnissen von unserem grundsätzlichen Konzept abbringen lassen. Was nicht heißen soll, dass wir diese Spiele nicht kritisch aufarbeiten.

Nürnberg hat im Sommer keinen großen Transfer getätigt, hat keinen großen Namen im Team. Würde ein Star überhaupt zu Nürnberg passen?

Innerhalb des Vereins und Umfeldes haben sich einige Spieler durchaus einen Namen gemacht. Außerdem ist es ja Teil unserer Philosophie, dass wir mit unseren begrenzten finanziellen Mitteln junge Spieler entwickeln wollen. Ein Großteil unseres Kaders ist sehr jung und hat hier die Chance, sich in der Bundesliga zu etablieren. Und wer weiß, vielleicht sind sie dann in der Retrospektive "große Namen".

Sie waren viele Jahre in der Talentförderung tätig. Wie haben sich junge Spieler im Laufe der Zeit verändert?

Sie sind kompletter geworden und sind in der fußballerischen Entwicklung wesentlich weiter. Beidfüßigkeit beispielsweise gehört inzwischen zum Gesamtpaket eigentlich schon dazu, das war früher nicht der Fall. Das hängt mit der Ausbildung zusammen, die heutzutage viel breiter gefächert ist. Ob in den Vereinsstrukturen oder der Präsenz des Fußballs im Alltag. Die Professionalisierung beginnt schon im Jugendalter.

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Einhergehend mit der sportlichen Weiterentwicklung ist auch die strukturelle Entwicklung. Viele junge Spieler haben Berater, das Geld scheint schon in jüngeren Jahren eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Schon früher hatten junge Spieler Berater. Die Berater sind auch wichtig und haben ihre Daseinsberechtigung. Der Markt ist groß und entsprechend unübersichtlich. Da ist es wichtig, den jungen Spielern entsprechende Hilfestellung zu geben. Auch wenn es am heutigen System in meinen Augen noch einiges zu verbessern gibt.

Inwiefern?

Jeder kann heutzutage Spielerberater werden, das ist die falsche Herangehensweise und birgt das Risiko, dass es den Beratern nicht um die Spieler sondern um den eigenen Vorteil geht. Daher muss das System der Spielerberater transparenter und professioneller werden. Berater sollten geschult werden und auch die Auswahl, wer überhaupt diesen Job ausüben darf, sollte genauer geprüft werden. Das soll nicht heißen, dass das gesamte System gesteuert werden soll. Aber prinzipiell sind die Verbände gefordert, gewisse Grundregeln zu formulieren.

Eduard Löwen (l.) ist einer der Hoffnungsträger des FCN. Der U21-Nationalspieler treibt das Spiel aus dem Mittelfeld an. (Quelle: imago images/Zink)Eduard Löwen (l.) ist einer der Hoffnungsträger des FCN. Der U21-Nationalspieler treibt das Spiel aus dem Mittelfeld an. (Quelle: Zink/imago images)

Deutschland scheint in der Talentförderung den Anschluss an Nationen wie Frankreich oder England verpasst zu haben. Aus welchen Gründen?

Das Ausbildungssystem in Deutschland war jahrelang das Vorzeigemodell. Es gab für die Verantwortlichen keinen Grund, die Prozesse zu verändern. Spätestens mit der enttäuschenden WM ist aber klar geworden: Deutschland hat Nachholbedarf in der Entwicklung von Talenten. Das muss auf den Prüfstand gestellt werden, wir müssen uns Anregungen von anderen Nationen holen. Es geht nicht immer nur bergauf im Fußball. Und oft sind es genau diese negativen Erlebnisse, die der erste Schritt zur Besserung sind. Diese Phasen haben Länder wie Spanien, Frankreich oder England auch hinter sich.

Was hat Weltmeister Frankreich beispielsweise besser gemacht?

Die Nachwuchsförderung ist aktuell perfekt auf die Strukturen des französischen Fußballs abgestimmt. Ob die generelle Ausbildung der Spieler, die Berücksichtigung der Liga-Strukturen oder die Verteilung von jungen Spielern über Draft-Systeme. Die Franzosen haben einen auf sich ideal abgestimmten Weg gefunden. Genau da müssen auch wir wieder hin.


Wer steht da in der Verantwortung?

Wir alle. Bis runter zum Amateurbereich müssen wir alles prüfen und an entsprechenden Stellen Anpassungen vornehmen. Da sind Verbände, Vereine und auch die institutionellen Strukturen in unserem Land gefordert. Das fängt beispielsweise mit dem Schulsport an. Hier müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass wir junge Menschen für Sport begeistern und ihnen Dinge wie Beweglichkeit und Körpergefühl auf den Weg geben.

Wird uns das gelingen?

Wenn wir einen klaren Plan entwickeln, an einem Strang ziehen und unsere klugen Köpfe gezielt einsetzen, bin ich da sehr zuversichtlich.

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