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Kolumne: Weltmeister Benedikt Höwedes über sein Leben als Veganer

MEINUNGDas Leben als Veganer  

Weltmeister Höwedes: "Der Teamkoch war fassungslos"

19.04.2019, 08:06 Uhr | Eine Kolumne von Benedikt Höwedes

Kolumne: Weltmeister Benedikt Höwedes über sein Leben als Veganer. Der etwas andere Fußballprofi: Benedikt Höwedes, der aktuell in Russland für Lok Moskau spielt, ernährt sich seit einigen Jahren vegan – und das hilft ihm.  (Quelle: imago images/Jan Huebner)

Der etwas andere Fußballprofi: Benedikt Höwedes, der aktuell in Russland für Lok Moskau spielt, ernährt sich seit einigen Jahren vegan – und das hilft ihm. (Quelle: Jan Huebner/imago images)

Weshalb muss ich als Profisportler nur über meinen Beruf sprechen? Diese Frage hat sich Benedikt Höwedes gestellt. Mit seiner neuen Kolumne auf t-online.de möchte der Fußballweltmeister andere Wege gehen. Das heutige Thema: Sein Leben als Veganer. 

Wenn man als Profifußballer auf die 30 zugeht, zählt man ja schon zum alten Eisen. Und da bleibt es nicht aus, dass man länger braucht, um zu regenerieren. Doch mein Körper fing bereits vor mehr als fünf Jahren an verletzungsanfällig zu werden.

Ich erlitt während meiner Zeit auf Schalke immer wieder Muskelbündelrisse und machte mir deshalb Sorgen. Trotz des Krafttrainings mit den besten Fitnesstrainern, Rehaprogrammen auf Top-Niveau und einer Lebensweise, die größtenteils ohne durchfeierte Nächte auskam, blieb es dabei: Meine Muskeln waren extrem anfällig für Verletzungen. Ich lag teilweise längere Zeit auf der Behandlungsbank als ich auf dem Platz stand.

"Ich bin schon längst abgestillt und brauche keine Muttermilch"

"Du musst auf deine Ernährung achten!", sagten mir meine Ärzte. Doch das tat ich doch ohnehin schon. Ich ernährte mich bewusst gesund, verzichtete im Großen und Ganzen auf Süßes, Fastfood, Alkohol und Softdrink. Ich aß viel mageres Fleisch mit Gemüse, Omeletts, machte mir Proteinpulvershakes nach dem Training.

Man gab mir den Tipp, keine Milchprodukte zu essen. Milch könne Entzündungen im Körper auslösen und verstärken, die enthaltenen Hormone brächten den eigenen Stoffwechsel durcheinander und verlangsamten die Regeneration. Irgendwie erschien mir das auch damals schon logisch. Schließlich ist Kuhmilch ja nichts anderes als die Muttermilch eines sehr großen Tieres, perfekt dafür geeignet, das Junge so schnell wie möglich wachsen zu lassen.

Doch ausgewachsen bin ich schon lange, und viel wichtiger noch: Ich bin schon längst abgestillt und brauche keine Muttermilch mehr.

Als mir aber klar wurde, dass das hieße, von nun an auf Käse zu verzichten, wurde ich kurz panisch. Denn was für andere Menschen Schokolade ist, war für mich Käse. Ich liebte Käse – auf dem Brot, als Snack zwischendurch, im Restaurant statt dem Dessert. 

Ich las Studien – und war geschockt

Ich zog es trotzdem durch, schließlich stand für mich viel auf dem Spiel. Und meine Blutwerte ergaben, dass meine Cholesterinwerte deutlich zu hoch waren. Und das mit noch nicht einmal 30 Jahren. Deshalb fasste ich den Entschluss, komplett auf tierische Produkte zu verzichten. Ich las Studien, sah mir Dokumentationen an – und war geschockt. 

Ich habe, wie die meisten anderen Menschen wahrscheinlich auch, mit der Überzeugung gelebt, dass Fleisch wichtig für den Muskelaufbau ist, dass Eier wahre Nährstoffbomben sind, dass Fisch so wichtige Fettsäuren enthält. "Milch macht müde Männer munter" – wer kennt diesen Spruch nicht? Nun lernte ich, dass dies nur teilweise stimmt. All diese Produkte kommen eben in einem großen Paket, das nicht nur die gewünschten, sondern auch ziemlich ungesunde Dinge enthält. Cholesterin, Hormone, Schwermetallspuren, Antibiotika, ungesunde Fettsäuren oder fiese Keime. 

Neuorientierung im Supermarkt

Es dauerte nicht lange, und ich fühlte mich besser. Ich war weniger oft erschöpft, erholte mich schneller, fühlte mich rundum leichter und fit. Auch meine Verletzungen nahmen ab und ich konnte schnell wieder 100 Prozent auf dem Platz geben.

Klar, der Anfang war nicht unbedingt einfach. Ich musste mich im Supermarkt erstmal neu orientieren, habe eine andere Art zu kochen gelernt und musste mich an den Geschmack von Sojamilch erst einmal gewöhnen. Sich beim essen gehen mit Freunden und Kollegen als Veganer zu outen war auch anfangs merkwürdig, schließlich hat ja jeder irgendwo eine Schublade, in die er die Veganer mit all den Vorurteilen über sie steckt. Ökos, die keinen Spaß am Leben haben und mit ihrem Verzicht versuchen, sich vom Mainstream abzusetzen. Doch ich verstand schnell, dass die Angst, von anderen in diese Schublade gesteckt zu werden, unbegründet war.

Der Veganismus ist längst im Mainstream angekommen. Es ist heute so einfach wie noch nie, sich völlig tierfrei zu ernähren: Beinahe jedes Restaurant hat mindestens ein veganes Gericht auf der Karte, in den Supermärkten gibt es zig Varianten pflanzlicher Milch und ich kenne immer mehr Menschen, die einen bewussteren Umgang haben, mit dem, was sie essen. Viele ProfisportlerInnen führen ihren Erfolg auch auf ihre vegane Ernährung zurück, darunter Serena Williams, Lewis Hamilton, Serge Gnabry und Tom Brady. 

"In Russland bin ich ein Exot"

Alles in Allem war der Schritt zur veganen Ernährung wohl eine der besten Entscheidung meines Lebens. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich hier in Russland wohl wirklich der Exot bin, der von den russischen Kollegen in die hässliche Veganerschublade geschoben wird.


Der Koch meiner Mannschaft Lok Moskau war fassungslos, als ich ihm bei unserem ersten Treffen gesagt habe, dass ich keine tierischen Produkte esse. "Was kannst du denn dann überhaupt noch essen?!", fragte er mit einem so erschrockenen Gesichtsausdruck, als ob er Angst um mein Leben hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich ihm erklären konnte, dass sich mein Teller nicht großartig von dem meiner Mannschaftskollegen unterscheiden muss. Eine große Portion Gemüse, etwas zum Sattmachen wie Reis, Kartoffeln oder Quinoa und statt Fleisch eben Bohnen, Linsen oder Tofu. Gar nicht so kompliziert, trotzdem wird gelacht, wenn ich nach meiner Extraportion Salat frage.

Da stehe ich aber mittlerweile längst drüber. Ich bin heute so lange verletzungsfrei, wie schon ewig nicht mehr.

Mit besten Grüßen aus Moskau

Ihr Benedikt Höwedes

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