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Homosexualität im Fußball: Ex-Bayern-Profi aus Österreich im Interview


Homosexualität im Fußball
"Ich dachte mir: Das kann keiner erfahren"

Von William Laing

28.12.2023Lesedauer: 6 Min.
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Viktoria Schnaderbeck: Die Österreicherin spielte in der Bundesliga für den FC Bayern.Vergrößern des Bildes
Viktoria Schnaderbeck: Die Österreicherin spielte in der Bundesliga für den FC Bayern. (Quelle: IMAGO/GEPA pictures/ Armin Rauthner)

Noch immer gilt Homosexualität im Fußball als Tabuthema – zumindest bei den Männern. Bei den Frauen sieht das anders aus. Warum ist das so? Eine Spielerin und ein Spieler erzählen von ihren Erfahrungen.

Im vergangenen Sommer ließ der FC Bayern München aufhorchen. Der amtierende deutsche Meister verpflichtete auf einen Schlag gleich zwei Stars für sein Team. Dabei war die Rede nicht von Harry Kane und Min-jae Kim, die für horrende Summen in die Herrenabteilung des Klubs wechselten. Es ging um Pernille Harder und Magdalena Eriksson, zwei arrivierte Top-Spielerinnen, die das Frauen-Team der Münchener bei der Mission Titelverteidigung unterstützen sollten.

Dass beide Fußballerinnen vom FC Chelsea gen Deutschland gingen, dürfte aber nicht nur sportliche Gründe gehabt haben. Denn Pernille Harder und Magdalena Eriksson sind ein Paar. Das war spätestens klar, als die beiden sich während der WM 2019 öffentlich im Stadion küssten, und wurde später immer wieder durch gemeinsame Auftritte oder vielsagende Fotos auf Social Media bestätigt.

Harder und Eriksson sind aber nicht die einzigen Spielerinnen in der Geschichte der Bundesliga, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben. Bis zum Sommer spielte mit Sarah und Genessee Puntigam sogar ein Ehepaar beim 1. FC Köln. Generell ist Homosexualität im Frauenfußball alles andere als eine Seltenheit.

Nationalspielerin Svenja Huth zum Beispiel heiratete im vergangenen Jahr ihre Partnerin. Mittlerweile sind die beiden Eltern geworden. DFB-Torhüterin Ann-Katrin Berger ist mit ihrer Chelsea-Kollegin Jess Carter liiert. Nur zwei von vielen Beispielen.

Doch während bei den Frauen gleichgeschlechtliche Partnerschaften zur Normalität gehören, gilt Homosexualität im Männerfußball noch immer als Tabuthema. Nur eine Handvoll aktiver Profis hat sich bisher geoutet, in Deutschland seit Thomas Hitzlsperger 2014 kein einziger. Der frühere DFB-Star hatte da aber schon seine Karriere beendet. Die Diskrepanz zwischen den Coming-outs im Männer- und Frauenfußball bleibt enorm.

Männerfußball? "Wenig Raum für Homosexualität"

Ist der Frauenfußball einfach offener? Und haben es Männer im Sport wirklich schwerer, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen? Ex-Profi Viktoria Schnaderbeck sagt: "Ja." Die 32-Jährige spielte zwischen 2007 und 2018 in Deutschland für den FC Bayern und beendete 2022 ihre aktive Karriere. 2019 hatte sie sich als erste österreichische Fußballerin als homosexuell geoutet.

"Ich kannte schon Personen, die sich in der Öffentlichkeit als lesbisches Paar gezeigt, sich geküsst oder etwas Eindeutiges auf Instagram gepostet haben. Megan Rapinoe zum Beispiel", blickt Schnaderbeck nun im Gespräch mit t-online auf diese Zeit zurück. Ihr Coming-out im Frauenfußball sei vor diesem Hintergrund leichter gewesen als bei Männern, denn dort gebe es kaum Vorbilder.

"Im Herrenbereich gibt es wenig Raum für Homosexualität", betont sie. "Es wird kaum darüber gesprochen." Bei den Frauen sei das anders. Und das schon lange. "Homosexualität innerhalb des Frauenfußballs war nie ein großes Problem", so Schnaderbeck.

"Ich hatte eine gewisse Scham"

Dennoch hat auch die Ex-Fußballerin lange mit ihrer Sexualität zu kämpfen gehabt. Sie sei auf dem Land aufgewachsen, berichtet sie. Homosexualität sei dort nie ein Thema, ihr Coming-out deshalb auch ein "langjähriger Prozess" gewesen.

"Als ich dann erste Berührungspunkte mit Homosexualität hatte, habe ich das zunächst versteckt und dabei trotzdem in mir getragen", gibt Schnaderbeck zu. "Ich dachte mir: Das kann keiner erfahren. Homosexualität war negativ konnotiert. Ich hatte eine gewisse Scham."

Sie habe damals nicht zu sich selbst gestanden. Erst einige Jahre später sei ihr das gelungen. "Meine damalige Partnerin war etwas älter als ich, sie hatte sich schon ihrer Familie gegenüber geoutet", sagt Schnaderbeck. "Da habe ich gemerkt, dass mir diese Offenheit auch guttut. Ich habe den Schritt Richtung Familie, Freunde und auch Verein gewagt."

Vor ihrem Coming-out seien ihr dennoch auch quälende Fragen und extreme Gedanken gekommen. "Ich habe nicht erwartet, dass der Verein mich rausschmeißt", betont sie. "Dennoch habe ich mich gefragt: 'Wie wird der Verein reagieren? Wird mir das negativ ausgelegt? Hat das Auswirkungen auf Vertragsgespräche? Und ist das am Ende ein schönes und praktisches Argument, um mich rauszuschmeißen?'" Letztlich sei nichts davon der Fall gewesen.

"Ich weiß, was Medien für eine Wirkung erzielen können"

Etliche Reaktionen gab es dann aber auf das öffentliche Coming-out Schnaderbecks. "99,9 Prozent davon waren positiv. Das war total bestärkend", sagt sie. Die langjährige Kapitänin der österreichischen Auswahl hatte sich zu einem Instagram-Beitrag entschieden, auf dem sie eine Frau küsste. Das Posting war mit dem Satz "Love always wins" (dt.: Liebe wird immer siegen) versehen.

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Trotz der positiven Rückmeldung stellt Schnaderbeck aber klar: "Ich weiß aus meiner Zeit als aktive Fußballerin, was Medien für eine Wirkung erzielen können. Da geht es auch mal schnell in eine andere Richtung." Die Reaktionen auf ein Coming-out sind demnach schwer einzuschätzen. "Ich hatte Angst davor, dass ein Shitstorm entsteht. Ich hatte ein stabiles und sicheres Umfeld, aber so was hätte mich sicherlich nicht kaltgelassen."

Homophobe Äußerungen: "Extrem kräftezehrend"

Viktoria Schnaderbeck ist nicht die Erste, die die Sorgen von homosexuellen Spielerinnen und Spielern über die möglichen Reaktionen auf ihr Coming-out zum Ausdruck bringt. Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, sagte der "Sportschau" bereits 2022, dass schwule Profis wohl auch die Angst hätten, bei einem Coming-out einer "sehr großen öffentlichen Wahrnehmung ausgesetzt" zu sein. Die Reaktionen in Stadien mit 10.000 oder gar 80.000 Zuschauern seien schwer zu kontrollieren.

Doch die Belastung, sich mit negativen Rückmeldungen auf die Homosexualität eines Spielers wieder und wieder auseinandersetzen zu müssen, beginnt schon in den unteren Spielklassen. "Im Fußball ist es noch immer gang und gäbe, dass diskriminierende Aussagen gegenüber Homosexuellen fallen", sagt Oliver Egger im Gespräch mit t-online. Der 31-Jährige, der unter anderem in der Jugendabteilung des österreichischen Erstligisten Sturm Graz ausgebildet wurde, kickt seit Jahren in der fünften Liga des Landes für den FC Gratkorn. Er weiß, wovon er redet. Denn Oliver Egger ist Fußballer und homosexuell.

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"Es ist für mich als Betroffener extrem kräftezehrend, immer wieder was dagegen sagen zu müssen", sagt er über homophobe Äußerungen in seinem Sport und macht zudem auf die Dünnhäutigkeit vieler Menschen bezüglich der Thematik aufmerksam: "Im Jahr 2023 fühlen sich Leute teilweise schon provoziert, wenn sie irgendwo eine Pride-Flagge sehen oder Fußballvereine im Pride-Monat ihr Logo in den sozialen Medien in Regenbogenfarben posten."

Zivilcourage auf allen Ebenen

Oliver Egger ist einer der wenigen Fußballer, die sich geoutet haben und offen zu ihrer Homosexualität stehen. Wie Viktoria Schnaderbeck erkennt auch er bei der Thematik einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Dass es für Fußballer weiterhin so schwer ist, sich zu outen, erklärt er so: "Im Herrenfußball herrschen patriarchalische Strukturen und gewisse Vorstellungen von Männlichkeit. Deshalb ist ein Coming-out auch weiterhin so ein großes Problem für viele."

Egger spricht zudem von einer Alltagshomophobie, die sich unter anderem beim heutigen Schalker Torhüter Marius Müller gezeigt habe. Der Keeper hatte für Empörung gesorgt, als er 2022 das Wort "schwul" in einem TV-Interview nach einer Niederlage seines Ex-Klubs FC Luzern abfällig benutzte. Später entschuldigte er sich für seinen verbalen Ausrutscher.

Oliver Egger meint, dass solche Aussagen wie die von Müller mit der Phrase "Das kann doch jedem passieren" zu oft zu schnell ad acta gelegt würden. Was ihn stört: "Die Leute haben überhaupt kein Bewusstsein dafür, was so etwas in anderen auslösen kann. Schwul wird gesellschaftlich immer noch viel zu oft mit 'scheiße' oder 'schlecht' gleichgesetzt." Es brauche deshalb Zivilcourage auf allen Ebenen.

Die Angst, nicht akzeptiert zu werden

Die Sorge rund um ein Coming-out kennt Egger derweil ebenfalls sehr gut. "Ich habe mich davor gefragt, ob ich jetzt mit dem Sport aufhören muss, den ich seit zwanzig Jahren ausübe und den ich liebe.“ Über allem stand für ihn zudem auch die Frage: "Was ist, wenn meine Mitspieler mich diskriminieren, anstatt mich zu akzeptieren?"

Doch geändert hat sich seit seinem Coming-out auch in der Kabine von Eggers Klub FC Gratkorn nichts. "Der Umgang untereinander ist gleichgeblieben", so der Fußballer. "Das sollte auch selbstverständlich sein. Ich bin wegen meines Coming-outs kein anderer Mensch geworden."

Doch bis heute bleibt der Fall des homosexuellen Fußballers Oliver Egger eine der wenigen Ausnahmen. Zwar gibt es im Männerfußball mittlerweile mehr Coming-outs als noch vor ein paar Jahren, doch diese kommen weiterhin nur vereinzelt vor.

"Es wäre schön, wenn sich mehr als nur die bisherige Handvoll Spieler outet", sagt Egger. Gut möglich, dass das bald passiert. So plant der ebenfalls homosexuelle Ex-Fußballer Marcus Urban ein Gruppen-Coming-out mit einer Reihe an Spielern. Das käme wohl einem riesigen Schritt für die Akzeptanz von Homosexualität im Fußball gleich – ganz besonders bei den Männern.

Verwendete Quellen
  • Interview mit Viktoria Schnaderbeck
  • Interview mit Oliver Egger
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