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Jan Rosenthal: "Für Schwäche ist kein Platz in der Fußball-Welt"

INTERVIEWJan Rosenthal  

"Für Schwäche ist kein Platz in der Fußball-Welt"

01.12.2020, 10:48 Uhr
Jan Rosenthal: "Für Schwäche ist kein Platz in der Fußball-Welt". Jan Rosenthal im Trikot des SV Darmstadt 98: 2020 beendete der Ex-Profi seine Karriere. (Quelle: imago images/Jan Huebner)

Jan Rosenthal im Trikot des SV Darmstadt 98: 2020 beendete der Ex-Profi seine Karriere. (Quelle: Jan Huebner/imago images)

Nach der erfolgreichen Karriere wartet oft die große Leere – diese Erfahrung machte auch der Fußballer Jan Rosenthal. Weil er weiß, wie sehr die Ex-Sportler darunter leiden, will er ihre Situation jetzt verbessern.

Ein Drittel aller Profi-Fußballer trennt sich innerhalb eines Jahres nach Karriereende von der Partnerin, 40 Prozent sind nach fünf Jahren pleite, viele weitere kämpfen mit Depressionen. Das geht aus diversen Studien hervor, die unter anderem von der Organisation "Xpro" durchgeführt wurden. 

Im Leistungssport müssen Menschen viel zu oft einfach funktionieren, und geben dafür wiederum Selbstständigkeit ab, um ihre Bestleistung abrufen zu können. In der aktiven Zeit ist das ein Segen, doch nach der Karriere kann ein tiefer Fall folgen.

Der langjährige Bundesliga-Profi Jan Rosenthal hat genau diese Entwicklungen bei ehemaligen Teamkollegen beobachtet. Er kennt nicht nur die Gründe für diese Probleme, er arbeitet bereits an einer Lösung, wie er im t-online-Interview verrät. 

t-online: Herr Rosenthal, einer Studie zufolge trennen sich ein Drittel aller Profi-Fußballer innerhalb eines Jahres nach Karriereende von der Partnerin. Überrascht Sie das?

Jan Rosenthal (34): In Gesprächen mit Ex-Kollegen höre ich häufig Aussagen wie: 'Krass, wie viele Spieler sich nach der Karriere von ihrer Partnerin trennen beziehungsweise umgekehrt'. In diesem Zusammenhang muss man genauer hinsehen, was die Grundlage dieser Beziehung ist. Ein Fußballer baut erfahrungsgemäß einen Großteil seines Selbstwertgefühls durch die langjährige Prägung von außen auf: Fans, Trainer, Leistungsbewertung, mediale Aufmerksamkeit. Es entsteht eine Identität als Fußball-Profi. Diese verliert man jedoch mehr oder weniger schnell nach dem Karriereende. Manche leben zwar noch länger davon – als TV-Experte, Trainer oder in einer Berater-Agentur. Viele aber auch nicht.

Wie verändert das die Beziehung?

Man kann nach dem Karriereende in ein tiefes Loch fallen, und es kommen ganz andere Seiten des eigenen Wesens ans Tageslicht, sobald der durchgetaktete Fußball-Alltag aufhört und die körperliche Spannung abfällt. Für die Partnerin ist das alles verständlicherweise oft schwer nachvollziehbar. Sie hat auch gewisse Erwartungen an den Partner, nachdem man ihn jahrelang unterstützt und selbst zurückgesteckt hat. Dann ist es für die Frau nicht einfach, die notwendige Geduld aufzubringen, dass der Partner in seinem neuen Leben ankommt. Oder der Partner schafft dies auch einfach nicht. Daran zerbrechen einige Beziehungen.

Dazu haben viele Ex-Profis mit einer Depression oder Burnout zu kämpfen.

Ein Spieler hat 15 Jahre lang viele Gefühle, zu denen auch emotionaler und körperlicher Schmerz gehören, unbewusst übergangen. Für Schwäche ist kein Platz in der Fußball-Welt. Wenn du dich für das System entschieden hast, musst du funktionieren – und das häufig ab 12, 13 Jahren. Aber gerade in dem Alter – und auch später – kapierst du nicht bewusst, was das für dich bedeutet. Du siehst vor allem all die tollen Seiten.

Wie verändert sich das nach der Laufbahn?

Nach dem Karriereende können sich die Erwartungen an dich selbst nicht so schnell anpassen. Früher war die wöchentliche Aufgabe dein Spiel, wo du durch das Ergebnis und deine Leistung ein klares Feedback erhalten hast. Darauf hast du ständig hingearbeitet und vieles andere untergeordnet. Du fragst dich: Für was lebst du jetzt? Wo kannst du glänzen – beim Rasen mähen? Und auch der wöchentliche Adrenalinausstoß muss irgendwie kompensiert werden. Das kann zu großen Schwierigkeiten und in eine negative Spirale führen.

Jan Rosenthal: Der Offensivspieler machte exakt 200 Bundesliga-Spiele und erzielte dabei 24 Tore.  (Quelle: imago images/Heuberger)Jan Rosenthal: Der Offensivspieler machte exakt 200 Bundesliga-Spiele und erzielte dabei 24 Tore. (Quelle: Heuberger/imago images)

Das klingt alles sehr problematisch…

Das Ganze soll aber überhaupt nicht jammernd rüberkommen! Als Fußballspieler hast du viele Privilegien im Leben. Du bist nach dem Karriereende Anfang 30, hast ein gefülltes Konto und es steht dir alles offen – da gibt es deutlich schlechtere Situationen. Und mit vielen anderen Berufen gehen ebenso negative Begleiterscheinungen einher – die teils deutlich schwerer wiegen. Aber gerade durch das viele Geld, die Anerkennung und den oft zur Schau gestellten Lifestyle können sich viele diese Schwierigkeiten bei Spielern nicht vorstellen. Dabei sind genau das die Gründe für die Schwierigkeiten, gerade wenn die Karriere vorbei ist. Die Fallhöhe ist enorm.

Auch die finanzielle Lage spielt da oft eine Rolle.

Dein Lebensstil ist so ausgelegt, dass monatlich viel Geld auf das Konto kommt. Das ist nun nicht mehr der Fall, und es ist für die meisten Ex-Spieler schwierig, ihren Lebensstil entsprechend anzupassen und die Ausgaben runterzuschrauben. Ein komplett anderes Maß an Selbstorganisation ist dafür erforderlich. Du musst dich neu erfinden – musst auch erst erkennen, was dich wirklich im Leben erfüllt. Wie vorhin erwähnt: Einige Spieler arbeiten dann bei der Berateragentur mit oder beginnen einen Trainerschein. Das kann gut funktionieren, aber es erfüllt viele auch nicht dauerhaft. Viele Spieler denken fälschlicherweise, ihr einziges Talent läge im Fußball, deswegen wählen sie diesen Bereich als vermeintlich logischen Schritt nach ihrer Karriere aus. Dabei haben viele Spieler noch völlig andere, zuvor ungeahnte Qualitäten für andere Berufe.

Emile Heskey berichtete bei t-online davon, dass er nach der Karriere eine gewisse Planlosigkeit hatte. Wie sehen Sie das?

Du entwickelst als Spieler eine gewisse Ungeduld. Sich dann neben einen 19-Jährigen in die Uni zu setzen für mehrere Jahre, das kann sich kaum einer vorstellen. Du musst auch erst einmal deine Karriere aufarbeiten und dich fragen, was dir im Leben ein gutes Gefühl gibt. So eine Leidenschaft, die der Fußball in dir geweckt hat, wirst du wohl nicht noch einmal finden. Aber "irgendwas" machen, ist auch keine Option. Also musst du dir den Raum geben, herauszufinden, was dir Freude bereitet. Da hilft eine individuelle Begleitung, denn das ist alles andere als einfach.

Heskey hat mit weiteren Ex-Profis aus der Premier League zusammen eine Organisation gegründet, die sich mit all diesen Probleme auseinandersetzt. Hierzulande gibt es das noch nicht.

Ich möchte in eine ähnliche Richtung für Profis in Deutschland gehen und bin dazu bereits mit einigen Leuten in Kontakt. Ich möchte Spielern helfen, ihr Leben nach der Karriere auf einem soliden Fundament aufzubauen. Viele Berater unterstützen ihre Profis solange, wie sie von wirtschaftlichem Nutzen sind. Das hört mit dem Karriereende auf. Dabei werden besonders danach eine gute Begleitung und Beratung wichtig.

Wollen Sie das alleine umsetzen?

Nicht unbedingt. Ehemalige Spieler, die Interesse haben, an so einem Projekt mitzuwirken, können sich gerne bei mir melden.

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