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FC Barcelona: Es hakt an allen Ecken und Enden

Messi, Luis Enrique, Schiedsrichter  

Beim FC Barcelona knarzt es an allen Ecken und Enden

13.01.2017, 09:32 Uhr | t-online.de

FC Barcelona: Es hakt an allen Ecken und Enden. Dreigestirn: Ob sich Neymar, Luis Suarez und Lionel Messi (von links) über die Zukunft des FC Barcelona unterhalten? (Quelle: imago/EFE)

Dreigestirn: Ob sich Neymar, Luis Suarez und Lionel Messi (von links) über die Zukunft des FC Barcelona unterhalten? (Quelle: imago/EFE)

Von Florian Haupt

Hinter dem FC Barcelona lag eine turbulente Woche, das war schon an der aufgekratzten Stimmung zu merken. Heimdebüt 2017, und gegen Athletic Bilbao galt es nicht nur, im dritten Versuch den ersten Sieg im neuen Jahr einzufahren. Es ging auch um das Überleben im spanischen Pokal, um den Bruch mit einer negativen Dynamik - und irgendwie sogar noch um größere Fragen, auf und neben dem Platz: Sind dieser Klub und diese Mannschaft noch bei sich? Und wie wollen sie sein?

Aristokratisch oder populistisch - so lässt sich beispielsweise eine der Debatten zuspitzen. Es geht um den Umgang mit den Schiedsrichtern. Klublinie schon seit den Zeiten der Trainer Frank Rijkaard und Pep Guardiola war es stets, über Fehlentscheidungen zu stehen, wie sie Barça in den letzten Spielen erlitten hatte. Der aktuelle Übungsleiter Luis Enrique hält es gleich, ebenso die Klubführung.

Aber dann gibt es da noch den Verteidiger Gerard Piqué, der das genaue Gegenteil tut und immer wieder mit Verschwörungstheorien flirtet. "Geben wir ihnen (dem Gegner, d. Red.) doch gleich die drei Punkte, dann brauchen wir gar nicht mehr spielen" - für solche Sätze laufen jetzt zwei Ermittlungsverfahren des Verbandes.

Piqué wird gefeiert

Die Fans im Camp Nou gaben am Mittwoch eine klare Zwischenantwort und scharten sich hinter Volkstribun Piqué. So euphorisch wie gegen Athletic wurde das lebenslange Barça-Mitglied vom eigenen Anhang noch nie angefeuert. Dazu lieferte das Schiedsrichtergespann durch drei falsche Abseitsentscheidungen gegen die Katalanen allein in der Anfangsphase - darunter ein zu Unrecht aberkanntes Tor - der Paranoia weiteres Futter.

Nur die Huldigungen an die Torschützen Luis Suárez, Neymar und Lionel Messi - durch seinen dritten Traumfreistoß im dritten Spiel nacheinander - sowie die Erleichterung über den Einzug ins Viertelfinale (1:2, 3:1) unterbrachen die Manifestationen zugunsten des wortgewaltigen Abwehrmannes.

Kleinliches Rachedenken

Piqué hatte auch in der anderen Polemik der letzten Tage eine Rolle gespielt. Wie die ebenfalls für die "Weltelf des Jahres" nominierten Teamkollegen Messi, Suárez und Andrés Iniesta war er der jährlichen FIFA-Gala ferngeblieben. Die Spieler hätten auf eigene Initiative gehandelt, hieß es aus dem Klub, und angesichts der sportlichen Krisenlage, zwei Auswärtsspielen in den vier Tagen zuvor und der Partie gegen Athletic kann man darin durchaus einen Akt besonderer Verantwortung sehen. Das Echo war trotzdem verheerend. 

Dem Verein wurde kleinliches Rachedenken unterstellt. Weil Ronaldo und nicht Messi als "The Best" ausgezeichnet würde. Weil Erzrivale Real Madrid - anders als Barcelona vor zwei Jahren - seine Transfersperre wegen unerlaubter Verpflichtung Minderjähriger von einem auf ein halbes Jahr reduziert bekommen hatte (allerdings vom Sportgerichtshof CAS). Weil Barças Verhältnis zu Sportbehörden derzeit insgesamt als belastet gilt - zu den nationalen (insbesondere der Liga und dessen Chef Javier Tebas, einem bekennenden Real-Anhänger) wie den internationalen (Streit mit der Uefa um katalanischen Unabhängigkeitsfahnen auf den Tribünen des Camp Nou).

Schwierig, den Überblick zu behalten

Alles grundsätzlich keine epochalen Themen, aber doch Indizien, dass der Kosmos des FC Barcelona ein bisschen aus den Fugen geraten ist. In das Image des selbstbewussten Seriensiegers und ästhetisch-moralischen Leitbild des Weltfußballs haben sich wieder ein paar der Zweifel und Zwiespälte eingeschlichen, die früher traditionell zu Barça gehörten.

Dieser Verein trug an sich nur selten die triumphale Überzeugung der Real Madrids oder FC Bayerns vor sich her, sondern eher das Selbstbild eines komplexen Sammelbeckens, stellvertretend für das fragile, staatenlose Katalonien. Er hatte dabei aber auch oft das Talent, sich das Leben selbst zu verkomplizieren.

Man sah das zuletzt wieder verstärkt, etwa an den etlichen Ämtern, Gremien und Führungsebenen im Verein. Da Präsident Josep Maria Bartomeu seine Stärke offenbar im Delegieren sieht, ist es schwierig, bei seinen Personalrochaden noch den Überblick zu behalten.

Ausgerechnet Messi

Der neueste starke Mann heißt Òscar Grau, war früher Handballer im Verein und fungiert jetzt als Geschäftsführer. Er brauchte nur einen öffentlichen Auftritt, um sich bei der eigenen Mannschaft unbeliebt zu machen. Der Funktionär knöpfte sich ausgerechnet Lionel Messi vor, den sie in Barcelona nur halb-ironisch als eigentlichen Machthaber im Klub bezeichnen. Wer es schafft, Messi zu vergraulen, der braucht sich sein Leben lang nicht mehr in der Stadt blicken lassen – soviel steht fest.

Nun stehen beim fünffachen Weltfußballer angesichts eines 2018 auslaufenden Kontrakts allmählich die Verhandlungen um eine Ausdehnung der Zusammenarbeit an. Mit "klarem Kopf und gesundem Menschenverstand", sprich: unter Berücksichtigung der Gehaltskosten im Team, gelte es diese zu führen, so Grau selbstbewusst. Woraufhin er noch am selben Abend von Suárez darüber aufgeklärt wurde, dass er sich seine Worte schenken kann: "Bei Messi braucht es eine Vertragsverlängerung, keinen gesunden Menschenverstand."

Etliche Kommentatoren erinnern bereits an den ehemaligen Finanzchef Javier Faus. Der profilierte sich einst auch als Bad Cop gegen Messi. Ein gutes Jahr später verließ Faus den Verein.

Spannung gegen Abstiegskandidaten

Bei so vielen Nebengeräuschen könnte man Barças eigentliches Problem fast vergessen. Doch das ist und bleibt - jedenfalls vorerst - der Fußball. Der ist natürlich keinesfalls schlecht, und dass neuerdings selbst Partien gegen Abstiegskandidaten regelmäßig Spannung bieten, mag für den neutralen Zuschauer sogar eine Verbesserung darstellen gegenüber der Siegesmonotonie früherer Jahre.

Für die Ansprüche einer Mannschaft mit Messi, Neymar, Suárez, Iniesta und Busquets ist es natürlich zu wenig. Nach Minuspunkten liegt der Serienmeister dieser Epoche (sechs der letzten acht Ligen) schon acht Punkte hinter Real Madrid. Und trotz eines überragenden Messi spiegelt das die aktuellen Kräfteverhältnisse auch durchaus wider.

Iniesta kann es allein nicht richten

Die Beobachter verzweifeln vor allem am fast nicht existenten Mittelfeldspiel der Mannschaft. Jahrzehntelang und bis zum Abgang von Spielmacher Xavi vor zwei Jahren war es die Identität dieses Teams, im Guten wie im Schlechten. Durch die Transfers von Neymar und Suárez, zwei weiteren Weltklasseangreifer neben Messi, musste sich der Schwerpunkt logischerweise ein Stück weit nach vorn verschieben, zu den Stürmern.

Noch im Tripeljahr 2015 koexistierten alte und neue Spielweise harmonisch. Nun wirkt Abräumer Busquets chronisch ausgelaugt, Iniesta allein kann es auch nicht richten und auf der ehemaligen Position Xavis lässt Trainer Luis Enrique diese Saison fünf Profis rotieren: Die Neuzugänge André Gomes und Denis Suárez, Thiago-Bruder Rafinha, Arda Turan und Ivan Rakitic. Der Kroate hielt in den letzten beiden Spielzeiten den Stammplatz, macht diese Saison aber ebenfalls einen müden Eindruck.

Weniger Ballbesitz, weniger Dominanz

Noch schwerer als die personellen wiegen jedoch die stilistischen Unsicherheiten. Gerade gegen aggressives Pressing - populärste Anti-Barça-Medizin in der spanischen Liga - versuchen die Katalanen kaum noch, sich durch das Mittelfeld zu kombinieren und suchen stattdessen den Steilpass auf die Stürmer.

Wo sie früher das Spiel zunächst kontrollieren und dann die Tore schießen wollten, geht es jetzt oft nur noch um den direktesten Weg zum Strafraum. Das Spielfeld wird dadurch in die Länge gezogen, die Mittelfeldspieler haben mehr Raum zu bearbeiten. Gleichzeitig sinken Ballbesitz und damit Dominanz, der Gegner kommt zu mehr Torchancen.

Gerüchte um Enrique

Ob Trainer Luis Enrique zuvorderst Impulsgeber oder nur Verwalter dieser Entwicklung ist, ließe sich lange diskutieren. Nach acht von zehn möglichen Titeln in seinen ersten beiden Saisons verfügt er grundsätzlich über Kredit. Doch die Gerüchte reißen nicht ab, wonach er selbst nach der Spielzeit einen Schlussstrich ziehen könnte.

Sein Vertrag läuft im Sommer aus, frühestens im April sollen Gespräche über eine Verlängerung geführt werden. Die Ergebnisse bis dahin dürften für beide Seiten eine Rolle spielen.

Gegen Athletic überzeugte immerhin mal wieder der famose Sturmdreizack. Erstmals seit Mitte September trafen Messi, Neymar und Suárez im selben Spiel. Bei 302 Toren in zweieinhalb gemeinsamen Jahren steht ihre Zwischenbilanz.

Optimisten erinnern dieser Tage denn auch gern an Luis Enriques erste Saison, die des Triples. Damals kriselte es zum Jahreswechsel noch mehr, Sportdirektor Zubizarreta musste geopfert werden. Dann drehte der Dreizack auf, spielte alles in Grund und Boden - und von allen Nebengeräuschen war plötzlich nichts mehr zu hören. 

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