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Beim FC Barcelona knarzt es an allen Ecken und Enden

Von t-online
Aktualisiert am 13.01.2017Lesedauer: 5 Min.
Dreigestirn: Ob sich Neymar, Luis Suarez und Lionel Messi (von links) ĂŒber die Zukunft des FC Barcelona unterhalten?
Dreigestirn: Ob sich Neymar, Luis Suarez und Lionel Messi (von links) ĂŒber die Zukunft des FC Barcelona unterhalten? (Quelle: imago/EFE)
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Von Florian Haupt

Aristokratisch oder populistisch - so lĂ€sst sich beispielsweise eine der Debatten zuspitzen. Es geht um den Umgang mit den Schiedsrichtern. Klublinie schon seit den Zeiten der Trainer Frank Rijkaard und Pep Guardiola war es stets, ĂŒber Fehlentscheidungen zu stehen, wie sie Barça in den letzten Spielen erlitten hatte. Der aktuelle Übungsleiter Luis Enrique hĂ€lt es gleich, ebenso die KlubfĂŒhrung.

Aber dann gibt es da noch den Verteidiger Gerard PiquĂ©, der das genaue Gegenteil tut und immer wieder mit Verschwörungstheorien flirtet. "Geben wir ihnen (dem Gegner, d. Red.) doch gleich die drei Punkte, dann brauchen wir gar nicht mehr spielen" - fĂŒr solche SĂ€tze laufen jetzt zwei Ermittlungsverfahren des Verbandes.

Piqué wird gefeiert

Die Fans im Camp Nou gaben am Mittwoch eine klare Zwischenantwort und scharten sich hinter Volkstribun Piqué. So euphorisch wie gegen Athletic wurde das lebenslange Barça-Mitglied vom eigenen Anhang noch nie angefeuert. Dazu lieferte das Schiedsrichtergespann durch drei falsche Abseitsentscheidungen gegen die Katalanen allein in der Anfangsphase - darunter ein zu Unrecht aberkanntes Tor - der Paranoia weiteres Futter.

Nur die Huldigungen an die TorschĂŒtzen Luis SuĂĄrez, Neymar und Lionel Messi - durch seinen dritten Traumfreistoß im dritten Spiel nacheinander - sowie die Erleichterung ĂŒber den Einzug ins Viertelfinale (1:2, 3:1) unterbrachen die Manifestationen zugunsten des wortgewaltigen Abwehrmannes.

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Kleinliches Rachedenken

PiquĂ© hatte auch in der anderen Polemik der letzten Tage eine Rolle gespielt. Wie die ebenfalls fĂŒr die "Weltelf des Jahres" nominierten Teamkollegen Messi, SuĂĄrez und AndrĂ©s Iniesta war er der jĂ€hrlichen FIFA-Gala ferngeblieben. Die Spieler hĂ€tten auf eigene Initiative gehandelt, hieß es aus dem Klub, und angesichts der sportlichen Krisenlage, zwei AuswĂ€rtsspielen in den vier Tagen zuvor und der Partie gegen Athletic kann man darin durchaus einen Akt besonderer Verantwortung sehen. Das Echo war trotzdem verheerend.

Dem Verein wurde kleinliches Rachedenken unterstellt. Weil Ronaldo und nicht Messi als "The Best" ausgezeichnet wĂŒrde. Weil Erzrivale Real Madrid - anders als Barcelona vor zwei Jahren - seine Transfersperre wegen unerlaubter Verpflichtung MinderjĂ€hriger von einem auf ein halbes Jahr reduziert bekommen hatte (allerdings vom Sportgerichtshof CAS). Weil Barças VerhĂ€ltnis zu Sportbehörden derzeit insgesamt als belastet gilt - zu den nationalen (insbesondere der Liga und dessen Chef Javier Tebas, einem bekennenden Real-AnhĂ€nger) wie den internationalen (Streit mit der Uefa um katalanischen UnabhĂ€ngigkeitsfahnen auf den TribĂŒnen des Camp Nou).

Schwierig, den Überblick zu behalten

Alles grundsĂ€tzlich keine epochalen Themen, aber doch Indizien, dass der Kosmos des FC Barcelona ein bisschen aus den Fugen geraten ist. In das Image des selbstbewussten Seriensiegers und Ă€sthetisch-moralischen Leitbild des Weltfußballs haben sich wieder ein paar der Zweifel und ZwiespĂ€lte eingeschlichen, die frĂŒher traditionell zu Barça gehörten.

Dieser Verein trug an sich nur selten die triumphale Überzeugung der Real Madrids oder FC Bayerns vor sich her, sondern eher das Selbstbild eines komplexen Sammelbeckens, stellvertretend fĂŒr das fragile, staatenlose Katalonien. Er hatte dabei aber auch oft das Talent, sich das Leben selbst zu verkomplizieren.

Man sah das zuletzt wieder verstĂ€rkt, etwa an den etlichen Ämtern, Gremien und FĂŒhrungsebenen im Verein. Da PrĂ€sident Josep Maria Bartomeu seine StĂ€rke offenbar im Delegieren sieht, ist es schwierig, bei seinen Personalrochaden noch den Überblick zu behalten.

Ausgerechnet Messi

Der neueste starke Mann heißt Òscar Grau, war frĂŒher Handballer im Verein und fungiert jetzt als GeschĂ€ftsfĂŒhrer. Er brauchte nur einen öffentlichen Auftritt, um sich bei der eigenen Mannschaft unbeliebt zu machen. Der FunktionĂ€r knöpfte sich ausgerechnet Lionel Messi vor, den sie in Barcelona nur halb-ironisch als eigentlichen Machthaber im Klub bezeichnen. Wer es schafft, Messi zu vergraulen, der braucht sich sein Leben lang nicht mehr in der Stadt blicken lassen – soviel steht fest.

Nun stehen beim fĂŒnffachen Weltfußballer angesichts eines 2018 auslaufenden Kontrakts allmĂ€hlich die Verhandlungen um eine Ausdehnung der Zusammenarbeit an. Mit "klarem Kopf und gesundem Menschenverstand", sprich: unter BerĂŒcksichtigung der Gehaltskosten im Team, gelte es diese zu fĂŒhren, so Grau selbstbewusst. Woraufhin er noch am selben Abend von SuĂĄrez darĂŒber aufgeklĂ€rt wurde, dass er sich seine Worte schenken kann: "Bei Messi braucht es eine VertragsverlĂ€ngerung, keinen gesunden Menschenverstand."

Etliche Kommentatoren erinnern bereits an den ehemaligen Finanzchef Javier Faus. Der profilierte sich einst auch als Bad Cop gegen Messi. Ein gutes Jahr spĂ€ter verließ Faus den Verein.

Spannung gegen Abstiegskandidaten

Bei so vielen NebengerĂ€uschen könnte man Barças eigentliches Problem fast vergessen. Doch das ist und bleibt - jedenfalls vorerst - der Fußball. Der ist natĂŒrlich keinesfalls schlecht, und dass neuerdings selbst Partien gegen Abstiegskandidaten regelmĂ€ĂŸig Spannung bieten, mag fĂŒr den neutralen Zuschauer sogar eine Verbesserung darstellen gegenĂŒber der Siegesmonotonie frĂŒherer Jahre.

FĂŒr die AnsprĂŒche einer Mannschaft mit Messi, Neymar, SuĂĄrez, Iniesta und Busquets ist es natĂŒrlich zu wenig. Nach Minuspunkten liegt der Serienmeister dieser Epoche (sechs der letzten acht Ligen) schon acht Punkte hinter Real Madrid. Und trotz eines ĂŒberragenden Messi spiegelt das die aktuellen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse auch durchaus wider.

Iniesta kann es allein nicht richten

Die Beobachter verzweifeln vor allem am fast nicht existenten Mittelfeldspiel der Mannschaft. Jahrzehntelang und bis zum Abgang von Spielmacher Xavi vor zwei Jahren war es die IdentitĂ€t dieses Teams, im Guten wie im Schlechten. Durch die Transfers von Neymar und SuĂĄrez, zwei weiteren Weltklasseangreifer neben Messi, musste sich der Schwerpunkt logischerweise ein StĂŒck weit nach vorn verschieben, zu den StĂŒrmern.

Noch im Tripeljahr 2015 koexistierten alte und neue Spielweise harmonisch. Nun wirkt AbrĂ€umer Busquets chronisch ausgelaugt, Iniesta allein kann es auch nicht richten und auf der ehemaligen Position Xavis lĂ€sst Trainer Luis Enrique diese Saison fĂŒnf Profis rotieren: Die NeuzugĂ€nge AndrĂ© Gomes und Denis SuĂĄrez, Thiago-Bruder Rafinha, Arda Turan und Ivan Rakitic. Der Kroate hielt in den letzten beiden Spielzeiten den Stammplatz, macht diese Saison aber ebenfalls einen mĂŒden Eindruck.

Weniger Ballbesitz, weniger Dominanz

Noch schwerer als die personellen wiegen jedoch die stilistischen Unsicherheiten. Gerade gegen aggressives Pressing - populĂ€rste Anti-Barça-Medizin in der spanischen Liga - versuchen die Katalanen kaum noch, sich durch das Mittelfeld zu kombinieren und suchen stattdessen den Steilpass auf die StĂŒrmer.

Wo sie frĂŒher das Spiel zunĂ€chst kontrollieren und dann die Tore schießen wollten, geht es jetzt oft nur noch um den direktesten Weg zum Strafraum. Das Spielfeld wird dadurch in die LĂ€nge gezogen, die Mittelfeldspieler haben mehr Raum zu bearbeiten. Gleichzeitig sinken Ballbesitz und damit Dominanz, der Gegner kommt zu mehr Torchancen.

GerĂŒchte um Enrique

Ob Trainer Luis Enrique zuvorderst Impulsgeber oder nur Verwalter dieser Entwicklung ist, ließe sich lange diskutieren. Nach acht von zehn möglichen Titeln in seinen ersten beiden Saisons verfĂŒgt er grundsĂ€tzlich ĂŒber Kredit. Doch die GerĂŒchte reißen nicht ab, wonach er selbst nach der Spielzeit einen Schlussstrich ziehen könnte.

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Sein Vertrag lĂ€uft im Sommer aus, frĂŒhestens im April sollen GesprĂ€che ĂŒber eine VerlĂ€ngerung gefĂŒhrt werden. Die Ergebnisse bis dahin dĂŒrften fĂŒr beide Seiten eine Rolle spielen.

Gegen Athletic ĂŒberzeugte immerhin mal wieder der famose Sturmdreizack. Erstmals seit Mitte September trafen Messi, Neymar und SuĂĄrez im selben Spiel. Bei 302 Toren in zweieinhalb gemeinsamen Jahren steht ihre Zwischenbilanz.

Optimisten erinnern dieser Tage denn auch gern an Luis Enriques erste Saison, die des Triples. Damals kriselte es zum Jahreswechsel noch mehr, Sportdirektor Zubizarreta musste geopfert werden. Dann drehte der Dreizack auf, spielte alles in Grund und Boden - und von allen NebengerÀuschen war plötzlich nichts mehr zu hören.

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