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Bundestrainer Gislason: "Momentan gar nichts ausschlie├čen"

Von dpa
Aktualisiert am 01.01.2021Lesedauer: 4 Min.
Vor knapp elf Monaten hat Alfred Gislason das Amt des Handball-Bundestrainers ├╝bernommen.
Vor knapp elf Monaten hat Alfred Gislason das Amt des Handball-Bundestrainers ├╝bernommen. (Quelle: Federico Gambarini/dpa./dpa)
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Frankfurt/Main (dpa) - Am 13. Januar beginnt in Ägypten die Handball-Weltmeisterschaft. Bundestrainer Alfred Gislason spricht in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur über die wichtigsten Aufgaben im Vorfeld, die Corona-Sorgen und seine Gefühle vor seinem ersten WM-Turnier.

An diesem Sonntag beginnt in Neuss die WM-Vorbereitung. Worauf werden Sie das Hauptaugenmerk legen?

Alfred Gislason: Eine funktionierende Abwehr ist das Erste, was wir hinbekommen m├╝ssen. Da m├╝ssen wir verschiedene Leute im Innenblock testen. Danach werden wir die verbleibenden Tage bis zur WM f├╝r einige angriffstaktische Dinge nutzen. Aber bis wir dahin kommen, wo ich mit der Mannschaft hin m├Âchte, ist es ein sehr weiter Weg.

Reicht die Zeit daf├╝r ├╝berhaupt oder m├╝ssen Sie auch Abstriche machen?

Gislason: Ich muss wie jeder Nationaltrainer in diesen Zeiten nur noch Abstriche machen. Ich br├Ąuchte eigentlich minimal zwei Wochen f├╝r die Vorbereitung, jetzt habe ich nur drei, vier Trainingseinheiten. Jeder, der ein Bundesligateam trainiert, wei├č, wie lange man braucht, um eine eingespielte Mannschaft zu bekommen. Ich kann nat├╝rlich auf vielen Dingen aufbauen. Aber was ich neu einbringen will, geht nur Schritt f├╝r Schritt.

Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang die beiden EM-Qualifikationsspiele gegen ├ľsterreich am 6. und 10. Januar?

Gislason: Das sind f├╝r uns sehr willkommene Spiele, die wir nutzen m├╝ssen, um uns einzuspielen. Wenn wir die nicht h├Ątten, w├Ąre es schwer einzusch├Ątzen, wo wir stehen. Deshalb freue ich mich darauf.

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Bei der L├Ąnderspielwoche im November hat die DHB-Auswahl unliebsame Erfahrungen mit dem Coronavirus gemacht. Danach gab es vier positive F├Ąlle. Haben Sie ein wenig Angst davor, dass sich so etwas wiederholt und nach bisher acht Absagen weitere Spieler f├╝r die WM ausfallen?

Gislason: Nat├╝rlich hat man gro├če Sorgen, weil man das momentan gar nichts ausschlie├čen kann. Das kann keine Mannschaft.

Haben die j├╝ngsten Corona-F├Ąlle bei Silvio Heinevetter und Timo Kastening noch einmal die Sinne daf├╝r gesch├Ąrft, welche Gefahren diese Pandemie mit sich bringt?

Gislason: Ich denke schon. Beide waren sehr verbl├╝fft, dass sie positiv waren.

Bei der WM-Endrunde bewegen sich die Mannschaften in einer Blase. Mit welchem Gefühl reisen Sie nach Ägypten?

Gislason: Wenn das strenge Hygienekonzept eingehalten wird, ist man in der Blase sicherer als im Alltag. Ich denke auch, dass alle gelernt haben, wie man sich sch├╝tzen muss. Daher fliege ich mit einem guten Gef├╝hl dorthin.

Bei einem Turnier m├╝ssen die Spieler auch mal mental runterfahren und sich ablenken. Ist das bei den strengen Vorschriften m├Âglich? Einfach mal in die Stadt gehen und einen Kaffee trinken k├Ânnen sie ja nicht.

Gislason: Das ist ein Thema, ├╝ber das wir viel nachgedacht haben. Wir sind dabei, L├Âsungen zu finden, dass sich die Spieler nicht eingeschlossen f├╝hlen. Wir werden alles daf├╝r tun, dass eine gute Atmosph├Ąre herrscht und es keinen Lagerkoller gibt.

Sportlich scheint die Vorrunde gegen Ungarn, Kap Verde und Uruguay machbar. Wie sch├Ątzen Sie die Gegner ein?

Gislason: Ich habe mir Videos von allen Spielen dieser Teams in diesem Jahr besorgt und alles analysiert. Ungarn hat eine sehr starke Mannschaft. Nach einem Umbruch vor zwei, drei Jahren ernten sie jetzt die Fr├╝chte ihrer sehr guten Nachwuchsarbeit. Sie sind ein Anw├Ąrter f├╝r das Halbfinale. Der zweitst├Ąrkste Gegner ist Kap Verde. Ich war sehr ├╝berrascht von ihrer Spielst├Ąrke. Die spielen alle in der portugiesischen Liga oder in Spanien. Die Mannschaft muss man sehr ernst nehmen. Uruguay versucht es mit extrem langen Angriffen. Da muss man sehr konzentriert zu Werke gehen, um aus Frustration nicht sein eigenes Spiel zu vergessen.

Wo sehen Sie die deutsche Mannschaft im gesamten Turnier?

Gislason: Das ist schwer zu sagen. Wir haben eine Mischung aus jungen, unerfahrenen Talenten und gestandenen Spielern, die ├╝ber sehr viel internationale Erfahrung verf├╝gen. Nat├╝rlich fehlen uns einige Akteure, aber im Angriff haben wir dennoch eine hohe Qualit├Ąt. Die gr├Â├čte Baustelle ist die Abwehr, wo das komplette Herzst├╝ck - der Innenblock - weggefallen ist. Ich bin gespannt darauf, wie wir das l├Âsen.

Edelmetall ist unter diesen Voraussetzungen kaum zu erwarten, oder?

Gislason: Lasst uns doch erstmal trainieren und spielen. Eine Medaille kann man aktuell nicht als Ziel ausgeben. Andere Top-Nationen wie Titelverteidiger D├Ąnemark, Europameister Spanien, Kroatien oder Norwegen haben deutlich bessere Karten als wir. Aber wir sind Deutschland! Wir werden dorthin gehen mit allem, was wir haben, und ich hoffe, dass wir das so entwickeln k├Ânnen, dass die Jungs Spa├č haben.

F├╝r Sie ist es das erste gro├če Turnier als Bundestrainer. ├ťberwiegt die Freude, dass die WM stattfindet, oder ist auch Frust ├╝ber die widrigen Begleiterscheinungen in der Corona-Krise dabei?

Gislason: In mir ├╝berwiegt der Isl├Ąnder. Ich habe gelernt, schnell auf andere Umst├Ąnde zu reagieren und mich auf das zu fokussieren, was ich habe. Ich freue mich trotz allem sehr auf dieses Turnier und darauf, nach der ganzen Wartezeit mit der Mannschaft zu arbeiten. Ich h├Ątte mir andere Bedingungen gew├╝nscht, aber es ist, wie es ist. Wir werden das bestm├Âgliche daraus machen.

ZUR PERSON: Alfred Gislason (61) absolvierte 190 L├Ąnderspiele f├╝r Island und spielte in der Bundesliga von 1983 bis 1988 f├╝r TUSEM Essen. 1991 begann er seine Trainerlaufbahn, die ihn 1997 erneut nach Deutschland f├╝hrte. Nach Stationen in Hameln, Magdeburg und Gummersbach betreute er elf Jahre lang mit gro├čem Erfolg den THW Kiel. Seit Anfang Februar 2020 ist der verheiratete Familienvater, der mit seiner Frau in der N├Ąhe von Magdeburg lebt, Bundestrainer.

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