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Rad-Star Martin erwartet bei der Tour einen Spie├črutenlauf f├╝r Froome

  • T-Online
Ein Interview von Alexander Kohne

07.07.2018Lesedauer: 5 Min.
Tony Martin hat viermal die Zeitfahr-Weltmeisterschaft gewonnen. Er gilt als einer der besten Radsportler im Kampf gegen die Uhr.
Tony Martin hat viermal die Zeitfahr-Weltmeisterschaft gewonnen. Er gilt als einer der besten Radsportler im Kampf gegen die Uhr. (Quelle: imago-images-bilder)
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Tony Martin ist seit Jahren einer der besten Zeitfahrer der Tour de France. Beim Start heute hat er hohe Erwartungen. Auf Favorit Christopher Froome sieht er schwere Zeiten zukommen.

Die zehnte Teilnahme, f├╝nf Etappensiege, mehrere Tage in Gelb: Mit 33 Jahren ist Tony Martin eine Art Institution der Tour de France. Ohne den geb├╝rtigen Cottbusser k├Ânnen sich deutsche Radsportfans die Frankreich-Rundfahrt kaum vorstellen. Kritisch hat er sich zuletzt ├╝ber den Start von Top-Favorit Christopher Froome ge├Ąu├čert ÔÇô und bekr├Ąftigt dies auch kurz vor dem heutigen Tour-Start (ab 11 Uhr im Liveticker). t-online.de erreichte Martin im Hotel seines Teams Katusha Alpecin in La Roche-sur-Yon nahe der franz├Âsischen Atlantikk├╝ste.

t-online.de: Herr Martin, Sie gehen in Ihre zehnte Tour. Inwiefern ist das ├╝berhaupt noch etwas Besonderes f├╝r Sie?

Tony Martin: Nat├╝rlich kommt irgendwann eine gewisse Routine rein. Aber wenn man dann wirklich am Start steht und das alles in sich aufsaugt, bekommt man erst richtig mit, wie gro├č die Tour wirklich ist ÔÇô mit den Zehntausenden Fans an der Strecke und dem ganzen Rummel drumherum. Sp├Ątestens dann realisiert man wieder, wie besonders das alles ist.

Tony Martin
Der geb├╝rtige Cottbuser f├Ąhrt seit 2017 f├╝r Katusha Alpecin. Er gewann viermal den WM-Titel im Einzel- und dreimal im Mannschaftszeitfahren. Au├čerdem siegte er bei f├╝nf Tour-de-France-Etappen.

Bei der deutschen Meisterschaft vor ein paar Tagen haben Sie im Zeitfahren den ersten Sieg dieser Saison geholt. Sp├Ąter haben Sie gesagt: "Nach der ersten Runde wusste ich: Der alte Tony ist wieder da." Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie ist Ihre Form?

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Es ist relativ schwer, von einem Zeitfahren auf die Gesamtform zu schlie├čen. Was ich aber sagen kann: Zumindest im Flachen bin ich schon bei nahezu hundert Prozent meiner Leistungsf├Ąhigkeit. Ich f├╝hle mich gut ÔÇô und ausgeruht.

Bisher haben sie f├╝nf Tour-Etappensiege. Wie viele kommen 2018 dazu?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Geplant ist aktuell erstmal keinerÔÇŽ

Wirklich?

Man hofft nat├╝rlich immer, irgendwie eine Etappe abzuschie├čen. (lacht) Aktuell z├Ąhlen f├╝r mich allerdings erst einmal die Helferdienste f├╝r unseren Top-Sprinter Marcel Kittel und unseren Rundfahrt-Spezialisten Ilnur Zakarin. Darauf ist die Strategie ausgelegt. Aber bei einzelnen Etappen rechne ich mir nat├╝rlich schon etwas aus ÔÇô beispielsweise beim Zeitfahren am vorletzten Tag.

Es g├Ąbe au├čerdem noch das Mannschaftszeitfahren. Sind die Chancen auf einen Etappensieg dort vielleicht sogar h├Âher als beim Einzelzeitfahren?

Ganz ehrlich: Dazu muss ich mir das Profil des Einzelzeitfahrens noch einmal im Detail anschauen. Auf dem Papier sieht es extrem unrhythmisch aus, was mir nicht hundert Prozent entgegenkommt. Aber was die H├Âhenunterschiede angeht, ist das noch in meinem Bereich. Sagen wir so: Ich bin sicherlich nicht der Favorit, kann aber auf jeden Fall vorne landen. In jedem Fall sehe ich die Chancen dort h├Âher als im Mannschaftszeitfahren. Wir sind zwar mit einem sehr guten Team hier, um den Sieg mitzufahren, w├Ąre aber doch etwas hoch anvisiert. Daf├╝r sind ein, zwei andere Mannschaften einfach zu stark.

Welche beispielsweise?

Ganz klar Sky mit Chris Froome. Die sehe ich absolut in der Favoritenrolle. Dazu noch BMC. Aber das Podium ist f├╝r uns auf jeden Fall drin. Doch das ist noch sehr weit weg. Aktuell z├Ąhlt erstmal die erste Etappe ÔÇô bei der wir eine gute Chance haben, ums Gelbe Trikot mitzufahren.

Im einem Team: Tony Martin (l.) und Marcel Kittel sind seit Jahren gut befreundet. Seit dieser Saison stehen sie gemeinsam beim Team Katusha Alpecin unter Vertrag.
Im einem Team: Tony Martin (l.) und Marcel Kittel sind seit Jahren gut befreundet. Seit dieser Saison stehen sie gemeinsam beim Team Katusha Alpecin unter Vertrag. (Quelle: Camaiore/imago-images-bilder)

Dabei wird Ihr Kumpel Kittel zu den ganz gro├čen Favoriten gerechnet. Wie sind die Chancen daf├╝r, dass er gleich bei Etappe eins gewinnt und Gelb holt?

Auf jeden Fall gro├č. Marcel ist wirklich gut drauf, hat Selbstvertrauen. Nat├╝rlich sind die letzten Rennen nicht so gelaufen, wie wir uns das alle gew├╝nscht haben. Aber wir haben ganz sicher einen der st├Ąrksten Sprint-Z├╝ge und mit Marcel den st├Ąrksten Sprinter.

Im letzten Jahr hat Kittel f├╝nf Etappen gewonnen. Mit wie vielen Erfolgen w├Ąren Sie in diesem Jahr zufrieden?

Wenn ihm ein Sieg gelingen w├╝rde, w├Ąre das schon ein sehr gro├čes Ding f├╝r uns. Und wenn man einen Etappensieg hat, habe ich die Erfahrung gemacht, dass alles andere zum Selbstl├Ąufer werden kannÔÇŽ

W├Ąren dann auch f├╝nf Kittel-Siege wie 2017 drin?

Ja, denn wer gleich zu Beginn eine Etappe abschie├čt, der hat danach oft einen echten Run ÔÇô bedingt durch das damit einhergehende Selbstvertrauen. Das befl├╝gelt nicht nur den Sieger, sondern das ganze Team. Dann ist jederzeit eine Siegesserie m├Âglich.

Sie sind mit Kittel sehr gut befreundet. Was ist er so f├╝r ein Typ? Sind sie w├Ąhrend der Tour auch Zimmergenossen?

Genau, aber auf einem Zimmer sind wir nicht. Ich teile mein Zimmer mit Nils Politt, Marcel seines Rick Zabel. Nils und ich m├Âgen es etwas ruhiger. Marcel und Rick sind dagegen lebhafter ÔÇô also hier ein bisschen Musik oder auch mal lauter telefonieren usw. Deshalb haben wir uns f├╝r diese Aufteilung entschieden. Generell bringt Marcel sehr, sehr viel positive Energie mit. Es macht einfach Spa├č, einen Typen wie ihn um sich zu haben: Er ist locker, bringt Jokes ÔÇô und ist dazu nat├╝rlich auch ein Erfolgsgarant. Das tut dem Team extrem gut.

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Die vergangenen Tage wurden vom Hickhack um Christopher Froome bestimmt. Bei ihm wurde im September ein erh├Âhter Wert des Asthma-Medikaments Salbutamol festgestellt. Erst am Montag beschlossen der Weltradsportverband UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, dass dieser nicht als Doping zu werten ist. Sie haben daraufhin klar Stellung bezogen, unter anderem gesagt: "Absolut unverst├Ąndlich, dass so etwas m├Âglich ist. Es sollte von der UCI eine Begr├╝ndung zur Entscheidung geben oder zumindest eine nachvollziehbare Erkl├Ąrung, warum es diese Begr├╝ndung nicht gibt." F├Ąllt der Radsport ÔÇô was die fehlende Transparenz betrifft ÔÇô in l├Ąngst vergessene, dunkle Zeiten zur├╝ck?

Von au├čen sieht es f├╝r einige Beobachter sicherlich schnell so aus. Man darf aber nicht vergessen, dass es um einen Einzelfall geht. Deshalb w├╝rde ich mir w├╝nschen, dass von der breiten ├ľffentlichkeit nicht wieder ein Generalverdacht auf den gesamten Radsport projiziert wird. Froome steht f├╝r eine gewisse Generation von Radsportlern und ist nun einmal der st├Ąrkste Radrundfahrer unserer Zeit. Deshalb hat sowas nat├╝rlich das Potenzial, den Radsport massiv zur├╝ckwerfen. Ich sehe die Schuld allerdings nicht bei ihm, sondern bei UCI und Wada. Die haben diese Situation durch ihr Verhalten und ihre Regelgebung erst m├Âglich gemacht. Solche Verfahren m├╝ssen einfach zeitnah abgeschlossen werden ÔÇô nicht erst ├╝ber neun Monate sp├Ąter. Und Fahrer, die unter Doping-Verdacht stehen, sollten definitiv nicht an Wettk├Ąmpfen teilnehmen ÔÇô wie es bei Froome noch vor zwei Monaten beim Giro dÔÇÖItalia der Fall war. So steht die Tour 2018 schon vor Beginn im Schatten des Salbutamol-Falls Froome.

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Bei der Teamvorstellung am Donnerstag wurde Froome ausgepfiffen. Wird die Tour f├╝r ihn nun zu einem Spie├črutenlauf?

Ja, davon muss man leider ausgehen. Ich hoffe nat├╝rlich, dass die Fans einen gewissen Grad an Fairness walten lassen und sehen, dass Froome letztendlich freigesprochen wurde. Das sollte man akzeptieren. Ich hoffe, dass uns unsch├Âne Szenen erspart bleiben ÔÇô aber leider sind diese zu bef├╝rchten.

Was meinen Sie damit konkret?

Gerade am Berg, wenn das Tempo vergleichsweise niedrig ist, ist das Risiko hoch, dass sich irgendwelche Halbstarke, die dann vielleicht noch angetrunken sind, daneben benehmen. Es gab ja schon einmal eine Szene, in der Froome mit Urin beworfen wurde. Das geht nat├╝rlich gar nicht.

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