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Biathlon-Legende Kati Wilhelm im Interview: "Eine WM zehrt am Körper"

INTERVIEWBiathlon-Legende Kati Wilhelm  

"Vereine müssen scouten, welches Kind für welchen Sport geeignet ist"

Von Melanie Muschong

25.02.2020, 15:59 Uhr
Biathlon-Legende Kati Wilhelm im Interview: "Eine WM zehrt am Körper". Biathlon in Oberhof: Biathlon-Legende und Expertin Kati Wilhelm.  (Quelle: imago images/Camera 4)

Biathlon in Oberhof: Biathlon-Legende und Expertin Kati Wilhelm. (Quelle: Camera 4/imago images)

Die Biathlon-WM hat dem deutschen Team nicht so viele Medaillen gebracht wie erhofft. Was das für die Zukunft des Sports bedeutet: t-online.de hat mit Biathlon-Expertin Kati Wilhelm darüber gesprochen. 

Kati Wilhelm holte neben zahlreichen Olympischen Medaillen selbst den Weltmeistertitel im Biathlon. Sie war eine der erfolgreichsten Athletinnen dieser Sportart und ist heute noch als Expertin im TV zu sehen.

Im t-online.de-Interview zieht Wilhelm ihr Fazit zur Biathlon-WM und spricht auch über die Zukunft und Probleme des Sports.

t-online.de: Frau Wilhelm, wie bewerten Sie die Biathlon-WM rückblickend?

Kati Wilhelm (43): Von der Ausbeute an sich war die WM recht erfolgreich. Ich hatte am Anfang mit sechs Medaillen spekuliert, nun sind es fünf Medaillen geworden. Es gab aber natürlich positive und negative Überraschungen. Die Frauen haben mit ihren Leistungen überrascht, die Männer sind leider unter ihren Erwartungen geblieben. Von Denise habe ich die Medaille erwartet. Bei den Männern ist es schade, dass die, die läuferisch stark waren, nicht so viel getroffen haben. Das ist ärgerlich.

Denise Herrmann hat Silber in der Verfolgung geholt. Beim Schießen fehlte ihr die Konstanz. Wie bewerten Sie ihre Leistung?

Es ist klar, dass wir von Denise nicht immer eine Null erwarten können. Gerade beim Massenstart zuletzt war sie nicht sicher. Ich weiß nicht, ob sie mit der Brechstange gute Schießleistungen erreichen wollte. Auch der Rhythmus war schwierig, sie hätte vielleicht absetzen müssen. Allerdings weiß man nicht, was bei ihr im Kopf los war. Auch körperlich zehrt eine WM am Körper, sie war wohl nicht mehr frisch genug, um zu agieren. Es wäre bei Denise sicherlich mehr drin gewesen.

Antholz: Die deutschen Biathletinnen Denise Herrmann (l.) und Franziska Preuß. (Quelle: imago images/Kosecki)Antholz: Die deutschen Biathletinnen Denise Herrmann (l.) und Franziska Preuß. (Quelle: Kosecki/imago images)

Sprechen Sie mit der Schießerwartung die Vergangenheit von Denise Herrmann an?

Sicherlich ist es ein Grund, sie ist jetzt in ihrem dritten Weltcup-Jahr. Trotzdem gibt es immer wieder neue Situationen. Mit dem Gefühl als Favoritin in eine WM zu gehen, ist etwas anderes als die Situation im letzten Jahr, als sie hinter Laura herlaufen konnte. Damit muss man erst einmal klar kommen. Sie macht es noch nicht so lange und dafür bietet sie eine gute Schießleistung an und sie kommt eben übers Laufen.

Wie herausragend ist Herrmanns Laufleistung tatsächlich?

Das läuferische Niveau ist in der Weltspitze sehr hoch. Roeiseland, Eckhoff und Mäkäräinen sind die Laufstärksten. Wenn Denise ihnen eine halbe Minute abnimmt, das ist schon eine Hausnummer. Denise arbeitet und trainiert hart, sie macht extra Lehrgänge und hört auf ihren Körper. Auch ihre Erfahrung als Langläuferin spielt eine Rolle. Sie bringt viel mit. Sie ist die Beste gerade.

Kann sie in der Zukunft das Niveau von Laura Dahlmeier erreichen?

Man kann die beiden nicht miteinander vergleichen. Und Denise wird sich ihre eigenen Ziele gesteckt haben. Klar können Erfolge, die von anderen schon einmal erreicht wurden, Orientierung oder auch Ansporn sein. Mit den zwei Silbermedaillen aus dem Verfolger und der Staffel im Gepäck kann sie sicher zufrieden sein, weiß aber auch, dass noch mehr drin gewesen wäre.

Biathlon auf Schalke im Dezember 2019: Laura Dahlmeier (l.) und Kati Wilhelm. (Quelle: imago images/Hartenfelser)Biathlon auf Schalke im Dezember 2019: Laura Dahlmeier (l.) und Kati Wilhelm. (Quelle: Hartenfelser/imago images)

Was trauen Sie ihr über die Saison hinaus noch zu?

Die nächsten Jahre wird die Konstanz über die gesamte Saison und damit auch der Gesamt-Weltcup ihr Ziel sein. Nach Weltcup-Siegen ist der nächste Schritt, nach dem Gesamt-Weltcup zu schauen. Zudem werden die Olympischen Spiele in zwei Jahren ihr Ziel sein. Sie ist nicht mehr die Jüngste. Das wird für sie das wichtigste Jahr werden. Denise wird viel daran legen von den Olympischen Spielen mit einer Einzelmedaille Heim zu fahren.

Franziska Preuß hat überraschend Silber in der Single-Mixed-Staffel mit Erik Lesser geholt.

Ich hatte Franzi als eine Medaillenkandidatin auf der Liste. Allerdings nur über eine Null beim Schießen. Das ist das, was sie bringen muss. Bei den Einzelrennen hat ihr immer ein Treffer gefehlt. In der Single-Mixed-Staffel hätte ich am wenigsten damit gerechnet, dass die Deutschen eine Medaille holen. Aber Franzi und Erik sind die beiden, denen man es am ehesten zutraut. Sie haben die Schieß-Geschwindigkeit und die Treffsicherheit.

Erik Lesser hatte zuvor durchwachsene Leistungen. Für ihn war der WM-Zug eigentlich schon abgefahren. Ein gelungenes Comeback?

Er hat das Vertrauen des Trainers bekommen. Das ist ein Plus, welches man als langgedienter Athlet auch mal verdient hat. Bei den Männern hat sich sonst keiner für diesen Wettbewerb aufgedrängt. Die Anderen hatten sicher auch nichts gegen einen freien Tag mehr, da der Fokus mehr auf anderen Wettkämpfen lag. Für Erik schien es unmöglich auf den WM-Zug aufzuspringen und das motiviert dann auch. Man muss dann allerdings auch erst einmal abliefern. Hut ab vor seiner Leistung, die er gebracht hat.

Medaillen-Übergabe: Franziska Preuß und Erik Lesser holten Silber in der Single-Mixed-Staffel. (Quelle: Reuters/Eibner)Medaillen-Übergabe: Franziska Preuß und Erik Lesser holten Silber in der Single-Mixed-Staffel. (Quelle: Eibner/Reuters)

Benedikt Doll hat sich bei der WM sehr schwer getan. Woran liegt das?

Er war läuferisch immer gut, aber hat einfach zu viele Fehler geschossen. Man könnte sagen, dass Antholz nicht einfach ist und es Probleme mit der Höhe gibt, aber das kannte er schon. Normalerweise sollte man als erfahrener Athlet eine Möglichkeit finden, damit umzugehen. In diesem Jahr wären alle, ohne auf die Fehler der Konkurrenz hoffen zu müssen, mit ihrer Laufleistung in der Lage gewesen, aufs Podium zu kommen, aber sie standen sich am Schießstand im Weg. Benni ist noch einer der Jüngeren, er hat das Potenzial. Er wird aus der WM seine Lehren ziehen.

Sehen Sie ihn in einer Liga mit Thinges Bö oder Fourcade?

Er ist beim Schießen leider immer mal für einen Fehler gut, ich würde ihn nicht auf eine Stufe mit Fourcade oder Bö stellen. Aber er hat das Niveau sie zu schlagen. Aber nicht jeden Tag, weil das Schießen nicht konstant genug ist.

Apropos Schießen: War die Leistung im Massenstart eine Totalkatastrophe oder musste man nach den ersten Tagen bereits damit rechnen?

Nach der Staffel war mit dieser Leistung nicht zu rechnen. Man dachte eher der Knoten sei geplatzt. Gerade bei Benni war es in der Staffel nicht einfach, weil die Rolle als Schlussläufer nicht immer dankbar ist. Wir sind froh, dass Bronze geklappt hat. Beim Massenstart hat es nicht sollen sein.

Arnd Peiffer ist der Erfahrene im Team. Wie betrachten Sie seine eher durchwachsene WM?

Er ist Olympiasieger und Weltmeister, da gibt es nichts zu rütteln. Nur weil er dieses Jahr bei der WM nicht klar gekommen ist, muss man ihm nicht dazu raten langsam übers Aufhören nachzudenken. Er ist ein wichtiger Teil des Teams und in meinen Augen auch der Teamleader.

Abgesehen vom deutschen Team, ist die Leistung von Alexander Loginow sehr umstritten. Zuletzt gab es eine Razzia bei ihm.

Warum es die Razzia gab, weiß man ja noch nicht so genau. Wegen mir ist das in Ordnung, wenn es klare Gründe und Verdachtsfälle gibt. Vielleicht jagt das dem ein oder anderen einen größeren Schrecken ein, als nur eine Urinprobe der WADA. Es ist auch ein Warnschuss an alle. Wenn einer unter diesen Voraussetzungen noch einmal dopen würde, das könnte ich nicht verstehen. An dem Tag zu gewinnen, an dem bekannt wurde, dass sein Kollege 2014 in Sochi gedopt war, ist schlimm für den Biathlon-Sport. Er selbst hat seine Strafe abgesessen.

Auf was ich immer noch bei ihm warte ist ein Zeichen von Reue oder eine Entschuldigung. Das würde auch gut bei den Konkurrenten ankommen. Entweder er hat es nicht verstanden oder es fehlt das Unrechtbewusstsein. Zudem war seine Leistung überraschend, weil er in den letzten Wochen nicht mit Glanzleistungen aufgetrumpft ist. Man darf ihm aber auch nichts unterstellen. Der böse Beigeschmack ist halt immer dabei.

Wie sehen Sie das Duell zwischen Bö und Fourcade?

Dies WM hat gezeigt, dass auch andere Athleten auf dem Niveau mitkämpfen und dass diese Leistungen die zwei Hochkaräter auch nicht unbeeindruckt lassen. Es gab nicht den vorher erwarteten Zweikampf und Bö musste zum Beispiel bis zum letzten Tag auf seine Einzel-Goldmedaille warten. Das zeigt eben auch, dass sie trotz der Dominanz im Weltcup unter einem hohen Erfolgsdruck stehen und es nicht so einfach ist abzuliefern. Sie sind eben auch nur Menschen und keine Maschinen.

Biathlon-WM: Martin Fourcade beim Massenstart der Herren. (Quelle: imago images/Eibner Europa)Biathlon-WM: Martin Fourcade beim Massenstart der Herren. (Quelle: Eibner Europa/imago images)

Bö wird aktuell auch mit Björndalen verglichen. Entspricht seine Leistung diesem Vergleich?

Verschieden Generationen miteinander zu vergleichen ist schwer. Klar, beide Athleten haben zu ihrer Zeit die Konkurrenz beherrscht. Aktuell mischt sich die Generation Fourcade mit der Generation Bö. Für mich kann Bö derjenige sein, der Fourcade ablöst in dieser Rolle.

Welche Veränderungen sehen Sie im Biathlon über die letzten Jahre?

Es gibt nach wie vor einen Hype. Trotz der Angst, dass das öffentliche Interesse weniger werden würde, als Lena und Laura zurückgetreten sind, ist die Sportart nach wie vor Nummer eins im Winter. Die Einschaltquoten sind grandios. Es ist wichtig, dass deutsche Erfolge kommen. Auf die Athleten prasselt aber immer mehr ein. Mittlerweile spielt auch die Außendarstellung über die sozialen Netzwerke eine große Rolle. Dafür musste ich früher keine Zeit einplanen. Neben der Wettkampf- und Trainingsstrecke gehört das dazu und diesen Spagat sehe ich kritisch. Es wird vom Sportler erwartet – von Seiten der Fans, der Sponsoren, aber auch des Verbandes. Bei schlechten Leistungen muss sich aber der Sportler der Kritik aller stellen. Es gehört heutzutage mehr dazu, als nur zu schießen und zu laufen.

Wie schätzen Sie die Nachwuchsleistungen im deutschen Biathlon ein?

Die Junioren-WM war sicher nicht so erfolgreich, wie sich das Team das vorgestellt hat und wie die Vorergebnisse haben erwarten lassen. Man muss schauen, woran es lag. Ich glaube, dass die ein oder anderen Athleten dabei sind, mit denen man rechnen kann. Aber es ist nicht mehr das Riesen-Reservoir da, aus dem man noch vor zehn Jahren schöpfen konnte. Man könnte einige für den Weltcup nominieren, das war zu unserer Zeit schon härter umkämpft und wir hatten noch sieben Startplätze. Und die Achte war auch noch eine, die dazugehört hätte. Heutzutage sind ganz unten schon weniger da, die Sport treiben und somit kommen weniger oben an.

Müsste mehr für den deutschen Biathlon getan werden?

Es ist leider nicht nur ein Problem im Biathlon, sondern allgemein ein Nachwuchs-Problem, die Kinder bei Laune zu halten und auch erst einmal für den Wintersport zu begeistern. Aber auch zu schauen, dass Talente nicht verloren gehen. Es ist einiges zu tun. Beispielsweise muss sich auch darum gekümmert werden, wie man ehrenamtliche Übungsleiter weiter für ihre Arbeit begeistern oder überhaupt Trainer für den Nachwuchsbereich gewinnen kann. Die Vereinsarbeit an der Basis ist inzwischen schwierig. Mit immer weniger Schnee wird es nicht einfacher. Zudem ist das Material für mich ein Punkt, bei dem ich sage: Es wird nicht mit gleichen Voraussetzungen gearbeitet.

Inwiefern?

Eltern, die mehr Geld haben, können natürlich andere Ski und anderes Wachs kaufen als Eltern, die weiger Geld haben. Das spielt im Nachwuchsbereich eine Riesenrolle. Wenn im Weltcup einer mit einem gepulverten Ski an den Start geht und ein anderer nur mit Paraffin, dann hat der mit Paraffin keine Chance. So ist es auch schon im Nachwuchs. Es gibt dort Eltern, die die Skier pulvern und mit Fluor wachsen und präparieren. Andere machen das nicht. Man muss aufpassen, dass Talente so nicht auf der Strecke bleiben, weil sie sich so nicht in Szene setzen können. Das war zu meiner Zeit anders. Man weiß zwar nicht, ob aus den Talenten etwas wird, aber es muss weiter unten schon mit finanzieller Förderung angefangen werden, um gleiche Chancen zu gewährleisten.

Wie könnte so gezieltes Projekt zur Förderung aussehen?

Es gibt Einheits-Ski und Einheits-Wachs. Das wird in anderen Nationen auch gemacht und das gab es auch schon einmal in Deutschland. Es wurde wieder eingestampft. Natürlich ist nicht jedes Kind gleich groß und gleich schwer, aber man muss ein System finden, die Voraussetzungen vergleichbarer zu machen. Mit Einheits-Ski und Einheits-Wachs könnte man das Niveau wieder annähern. Auch wenn es dann noch Tricks gibt, mit denen man sich Vorteile erarbeiten kann. So kann man den Sportlern, die das Talent haben, die Chancen geben, sich herauszukristallisieren.

Machen Sie sich Sorgen, wie die Sportart in zehn Jahren aufgestellt sein könnte?

Sorgen mache ich mir nicht. Es wird immer wieder jemand hochkommen. Talente, wie Laura und Magdalena, kommen nicht jedes Jahr, aber es wird sie wieder geben. Es ist aber mittlerweile schwierig, aus dem ganz normalen Vereinsleben hochzuwachsen, wenn nicht engagierte Eltern dabei sind oder der Verein überdurchschnittlich gut aufgestellt ist. Es ist auch schwierig, weil es den Winter nicht mehr vor der Tür gibt. Auch der Schulsport könnte mehr für eine gute sportliche Grundausbildung beitragen. Vereine müssen vielleicht auch wieder mehr scouten, welches Kind für welchen Sport geeignet ist. Das gab es und das war ein gutes System, um Kinder für Sport zu begeistern und entsprechend ihrer Talente zu fördern.


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