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Yasmina Rezas neuer Roman: Ausflug nach Auschwitz

Von dpa
Aktualisiert am 28.01.2022Lesedauer: 2 Min.
Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza bei einer Lesung in Berlin 2008.
Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza bei einer Lesung in Berlin 2008. (Quelle: picture alliance / Peer Grimm/dpa./dpa)
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Frankfurt (dpa) - Gleich auf den ersten 20 Buchseiten gibt es eine SchlĂŒsselszene in Yasmina Rezas neuem Roman "Serge". Nach der Beerdigung der Mutter haben sich die Geschwister Popper samt Angehörigen und wenigen Freunden in einem CafĂ© zusammengesetzt.

Enkelin Josephine mokiert sich darĂŒber, dass die Oma sich habe einĂ€schern lassen, und das als JĂŒdin, "nach allem, was ihre Familie durchgemacht hat". Und sie kĂŒndigt an, sie werde "dieses Jahr nach Osvitz fahren".

Absurde Zuspitzungen

Josephines Vater, Roman-Titelfigur Serge, tobt: "Osvitz!! Wie die französischen Goys! Lern erst mal, das richtig auszusprechen. Auschwitz! Auschschschwitz!" Das setzt den Ton dieser immer wieder absurd zugespitzten Familiengeschichte, in der es neben den verschiedenen Befindlichkeiten und Problemen eben auch um den Umgang der zweiten und dritten Generation mit der von der Schoah geprĂ€gten Familiengeschichte geht, einer Geschichte, ĂŒber die in der Familie Popper ebenso geschwiegen wurde wie ĂŒber die jĂŒdische IdentitĂ€t: Keine Bar Mitzwa fĂŒr die Söhne, das letzte Familientreffen mit der Mutter zum Dreikönigskuchen.

Man könne nicht behaupten, den Eltern viele Fragen gestellt zu haben, sagt Serge wÀhrend des Familienausflugs nach Auschwitz, zu dem sich neben Josephine ihr Vater Serge, der Onkel und Ich-ErzÀhler Jean und die Tante Nana angeschlossen haben. Dabei wussten sie, die Familie der Mutter stammte aus Ungarn, fast alle Angehörigen wurden in Auschwitz ermordet. Waren es die Eltern, die sich das Schweigen auferlegt haben, oder haben sie auf Fragen gewartet?

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Messerscharfe Beobachtungen

Auch im Umgang mit dem lĂ€ngst zur Touristenattraktion verwandelten ehemaligen Vernichtungslager, in dem nun Menschen in Shorts und bunten T-Shirts herumlaufen, unterscheiden sich die Familienmitglieder: Nana ist nach dem Anblick der Gaskammer aufgewĂŒhlt und betroffen, Serge schwitzt im guten Anzug, gibt sich aber betont unbeteiligt, Josephine fotografiert in einem fort, als helfe die Kamera, Distanz zum Ort und seiner Geschichte zu schaffen.

Jean reflektiert den Besuch am Grab der unbekannten ungarischen Verwandten, von denen er und seine Geschwister nie etwas gehört hatten: "Aber das war unsere Familie, sie waren gestorben, weil sie Juden waren, sie hatten das VerhÀngnis dieses Volkes erlebt, dessen VermÀchtnis wir trugen, und in einer Welt, die sich an dem Wort "Gedenken" berauschte, wirkte es ehrlos, nichts damit zu tun haben zu wollen."

Mal ĂŒberdreht und voller Komik, mal nachdenklich und messerscharf beobachtend sind Rezas Szenen einer Familie zwischen Entfremdung, Schweigen und der Suche nach einem verbindenden Element. Ob IdentitĂ€t oder der Umgang mit Alter und Krankheit, der eigenen Endlichkeit und der Suche nach dem was bleibt - in diesem Buch zeigt Reza, dass sie die schrillen wie auch die leisen Töne beherrscht.

Yasmina Reza: Serge, Hanser Verlag, 206 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-446-27292-7

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