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Wie Justin Bieber sein Leiden öffentlich macht

Von Arno Raffeiner

Aktualisiert am 15.02.2020Lesedauer: 4 Min.
Der kanadische Sänger Justin Bieber: Hier auf seinem neuen Albumcover zu "Changes"
Der kanadische Sänger Justin Bieber: Hier auf seinem neuen Albumcover zu "Changes" (Quelle: Joe Termini/Universal Music/dpa-bilder)
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Depression ist eine Volkskrankheit. Wird sie bald auch zum Volkssport, mit Siegern und Verlierern? Im Pop läuft gerade ein Wettkampf um die am geilsten gemeisterte Krise. Jüngster Fall: Superstar Justin Bieber.

25 Jahre alt, fünf Nummer-Eins-Alben, 50 Milliarden Streams, eine fette Lebenskrise. Die Zahlen sprechen für sich: Justin Bieber ist einer der größten Popstars unserer Tage. Zum Riesenerfolg gehört heute wie selbstverständlich auch eine ordentliche Krankengeschichte. Lange war der kanadische Sänger nicht bereit, über seine Suchtprobleme und seine mentale Gesundheit zu sprechen. Bis er beschloss, daraus einfach seinen nächsten Megahit zu machen: "Seasons", eine exklusiv für YouTube produzierte Doku-Serie im handlichen Zehn-Minuten-Format. Man kann sie als Begleitprogramm weggucken, während man "Changes" anhört, Biebers parallel erscheinendes neues Album – das erste seit 2015.

Folge Nummer eins von Biebers Geständnis-Serie sahen Ende Januar innerhalb von eineinhalb Tagen über sieben Millionen Menschen. Sein Youtube-Kanal ist mittlerweile auf 51 Millionen Abonnenten angewachsen. Wenn Bieber die Krise kriegt, klicken die Leute wie blöde.

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In der Serie sieht man ihn im zartrosa Kapuzenpulli um ein Haus scharwenzeln, das so schrecklich gewöhnlich ist wie ein Stück Graubrot. Hier hat Bieber als Kind gelebt. Viele Erinnerungen kommen hoch, während er über den Parkplatz schlurft. Er erzählt seiner Frau, dem Model Hailey Baldwin, wie er mit 13 im Hinterhof den ersten Joint geraucht hat und "super stoned" war. Danach wollte er immer noch mehr. Gras, Pillen, Pilze, Hustensaft.

Es folgten die obligatorischen Schlagzeilen: Bieber betrunken. Bieber in Handschellen. 2017 dann: Bieber bricht Welttournee ab. Sucht, Angstzustände, Burn-out. Das Junge-von-nebenan-Wunder des Pop war weg vom Fenster. Aber jetzt zeigt Bieber der ganzen Welt, wie er sich wieder aufgerappelt hat.

Antidepressiva fĂĽr die Ohren

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2017 leiden 10,1 Prozent der deutschen Bevölkerung an einer depressiven Symptomatik. Damit gehören Depressionen zu den häufigsten psychischen Problemen in Deutschland und werden laut einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2020 weltweit zur zweithäufigsten lebensbedrohlichen Volkskrankheit überhaupt, nach dem Herzinfarkt.

Künstler und Musiker haben auch vorher schon mit seelischen Abgründen geflirtet. Die Legende von Schmerz und Leid als kreativem Motor ist ein überstrapaziertes Klischee. Seit Ewigkeiten heulen Jungs, die in der Schule vor ihrem Schwarm den Mund nicht aufkriegen, zu Hause mit ihrer Akustikklampfe in der Hand und behelligen irgendwann später mit ihrer Seelenpein den Rest der Menschheit.

Verglichen mit dem typischen Winsel-Folk oder mit Emo-Rock wirken Justin-Bieber-Songs wie Antidepressiva für die Ohren. Sie verbreiten Kuschellaune mit Karibikflair. Aber auch der Eiscreme-Pop Marke Bieber wird gerade zum Soundtrack für die Verhandlung von Lebenskrisen. Im Charts-Pop gehören psychische Probleme und mentale Gesundheit aktuell zu den heißesten Themen.

Selena Gomez zum Beispiel, einst strahlende Disney-Prinzessin und lange mit Bieber liiert, ging durch eine Phase von Krankheit, Depression und Trennungsschmerz. Ihr eben erschienenes Album "Rare" hat sie jetzt den Freuden der Verhaltenstherapie gewidmet.

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Rapper Kanye West, einer der einflussreichsten Musiker der letzten zwanzig Jahre, baut seinen Erfolg seit einiger Zeit vor allem auf Statusberichten zu seiner Psyche auf. Seine bipolare Störung setzt er gezielt als Mittel im Kampf um Aufmerksamkeit ein. Manie und Depression werden so zu Markenzeichen und Verkaufsargument.

Sieg über die eigene Schwäche

Dass immer mehr Menschen mit persönlichen Krisen immer offener umgehen, ist eine gute Sache. Ein weit verbreitetes Krankheitsbild wird so zum selbstverständlichen Gesprächsthema. Die Betroffenen sind weniger allein, es gibt Möglichkeiten zum Austausch, das nimmt den Problemen etwas von ihrem sozialen Stigma.

Liest man aktuelle Promi-Biografien, hat man allerdings oft den Eindruck, dass man sich ohne eine vernünftige Lebenskrise gar nicht erst zu Wort melden braucht. Das erzeugt auch Konkurrenz. Wer hat die längste, die tiefste, die schlimmste Depression? Das kann in einen Wettkampf in Sachen Krise ausarten, vor allem was das gegenseitige Übertrumpfen beim Überwinden der Probleme betrifft.

Denn es gibt bei Gomez, West, Bieber & Co. einen zentralen Unterschied zu den weinenden Indie-Jungs: Es geht nicht etwa darum, sich im Leid zu suhlen. Es geht letztlich um den Sieg über die eigene Schwäche. So wird aus der Volkskrankheit irgendwann ein Volkssport. Mit allem, was dazugehört: Ehrgeiz, Gewinner und Verlierer. Das Entscheidende ist letztlich natürlich nicht, down zu sein. Sondern wieder hochzukommen. Und dann publikumswirksam und am besten auch noch funky davon zu berichten: Ich hab's geschafft. Bin rausgekrabbelt aus dem Loch. Und längst wieder auf dem Sprung zum nächsten Karrierehöhepunkt.

Work-out gegen den Burn-out

Das ist Neoliberalismus wie aus dem Handbuch. Selbstverantwortung und Selbstoptimierung gelten im Konkurrenzkampf aller gegen alle eben auch dann, wenn's ums Seelenheil geht. Resilienz ist das Zauberwort dafĂĽr: die Kunst, mit Schmerz klarzukommen, die Krise zu ĂĽberwinden, wieder wie vorgesehen zu funktionieren und dabei auch noch Mehrwert fĂĽr die zukĂĽnftige Entwicklung zu generieren.

Leid ist nur okay, wenn es überwunden wird und man hinterher davon erzählen kann, wie viel besser es einen gemacht hat. So wie es Justin Bieber in seiner YouTube-Serie tut. Dass das bei Menschen, die noch tief in einer Krise stecken, nur zusätzlich Druck aufbaut und Gefühle von Ungenügen und Versagen verstärkt, ist das Perfide an der neuen Bekenntnislust und am Depri-Pop in den Charts.

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Natürlich, er meint es gut. "Ihr seid nicht allein damit, wisst ihr?", sagt Bieber einmal in die Kamera. "Andere machen dasselbe durch wie ihr." Dann hockt er in einem unförmigen Sauerstoffzelt und erklärt, wie wichtig es ist, mentale Probleme zu meistern. Und dass ein bisschen mehr Sauerstoff im Gehirn beim Work-out gegen den Burn-out echt nützlich sein kann.

Seine Ehefrau hat den dazu passenden, furztrockenen Kommentar parat: "Die Leute denken bestimmt: Der ist doch verrĂĽckt, was ist das denn fĂĽr ein Apparat? Das ist doch bloĂź Reiche-Leute-ScheiĂź!"

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