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Dschungelcamp 2020: Warum schauen viele Hochgebildete ''IBES''?


Warum Hochgebildete sich für Trash-TV begeistern können

  • Sophie Loelke
Von Sophie Loelke

Aktualisiert am 14.01.2020Lesedauer: 4 Min.
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Reality-TV und Star-News: Unser Interesse an bekannten Persönlichkeiten ist ein normales menschliches Verhalten, werde aber durch die Medien verstärkt.
Reality-TV und Star-News: Unser Interesse an bekannten Persönlichkeiten ist ein normales menschliches Verhalten, werde aber durch die Medien verstärkt. (Quelle: T-Online-bilder)
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Ob Dschungelcamp oder Royals: Millionen Deutsche leiden oder freuen sich mit. Ein Medienpsychologe erklärt, was beim Rummel um die Stars so viel Freude bereitet und ab wann es krankhaft wird.

Die Welt der (Möchtegern-)stars ist eine Projektionsfläche für unsere Bedürfnisse. Warum wir uns damit selbst therapieren und es gleichzeitig zutiefst menschliches Verhalten ist, erklärt der Medienpsychologe und Vorsitzende des Deutschen Digital Instituts Prof. Dr. Jo Groebel.

Das Interesse an Realityshows wie dem Dschungelcamp oder dem Aufruhr im britischen Königshaus sei ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Groebel ist sich sicher: Die Ausreden, Reality-Shows oder Promi-News würden nur aus ironischem oder wissenschaftlichem Blickwinkel verfolgt, entsprechen nicht unbedingt der Wahrheit.

"Es hat nichts mit ärmlich, geistesarm oder blöd sein zu tun"

"Zuneigung und Interesse für bekannte Persönlichkeiten zu entwickeln, ist so alt wie die Menschheit und archaisch in uns verankert. Davor ist auch der größte Nobelpreisträger nicht gefeit." Differenzen zwischen Bildungsniveau und dem Spaß am Promi-Alltag sieht Groebel daher keine: "Die absolute Zahl Hochgebildeter, die Dschungelcamp verfolgen, ist sicher größer als die absolute Zahl derer, die Phoenix, Arte oder 3sat schauen. Mit der Behauptung, die Sendung sei eine Asi-Nummer oder für Leute mit niedrigem Bildungslevel, wäre ich sehr vorsichtig."

Die Stars unterscheiden sich außerdem von Kultur zu Kultur, so Groebel: Teenager hätten ein stärkeres Bedürfnis, sich berühmte Idole zu suchen und beispielsweise erste erwachende erotische Wunschvorstellungen auf die Vorbilder zu projizieren. Die Boyband Take That, Tokio Hotel oder Justin Bieber boten Fans diese Fläche.

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Auch kulturell unterscheiden sich die Stars, so Groebel: Während in Südkorea K-Pop-Stars verehrt und gefeiert werden, seien es hierzulande Stars der westlichen Popkultur. Eine Untersuchung Groebels aus den 90er-Jahren zeigt nur einige wenige kultur- und geschlechterübergreifende Weltstars – unter Ihnen Arnold Schwarzenegger, der in verschiedensten Kulturkreisen gefeiert wurde. Menschen verfolgen ihre ausgewählten Berühmtheiten aus mehreren Antrieben heraus.

Therapie und Wunschvorstellung

Sich in eine Traumwelt hineinzuversetzen und die sehnlichsten Wünsche nach Ruhm, Reichtum oder Schönheit in anderen wiederzufinden, binde Menschen jeglichen Alters, Bildungsstands und jeglicher Kultur an Stars. Andererseits gelte aber auch: Menschen wollen genau das eben nicht – die Ehekrise oder die großen öffentlichen Dramen, wie sie aktuell den britischen Königspalast erschüttern. "Es ist fast schon eine therapeutische Maßnahme, sagen zu können: Gut, dass das gerade nicht mein Leben ist", so Groebel.

Gemeinschaftsgefühl durch unproblematische Leitfiguren

Zwischen den Fans im "stillen Kämmerlein" bis hin zu den "exzessiven Stalkern" gebe es die breite Masse: Fans übertragen Gefühle und Meinungen zu bestimmten Persönlichkeiten oder deren Situationen. "Das Phänomen nennt sich soziale Ansteckung und sorgt für eine aktuelle Gemeinschaft und ein Gruppengefühl untereinander. Der Austausch über harmlose Leitfiguren verbindet."

Prof. Dr. Jo Groebel: Der Medienpsychologe bei der Preisverleihung und Ehrung des 15. Felix Burda Award 2018 in Berlin.
Prof. Dr. Jo Groebel: Der Medienpsychologe bei der Preisverleihung und Ehrung des 15. Felix Burda Award 2018 in Berlin. (Quelle: APP-Photo/imago-images-bilder)

Begeisterung durch Leistung der Prominenten

Viele Stars leisten aber auch etwas – seien es veröffentlichte Songs, Filme oder Unterhaltung jeglicher Art. "Natürlich frage auch ich mich bei einigen "Stars", was da noch hinter steckt, außer berühmt zu sein. Aber echte Weltstars haben eine Leistung vollbracht und ernten Bewunderung. Und sei es für die Fähigkeit, perfekte Selbstvermarktung zu vollbringen wie zum Beispiel Kim Kardashian. Man darf nicht ausschließlich behaupten, Fans würden permanent etwas kompensieren wollen."

Kompensation von Schwächen

Die Kompensation – im Guten wie im Schlechten – spiele aber dennoch eine Rolle und ist einer von vielen Punkten, warum es uns gefällt, Prominenten zu folgen. Einerseits versetze sich ein Fan in seinen Lieblingsstar hinein, der dann stellvertretend etwas besonders gut kann: singen, tanzen, sportliche Leistung bringen oder ein Problem lösen. Andererseits gebe es auch den Lieblingsfeind, über den sich Menschen erheben. "Es sind häufig Politiker aber eben auch Leute, die gerade im Dschungelcamp sitzen. Ich habe etwas, was die nicht haben: Ich bin intelligenter, ich würde das nie machen oder ich könnte das besser, sind typische Gedanken."

Imaginäre Beziehungen aufbauen

Das Phänomen "parasoziale Interaktion" wurde in vielen Studien untersucht. Es zeigt, dass imaginäre Beziehungen zu Stars – freundschaftlich, erotisch oder intim – durch ein regelmäßiges Erscheinen in den Medien genährt werde, erklärt Groebel. "Deutlich erkennbar ist dieser Effekt beim Dschungelcamp: Jeden Tag schärfen die Kandidaten ihr Profil. So kristallisiert sich mehr und mehr heraus, wen man als Zuschauer mag und wen nicht. Durch die Regelmäßigkeit baut sich die Bindung weiter aus bis hin zu dem Gefühl 'Der ist doch jetzt mein guter Bekannter'. Bei dem einen leide ich mit und bei dem anderen bin ich schadenfroh."

Die parasoziale Interaktion sei ein soweit unbedenkliches und alltägliches Phänomen. Sobald Menschen aber beginnen, sich in der Welt der Stars zu verlieren, sei Vorsicht geboten. "Stalking, Depressionen, Realitätsverlust oder die Aufgabe der eigenen Identität sind Anzeichen, dass das Fan-Sein zu weit geht." Als sich Take That trennte, brachen zahlreiche Teenager in Verzweiflung aus, drohten sogar mit Suizid. Diese Extremformen seien glücklicherweise die Ausnahme.

Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow (v.l): Die Mitglieder der Boyband "Take That" performen bei einer Show nach ihrer Wiedervereinigung 2019. Die Stars haben Millionen Fans auf der ganzen Welt. Als Robbie Williams die Band 1995 verließ, wurden Seelsorge-Telefone für trauernde Fans eingerichtet.
Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow (v.l): Die Mitglieder der Boyband Take That performen bei einer Show nach ihrer Wiedervereinigung 2019. Die Stars haben Millionen Fans auf der ganzen Welt. Als Robbie Williams die Band 1995 verließ, wurden Seelsorgetelefone für trauernde Fans eingerichtet. (Quelle: ZUMA Press/imago-images-bilder)

"Die Medien spielen eine ganz entscheidende Rolle für alle Seiten"

Befeuert werden die Projektionen von Bedürfnissen und Abneigungen in all ihren Formen vor allem durch die Medien. Nicht nur die Sendungen selbst, sondern auch die sozialen Kanäle sowie alle darüber berichtenden Medien schaffen dreierlei Nutzen: "Es nutzt dem Star, der bekannter wird, es nutzt den Medien, da sie Geschichten und damit Leser bekommen und es nutzt den Fans, da sie Futter bekommen."

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Verwendete Quellen
  • The UNESCO global study on media violence (englisch)
  • Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik
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