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Ein intensives Kammerspiel im Stuttgarter Verhörraum

Von Barbara Schaefer

Aktualisiert am 04.11.2018Lesedauer: 3 Min.
Erbarmungslos: Die Kommissare Lannert (Richy MĂŒller) und Bootz (Felix Klare) lassen einfach nicht ab vom VerdĂ€chtigen (Manuel Rubey).
Erbarmungslos: Die Kommissare Lannert (Richy MĂŒller) und Bootz (Felix Klare) lassen einfach nicht ab vom VerdĂ€chtigen (Manuel Rubey). (Quelle: SWR/Alexander Kluge)
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In diesem "Tatort" ist alles anders. Die netten Kommissare von nebenan brechen ein, und zwar in das Leben eines – vielleicht

An einem ganz normalen lichten Arbeitstag stehen die Ermittler Lannert (reibeisig: Richy MĂŒller) und Bootz (stur: Felix Klare) im BĂŒro von Jakob Gregorowicz. Er soll als Zeuge befragt werden. FĂŒr die Kommissare ein normaler Vorgang, aber fĂŒr den Befragten natĂŒrlich ein Ausnahmezustand.


Die "Tatort"-Teams im Überblick

SaarbrĂŒcken: Hauptkommissare Adam SchĂŒrk (gespielt von Daniel StrĂ€ĂŸer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) ermitteln zusammen seit 2019. Seit 2022 machen Hauptkommissare Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) das Team komplett.
MĂŒnchen: Hauptkommissare Ivo Batic (gespielt von Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) lösen die FĂ€lle seit 1991. Seit 2014 werden sie zusĂ€tzlich von Kommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) unterstĂŒtzt.
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Das ginge wohl jedem so, denn man hat das nicht alle Tage, dass die Polizei "nur ein paar Fragen" stellen möchte. Beim Rausgehen sagen die Ermittler: "Wir melden uns sicher nochmal." Das kann nur als Drohung verstanden werden.

Ein Mann wurde ermordet, und Gregorowiczs Name steht in dessen Terminkalender. Das sei ein Irrtum, sagt der Befragte. Der Mann lĂŒgt, das spĂŒren die Ermittler, und die Fernsehzuschauer auch. Aber wer hat nicht schon mal gelogen? HĂ€ppchenweise gesteht, revidiert, ergĂ€nzt der Befragte, der immer mehr zum VerdĂ€chtigen wird. Denn wer einmal lĂŒgt, dem glaubt man nicht, wird schon Kindern eingeblĂ€ut.

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Was wĂ€re, wenn alle lĂŒgen?

Was diesen "Tatort" interessant macht: Als Zuschauer beginnt man, sich einiges zu fragen. Wenn es etwa heißt, die Polizei mĂŒsse davon ausgehen, dass alle Menschen lĂŒgen, mit denen sie zu tun hat. Wir, die Nicht-Polizisten, mĂŒssen hingegen vom Gegenteil ausgehen. Ein Leben in unserer Gesellschaft wĂ€re nicht möglich, wĂŒrden wir nicht grundsĂ€tzlich glauben, dass die Menschen um uns herum die Wahrheit sagen.

Fassungslos schaut man unterdessen Gregorowicz zu, wie er sich immer weiter reinreitet. Er gibt zu, mit dem nunmehr Ermordeten regelmĂ€ĂŸig Tennis gespielt zu haben, und man kann nicht verstehen, warum er das verschwiegen hat. Er bittet einen befreundeten Zahnarzt, ihm ein Alibi zu verschaffen, und wir alle wissen, das wird nicht funktionieren. Genauso wenig wie das Rausfeudeln von DNA-Spuren aus der Geheimwohnung mit Glasreiniger.

Ausweglos: Noch ist es kein Verhör, bloß eine Befragung, die Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy MĂŒller) mit Jakob Gregoriwicz (Manuel Rubey) fĂŒhren. Er hat schonmal seinen Anwalt Moritz Ullmann (Hans Löw) mitgebracht.
Ausweglos: Noch ist es kein Verhör, bloß eine Befragung, die Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy MĂŒller) mit Jakob Gregoriwicz (Manuel Rubey) fĂŒhren. Er hat schonmal seinen Anwalt Moritz Ullmann (Hans Löw) mitgebracht. (Quelle: SWR/Alexander Kluge)

Die freundlich-perfiden Ermittler lassen nicht locker, Lannert als der schicke Anzugmann genauso wenig wie Bootz, der legere LederjackentrĂ€ger. Und immer mehr bekommen wir unbeteiligten Zuschauer das GefĂŒhl, das könnte einem selbst auch passieren: plötzlich verdĂ€chtig.

NatĂŒrlich verheimlicht Gregorowicz etwas. SpĂ€testens als er in ein SchwulencafĂ© marschiert, hat auch der Letzte kapiert, dass er eine AffĂ€re am Laufen hat. Aber das ist ja kein Verbrechen.

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"Mogsch a Bierle?"

Drehbuch und Regie (Martin Eigler) schaffen es, dass Zuschauer diesen Fall ganz aus der Perspektive des VerdĂ€chtigen erleben. Man fragt sich: WĂŒrde das auch uns so gehen, dass das Umfeld uns nicht mehr glaubt? Der Schwager und Anwalt, der so anstrengend angepisst auf alles reagiert; die Ehefrau, die vielleicht sogar mehr weiß; die sauberen Kumpels, die eines Abends den immer mehr Verstörten rĂ€udig-schwĂ€bisch begrĂŒĂŸen mit "wa machsch n du da?". Wer solche Freunde hat, muss sich wirklich Sorgen machen. Das lapidare "Mogsch a Bierle?" hilft da auch nicht weiter.

Die drĂ€ngende Befragung im sogenannten Stuttgarter Verhörraum mit festgeschraubten StĂŒhlen und Videokameras in allen Ecken steigert sich zum intensiven Kammerspiel. Alle drei leiden, stundenlang, die Ermittler, ĂŒberkorrekt und doch erbarmungslos, ebenso wie der Befragte. Manuel Rubey ĂŒberzeugt als BedrĂ€ngter, spielt ihn wie ein Kind, das einfach die Augen zudrĂŒckt, wenn es etwas nicht sehen möchte.

Chancenlos: Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) fĂŒhlt sich stĂ€ndig verfolgt. Zu recht.
Chancenlos: Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) fĂŒhlt sich stĂ€ndig verfolgt. Zu recht. (Quelle: SWR/Alexander Kluge)

So bestĂŒrzend hat man das noch nicht gesehen, wie es sich anfĂŒhlen muss, in Untersuchungshaft zu kommen. Wie mit dem Ablegen aller KleidungsstĂŒcke und Wertsachen auch ein Teil des Menschen in eine Schachtel gelegt wird. Als er die Schachtel nach dem ersten Aufenthalt im Knast zurĂŒckbekommt, scheint dieser Teil aber verloren gegangen zu sein.


Das geradezu kafkaeske Drehbuch (Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler) schwĂ€chelt nur ganz am Schluss mit dem pseudo-dokumentarischen Ausklang. Insgesamt ein starker "Tatort", passend zum ZehnjĂ€hrigen fĂŒr die Stuttgarter Ermittler.

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