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Kaum zu glauben, was man sieht - Stuttgarts neuer "Tatort"

Von dpa
Aktualisiert am 01.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Sebastian Bootz (Felix Klare, vorne) und Thorsten Lannert (Richy M├╝ller) ermitteln.
Sebastian Bootz (Felix Klare, vorne) und Thorsten Lannert (Richy M├╝ller) ermitteln. (Quelle: Benoit Linder/SWR/dpa./dpa)
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Stuttgart (dpa) - Das ist wirklich nicht der Tag des Stuttgarter "Tatort"-Duos. Bei Thorsten Lannert streikt mal wieder der teppichbraune Liebhaber-Porsche. Aber nicht nur das Alter seines Oldtimers macht sich bemerkbar, auch der R├╝cken des ARD-Kommissars schmerzt und sticht.

Derweil ├Ąrgert sich sein Ermittler-Kollege Sebastian Bootz ├╝ber seine zunehmend distanzierteren Scheidungskinder, tritt auch noch in einen schmierigen Hundehaufen. Und dann liegt da auch noch unsch├Ân diese f├╝r "Tatort"-Krimis ja obligatorische Leiche langgestreckt mitten in einem Meer aus Scherben.

Der Titel ist Programm

Die Weihnachtsfeier in einem Versicherungskonzern mit Karaoke, Bar und faden B├╝rowitzen hatte t├Âdliche Folge f├╝r einen Mitarbeiter, der ├╝ber eine Balustrade in die Tiefe des Foyers st├╝rzte. Ein Ungl├╝ck? Oder ein Verbrechen? War's der Chef pers├Ânlich? Oder die Konkurrentin um die begehrte Stelle, die einst nicht nur eine feste Partnerin, sondern auch eine Beziehung mit dem sp├Ąteren Opfer gehabt haben soll? Das gilt es f├╝r Lannert und Bootz im neuen Tatort "Videobeweis" und in ziemlich langen 90 Minuten herauszufinden.

Der Titel der Folge ist Programm im neuen Krimi-Kapitel der w├╝rttembergischen Kommissare: Denn Lannert (Richy M├╝ller) und Bootz (Felix Klare) sto├čen trotz des fehlenden Opfer-Handys auf ein verwackeltes Video, das der sp├Ątere Toten an seinem letzten Abend aufgenommen hat. Es zeigt seine Kollegin und Konkurrentin (mal eiskalt, mal zerbrechlich: Ursina Lardi) mit dem Vorgesetzten (Oliver Wnuk) beim Sex im B├╝ro des Firmenchefs.

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Das Video, das in diesem "Tatort" in gef├╝hlter Dauerschleife gezeigt wird, l├Ąsst eigentlich keine Fragen offen. Und wirft doch so viele Fragen auf. Denn die Szene kann man auch ganz unterschiedlich interpretieren, wenn man mit anderen Augen auf das verwackelte Filmchen schaut? Ist das, was man sieht, einvernehmlich? Oder eine Vergewaltigung durch einen Familienvater? Sieht man eigentlich immer nur das, was man sehen will? Mit dem M├Ąnnerblick Lannerts? Oder aus der weiblichen Perspektive der jungen Auszubildenden im Ermittler-B├╝ro? Und wie weit darf man bei der Ambivalenz ├╝berhaupt gehen, ohne das mutma├čliche Opfer zu diskreditieren?

Frage der Glaubw├╝rdigkeit

Fest steht f├╝r Lannert und Bootz und nat├╝rlich auch f├╝r den virtuellen Zeugen am Bildschirm: Einer von beiden, die selbstbewusste Mitarbeiterin im Karriere-Aufwind oder der fassungslose Chef, muss den Mord begangen haben. Denn beide, die Femme Fatale und der zunehmend irrlichternde Firmenboss, h├Ątten ihr Motiv. Und w├Ąhrend der eine immer schwerer belastet wird und seine Beziehung zu seiner Anw├Ąltin dar├╝ber zerbricht, versucht die andere zunehmend, als Leidtragende zu ├╝berzeugen.

Die Frage der Glaubw├╝rdigkeit des mutma├člichen Opfers einer m├Âglichen Vergewaltigung kann einen ├╝beraus spannenden und filmf├╝llenden Konflikt bieten, voll von Emotion, Aufkl├Ąrung und Brisanz. Was glaubt man, was sieht man, und sollte man immer dem trauen, was man wahrnimmt? Aber der Stuttgarter "Tatort" kann sich nicht so recht entscheiden, ob er die Ermittler zum Fahndungserfolg im Mordfall f├╝hren oder den Konflikt mit geb├╝hrender Tiefe behandeln soll.

Liebeskummer und Gassigang

So pendelt er etwas unentschieden hin und her, streut noch ein wenig Lannert-Liebeskummer und Gassigang hinein und bietet wenig inspirierende Dialoge ("Ist das jetzt Gerechtigkeit?" "Tja, zumindest ist es die Wahrheit.") in mal mehr, meist weniger gelungenem schw├Ąbischem Akzent. Ausgefallen dagegen die Idee, m├Âgliche Versionen der m├Ârderischen Momente jener Firmenfeier-Nacht nicht nur zu beschreiben, sondern in gespielten Szenen zu zeigen. Regie f├╝hrte Rudi Gaul, der mit Katharina Adler auch das Drehbuch schrieb.

Auffallend ist Gauls Hommage an den Erotik-Thriller "Basic Instinct" (1992): das bisexuelle vermeintliche Opfer in engem wei├čen Rolli beim Verh├Âr und der Eispickel als Tatwaffe, der zerschlagene Eisklumpen als Getr├Ąnkek├╝hler und der ermittelnde Kommissar im Gef├╝hlstaumel.

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