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Der Mercedes-AMG SL 63 im Fahrbericht

Noch sportlicher: der Mercedes-AMG SL 63

07.03.2016, 14:57 Uhr | Christian Sauer

Der Mercedes-AMG SL 63 im Fahrbericht. Sportlich in den Kurven: der Mercedes-AMG SL 63. (Quelle: Daimler AG)

Sportlich in den Kurven: der Mercedes-AMG SL 63. (Quelle: Daimler AG)

Unser Autor testete im sonnigen Kalifornien den überarbeiteten Hardtop-Roadster Mercedes-AMG SL 63. Warum sein Achtzylinder selbst dem noch stärkeren und teureren Zwölfzylinder die Show stiehlt, klärt sein Fahrbericht.

Wow – was für eine Power, was für ein Sound – da können selbst die Motorradfahrer mit ihren Supersportlern nur den Daumen hochhalten, als ich sie mit dem neuen Mercedes-AMG SL 63 auf einer kurvigen Landstraße abhänge.

Ein Kurven-Flitzer

In Sachen Beschleunigung auf der Gerade hat mein 585 PS starker V8-Bolide trotz Race Start (Launch Control) und nur 4,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h gegen die Zweiräder kaum eine Chance, aber schon vor der ersten Kurve ändert sich das Bild. Nicht, dass Ducati und Co. keine guten Stopper hätten, aber mit den optionalen Carbon-Keramik-Bremsen im Durchmesser einer Familienpizza kann ich eben noch später den Anker werfen. Dann heißt es, den Kurven-Scheitelpunkt anvisieren und zielgenau einlenken. In diesem Moment beweist sich, dass die Entwickler ganze Arbeit geleistet haben.

Der vorher schon sehr dynamische 63er der siebten SL-Generation (R 231) surft dank technischem Feinschliff nun noch ein Quäntchen direkter durch Kurven. So handlich und leichtfüßig er sich durch die engen Kehren peitschen lässt, sind die mindestens 1845 Kilogramm Leergewicht fast vergessen.

Selbst wenn der heutige SL der Namensbedeutung "super leicht" seines Urahnen, dem 300 SL Flügeltürer aus den 1950-er-Jahren, in Sachen Gewicht nicht mehr gerecht wird, wurden trotz immer schwererer Luxus- und Sicherheits-Ausstattung mit großem Aufwand wieder ein paar Kilo eingespart. Zusätzlich zum ebenso leichten wie verwindungssteifen Aluminium-Rohbau sind dank Alu-Fahrwerkskomponenten die ungefederten Massen reduziert. Davon profitiert nicht nur die Agilität, sondern auch das Ansprechverhalten des adaptiven Federungs- und Dämpfungssystem Active Body Control (ABC). Im SL 63 gibt es dies exklusiv als Performance-Variante mit strafferem Charakter auf Knopfdruck. >>

Per AMG Dynamic Select stehen insgesamt fünf Fahrprogramme zur Wahl, die neben dem Fahrwerk beispielsweise auch die 7-Gang-Sportautomatik mit schnellen Gangwechseln und Schaltpaddel beeinflusst. Während sich der SL im "Comfort"-Modus entspannt und geschmeidig gibt, verwandelt er sich in "Sport" oder "Sport Plus" und vor allem in "Race" zum potenten Dynamiker. Außerdem lässt sich das Setup individuell konfigurieren und das ESP in drei Stufen ein – oder zum Driften sogar komplett ausstellen.

One Man, One Engine

Den Spaßfaktor erhöhen im Hinterland von San Diego mit engen Canyons die Zwischengasfunktion beim Runterschalten und generell der brachiale V8-Sound aus den vier Endrohren. Jeden Gasbefehl honoriert der typisch für AMG von einem Monteur in Handarbeit zusammengebaute Achtzylinder mit einer spontanen Leistungsexplosion. Aus 5,5 Litern Hubraum holt der bekannte Biturbo enorme 900 Newtonmeter Drehmoment, die ab 2250 Touren an die Hinterachse gewuchtet werden. Dort sorgt ein mechanisches Sperrdifferenzial für optimale Traktion und weniger Schlupf am kurveninneren Rad ohne Bremseingriff, wodurch früher aus Kurven herausbeschleunigt werden kann.

In diesem Sportwagen fahre ich mich regelrecht in einen Rausch: Die sehenswerte Western-Landschaft fliegt an mir vorbei und ich bin froh, nicht Bekanntschaft mit einem Sheriff samt (Laser-)Pistole zu machen. Bevor der Gesetzeshüter mich in die Mangel nimmt, halte ich besser wieder das Tempolimit von unter 90 km/h auf Landstraßen ein.

Sitzheizung und Belüftung sowie verschiedene Massage-Programme bieten bei aller Sportlichkeit des Zweisitzers gleichzeitig den Komfort einer Limousine. Nicht nur bei Autos mit offenem Verdeck würde ich mir den Airscarf wünschen, der als Nackenheizung den Schal ersetzt. In Verbindung mit dem elektrisch ausfahrbaren Windschott könnte ich so mit knapp über 100 km/h auf dem Highway dahingleiten, ohne dass im Cockpit ein Sturm aufzieht. >>

Dennoch halte ich kurz an, um in wenigen Sekunden das elektrische Variodach zu schließen. Neu: Auch während der Fahrt bis 40 km/h ist dies möglich. Ein praktisches Detail ist neuerdings ebenfalls die automatische Restkofferraum-Abtrennung. Mit geschlossenem Verdeck schluckt das Heck des SL 63 stolze 504 Liter. Wenn die beiden festen Dachteile zusammengeklappt sind, passen darunter immerhin noch 364 Liter. Dank diesem sowie anderen praktischen Details ist und bleibt der SL ein voll alltagstaugliches Auto, das sich auch als Erstwagen eignet. Und dabei wäre mit dem AMG Driver’s Package auf deutschen Autobahnen sogar Tempo 300 statt der abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h möglich. Das Bang & Olufsen Soundsystems samt 900 Watt Leistung und zwölf Lautsprechern vervollständigt das luxuriöse Fahrerlebnis ebenso wie die IWC-Borduhr, die perfekte Qualität der Materialien und deren Verarbeitung. Bemerkenswert ist auch die Armada modernster Assistenzsysteme und das weiterentwickelte Infotainmentsystem mit Online-Vernetzung. Ein Highlight im wahrsten Sinne des Wortes stellt für mich immer wieder das optionale Panorama-Variodach mit elektrisch dimmbarem Glasmitteilteil (Magic Sky Control) dar.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Davon profitieren zumindest gegen Aufpreis ebenfalls die schwächeren Versionen Mercedes-Benz SL 400 und SL 500. Zu ihren technischen Neuerungen gehören die 9-Stufen-Automatik und die Active Body Control samt Kurvenneigefunktion. Sie tragen jetzt serienmäßig ringsherum das sportliche AMG Styling zur Schau. Am deutlichsten sind beide am "Diamant-Kühlergrill" zu erkennen, der perfekt zu den neuen LED-Scheinwerfern des SL passt. Optisch setzten die beiden AMG-Versionen SL 63 und SL 65 jedoch noch einen drauf. Letztgenanntes Topmodell glänzt ab Werk mit viel Chrom, ist alternativ aber auch mit schwarzem Night- oder Carbon-Paket bestellbar. Unter der traditionell langen Motorhaube arbeitet mit dem 6,0 Liter großem V12-Biturbo ein echtes Kraftpaket. Wie seine "kleineren Brüder" kommt er auch in anderen Luxus-Baureihen mit Stern zum Einsatz und leistet inzwischen 630 PS. Durch das Drehmoment von 1000 Newtonmeter ab 2300 Touren wirkt der SL 65 noch bulliger. Allerdings bleibt der Zwölfzylinder im Vergleich zum 63er bei der Drehfreudigkeit sowie beim Klang hinter ihm und mit 4,0 Sekunden auf 100 km/h ist er nahezu gleich schnell. Trotz umfangreicherer Serienausstattung toppt sein Preis von mindestens 239.934 Euro die 161.691 Euro des Mercedes-AMG SL 63 deutlich. Wer beim "Auto Quartett" die besten Karten in der Rückhand haben möchte, trifft mit dem SL 65 sicherlich die beste Wahl. Wer anstatt auf Prestige noch mehr auf Sportlichkeit setzt, dem empfehle ich ganz klar den V8.

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