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Das Precht-Problem: Nicole Diekmann über das fragile Ego des Welterklärers


Spitze gegen Baerbock
Prechts Auftreten hat ein Muster

  • Nicole Diekmann
MeinungEine Kolumne von Nicole Diekmann

26.04.2023Lesedauer: 4 Min.
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Richard David Precht: Er erklärt gern die Welt – Frauen kommen dabei nicht immer so gut weg. (Quelle: IMAGO/Dwi Anoraganingrum)

Richard David Precht gibt sich gern als potenter Welterklärer – immer wieder auch mit frauenfeindlicher Tendenz. Das zeigte er erneut in einer Podcast-Folge.

Podcasts sind das Medium der Stunde. Entsprechend heiß tobt die Schlacht um Beachtung und daraus resultierende Nutzerzahlen. So gesehen hat Richard David Precht alles richtig gemacht: Die jüngste Folge seines Podcasts von "Lanz und Precht" erfährt gerade riesige Aufmerksamkeit. Allerdings deshalb, weil Precht darin einmal mehr offenbart, wie klein sein Ego ist.

Das Thema der besagten Podcast-Folge: Indien. Das ist aber eigentlich egal. Wichtiger für diese Kolumne ist nämlich das Konzept des Formats an sich. Die Aufteilung in dieser wie auch jeder anderen Folge ist, dass Markus Lanz fragt und Precht antwortet.

Natürlich antwortet er, denn das Konzept Richard David Precht lautet: Er hat auf alles eine Antwort. Keine Frage, er sagt dabei auch oft schlaue Sachen. Und tappt überdies nicht in die Falle unserer Gegenwart: Precht gelingt es wohltuend oft, das nervige Schwarz-Weiß-Schema, das Schubladendenken zu vermeiden, das Debatten nicht nur erschwert, sondern auch ermüdend flach und vorhersehbar geraten lässt. Das ist eine tolle Art zu diskutieren – und eine sehr kluge.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politikberichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie über 120.000 Fans hat. Dort filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet. Ihr Buch "Die Shitstorm-Republik" ist überall erhältlich, ihr Blog findet man hier. Außerdem ist sie Co-Host des Podcasts "Gegen jede Überzeugung".

Leider aber scheint Prechts Vertrauen in sein Wissen und seine Differenzierungsfähigkeit nicht allzu groß zu sein. Denn anders kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, dass zum Gesamtkonzept Richard David Precht auch Testosteron-getriebenes Aufplustern gehört. Das Kleinmachen anderer. Von Frauen zum Beispiel. Genau das tut er in dieser Podcast-Folge, und zwar nicht zum ersten Mal.

Darin reden er und Lanz, wie bereits erwähnt, über Indien. Dort leben nämlich neuerdings die meisten Menschen weltweit. Zuvor war China das bevölkerungsreichste Land gewesen. Erst mal wenig Zündstoff, zumal Markus Lanz zwar bekannt ist für seine bohrende Fragetechnik, gleichzeitig aber auch für seine verbindliche, souveräne Art. Eigentlich ein guter Ausgleich zu Precht.

Baerbocks China-Besuch als Anlass

Leider aber ist Prechts Verstand kein guter Ausgleich zu Prechts Ego-Problem. Was einmal mehr deutlich wird, als Lanz ihn nach dem Besuch von Annalena Baerbock in China vergangene Woche fragt.

Die Außenministerin hatte sehr deutliche Worte an China gerichtet – und dafür sowohl Beifall geerntet als auch Kritik: Zu undiplomatisch und in Anbetracht der Stärke Chinas riskant, sagen die einen. Angemessen und dringend nötig in Anbetracht der Drohgebärden Chinas gegenüber Taiwan und der fortlaufenden Menschenrechtsverletzungen, sagen die anderen.

Man kann darüber diskutieren. Richard David Precht kann das auch. Er tut das zunächst auch, wird dann aber besiegt von – genau: seinem Ego. Und das braucht offensichtlich ganz dringend komplett unverstellten Sexismus, gepaart mit Arroganz und Geraune.

Sonst nur bei Twitter-Usern mit Namen wie "Penispropeller"

Er habe "das Gefühl, also, wenn ich ganz ehrlich sein darf, dass ich immer denke, was für ein Unfall, dass diese Frau Außenministerin geworden ist. Die hätte doch unter normalen Bedingungen im Auswärtigen Amt nicht mal ein Praktikum gekriegt." Baerbock versuche, China mit der "moralischen Inbrunst einer Klassensprecherin" die westlichen Werte zu erklären.

Das ist ein Sound, das ist ein Gebaren, das ist eine Haltung, die sich mit einem Wort zusammenfassen lässt: klein. Man kennt so was von Twitter-Usern, die sich Namen geben wie "Penispropeller" und die Frauen grundsätzlich mit einer Verniedlichungsform ansprechen. Die von "Annalenachen" faseln und nach einer halb weggedämmerten Nacht vorm Rechner und YouTube meinen, den Nahostkonflikt lösen zu können. Vom Stammtisch, an dem sich Karl-Heinz und Horst endlich mal wichtig fühlen dürfen, und besser geeignet für zirka alles als, sagen wir mal, eine Völkerrechtlerin wie Baerbock für das Amt der Außenministerin.

Von einem Publizisten, einem Philosophen, einem etablierten Intellektuellen, den Precht ja verkörpern möchte, ist so was noch mal schlimmer. Weil die Fallhöhe so groß ist. Und weil er diese Reichweite hat. Penispropeller ignoriert man, oder von mir aus antwortet man ihm auch kurz. Precht aber sitzt da in intimer Zweiersituation mit seinem Freund Lanz. Der nur schwach protestiert. Vielleicht aus freundschaftlicher Verbundenheit. Vielleicht aus Abgestumpftheit. Vielleicht hat er sich an diese Ausfälle Prechts auch einfach schon gewöhnt.

Denn auch in Lanz’ Talkshow offenbarte sich Precht schon als Opfer seiner selbst – erntete da aber das angemessene Echo: Als die Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros, Melanie Amann, sachliche und faktenbasierte Kritik an seinem zum Teil schlampig recherchierten Buch "Die vierte Gewalt" äußerte, unterstellte Precht ihr, sie habe sein Buch einfach nicht verstanden.

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Mimik, Gestik und Tonfall, derer er sich in diesem Dialog bediente – daneben wirkt Chinas Menschenrechtspolitik Friedensnobelpreis-verdächtig. Bilder, wie sich Precht mit verzerrtem Gesicht zu Amann hinüberbeugt und mit ihr spricht, haben sich zu einem Meme entwickelt: Sie werden gern in den sozialen Medien gepostet, wenn ein Mann einer ihm argumentativ und stilistisch offensichtlich überlegenen Frau nichts Eleganteres entgegenzusetzen hat als – tja, eigentlich muss man sagen: gar nichts.

Amann reagierte darauf sehr gelassen und ließ sich weder einschüchtern noch provozieren. Sie zeigt souverän, dass eben nicht mehr das herrscht, was Precht unter "normalen Zeiten" versteht. Als Frauen noch keine Ministerien leiteten. Oder Hauptstadtbüros.

Damals hätte Precht sich sicher auch zum Leiter des "Spiegel"-Hauptstadbüros mackern können. Heute würde ein Mann, der derlei frauenfeindliche Äußerungen macht wie Precht, dort wohl nicht mal ein Praktikum kriegen.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
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