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Digital-Gipfel: "Europa will digital erwachsen werden"

INTERVIEWEU-Cloud auf Digital-Gipfel  

"Europa will digital erwachsen werden"

Von Jan Mölleken

29.10.2019, 17:51 Uhr
Digital-Gipfel: "Europa will digital erwachsen werden". Eine Wolke als Symbol für Cloud-Dienste: Auf dem Digital-Gipfel ging es unter anderem um die europäische Cloud-Lösung Gaia-X. (Quelle: dpa/Ole Spata)

Eine Wolke als Symbol für Cloud-Dienste: Auf dem Digital-Gipfel ging es unter anderem um die europäische Cloud-Lösung Gaia-X. (Quelle: Ole Spata/dpa)

Auf dem Digital-Gipfel in Dortmund will man sich den Herausforderungen des digitalen Wandels stellen. Michael Littger, Geschäftsführer von "Deutschland sicher im Netz", über den europäischen Versuch, digital erwachsen zu werden.

Wie kann das Jahrhundertprojekt Digitalisierung gesamtgesellschaftlich gelingen? Erschöpfende Antworten auf diese Frage zu finden, dürfte auch in den kommenden Jahren nicht nur in Deutschland eine große und zunehmend dringlichere Herausforderung sein.

Der Digital-Gipfel ist letztlich einer der Versuche, sich im Zusammenbringen der Akteure von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft einer Lösung anzunähern. Auf dem diesjährigen Gipfel in Dortmund spielte neben anderen Themen vor allem das Projekt einer europäischen Cloud-Lösung – Gaia-X – eine zentrale Rolle. Sie soll ein Gegengewicht zu den dominierenden amerikanischen Angeboten von Amazon, Microsoft und Google sein.

Michael Littger nimmt ebenfalls am Gipfel teil. Der Geschäftsführer des gemeinnützigen Bündnis "Deutschland sicher im Netz" sieht dringlichere Aufgaben als die Entwicklung einer europäischen Datenplattform – sieht in der richtigen Ausgestaltung eines europäischen Wegs jedoch auch eine "riesige Chance".

t-online.de: Herr Littger, teilen Sie die Einschätzung, dass Europa und Deutschland dringend eine eigene Cloud-Plattform als Gegenentwurf zu amerikanischen Plattformen wie AWS, Azure und Google Cloud brauchen?

Michael Littger: Es gibt ja immer wieder Bestrebungen auf europäischer und nationaler Ebene, gewisse Technologien, bei denen wir eigentlich etwas im Rückstand sind, durch große Entwürfe aufzuholen. Das war bei der De-Mail so, das ist vielleicht auch bei dem europäischen Navigationssatellitensystem so. Und man hat immer wieder auch gesehen, dass es dann doch nicht so geklappt hat, wie man sich das vielleicht erhofft hat. Die Ambitionen sind erstmal nachvollziehbar. Ob es zum Erfolg wird, hängt allerdings noch von vielen Faktoren ab, die man heute noch nicht alle voraussehen kann. 

Woran könnte es denn scheitern?

Die großen Cloud-Dienstleister haben natürlich enorme Vorsprünge: Sie sind sehr kapital- und entwicklungsstark. Da dagegenzuhalten ist schon eine große Herausforderung. Einerseits muss man jetzt sehr schnell sein und möglichst bald gute Angebote schaffen, die auch angenommen werden – und dafür braucht man natürlich auch eine gewisse Verbreitung.

Wenn ich das richtig einschätze, dann sind diese Erfolgsfaktoren heute noch nicht gegeben, da wird man aber die nächsten Monate abwarten müssen. Eine entscheidende Frage ist auch, ob Frankreich und weitere Staaten mitarbeiten. Denn als nationale Cloud ist Gaia-X letztlich ja gar nicht angelegt und wäre dann sicherlich auch nicht erfolgreich.Michael Littger ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Bündnis "Deutschland sicher im Netz". (Quelle: Th.Rafalzyk)Michael Littger ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Bündnis "Deutschland sicher im Netz". (Quelle: Th.Rafalzyk)

Welche Gefahren bestehen denn aus Ihrer Sicht schon heute für Unternehmen – aber auch für Privatleute – dadurch, dass derzeit Daten in der Cloud meist auf amerikanischen Servern liegen?

Der Grund für die Bemühungen für eine eigene europäische Cloud liegt vor allem in einer Verunsicherung im Hinblick auf den Zugriff auf Daten in der Cloud: etwa durch Geheimdienste, Spionage und generell durch politische Unwägbarkeiten, die sich womöglich in einer Benachteiligung deutscher oder europäischer Unternehmen auswirken könnten. Wie begründet diese Ängste sind, ist eine andere Frage.

Bei "Deutschland sicher im Netz" gehen wir etwas konkreter an diese Fragestellung heran und fragen uns eher: Was brauchen die Unternehmen, die Mittelständler jetzt und in unmittelbarer Zukunft? Und da wäre der naheliegendere Weg, stärker über Schutzvorkehrungen zu informieren und aufzuklären, wie man sich diesen Unsicherheiten stellen und sich auch schützen kann. Denn es gibt diese Möglichkeiten. Eine neue Technologie ist hier nicht die dringendste Herausforderung, die wir sehen.

Sollte die Bundesregierung sich also lieber darauf konzentrieren, besser über bestehende Schutzmöglichkeiten aufzuklären, anstatt an einer neuen Cloud-Lösung zu basteln?

Vielleicht muss sich das nicht gegenseitig ausschließen. Aber dringlich ist tatsächlich, dass man stärker über verfügbare Schutzmöglichkeiten aufklärt. Das gelingt etwa durch Verschlüsselungsanforderungen in der Cloud, durch Vereinbarungen, wie man Redundanzen sicherstellt. Wichtig ist auch, dafür Sorge zu tragen, dass es nicht zu Lock-in-Effekten kommt, man die Cloud auch problemlos wechseln kann. 

Das sind alles Kompetenzen, die Entscheider heute kennen müssten. Wir wissen aber auch, dass diese Grundkenntnisse über den sicheren Umgang mit der Cloud noch zu wenig Verbreitung finden – und da müssen wir ansetzen.

Welche Themen und Fragen sind aus Ihrer Sicht die drängendsten für eine erfolgreiche digitale Zukunft?

Die Digitalisierung bedeutet eine große gesellschaftliche Umwälzung, sie prägt neue Gewohnheiten im Alltag, schafft neue Berufsbilder, bringt aber auch neue Anforderungen in Arbeitswelt, in Bildung und Weiterbildung. Das ist Fakt und daran gibt es hier auf dem Digital-Gipfel auch keinen Zweifel. Aber wenn das so ist, dann müssen wir auch darüber nachdenken, wie wir digitale Kompetenzen besser, wirksamer und schlagkräftiger vermitteln.

Dieses Signal wünsche ich mir auch aus dem heutigen Gipfel heraus. Es gibt einige Initiativen, die dieses Thema auf dem Gipfel sehr schön aufgegriffen haben. Beispielsweise in der Gipfel-Plattform "Schutz, Sicherheit und Vertrauen für die Gesellschaft und Wirtschaft". So zum Beispiel der digitale Showroom KInsights!, der Verbrauchern künftig in Schulen und Berufsschulen das Thema künstliche Intelligenz auf IT-Plattformen erklärt. Und was das eigentlich im Hinblick auf Daten, auf IT-Sicherheit und auch im Hinblick auf ethische Fragen bedeutet.

Wenn wir schaffen, diese Inhalte gut und breit zu vermitteln, dann haben wir auch eine Möglichkeit, die Digitalisierung erfolgreich zu gestalten. Denn der Worst Case wäre doch, dass es tolle Innovationen gibt, aber die Leute nicht abgeholt werden und die Betriebe nicht mitkommen. So nach dem Motto: Stell dir vor, es ist Digitalisierung und keiner geht hin.

Was macht Deutschland digital schon heute richtig gut?

Ich glaube wir haben eine riesige Chance – und das wird auch auf diesem Digital-Gipfel deutlich – in Deutschland und in Europa eine Digitalisierung zu gestalten, die den Menschen in das Zentrum der Dienste und Produkte stellt. Also stärker als vielleicht im asiatischen oder im amerikanischen Raum auf ein menschenzentriertes Wertesystem und eine entsprechende Ausrichtung der Innovationen zu setzen – und sich so auch abzugrenzen.

Die DSGVO, die neue Datenschutzverordnung, zeigt in diese Richtung. Hier versucht Europa wirklich, einen Fußabdruck zu hinterlassen. Man versucht hier, erwachsen zu werden, ein eigenes Profil in globaler Hinsicht zu entwickeln – und ich glaube, in diesem Kontext steht auch das Thema europäische Cloud. Eine datensichere, eine IT-sichere, eine vor Spionage und anderen Diensten geschützte Cloud, das steht für mich alles in dem Kontext, dass Europa digital erwachsen werden will. Mit einem eigenen Profil, mit einem eigenen Selbstverständnis.

Und wenn das gelingt, dann haben wir einen echten Durchbruch. Und wenn das noch mit Kompetenzvermittlung, mit mündigen Bürgern und kompetenten Unternehmern zusammenkommt, dann kann der Digital-Gipfel im nächsten Jahre noch heller strahlen als in diesem Jahr.

Herr Littger, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Eigenes Interview

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