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Kommentar: Rücksichtslose Jugend? Niemand fordert ein Recht aufs Party-Machen


Sie vermissen ihre Partys – was ist falsch daran?

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

21.10.2020Lesedauer: 4 Min.
Meinung
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Feiernde Party-Besucher: In der Corona-Krise müssen alle verzichten. Manchen Jugendlichen fällt das offenbar schwer.
Feiernde Party-Besucher: In der Corona-Krise müssen alle verzichten. Manchen Jugendlichen fällt das offenbar schwer. (Quelle: Rainer Weisflog/imago-images-bilder)
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Eine junge Frau erzählt dem ZDF, dass sie das Partyleben sehr vermisst. Auf Twitter bricht darauf der blanke Hass über sie herein. Wieso eigentlich? Unsere Kolumnistin erkennt ein Muster.

Die Lage kurz vor dem Corona-Herbst gleicht einem Pulverfass. Die Fallzahlen explodieren – und mit ihnen die Gemüter. Die zweite Welle schwemmt eine Menge aufgestauter Wut an. Im Internet ergießt sich der geballte Hass über Menschen, die das zum Teil nicht verdient haben.


Coronavirus: An diesen Orten lauert das größte Risiko

In der Bahn, im Restaurant und auch zu Hause – wo sich Menschen auf engem Raum befinden, kann sich das Coronavirus leicht ausbreiten. Unsere Fotoshow zeigt, welche Situationen besonders riskant sind.
Bahn: Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder Bahnen sind ebenfalls mögliche Infektionsquellen. Hier treffen viele Menschen auf engem Raum aufeinander. Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und das Tragen einer Gesichtsmaske können das Ansteckungsrisiko minimieren – sofern sich alle daran halten.
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Ida kann ein Lied singen von Reaktionen, die in einer völlig anderen Liga spielen als der Auslöser. Sie kennen Ida nicht? Ich eigentlich auch nicht, nur eine cirka 25 Sekunden lange Aussage von ihr, ausgestrahlt in einer "heute journal"-Reportage im ZDF.

Ida ist etwa Anfang 20, hat gewellte braune Haare. Viel mehr weiß ich nicht über sie. Ich kann mir aber vorstellen, dass die letzten Tage für sie überhaupt nicht lustig waren, sondern beängstigend.

Denn Ida wurde diese Woche dem Twitter-Mob zum Fraß vorgeworfen. Jemand hatte dort einen kurzen Clip mit ihrer Aussage gepostet, versehen mit dem Kommentar: "First World Problems" – sinngemäß also: "Jammern auf ganz hohem Niveau".

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Kein Halten für die "Hater"

Und damit war Ida zum Abschuss freigegeben. In noch eher freundlichen Beleidigungen wurde die junge Frau als Nymphomanin bezeichnet, als Schlimmeres natürlich auch, und ihr wurde Drogenkonsum unterstellt. Dermaßen hasserfüllt waren manche Kommentare unter dem Tweet.

Der Urheber rief die Beteiligten zunächst dazu auf, sich im Ton zu mäßigen. Der Appell war von wenig Erfolg gekrönt. Inzwischen hat der junge Mann seinen Tweet deshalb gelöscht, wie er auf Nachfrage schreibt.


Was war passiert? Was hatte Ida gesagt? Dass sie qua Alter ein Recht auf Party habe und deshalb trotzdem weiter heimlich feiern werde, ohne Maske, ohne Abstand?

"Das ist schon traurig" – diese Aussage erhitzt die Gemüter

Nichts davon hat Ida getan. Gesagt hat sie nur das: "Ich war jetzt seit März nicht mehr feiern, und ich war davor drei Mal die Woche irgendwo, und das ist schon traurig, also ich brauch das nämlich eigentlich, ich bin darauf angewiesen."

Einer jungen Frau fehlt es, nicht mehr ausgehen zu dürfen. Sie sagt, dass sie traurig ist. Und, dass sie seit März trotzdem nicht mehr feiern war. Und das reicht nicht? Was verlangen wir eigentlich voneinander? Darf man nicht einmal mehr vermissen?

Sicher: Die Regeln des Anstandes verlangen derzeit Opfer. Wir alle müssen auf irgendetwas verzichten. Doch das bedeutet nicht, dass die Menschen keine Bedürfnisse mehr haben (dürfen).

Ida reißt sich zusammen. Sie weiß genau, was ihr fehlt und kann das offen artikulieren. Doch offenbar gibt es Menschen, denen selbst das Aussprechen von Gefühlen zu weit geht.

Auch in der Politik wird eine neue Eskalationsstufe erreicht

Politiker sind einen harten Umgangston gewohnt, aber selbst sie müssen in Zeiten wie diesen noch mehr als sonst aufpassen, was sie sagen. Die Sorge in der Politik ist riesig: Kippt irgendwann die Stimmung? Wie würde ein zweiter Lockdown angenommen? 2021 ist ein Megawahljahr. Was jetzt passiert, stellt erste Weichen. Die Stimmung ist hypernervös.

Markus Söder (CSU) hat das diese Woche mit einer Reaktion auf Christian Lindner (FDP) anschaulich bewiesen. Beide haben einiges gemeinsam: Beide sind Vorsitzende ihrer jeweiligen Partei, beide stehen unter Druck. Lindners FDP kommt der Fünf-Prozent-Hürde immer wieder gefährlich nah.

Söder regiert Bayern, und damit das Bundesland, in dem der bundesweit erste Lockdown dieser zweiten Welle in Berchtesgaden soeben in Kraft treten musste. Für eventuelle Ambitionen auf die Kanzlerschaft schafft das nicht gerade Rückenwind.

Eine weitere Parallele: Beide teilen gerne aus, auch mal kräftig. Doch auch daran gemessen rangiert der Montag auf der Eskalationsskala relativ weit oben: Die FDP solle sich überlegen, ob ihr Kurs, den sie sich gemeinsam mit der AfD auferlegt habe, wirklich der richtige sei, sagte Söder. Was war passiert?

Hatte Lindner den medizinischen Nutzen von Masken geleugnet, wie es manche AfD-Bundestagsabgeordnete vor laufender Kamera tun? War Lindner beim Kofferpacken erwischt worden, um an der kruden Reise von AfDlern ins Kriegsgebiet Bergkarabach teilzunehmen? Hatte er sich auf einer Zugtoilette vor Polizisten versteckt, die herbeigerufen worden waren, um ihn an die Maskenpflicht zu erinnern, so wie vor einigen Wochen der stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Stephan Brandner? War es so weit gekommen mit dem FDP-Chef?

Nichts davon hatte Christian Lindner getan. Sondern lediglich gesagt, man solle die Corona-Lage "nicht überdramatisieren".

Haben wir das Zuhören verlernt?

Ob das abwertende Wort "überdramatisieren" in Anbetracht der Warnungen von Expertinnen und Experten und der Tatsache, dass Berlin-Neukölln 70 Prozent (!) der Infektionen nicht mehr nachverfolgen kann, angebracht ist – darüber kann man diskutieren. Aber viele wollen nicht mehr diskutieren. Nicht mal mehr zuhören.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Ida wird vielleicht noch ein paar Tage lang Angst haben, auf der Straße erkannt zu werden. Das geht vorbei. Diejenigen, die sich gern aufregen, werden sich eine neue Ida suchen. Und irgendwann wird Ida wieder feiern gehen. Hoffentlich erst, wenn es wieder erlaubt und gefahrlos möglich ist.

Die Debattenkultur allerdings hängt längst am Beatmungsgerät, der Wutfaktor wächst weiter exponentiell. Und künstliche Beatmung, sagen Ärzte, hinterlässt immer Schäden. Bleibende Schäden.

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Verwendete Quellen
  • Tagesspiegel: "Wir brauchen jetzt einen Strategiewechsel – sonst halten wir nicht durch"
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