Sie sind hier: Home > Digital > Corona-Krise >

Mobilitätsdaten zeigen: Der "harte Lockdown" zeigt Wirkung – mit Ausnahmen

Mobilitätsdaten zeigen  

Der "harte Lockdown" zeigt Wirkung – mit Ausnahmen

07.01.2021, 08:45 Uhr
Mobilitätsdaten zeigen: Der "harte Lockdown" zeigt Wirkung – mit Ausnahmen. Leerer Marktplatz in Schwerin: Seitdem die meisten Geschäfte geschlossen sind, herrscht weniger Verkehr in den Innenstädten.  (Quelle: dpa/Jens Büttner)

Leerer Marktplatz in Schwerin: Seitdem die meisten Geschäfte geschlossen sind, herrscht weniger Verkehr in den Innenstädten. (Quelle: Jens Büttner/dpa)

Leere Fußgängerzonen, halbvolle Bahnen und nächtliche Ausgangssperren: Der "harte Lockdown" soll die Ausbreitung des Coronavirus bremsen. Zu Weihnachten und Neujahr wurden die Regeln jedoch gelockert. Mit welchem Effekt? 

Seit dem 16. Dezember befindet sich ganz Deutschland im "harten Lockdown". Am 5. Januar haben Bund und Länder sogar noch einmal nachgeschärft. Das bedeutet: Nicht nur Freizeiteinrichtungen und Gastronomiebetriebe, sondern auch Schulen, Kitas und viele Geschäfte bleiben bis zum 31. Januar grundsätzlich geschlossen – wobei die neuen Regeln immer noch zahlreiche Ausnahmen und Bedingungen vorsehen (mehr zu den neuen Maßnahmen hier). 

Eigenverantwortung versus Verbote

Manch einer hätte wohl gerne auf harte Maßnahmen verzichtet. Doch spätestens im Dezember wurde klar, dass der "Wellenbrecher Lockdown" nicht ausreichen würde, um Tausende weitere Todesopfer und überfüllte Krankenhäuser zu verhindern.

Auch die Mobilitätsdaten aus dieser Zeit zeigen, dass bestimmte Orte zwar weniger häufig frequentiert wurden – Museen, Restaurants und andere Freizeiteinrichtungen waren schließlich geschlossen. Die Deutschen gingen aber wieder ganz normal zur Arbeit und verbrachten weniger Zeit zu Hause als im Frühjahr 2020, als das ganze Land für ein paar Wochen stillzustehen schien. 

Ab der zweiten Dezemberhälfte scheint sich das geändert zu haben. Laut den Google Mobilitätsdaten bleiben die Deutschen wieder deutlich mehr daheim – ähnlich wie in der ersten Phase der Pandemie. Dabei dürften allerdings auch die Weihnachtsfeiertage eine Rolle spielen, wenn viele Arbeitnehmer ohnehin Urlaub haben und mehr Zeit mit der Familie verbringen. 

Keine Hinweise auf "Weihnachts-Hopping" mit der Familie

Allerdings geht aus den Smartphone-Daten nicht hervor, ob die Nutzer über Weihnachten wirklich zu Hause waren oder etwa verreist sind und die Feiertage gemeinsam mit Angehörigen anderer Haushalte verbracht haben. Zwar haben Gesundheitsbehörden und Politiker eindringlich an die Bevölkerung appelliert, ihre Besuche bei Verwandten und Freunden zu begrenzen. Doch die Kontaktbeschränkungen wurden zu Weihnachten und Silvester trotzdem gelockert. Haben die Deutschen die vorübergehende Reisefreiheit genutzt?

Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. Aus den Mobilitätsdaten von Apple geht nur hervor, dass sich die Deutschen nach einem Tag Pause am 24.12. wieder öfter ins Auto gesetzt haben. Das Reiseniveau vom Jahresbeginn 2020 wird aber nicht erreicht. 

Homeoffice: Geht doch!

Recht auffällig ist dagegen der Rückgang beim Pendlerverkehr seit dem 16. Dezember: Viele Arbeitnehmer scheinen dem Aufruf der Bundesregierung und Gesundheitsexperten gefolgt zu sein und haben ins Homeoffice gewechselt. Das bedeutet aber auch: Vermutlich wäre die Heimarbeit in vielen Fällen auch schon zu Zeiten des "Lockdown light" möglich gewesen. Anders als im Frühjahr wurden die Mitarbeiter aber trotz stark steigender Fallzahlen von ihrem Chef oder ihrer Chefin ins Büro zitiert. Eine Befragung der Hans-Böckler-Stiftung bestätigte diesen Eindruck zuletzt. 

Bislang haben sich Bund und Länder gescheut, verbindliche Regeln für Arbeitgeber zu schaffen. Und solange Führungskräfte auf Präsenzpflicht bestehen, müssen für die Kinder berufstätiger Eltern weiterhin Betreuungsangebote in Schulen und Kitas aufrechterhalten werden. Lehrkräfte und Betreuende sind also auch weiterhin einem Infektionsrisiko ausgesetzt. Wie sich die Lage nach den Ferien darstellt, bleibt abzuwarten. 

Erläuterung zu den Grafiken: Die Werte geben an, inwiefern sich die Besucherzahl und Aufenthaltsdauer an bestimmten Orten, z.B. in Geschäften und Einrichtungen während der Coronavirus-Pandemie verändert hat. Als Referenzlinie (Nulllinie) dient ein Vergleichswert aus der Zeit vor der Pandemie. Deutlich sichtbar sind die periodischen Ausschläge während einer "normalen" Woche. 

Google nutzt die Standortdaten normalerweise, um zum Beispiel in Google Maps die Stoßzeiten für bestimmte Lokalitäten nach Wochentagen und Tageszeiten anzuzeigen. Wie Sie verhindern, dass Ihre Standortdaten in solche Auswertungen einfließen, erfahren Sie hier.  

Bei der Auswertung der öffentlichen Mobilitätsdaten von Google und Apple gilt natürlich zu beachten, dass sie nur Smartphone-Nutzer erfassen, die ihre anonymisierten Standortdaten zur Verfügung stellen. Die Daten sind also nicht unbedingt repräsentativ. Die einzelnen Kategorien (Arbeitsplatz, Wohnort, Freizeiteinrichtung, usw.) sind zudem nicht immer trennscharf. 

So weist beispielsweise die Zahl der Besucher in den "Freizeiteinrichtungen" kurz vor Inkrafttreten des "harten Lockdowns" einen auffälligen Peak auf. Das lässt sich leicht erklären: An den letzten beiden Tagen bevor der Einzelhandel schließen musste, strömten zahlreiche Deutsche ein letztes Mal in die Shoppingmalls und Einkaufsstraßen – Orte, die von Google zum Teil unter "Freizeiteinrichtungen" verbucht werden. 

Ansturm auf Shoppingmalls und Skipisten

Das deckt sich mit einer Auswertung des Robert Koch-Instituts (RKI) zum Mobilitätsverhalten der Deutschen während des Winter-Lockdowns. Demnach lässt sich zwar im ganzen Monat Dezember ein starker Rückgang im Reise- und Berufsverkehr feststellen. An einzelnen Tagen trieb es die Bevölkerung aber dann doch nahezu zeitgleich in die Stadtzentren oder beliebte Ausflugsregionen. Auch die Shopping-Wut kurz vor dem Lockdown machte sich beim RKI mit einem deutlichen Plus in der Mobilitätsstatistik bemerkbar. 

Ein weiteres Beispiel: An den ersten schneereichen Tagen des Winters zog es die Deutschen auf die Ski- und Rodelhänge der Republik. Zahlreiche Orte im Harz, Schwarzwald und Sauerland wurden von dem Besucheransturm dermaßen überrascht, dass zusätzlich zu den geltenden Corona-Beschränkungen erst Straßen und Parkplätze gesperrt werden mussten, um die Lage zu beruhigen. 


Die gute Nachricht ist: Das sind Einzelfälle. Insgesamt stellt sich die Lage ähnlich dar wie beim ersten Lockdown im Frühjahr. Die Deutschen haben sich nicht nur in ihrer Freizeit deutlich eingeschränkt. Auch in der Arbeitswelt konnten Kontakte vermutlich reduziert werden, zumindest vorübergehend. Die Feiertage und Winterferien könnten so gesehen sogar zur Beruhigung des Infektionsgeschehens beigetragen haben. 

Genaueres werden wir aber erst in gut einer Woche wissen, wenn die Testkapazitäten wieder auf dem vorweihnachtlichen Niveau angekommen sind und der Meldestau in den Behörden abgebaut ist.

Hoffnung auf einen "Corona-freien" Sommer

Allein die Mobilitätsdaten lassen aber darauf hoffen, dass die aktuellen Maßnahmen ähnlich effektiv sind wie der erste Lockdown vor fast einem Jahr. In diesem Fall dürften die besorgniserregend hohen Inzidenzwerte in vielen Regionen Deutschlands in den kommenden Tagen noch deutlich fallen. Um einen Zielwert von unter 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche zu erreichen, sind jedoch noch einige Wochen Geduld gefragt. 

Experten mahnen bereits zur Vorsicht: Es gibt zahlreiche Hinweise auf neue Virusvarianten, die möglicherweise noch ansteckender sind und bisherige Erfolge zunichte machen könnten. Wenn sie sich europaweit verbreiten, sind noch größere Anstrengungen zur Eindämmung nötig. Es gibt daher gute Gründe, die Fallzahlen erst auf ein Minimum zu reduzieren, ehe man Lockerungen in Betracht zieht. Vielleicht schaffen es Deutschland und seine europäischen Nachbarn so, die Pandemie im zweiten Anlauf nachhaltig unter Kontrolle zu bringen, während gleichzeitig geimpft wird. Der Sommerurlaub ohne Corona-Sorgen rückt in greifbare Nähe – wenn wir jetzt lange genug durchhalten. 

Woher kommen die Daten?
Die in diesem Artikel dargestellten Daten basieren auf den Mobilitätsberichten von Google und Apple. Die beiden Hersteller der mobilen Betriebssysteme Android und iOS werten dazu die Standort- und Bewegungsdaten ihrer Nutzer aus und stellen sie aggregiert und anonymisiert zur Verfügung (Links in den Quellenangaben). Aus den Google-Daten lässt sich insbesondere ablesen, an welchen Wochentagen bestimmte Orte hochfrequentiert sind. Apple hingegen analysiert vor allem, wie sich die Menschen fortbewegen: zu Fuß, mit dem Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Daten reichen bis Anfang Januar und stellen einen Bundesdurchschnitt dar. 

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal