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Corona-Krise könnte eine Krebswelle ins Rollen bringen

Von Andrea Goesch

Aktualisiert am 05.06.2020Lesedauer: 4 Min.
Eine Krebspatientin bei der Strahlentherapie (Symbolbild): Experten bef√ľrchten, dass die Corona-Pandemie zu einem Stau bei der Krebsbehandlung f√ľhren k√∂nnte.
Eine Krebspatientin bei der Strahlentherapie (Symbolbild): Experten bef√ľrchten, dass die Corona-Pandemie zu einem Stau bei der Krebsbehandlung f√ľhren k√∂nnte. (Quelle: Science Photo Library/imago-images-bilder)
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R√ľckstaus bei OPs, verz√∂gerte Therapien und sp√§te Diagnosen: Der Lockdown hat gravierende Folgen f√ľr die Versorgung von Krebspatienten. Experten sind besorgt, dass es zu einem Anstieg krebsbedingter Todesf√§lle kommen k√∂nne, wenn keine Ma√ünahmen ergriffen werden und die Krebsvorsorge weiterhin vernachl√§ssigt wird.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Behandlung anderer schwerer Krankheiten aus? t-online.de hat mit Dr. Susanne Weg-Remers, der Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, √ľber die aktuelle Situation gesprochen.

t-online.de: Frau Weg-Remers, welche Auswirkungen hatte der Corona-Lockdown auf die Versorgung von Krebspatienten?

Susanne Weg-Remers: Das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft hatten Mitte M√§rz ein gemeinsames FruŐąhwarnsystem aufgebaut, um Ver√§nderungen in der onkologischen Versorgung w√§hrend der Corona-Pandemie zu beobachten. Aus den w√∂chentlichen Erhebungen der gemeinsamen Taskforce wissen wir, dass die Behandlung trotz Einschr√§nkungen grunds√§tzlich sichergestellt war und es keine systematischen oder bedrohlichen Versorgungsengp√§sse f√ľr Krebspatienten gab.

Dr. Susanne Weg-Remers ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum: Sie sieht die Gefahr einer "Bugwelle nicht erkannter und nicht behandelter Krebserkrankungen".
Dr. Susanne Weg-Remers ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum: Sie sieht die Gefahr einer "Bugwelle nicht erkannter und nicht behandelter Krebserkrankungen". (Quelle: Schwerdt/DKFZ.)

√úber mehrere Wochen wurden allerdings viele Krebstherapien verschoben, unterbrochen oder verk√ľrzt. Sehr viele Patientinnen und Patienten konnten bereits bewilligte Rehabilitationsma√ünahmen nicht antreten. Auch Termine zur Krebsdiagnostik oder Krebsfr√ľherkennung wurden verschoben. Das Mammografie-Screening, zum Beispiel, wurde zeitweise gar nicht angeboten.

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Wurden auch wichtige Operationen oder Behandlungen abgesagt?

√úber die Anfragen an den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums sind uns auch Einzelf√§lle bekannt, in denen eine dringliche Behandlung verschoben wurde. Wir wissen aus den Anfragen ebenfalls, dass sich viele Krebspatienten aus Angst vor einer Infektion gescheut haben, zum Arzt zu gehen, ebenso Menschen mit Warnzeichen f√ľr eine Krebserkrankung.

Wie sieht die aktuelle Situation in den Krankenhäusern aus?

Auch wenn die Krankenh√§user nun schrittweise zur√ľck in den Regelbetrieb kehren und sich die Lage am ein oder anderen Standort etwas entspannt hat, sind wir noch nicht wieder ganz in der Normalit√§t angelangt. Das wissen wir durch die R√ľckmeldungen aus den Comprehensive Cancer Centers in Deutschland.

Nach wie vor wertet die Taskforce auch die Anfragen aus, die die Krebsinformationsdienste der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums beantworten. Es ist zu erwarten, dass ein Teil der Einschr√§nkungen uns noch eine lange Zeit begleiten wird, da zum Beispiel weiterhin eine bestimmte Zahl an Krankenhausbetten f√ľr Covid-19-Patienten vorgehalten werden muss.

Ist ein Anstieg krebsbedingter Todesfälle wahrscheinlich?

Gerade bei Krebserkrankungen stellt das Aufschieben von Diagnostikterminen ein hohes Risiko dar, da sich die Prognose bei Tumoren im fortgeschrittenen Stadium erheblich verschlechtert. Wie viele Patienten in den letzten zwei Monaten nicht behandelt wurden, ist derzeit unklar.

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Es besteht insgesamt die Gefahr, dass sich eine Bugwelle nicht erkannter und nicht behandelter Krebserkrankungen aufgebaut hat und noch weiter aufbaut. Diese muss zus√§tzlich zu den Patienten, die in naher Zukunft erkranken, sehr rasch abgebaut werden. Krebspatienten m√ľssen jetzt mit Priorit√§t untersucht werden, um sp√§t diagnostizierte F√§lle oder schwerwiegendere Verl√§ufe zu vermeiden.

Wann kann man mit konkreten Zahlen rechnen?

Bis wir wirklich verl√§ssliche Daten zu einem eventuellen Anstieg krebsbedingter Todesf√§lle haben, wird es noch dauern. Aber auszuschlie√üen ist dies als Konsequenz der letzten Wochen tats√§chlich nicht. Wenn wir die Bugwelle an aufgeschobenen Untersuchungen und Behandlungen weiterhin vor uns herschieben, dann m√ľssen wir auch in Deutschland mit einer steigenden Zahl von krebsbedingten Todesf√§llen rechnen.

Menschen mit Krebs zählen zur Risikogruppe bei Covid-19. Doch sind alle gleichermaßen gefährdet?

Wie gef√§hrdet Krebspatienten tats√§chlich sind, h√§ngt davon ab, ob sie gerade in Behandlung sind und ob diese Behandlung oder auch die Erkrankung selbst ihr Immunsystem schw√§cht. Auch gesundheitlich geschw√§chte Betroffene haben ein h√∂heres Risiko f√ľr einen schweren Verlauf ‚Äď das gilt nicht nur f√ľr eine Infektion mit SARS-CoV-2, sondern auch f√ľr andere Infektionen.

Wir vermuten, dass auch diejenigen Krebspatienten besonders gefährdet sind, die Probleme mit den Atemwegen haben, sei es wegen ihres Tumors oder wegen anderer Vor- oder Begleiterkrankungen. Da ältere Menschen häufiger an Krebs erkranken, zählen viele aufgrund ihres Alters zu der Gruppe mit höherem Risiko.

Was bedeutet eine sp√§te Krebsdiagnose f√ľr die Patienten?

Krebs ist nicht immer ein Notfall. Doch die Verl√§ufe und Therapieverfahren unterscheiden sich je nach Tumorart stark. Es gibt manchmal Erkrankungssituationen, in denen kein schnelles Handeln erforderlich ist. Prostatakrebs ist so ein Beispiel: Ist die Erkrankung noch im Fr√ľhstadium, spielt es nach bisherigem Wissen keine schwerwiegende Rolle, ob der Patient die Behandlung einige Wochen fr√ľher oder sp√§ter beginnt. Fr√ľhe, langsam wachsende Tumoren kann man sogar nur engmaschig √ľberwachen ‚Äď die dazu notwendigen Kontrolltermine sollten allerdings gew√§hrleistet sein.

In anderen F√§llen ist eine dringende Behandlung geboten, um Heilungschancen nicht zu gef√§hrden. Das w√ľrde zum Beispiel Patienten mit einer akuten Leuk√§mie betreffen, die vielleicht Fieber haben, sich akut krank f√ľhlen und deren Zustand sich sehr rasch verschlechtern kann. Daher ben√∂tigt auch in der aktuellen Krisensituation jede Patientin und jeder Patient eine Behandlung, die auf die individuelle Situation zugeschnitten ist.

Bei vielen krebsbedingten OPs gibt es schon jetzt einen R√ľckstau. M√ľssen die Patienten mit l√§ngeren Wartezeiten rechnen?

Es gibt Schätzungen des CovidSurg Collaboratives, eines Forschungsnetzwerks, das sich auf die Auswirkungen von Covid-19 auf die chirurgische Versorgung konzentriert, die deutschlandweit von etwa 52.000 aufgeschobenen Krebsoperationen während einer zwölfwöchigen Einschränkung der onkologischen Versorgung ausgehen.

Weiterhin wurde geschätzt, dass es bei einer 20-prozentigen Erhöhung der Operationen etwa 45 Wochen dauern wird, um eine solche Bugwelle an Operationen abzubauen.

Was wird getan, um diese Situation zu verbessern?

Wir m√ľssen deshalb jetzt dringend einen Plan entwickeln, wie so bald wie m√∂glich zus√§tzliche Kapazit√§ten zur Verf√ľgung gestellt werden, um die aufgelaufenen Untersuchungen und Behandlungen bew√§ltigen zu k√∂nnen. Die Politik muss hierzu sehr schnell die Rahmenbedingungen anpassen und regionale Clusterl√∂sungen unterst√ľtzen.

Auch die Krebsvorsorge leidet unter der Pandemie. Aus Angst vor Covid-19 meiden viele das Wartezimmer. Wie beurteilen Sie das Aufschieben von Fr√ľherkennungsuntersuchungen?

Das ist eine Entscheidung, die Gesunde auf jeden Fall mit ihren Hausärzten oder Fachärzten klären sollten. Nachfragen lohnt sich auch aus einem anderen Grund: Viele Termine, die in den letzten Wochen ausfallen mussten, können jetzt neu vereinbart werden.

Auf jeden Fall gilt: Wer etwas Auff√§lliges bemerkt oder das Gef√ľhl hat, k√∂rperlich stimmt etwas nicht, sollte zeitnah zum Arzt gehen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte √Ąrzte. Die Inhalte von t-online k√∂nnen und d√ľrfen nicht verwendet werden, um eigenst√§ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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  • Sandra Simonsen
Von Sandra Simonsen
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