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Stress im Lockdown: So gehen Sie am besten mit Aggression um

Stress in der Corona-Krise  

So gehen Sie im Lockdown am besten mit Aggression um

12.04.2021, 11:54 Uhr | dpa

Stress im Lockdown: So gehen Sie am besten mit Aggression um. Corona-Pandemie: Bei vielen Paaren erzeugt die Enge oft Stress. (Quelle: Getty Images/izusek)

Corona-Pandemie: Bei vielen Paaren erzeugt die Enge oft Stress. (Quelle: izusek/Getty Images)

Lockdown und Unsicherheit ergeben für viele Menschen in Deutschland eine immer schwerer erträgliche Mischung. Die Risiken für die Psyche sind aus Sicht von Therapeuten groß – auch wegen politischer Versäumnisse.

Stress, Existenzängste, Einsamkeit – die Corona-Pandemie belastet die Psyche. Deutschlands Psychotherapeuten fordern deshalb einen stärkeren Schutz der Menschen vor seelischen Problemen. "Neben Ängsten und Depressionen nehmen auch Anspannung und Aggression zu, oft zeigen sie sich, oft werden sie verdrängt", sagt der Präsident der Psychotherapeutenkammer, Dietrich Munz. "Wenn nun aber der Lockdown trotzdem verlängert und verschärft werden muss, wäre es wichtig, dass nicht nur wirtschaftliche Entschädigung fließt."

Dass sich die Krise durch die dritte Welle momentan immer weiter zuspitzt, ist nach Ansicht von Munz Folge von Ignoranz gegenüber steigenden Infektionszahlen früher im Jahr. Dass die dritte Welle kommen würde, sei früh erkennbar gewesen. "Wir haben als Menschen die Tendenz, kleinere Warnsignale zu ignorieren, um das Lustvolle machen zu können. Das hat sich gerächt."

Die Perspektive eines Impfangebots für alle und eines Endes der Einschränkungen sei für die seelische Widerstandsfähigkeit zentral. "Wir brauchen ein erreichbares Ziel", sagt Munz. Die dritte Welle mit der britischen Mutante und einem schärferen Lockdown schiebe sich aber wie ein großer Schatten vor die Perspektive. "Die Selbstheilungskräfte scheinen bei vielen allmählich erschöpft zu sein." Laut des im März veröffentlichten "Deutschland Barometer Depression" empfanden fast drei Viertel (71 Prozent) der Bundesbürger die Situation im zweiten Lockdown als bedrückend.

Lockdown begünstigt Aggressivität

Andauernder Lockdown begünstigt nach Ansicht des Kammerpräsidenten aggressiveres Verhalten – doch man könne etwas dagegen machen. "Stress bringt immer eine Zunahme von Aggressionspotenzial mit sich." Unkontrollierbare Angst bedeute Stress. "Angst bewirkt innere Aktivierung für unsere zwei typischen Reaktionen: Fliehen oder Dagegenhalten", sagt der Psychologe und Therapeut. Aktiv zu werden sei kaum möglich – in der Pandemie würden die Menschen zur Passivität verurteilt.

Dietrich Munz: Er ist Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer und Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. (Quelle: dpa/Marijan Murat)Dietrich Munz: Er ist Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer und Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. (Quelle: Marijan Murat/dpa)

"Deshalb führt die Aktivierung durch Angst bei vielen zur Aggressivität – gegenüber Mitmenschen, bei manchen auch gegenüber der Politik oder sogar der Wissenschaft, die uns das vermeintlich alles eingebrockt hat", sagt er. Laut "Depressions-Barometer" halten 46 Prozent der Bundesbürger Mitmenschen für rücksichtsloser als im Lockdown Anfang 2020.

Munz betont, Stress und Aggression könnten durch Bewegung abgebaut werden. "Die Menschen sollten im Lockdown Sport machen, zügig gehen, walken, joggen, Rad fahren oder auch Fitness mit digitalen Angeboten – wie es ihnen am ehesten liegt."

Kinder und Jugendliche leiden besonders

Vor allem viele Kinder und Jugendliche litten unter dem Lockdown. Sie müssten für ihre Entwicklung eigentlich Alltag mit Gleichaltrigen teilen können. Logopädinnen und Logopäden berichteten bereits von vermehrten Störungen bei der Sprachentwicklung. "Wenn Kindergärten und Schulen erst mal nicht in Präsenz weitermachen können, muss mehr gegen entstandene Entwicklungsdefizite getan werden." Kinder aus sozial benachteiligten Familien seien stärker betroffen.

"Bei den Minderjährigen ist der erste Schritt, die Kinder zu identifizieren, die aktuell und vor allem auch nach Abklingen der Pandemie Unterstützung brauchen", sagt Munz. "Lehrkräfte wissen nach monatelangem Homeschooling oft genau, welche Schülerinnen und Schüler abdriften." Für diese sollten zusätzliche Betreuungs- und Unterstützungsmöglichkeiten durch Schulpsychologen geschaffen werden.

"Eine Idee wäre, dass Länder und Kommunen den Einsatz von Studierenden auch noch vor einem Abschluss möglich machen. Sie könnten etwa eine Patenschaft für ein Kind übernehmen." Gerade bei wärmeren Temperaturen wären verstärkt Angebote im Freien denkbar.

Singles und Paare: Rückzug und Alleinsein sind ein Problem

Corona: Der andauernde Lockdown begünstigt aggressiveres Verhalten. (Quelle: dpa/Sebastian Gollnow)Corona: Der andauernde Lockdown begünstigt aggressiveres Verhalten. (Quelle: Sebastian Gollnow/dpa)

Einsamkeit – ein verstärktes Problem sei dies jetzt bei Singles. Viele Menschen, die akut belastet seien, entwickelten dadurch aber noch keine psychische Erkrankung. "Ihnen wäre mit niedrigschwelligen Hilfsangebote gedient", sagt Munz. "Doch gerade diese fallen häufig weg, denn das sind meist Gruppenangebote, Kontaktvermittlung, Treffpunkte, gemeinsame Aktivitäten."

Aber nicht nur Rückzug und Alleinsein sind ein Problem. "Bei vielen Paaren und Familien erzeugt die Enge oft Stress", sagt Munz. "Unter normalen Umständen pendeln wir zwischen Nähe und Distanz." Es gebe viele Hinweise über mehr Gewalt und sexuelle Übergriffe in Familien schon im ersten Lockdown. Wenn alle immer zu Hause sind, gebe es für Betroffene wenig unkontrollierte Zeiten, etwa um ein Frauenhaus anzurufen. "Stärkere Aufklärung zur Vermeidung von psychischer Anspannung und aggressiven Auseinandersetzungen wäre wichtig."

Psychische Erkrankungen

"Wenn die Pandemie abklingt, dürften die psychischen Erkrankungen spürbar zunehmen", sagt Munz. Vermehrt anfragenden Versicherten könne über die Terminhotline der Ärzte zwar meist problemlos eine Sprechstunde bei einem Therapeuten vermittelt werden. Doch werde Behandlungsbedarf festgestellt, warteten rund 40 Prozent der Patientinnen und Patienten mindestens drei bis neun Monate auf den Beginn einer Behandlung. "Wir haben einfach zu wenig Behandlungsplätze", sagt Munz. Kurzfristig sollten Patienten auch bei Privatpraxen auf Kassenkosten behandelt werden können. Langfristig müssten mehr Praxen zugelassen werden.

Dem Statistische Bundesamt zufolge arbeiteten 2019 allerdings bereits 19 Prozent mehr Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten als fünf Jahre zuvor – rund 48.000.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen regierte entsprechend zurückhaltend auf die Forderungen. "Die Wartezeiten sind selbstverständlich sehr ärgerlich und problematisch", sagt ein Sprecher. "Ein Kernproblem dahinter ist, dass viele Psychotherapeuten nur Teilzeit arbeiten, aber einen ganze Kassensitz besetzen." Ein offizielles Gutachten habe gezeigt, dass in einigen Regionen Therapeuten fehlen, es in anderen eine Überversorgung gebe.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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