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Stärkt Vaginalsekret das Immunsystem von Kaiserschnittbabys?


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Stärkt Vaginalsekret wirklich das Immunsystem?

Von dpa
Aktualisiert am 18.07.2018Lesedauer: 3 Min.
Neugeborenes Baby
Geburt: Ein Arzt hält im Kreißsaal einer Frauenklinik ein neugeborenes Baby, das per Kaiserschnitt zur Welt kam, in den Händen. (Quelle: Daniel Karmann/Illustration/dpa)
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Für die Gesundheit ihres Babys würden die meisten Eltern wohl Vieles ausprobieren. Ein neuer Trend aus dem Ausland heißt Vaginal Seeding. Was ist das und ist das wirklich gut fürs Baby?

Unter Vaginal Seeding versteht man das Einreiben mit Vaginalsekret. Es soll Kindern, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, beim Aufbau des Immunsystems helfen. Für die Behandlung wird der Mutter wenige Minuten vor der Geburt eine mit steriler Kochsalzlösung getränkte Mullbinde in die Scheide eingeführt, wie Susanne Steppat vom Deutschen Hebammenverband erklärt.


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Das ist Liza, seit drei Sekunden auf der Welt: Noch etwas schlaff, verschleimt und voller Blut, dennoch wird gerade die Nabelschnur abgeklemmt und das Mädchen muss danach allein atmen. Liza wog bei ihrer Geburt am 26. Februar 2013 3200 Gramm.
Fest im Griff: Damit die 14 Sekunden alte Louann den Ärzten nicht aus den behandschuhten Händen rutscht, müssen sie sicher nach ihr greifen. Louann kam am 12. April 2013 auf die Welt.
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Mit dem so aufgesaugten Vaginalsekret wird das Neugeborene dann eingerieben. "Ein Teil der Flüssigkeit wird auch in den Mund getropft", sagt Steppat. "Das wird bei meinen Kolleginnen schon nachgefragt." Doch weil die Methode noch nicht ausreichend getestet sei, raten Experten, Studien abzuwarten.

Wie soll die Methode funktionieren?

90 Prozent der Zellen an und im menschlichen Körper seien Bakterien, sagt Frank Louwen von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Sie schützen in der Regel vor Krankheiten, leben im Einklang mit dem Menschen.

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Doch das sogenannte Mikrobiom ist bei Kaiserschnittkindern anders als bei Babys, die auf natürlichem Weg geboren werden. Bei letzteren gleicht die Darmflora jener der Mutter, da das Kind im Geburtskanal Vaginalsekret schluckt. Vaginal- und Darmflora seien sehr ähnlich, erklärt Louwen.

Dagegen hätten Kaiserschnittkinder vor allem Bakterien im Darm, die sich sonst auf Händen und im Gesicht ansiedeln. Es sind die ersten Bakterien, mit denen diese Babys im Kreißsaal in Kontakt kommen. "Nachweislich haben Kaiserschnittkinder eine höhere Wahrscheinlichkeit, Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und Allergien zu bekommen", sagt Louwen.

Drei Viertel der Kaiserschnittkinder erkranken an Krankenhauskeimen

Der Kinderarzt Michael Hauch schreibt in seinem Buch "Ihr unbekanntes Superorgan – Alles über das Immunsystem", bei Kaiserschnittkindern dauere die Entwicklung einer gesunden Darmflora ein Vierteljahr länger. "Das Risiko, dass sich in dieser Zeit die falschen Kleinstlebewesen ansiedeln und den guten keinen Platz lassen, ist groß." Drei Viertel der Neugeborenen, die an Krankenhauskeimen erkrankten, seien Kaiserschnittkinder.

Hier soll Vaginal Seeding Abhilfe schaffen – nach dem Motto: gleiche Darmflora = gleiches Immunsystem = gleicher Schutz.

Was spricht gegen die Behandlung?

Aus Sicht der DGGG gibt es noch keine Belege für den langfristigen Erfolg. Daher müsse die Methode in klinischen Studien untersucht werden. Da laufen gerade weltweit mehrere – auch unter Louwens Regie am Uniklinikum in Frankfurt am Main. Bis Ergebnisse vorliegen, werde es aber vier bis sechs Jahre dauern. "Eine Frage ist zum Beispiel auch, ob wir genug Keime auf das Kind bekommen", sagt Louwen. Es könne einen Unterschied machen, ob das Baby zwei Stunden in der Scheide liege oder zehn Sekunden betupft werde.

Die Ärztin Nina Drexelius wirft in einem Beitrag für das Magazin "Hebammenforum" (Ausgabe Mai 2018) die Fragen auf, welche Bakterienarten Kindern nutzen, welche Körperstellen eingerieben werden sollten und ob eine wiederholte Anwendung effektiver sei. Drexelius vergleicht Vaginal Seeding mit Saatbomben aus Blumensamen, mit denen sogenannte Guerillagärtner Grünstreifen am Straßenrand erblühen lassen.

Louwen warnt davor, Vaginal Seeding jenseits von Studien anzuwenden. "Im Moment wird aller Unsinn damit gemacht. Krankenhäuser bieten das an, ohne zu wissen, ob das was bringt. Nur um Frauen das Gefühl zu geben, up to date zu sein", kritisiert er. "Das wird als Marketinginstrument genutzt. Aber dafür ist Medizin nicht da." Wichtig sei, dass Ethikkommissionen die Studien unterstützen: "Dann können sich Eltern darauf verlassen, dass das Hand und Fuß hat."

Weitere Studien erforderlich

Auch Steppat vom Hebammenverband spricht sich für Studien aus. Als sie von Vaginal Seeding hörte, sei sie zunächst skeptisch gewesen – verbunden mit allgemeiner Kritik an geplanten Kaiserschnitten: "Unten raus darf es nicht kommen, aber mit den Keimen soll es in Berührung kommen." Inzwischen sei sie der Methode offener gegenüber: "Mit Blick auf das Immunsystem kann es eine kluge Idee sein, die vaginale Geburt nachzuspielen." Solange es dem Kind nicht schade, könne man das machen.

Steppat räumt aber ein: "Das ist schon ein kultureller Sprung. Man will etwas Natürliches erreichen, macht aber etwas Künstliches dafür." Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts haben im Jahr 2016 knapp 232.500 Frauen durch Kaiserschnitt entbunden – das war fast jede dritte Geburt. Tendenz: leicht rückläufig.

Auch Buchautor Hauch rät, Studien abzuwarten. Und er hat einen Tipp: "Solange es keine gesicherten Erkenntnisse gibt über den langfristigen Nutzen und die Ungefährlichkeit des Säens von Vaginalkeimen, sollten sich junge Mütter lieber auf die Methode verlassen, die seit Millionen Jahren hilft, das Immunsystem aufzubauen: Stillen." Muttermilch könne die ungute Anfangszusammensetzung der Darmflora und das erhöhte Allergierisiko ausgleichen. "Sie hilft Kaiserschnittkindern, die richtigen Bakterien für ihr Immunsystem zu sammeln."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • dpa
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