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Planungsversagen im Schulsystem fordert 50.000 Jugendliche pro Jahr


Desaströses Bildungsversagen
Wir verlieren ein Stadion voll junger Menschen – ist uns das egal?

MeinungVon Bob Blume

07.09.2023Lesedauer: 3 Min.
Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Was Meinungen von Nachrichten unterscheidet.
imago images 1034046133Vergrößern des Bildes
Das leere Fritz-Walter-Stadion (Symbolbild): 48.500 Menschen passen hinein – es wäre nicht groß genug für alle Jugendlichen, die innerhalb eines Jahres die Schule ohne Abschluss verlassen. (Quelle: IMAGO/Sportfoto Zink / Daniel Marr)

Unser Schulsystem ist marode und unterfinanziert, jährlich verlieren wir 50.000 junge Menschen ohne Abschluss in die Armut. Schon bald werden wir den Preis dafür zahlen.

"Ich stelle Ihnen dann einfach die üblichen Fragen, die ich schon seit Jahren stelle." So etwa endete das Vorgespräch für ein Interview, das ich anschließend mit der "Tagesschau" über die Probleme des Bildungssystems führte. In diesem Satz des Journalisten verbirgt sich das gesamte Übel eines erstarrten Systems. Denn die Probleme der deutschen Schulen sind so alt, dass selbst verheerende Studien nicht mehr als ein müdes Schulterzucken hervorrufen – bei Politikern, Journalisten, ja selbst bei der doch direkt betroffenen Bevölkerung.

Nun ist ein solches Urteil nicht sonderlich überraschend, wenn man davon ausgeht, dass wir in diesem Land nicht nur fast 80 Millionen Bundestrainer, sondern auch etwa 70 Millionen ehemalige Schülern haben. Jeder kann irgendwas zu Bildung sagen, und meist war früher alles besser.

Aber diesmal ist etwas anders. Etwas kippt. Denn es ist nicht nur die deutsche Bevölkerung, die eine Verschlechterung der Schulen sieht.

Dass sich das Bildungsniveau in Deutschland dramatisch verschlechtert hat, ergab auch eine Langzeitanalyse im Rahmen des Bildungsmonitors der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Das Fazit: "Auf zehn Jahre Fortschritt folgten zehn Jahre mit steigendem Handlungsdruck."

"Diesmal ist etwas anders. Etwas kippt"

Das Urteil ist so trocken, dass einem leicht entgehen kann, was das heißt: "Zehn Jahre Handlungsdruck" bedeutet nichts anderes, als dass die nötigen Reformen seit einem Jahrzehnt verschlafen worden sind. Denn Druck kann nur dann weiter wachsen, wenn zwischenzeitlich nichts geschehen ist. Zumindest nichts, das erwähnenswert wäre. Sicher, in dem einen Bundesland funktioniert die Digitalisierung ein wenig besser, in dem anderen schreibt man sich ein qualitativ besonders hochwertiges Abitur auf die Fahne. Aber dass ein Ruck durch Bildungsdeutschland gehen würde, darauf wartet man vergebens.

(Quelle: Thomas Clemens)

Bob Blume

Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Aktivist. Er schreibt Bücher zur Bildung im 21. Jahrhundert und macht in den sozialen Medien auf Bildungsthemen aufmerksam. Man findet Blume auf Twitter und auf Instagram, wo ihm über 100.000 Menschen folgen. Sein Buch "10 Dinge, die ich an der Schule hasse" ist überall erhältlich.

Durch Wunschdenken lassen sich die Probleme sicher nicht lösen, auch wenn die Strategie von manchen Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitikern offenbar darin besteht, dass man einfach so lange auf einen günstigen Wandel wartet, bis wie durch Zauberhand wieder genügend Lehrkräfte da sind. Doch die Bildungspolitik steht vor unbestreitbaren, stetig wachsenden Herausforderungen:

Es besteht nicht der Ansatz von Bildungsgerechtigkeit. Das ist Fakt!

Bildungsferne Schichten und Kinder mit internationaler Geschichte werden immer weiter abgehängt. Das ist Fakt!

Das Investitionsdefizit ist mit 45 Milliarden Euro so hoch, dass wir von diesem Geld dem reichsten Mann der Welt Twitter – Entschuldigung, ich meinte X – abkaufen könnten, wenn wir es wollten.

Das Schlimmste ist: Es ist uns egal!

Doch das Schlimmste ist: Während dieser Jahre der Untätigkeit sind uns bereits Hunderttausende junge Menschen verloren gegangen – und jeden Tag werden es mehr. Sie verschwinden in der Armut. Und zwar so viele, dass wir jedes Jahr das Fritz-Walter-Stadion des 1. FC Kaiserslautern bis zum Rand mit ihnen füllen könnten. 50.000 Menschen!

50.000 junge Menschen ohne Perspektive! 50.000 junge Menschen, die schon zu Beginn ihres Lebens keine Zukunft haben. 50.000 Menschen, die in der Arbeitswelt keinen Anschluss mehr finden. Jedes Jahr ein Stadion voll!

Das ist ein Skandal. Aber wissen Sie, was genauso skandalös ist? Dass wir Deutschen uns daran gewöhnt haben. Wir verlieren jährlich eine Stadt voll junger Menschen in der Größe von Ravensburg, Elmshorn oder Goslar – und wir zucken mit den Schultern?

Wo bleibt der Aufschrei? Wo die Demonstrationen, wo die Menschenketten?

Immerhin gibt es am 23.9. einen Bildungprotest in vielen deutschen Städten (https://schule-muss-anders.de/bildungsprotest-2023/). Ob die Forderungen nach einer anderen Schule, einer Schule, die für alle da ist und keinen sich selbst überlässt, verfangen, werden wir sehen. Es ist an der Zeit!

Wir stehen vor gigantischen Herausforderungen, wir brauchen eine gut ausgebildete Jugend

Wir stehen als Gesellschaft und als Nation vor gigantischen Herausforderungen: Klimawandel, Globalisierung, demografischer Wandel: Glauben wir wirklich, dass wir all diese Generationsaufgaben angehen können ohne eine gut ausgebildete Jugend?

Stattdessen: Grillenzirpen in der Bürgerschaft. Eine weitere Studie wird folgen. Und nach ihr dann wieder das lange Schweigen und das große Schulterzucken.

Bloß: Früher oder später wird uns die Erkenntnis dämmern, dass Deutschland keine Erdölvorkommen hat. Keine Goldadern. Keine Diamantminen. Deutschland hat nichts als seine Bildung. Nichts! Aber dann ist es wahrscheinlich zu spät.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
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