Interview
Unsere Interview-Regel

Der GesprĂ€chspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Wir können Putin nicht nur den Mittelfinger zeigen"

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann

Aktualisiert am 04.05.2022Lesedauer: 6 Min.
Wladimir Putin: Neben Klimakrise und Pandemie bereitet auch der Krieg des russischen PrÀsidenten gegen die Ukraine vielen Menschen Angst vor der Zukunft.
Wladimir Putin: Neben Klimakrise und Pandemie bereitet auch der Krieg des russischen PrÀsidenten gegen die Ukraine vielen Menschen Angst vor der Zukunft. (Quelle: imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild fĂŒr einen TextHertha droht nach HSV-Sieg der AbstiegSymbolbild fĂŒr einen TextHier kann es zu Tornados kommenSymbolbild fĂŒr einen TextAnsturm auf Tankstellen erwartetSymbolbild fĂŒr einen TextHohe Welle reißt Familie in den TodSymbolbild fĂŒr einen TextHaaland macht Kollegen Luxus-GeschenkSymbolbild fĂŒr einen TextRKI: Inzidenz sinkt – Anstieg bei BA.5-VarianteSymbolbild fĂŒr einen TextUnwetter: Bahnverkehr in NRW gestörtSymbolbild fĂŒr einen TextRandale bei Eintracht-Feier in FrankfurtSymbolbild fĂŒr einen TextTeuerstes Auto der Welt versteigertSymbolbild fĂŒr einen TextFußballlegende tritt Fan auf SpielfeldSymbolbild fĂŒr einen TextKomponist Vangelis ist totSymbolbild fĂŒr einen Watson TeaserZDF-Gast geht Gysi hart an

Krieg, Pandemie und Klimakrise: Die Angst der Deutschen vor den kommenden Jahren wÀchst. Zukunftsforscher Johannes Kleske erklÀrt im Interview mit t-online, warum der Ansatz "Augen zu und durch" nichts bringt.

Nur 19 Prozent der Deutschen schauen zuversichtlich auf das kommende Jahr, so das Ergebnis einer reprĂ€sentativen Umfrage des Instituts fĂŒr Demoskopie Allensbach. Seit Jahrzehnten war die Angst vor der Zukunft nicht mehr so ausgeprĂ€gt wie aktuell.

Zwei Jahre Pandemie und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nagen nicht nur an der Wirtschaft, sondern vor allem am Grundvertrauen vieler Menschen auf Frieden und Gesundheit als verlĂ€ssliche NormalzustĂ€nde. Gerade Jugendlichen und jungen Erwachsenen setzt außerdem die Klimakrise zu: Weltweit geben knapp zwei Drittel der 16- bis 25-JĂ€hrigen an, sich große oder extrem große Sorgen wegen des menschengemachten Klimawandels zu machen. Und auch die Ă€ltere Generation blickt beunruhigt auf die fortschreitende Erderhitzung.

Im GesprÀch mit t-online erklÀren der Zukunftsforscher Johannes Kleske und die WWF-Klimachefin Viviane Raddatz, wieso der Ansatz "Augen zu und durch" nichts bringt und warum eine positive Zukunft immer mit Arbeit verbunden ist.

t-online: Der Krieg in der Ukraine wĂŒtet im dritten Monat, die Inflation liegt auf Rekordniveau, die Pandemie dauert an und dann ist da noch die Klimakrise. Kann man noch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken?

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Die Schlinge zieht sich zu
Russland-treue Einheiten rĂŒcken in der Region um Severodonetsk vor.


Viviane Raddatz: Jetzt gerade sieht es tatsÀchlich nicht rosig aus. Aber wenn man aufhört, sich auszumalen, wie es besser laufen könnte, kann man auch gleich aufgeben.

Johannes Kleske: Aktuell kriegt man leicht das GefĂŒhl, dass alles nur noch schlimmer wird. Aber der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass viele Horrorszenarien nie RealitĂ€t geworden sind. DafĂŒr musste allerdings immer gekĂ€mpft werden.

Bittere Zeiten auszusitzen, reicht also nicht?

Johannes Kleske: Nein, es wird nicht von allein besser. AngsteinflĂ¶ĂŸende Szenarien wurden abgewandt, weil die Menschen gesagt haben: Wir geben nicht auf, wir lassen nicht locker. Die Geschichte zeigt, dass es nichts bringt, nur auf bessere Zeiten zu hoffen. Man muss sich richtig reinhĂ€ngen. Gerade das motiviert mich – wir haben selbst in der Hand, wie die Zukunft aussieht.

Johannes Kleske beschĂ€ftigt sich als Zukunftsforscher damit, welche Zukunftsszenarien fĂŒr die Gesellschaft möglich, wahrscheinlich und wĂŒnschenswert sind. Viviane Raddatz leitet den Bereich Klima und Energie bei der Umweltschutzorganisation WWF, wo sie sich fĂŒr die KlimaneutralitĂ€t in Deutschland einsetzt.

Wo sehen Sie dabei den wichtigsten Hebel?

Viviane Raddatz: Viele der riesigen Probleme, vor denen wir stehen, haben eine gemeinsame Lösung: raus aus den fossilen Energien, so schnell es geht. Das ist einerseits gut fĂŒr das Klima, weil damit der grĂ¶ĂŸte Treiber der Erderhitzung wegfĂ€llt. Und es fördert den Frieden, da die sinkende Nachfrage nach Gas, Öl und Kohle die Kriegskassen autokratischer Staaten schrumpfen lĂ€sst.

Bei einem Protest der Klimabewegung Fridays for Future in Schwerin: Wer den russischen Brennstoffimporten den RĂŒcken kehren will, muss auf alternative Energiequellen umsteigen. Darin liegt auch eine Chance fĂŒr den schnelleren Ausbau von Solar- und Windkraft
Bei einem Protest der Klimabewegung Fridays for Future in Schwerin: Wer den russischen Brennstoffimporten den RĂŒcken kehren will, muss auf alternative Energiequellen umsteigen. Darin liegt auch eine Chance fĂŒr den schnelleren Ausbau von Solar- und Windkraft (Quelle: imago-images-bilder)

Wie schnell es mit der Energiewende vorangeht, entscheidet aber letztlich die Regierung: Laut vielen Wissenschaftlern immer noch zu langsam.

Viviane Raddatz: Ja, das stimmt – aber es lĂ€uft schon deutlich besser als unter frĂŒheren Bundesregierungen. Und auch im Kleinen kann man etwas beisteuern.

Zum Beispiel?

Viviane Raddatz: Im Moment gibt es ein richtiges Aufleben beim Energiesparen. Zugegeben: auch, weil die Preise so stark gestiegen sind. Aber viele wollen ebenso einen Beitrag leisten, um die Nachfrage nach russischem Gas zu drĂŒcken. Energieeffizienz war vorher untergegangen – und jetzt geht es in vielen Haushalten plötzlich um GebĂ€udesanierung, sparsames Heizen, richtiges LĂŒften und langsameres Fahren auf der Autobahn. Das sind zwar keine Allheilmittel, aber die AnsĂ€tze helfen, in ein lösungsorientiertes Denken zu kommen. So bitter das klingen mag.

"Zahlreiche Auswirkungen der Klimakrise lassen sich noch aufhalten oder immerhin abschwÀchen", sagt WWF-Klimadirektorin Viviane Raddatz. Das passiere allerdings nicht automatisch.
"Zahlreiche Auswirkungen der Klimakrise lassen sich noch aufhalten oder immerhin abschwĂ€chen", sagt WWF-Klimadirektorin Viviane Raddatz. Das passiere allerdings nicht automatisch. (Quelle: JĂŒrgen Heinrich/imago-images-bilder)

Weniger OhnmachtsgefĂŒhl dank Tempolimit?

Johannes Kleske: Verzicht allein inspiriert niemanden. Wir können Putin nicht nur den Mittelfinger zeigen. Gleichzeitig mĂŒssen wir eine positive Vision fĂŒr die Zukunft entwickeln, die uns allen ein besseres Leben ermöglicht. Nicht nur geopolitisch, sondern ganz nah bei uns – zu Hause, in unserer Straße und Nachbarschaft, der eigenen Stadt oder Region. DafĂŒr reicht eine Frage: Was wĂ€re, wenn alles gut wird? Dadurch wird der Kopf dafĂŒr frei, wie das eigene Leben aussehen könnte.

Die bedrĂŒckende Lage macht es nicht leicht, sich in eine bessere Zukunft wegzutrĂ€umen.

Johannes Kleske: Es geht dabei nicht ums TrĂ€umen, sondern darum zu planen! Nur wenn ich weiß, was mein Ziel ist, kann ich herausfinden, was ich tun muss, um dahinzukommen. Und den ersten Schritt machen.

Gerade rund um die Klimakrise dominieren aber lĂ€hmende Schreckensszenarien: mehr tödliche Hitzewellen, verheerende Überflutungen, DĂŒrren, ErnteausfĂ€lle und weltweite Fluchtbewegungen. Wie soll das motivieren?

Viviane Raddatz: Diese Krisenszenarien sind wissenschaftliche Vorhersagen, die sich nicht schönreden lassen. Aber die Prognosen zeigen kein unausweichliches Schicksal, sondern was auf uns zukommt, wenn wir nur mit den Achseln zucken. Zahlreiche Auswirkungen der Klimakrise lassen sich noch aufhalten oder immerhin abschwĂ€chen. Statt die Augen zu verschließen, mĂŒssen wir unsere Zukunft selbst schaffen.

Johannes Kleske: Die negativen Prognosen können einen wachrĂŒtteln. Aber es braucht positive Visionen, um sich aufzuraffen. Was passiert denn, wenn wir unsere E-Autos fĂŒr wenige Cent ĂŒberall laden können? Wenn ein Dorf an neuen WindrĂ€dern mitverdient? Wenn Bus und Bahn mich zuverlĂ€ssig zur Arbeit und zum Einkaufen bringen? Das macht Lust, sich einzusetzen und sich mit gleichgesinnten Leuten zusammenzutun.

Zukunftsforscher Johannes Kleske spricht mit Blick nach vorne im Plural: Die Zukunft sei nicht "dieser eine unbekannte Ort", sondern eine Vielzahl möglicher Szenarien. Der Begriff "ZukĂŒnfte" könne dabei helfen, sich das bewusster zu machen.
Zukunftsforscher Johannes Kleske spricht mit Blick nach vorne im Plural: Die Zukunft sei nicht "dieser eine unbekannte Ort", sondern eine Vielzahl möglicher Szenarien. Der Begriff "ZukĂŒnfte" könne dabei helfen, sich das bewusster zu machen. (Quelle: privat)

Beispielsweise beim Stichwort "autofreie InnenstĂ€dte" werden viele Leute aber immer noch wĂŒtend statt inspiriert.

Johannes Kleske: Das ist ja auch ein negatives Zukunftsszenario! Da sagen die Autofahrer zu Recht: "Du willst uns was wegnehmen!" Da muss man ganz anders rangehen: Wie wĂ€re es, wenn in den InnenstĂ€dten mehr Platz fĂŒr GrĂŒnflĂ€chen und Naherholung ist? Weniger LĂ€rm, weniger Verkehrstote und bessere Luft? Da entstehen gleich ganz andere Bilder.

Geht es Ihnen dabei also nur ums richtige Verpacken der Botschaften, um die Menschen zu ĂŒberzeugen?

Johannes Kleske: Nein, auf keinen Fall. Es geht um viel mehr.

Viviane Raddatz: Konkrete hoffnungsstiftende Vorstellungen fĂŒr die Zukunft zu entwickeln, bringt viele Menschen erst darauf, dass es auch anders laufen kann als bisher. Zu oft wird der Status quo einfach als naturgegeben wahrgenommen – im Sinne von: So ist es jetzt, so wird es bleiben.

Loading...
Loading...
Loading...

Johannes Kleske: Dieses Festhalten am vermeintlichen "Normalzustand" ist auch erstmal verstĂ€ndlich. VerĂ€nderung ist evolutionstechnisch immer eine Gefahr: Wir alle sind hier, weil unsere Vorfahren extrem vorsichtig waren und lieber dreimal geguckt haben, ob im Busch ein SĂ€belzahntiger sitzt. Deshalb tun wir uns auch heute mit Neuerungen schwer. Und es kommt auch sehr darauf an, ob ich das GefĂŒhl habe, bevormundet zu werden.

Einen dicken SUV zu fahren und ĂŒber Greta Thunberg zu meckern, ist also eine Trotzreaktion?

Johannes Kleske: Wenn man das GefĂŒhl hat, man wird bevormundet oder kriegt etwas aufgezwungen, rutscht man ganz natĂŒrlich in eine Ablehnungshaltung. Egal bei welchem Thema. Daher ist Teilhabe beim Klimaschutz so wichtig – am besten funktioniert ein langsamer Prozess, bei dem alle mitreden können und tatsĂ€chlich gehört werden.

"Wir kommen da durch", steht an einer Konzerthalle in Washington D.C. wÀhrend des ersten Corona-Lockdowns 2020: Je stÀrker man in Entscheidungen eingebunden wird, desto williger trÀgt man sie mit, sagt Johannes Kleske.
"Wir kommen da durch", steht an einer Konzerthalle in Washington D.C. wÀhrend des ersten Corona-Lockdowns 2020: Je stÀrker man in Entscheidungen eingebunden wird, desto williger trÀgt man sie mit, sagt Johannes Kleske. (Quelle: Drew Angerer/getty-images-bilder)

Vor 20 Jahren hĂ€tte das wohl funktioniert. Jetzt bleibt fĂŒr eine behutsame Umstellung aber keine Zeit mehr. Kohleausstieg, Verbrennerverbot, alles muss Schlag auf Schlag gehen. LĂ€sst sich der Riss, der dadurch in der Bevölkerung entsteht, mit emotionalen Appellen fĂŒr mehr Spielstraßen kitten?

Viviane Raddatz: Man darf sich nicht von dieser recht kleinen Gruppe der Energiewendegegner blenden lassen. Die sind zwar laut und beharrlich, aber in der absoluten Minderheit. Alle relevanten Erhebungen zeigen, dass in Deutschland rund 80 Prozent der Bevölkerung hinter der Energiewende stehen. Dass die Ampelregierung das jetzt beschleunigt, kommt ebenfalls gut an. Schauen Sie auf die Zustimmungswerte fĂŒr die entsprechenden Politikerinnen und Politiker! Diese neue Dynamik nimmt die Leute also auch an die Hand.

Johannes Kleske: Dadurch entsteht gerade auch unheimlich viel Raum fĂŒr eigene Zukunftsvisionen. Weil man merkt: Da ist Bewegung drin, es tut sich etwas. Muss ich davon ausgehen, dass alles gleich bleibt, habe ich keinen Antrieb, um etwas anzupacken. Aber wenn ich eine Chance auf VerĂ€nderung in meinem Sinne sehe, bin ich bereit, heute etwas dafĂŒr zu tun.

Viviane Raddatz: Das muss nicht die große Revolution sein. Nicht alle können sofort ihre Gastherme austauschen. Wer das kann, sollte es tun, aber Teilhabe am Wandel geht auch anders: mehr Radfahren, sich fĂŒr bessere Infrastruktur einsetzen oder eine Petition fĂŒr erschwingliche Öffis unterschreiben. Damit ist man schon mittendrin in der Energiewende.

Frau Raddatz, Herr Kleske, besten Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Dieses Interview ist im Rahmen einer redaktionellen Kooperation mit dem WWF Deutschland entstanden.

Zu schön, um nicht wahr zu werden: Der WWF entwirft mit seiner neuen Kampagne "WWF Zukunft" die Vision einer voll gelungenen Energiewende. Was wird sich Ă€ndern, wenn wir Strom und WĂ€rme nur noch aus erneuerbaren Quellen beziehen, die Verkehrswende gelingt und die Wirtschaft klimafreundlich arbeitet? Und vor allem: Wie verĂ€ndert sich mein eigenes Leben? Sinkende Strompreise, mehr Gesundheit und Sicherheit sowie neue Jobs sind möglich, wenn wir heute schon fĂŒr die Zukunft anpacken. Mehr Infos unter: zukunft.wwf.de

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Themen
DeutschlandInflationRumÀnienSchwerinUkraineWladimir Putin

t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website