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Tunesien: Parlament von Soldaten umstellt – Straßenkämpfe in Tunis

Kritiker sprechen von Staatsstreich  

Lage in Tunesien angespannt: Straßenkämpfe in Tunis

26.07.2021, 22:45 Uhr | AFP

Tunesien: Parlament von Soldaten umstellt – Straßenkämpfe in Tunis . Soldaten der tunesischen Armee bewachen den Eingang des Parlamentsgebäudes: Am Tag zuvor hat der tunesische Präsident Saïed den Premierminister entlassen. (Quelle: dpa/Khaled Nasraoui)

Soldaten der tunesischen Armee bewachen den Eingang des Parlamentsgebäudes: Am Tag zuvor hat der tunesische Präsident Saïed den Premierminister entlassen. (Quelle: Khaled Nasraoui/dpa)

Der Regierungschef entlassen, die parlamentarische Arbeit ausgesetzt: Tunesiens Präsident hat sein Land in eine politische Krise gestürzt. Von Putsch ist die Rede. Auf den Straßen von Tunis kommt es zu Gewalt.

Lange galt Tunesien als das Musterland des Arabischen Frühlings – nun ist die junge Demokratie in eine konstitutionelle Krise gestürzt. Vor dem Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Tunis tobten am Montag Straßenkämpfe; zuvor hatte Staatschef Kaïs Saïed Ministerpräsident Hichem Mechichi entlassen und die Arbeit des Parlaments ausgesetzt. Die Regierungspartei Ennahdha prangerte einen "Putsch" an; die Bundesregierung zeigte sich besorgt.

Aussetzung des Parlaments für 30 Tage 

Er habe die Entscheidung zur Entlassung von Mechichi gemäß Artikel 80 der Verfassung getroffen, sagte Saïed am Sonntagabend nach Krisenberatungen mit Vertretern der Sicherheitsbehörden angesichts heftiger Proteste im Land gegen die Corona-Politik der Regierung. Er selbst werde die Regierungsgeschäfte mit Hilfe eines neuen Regierungschefs übernehmen. Die Aussetzung der parlamentarischen Arbeit solle für 30 Tage gelten.

"Die Verfassung erlaubt keine Auflösung des Parlaments, aber sie erlaubt eine Aussetzung seiner Arbeit", sagte Saïed unter Verweis auf den Verfassungsartikel 80, der einen solchen Schritt bei "unmittelbar drohender Gefahr" vorsieht.

Verteidigungs- und Justizminister abgesetzt

Der Präsident kündigte außerdem die Aufhebung der Immunität aller Abgeordneten an. Am Montag entließ er Verteidigungsminister Ibrahim Bartaji und die Interims-Justizministerin Hasna Ben Slimane. Später rief er auch eine abendliche Ausgangssperre aus, die bis zum 27. August von 19.00 Uhr bis 06.00 Uhr gilt.

Die islamistisch geprägte Regierungspartei Ennahdha warf Saïed einen "Putsch gegen die Revolution und gegen die Verfassung" vor und kündigte Widerstand an. Die tunesische Politik war in den vergangenen Monaten von einem Machtkampf zwischen Mechichi und dem Parlamentspräsidenten und Ennahdha-Vorsitzenden Rached Ghannouchi auf der einen sowie Präsident Saïed auf der anderen Seite bestimmt worden.

Unterstützer des Präsidenten feiern auf den Straßen 

Unmittelbar nach Bekanntwerden von Mechichis Entlassung zogen tausende Unterstützer Saïeds in Tunis jubelnd auf die Straßen. "Dies ist der Präsident, den wir lieben", sagte die Demonstrantin Nahla, die ihre kleine Tochter auf den Schultern trug. Ein die Demonstration vom Straßenrand verfolgender etwa 40-jähriger Mann dagegen warnte mit Blick auf Saïed: "Diese Verrückten feiern die Geburt eines neuen Diktators."

Viele Tunesier sind unzufrieden mit der Corona-Politik der politischen Führung, zuletzt gab es landesweit teils gewaltsame Proteste. In dem nordafrikanischen Land steigt die Zahl der Corona-Infektionen massiv, in Krankenhäusern ist der Sauerstoff knapp. Angesichts der Lage wuchs bei vielen Tunesiern zuletzt die Verärgerung über das Parteiengezänk im Parlament sowie den seit Monaten anhaltenden Machtkampf zwischen Mechichi und dem Parlamentspräsidenten und Ennahdha-Vorsitzenden Rached Ghannouchi auf der einen sowie Präsident Saïed auf der anderen Seite.

Straßenkämpfe zwischen Anhängern beider Seiten 

Hunderte Anhänger beider politischer Seiten zogen am Montag vor das vom Militär hermetisch abgeriegelte Parlament und lieferten sich gewaltsame Straßenkämpfe. Unter anderem flogen nach Angaben eines AFP-Reporters Flaschen und Steine. Parlamentspräsident Ghannouchi und weitere Ennahdha-Abgeordnete setzten sich in ein Auto direkt vor dem Parlamentseingang, wo sie ihren Zutritt zu dem Gebäude erzwingen wollten.

Ein hochrangiger Ennahdha-Funktionär äußerte anonym die Vermutung, dass die Gewalt bei landesweiten Corona-Protesten am Sonntag von Präsidentenanhängern bewusst geschürt worden sei, damit Saïed die Regierung und das Parlament absetzen könne.

Tunesien galt lange als Musterland

Im Arabischen Frühling war 2011 die Herrschaft von Langzeitmachthaber Zine El Abidine Ben Ali in Tunesien beendet worden. Tunesien galt lange als die einzige anhaltende Erfolgsstory der Revolution - obwohl es seither in zehn Jahren neun verschiedene Regierungen gab. Manche von ihnen waren nur wenige Monate an der Macht, was die dringend nötigen Reformen in Wirtschaft und Verwaltung de facto unmöglich machte. Das nordafrikanische Land ist weiter von politischer Instabilität und politischer Fragmentierung geprägt.

Die nun erfolgte Verschärfung der innenpolitischen Lage sorgte international für Sorge. Es sei wichtig, schnell zur verfassungsmäßigen Ordnung zurückzukehren, forderte unter anderem das Auswärtige Amt in Berlin. Die von Staatschef Saïed verkündete Aussetzung der Arbeit des Parlaments sei aus Sicht der Bundesregierung eine "recht weite Auslegung der Verfassung".

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur AFP

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