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Versagen beim Klimaschutz: "Ein komplett missratenes Verständnis von Demokratie"


"Ein komplett missratenes Verständnis von Demokratie"

Von chrismon-Redakteur Nils Husmann

Aktualisiert am 31.10.2021Lesedauer: 6 Min.
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Bismarckstraße in Berlin: Auch die deutsche Politik versäumt nach Ansicht von Experten, angemessene Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen.
Bismarckstraße in Berlin: Auch die deutsche Politik versäumt nach Ansicht von Experten, angemessene Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. (Quelle: photothek/imago-images-bilder)
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Alle wissen, dass sich die Erde erwärmt. Trotzdem sind wir überfordert, die Klimakrise zu bekämpfen. Warum ist das so?

Dieses Interview erschien zuerst auf chrismon.de.

Bei der Weltklimakonferenz in Glasgow suchen Staats- und Regierungschef in diesen Tagen nach einem gemeinsamen Kurs für mehr Klimaschutz. Oder?

Obwohl sich Experten einig sind, dass die bisher geplanten Maßnahmen nicht ausreichen, passiert weltweit zu wenig. Andreas Ernst, Professor für Umweltsystemanalyse und Umweltpsychologie an der Universität Kassel und stellvertretender geschäftsführender Direktor am Center for Environmental Systems Research, erklärt die Gründe.

Der Klimabeirat der Vereinten Nationen hat kürzlich versichert: Die Lage ist ernst, es bleibt kaum mehr Zeit, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Aber es passiert – nichts. Wie erklären Sie sich das aus psychologischer Sicht?

Andreas Ernst: Bei praktisch jedem Verhalten von Menschen lässt sich eine Checkliste machen, die Sie abhaken können. Diese Liste müssen Sie kennen, wenn Sie das Verhalten von Menschen erklären oder verändern wollen. Sie umfasst vier Punkte: eigene Einstellung, Beobachtung von anderen, äußere Umstände und Gewohnheiten.

Gehen wir die Liste doch mal durch! Was hat es mit Einstellung auf sich?

Viele Menschen denken, dass die Einstellung zu einem Thema das Ein und Alles sei. Hier also ein gutes und großes Bewusstsein für Umwelt und Klima. Und dann fangen sie an zu predigen, warum Klimaschutz wichtig ist. Aber Einstellungen existieren nie allein für sich in den Menschen. Wir tun fast nie nur das, von dem wir wissen, dass es gut und richtig ist.

Warum?

Weil wir immer durch unsere Umgebung beeinflusst werden.

Die wir ständig beobachten, Punkt zwei auf Ihrer Liste, richtig?

Ja, wir nehmen immerzu wahr, was andere Menschen tun oder lassen – in unserer Nachbarschaft, in der Familie und so weiter. Welche Autos fahren meine Freunde? Wie viele haben sie? Und wir beobachten öffentliche Personen: Wie bewegen sich Politikerinnen und Politiker? Reden sie davon, das Klima zu schützen, fliegen aber trotzdem noch? Und das, was wir beobachten, wird wiederum durch die Infrastruktur geprägt, in der wir uns bewegen. Und durch geografische Gegebenheiten.

Wo Menschen leben, ob sie dort auf Autos angewiesen sind – solche Dinge?

Genau. Oft erwachsen daraus Herausforderungen, die man nicht klimaneutral lösen kann. Ein Beispiel dafür sind Heizungen. Viele Menschen leben in älteren Häusern. Wenn man davon ausgeht, dass wir eine Renovierungsrate von einem, höchstens eineinhalb Prozent pro Jahr schaffen, sind wir 50 Jahre unterwegs, bis wir alle Häuser energetisch ertüchtigt haben. Viele heizen noch mit Öl. Es gibt Dinge, an denen man nicht so schnell vorbeikommt. Und dann gibt es noch – Punkt vier – die Gewohnheiten.

Diese Geschichte erscheint in Kooperation mit dem Magazin "chrismon". Die Zeitschrift der evangelischen Kirche liegt jeden Monat mit 1,6 Millionen Exemplaren in großen Tages- und Wochenzeitungen bei – unter anderem "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Die Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag" (Norddeutschland), "FAZ" (Frankfurt, Rhein-Main), "Leipziger Volkszeitung" und "Dresdner Neueste Nachrichten". Die erweiterte Ausgabe "chrismon plus" ist im Abonnement sowie im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel erhältlich. Mehr auf: www.chrismon.de

Und die sind ein Problem?

Gewohnheiten sind supergut, weil sie das Gehirn entlasten. So schaffen wir es, Dinge leicht und nebenher zu erledigen. Aber sie sind auch schlecht, wenn man sie verlernen oder verändern möchte. Eine liebgewonnene Gewohnheit bereitet uns Schmerzen, wenn wir von ihr lassen. Das sehen wir ganz stark im Bereich der Ernährung. Viele Menschen wollen gesünder, ausgewogener, kalorienärmer essen – und scheitern doch immer wieder. Das Gemeine ist, dass alle vier Punkte zusammenhängen. Sie bedingen sich und erlauben uns, immer wieder das Schwarze-Peter-Spiel mit uns zu spielen.

Inwiefern?

Indem wir uns zum Beispiel vornehmen: Ich will eine klimafreundliche Einstellung haben – aber meine Freunde machen nicht mit. Oder: Es gibt nun mal keinen guten öffentlichen Nahverkehr – warum soll ich also auf mein Auto verzichten? Wenn wir dieses Knäuel entwirren wollen, müssen wir immer alle vier Punkte gleichzeitig angehen, sonst wird das nichts. Nur zu predigen: Leute, ihr müsst euch ändern – das reicht nicht.

Mitmenschen zu beschuldigen, weil sie Flugreisen machen, bringt also nichts?

Schuld ist ein christliches Thema und Bestandteil des Strafrechts. In der Psychologie zeigt sie immer auf das Falsche.

Nämlich?

Auf den Fehler und nicht auf die Korrektur. Für Einzelne mag Schuld ein Motivator sein, um nicht schuldig zu werden und klimafreundlicher zu handeln. Aber mit Blick auf die breite Masse ist es schöner und wirkungsvoller zu sagen: Na bitte, es gibt Vorbilder, die tun das Richtige, die setzen sich fürs Klima ein, schließ dich ihnen an! Da fühlst du dich wohl und aufgehoben.

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Der US-Klimaforscher Michael E. Mann hat darauf hingewiesen, es sei im Interesse derer, die den Klimawandel verursacht haben, wenn wir die Verantwortung beim Kampf gegen die Klimakrise immer uns als Individuen zuschieben. Allein könnten wir das Klima nicht retten, es gehe immer um Strukturen und darum, fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Das ist eine politische Aufgabe. Aber die Politik tut ja auch viel zu wenig! Wie kommen wir raus aus dieser Situation?

Wir werden zunehmend besser in der Attribution – also darin, Ereignisse ihren Ursachen zuzuordnen. Niemand kann mehr den Bildern von Stürmen, Waldbränden, Dürren, Waldschäden oder Flutkatastrophen entkommen. Nicht jedes einzelne Wetterereignis ist immer zu hundert Prozent mit Erderwärmung begründbar, aber die Politik weiß eine Wissenschaft auf ihrer Seite, die klar sagt: In der Summe der Wetterextreme zeigt sich bereits jetzt schon der menschengemachte Klimawandel.

Aber?

Auf politischer Seite besteht die Angst, Wahlen zu verlieren. Also wartet die Politik auf die Bürgerinnen und Bürger. In Deutschland funktioniert das seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts so aber nicht mehr. Die Politik muss Vorsorge vor einer Klimakatastrophe betreiben. Die Frage ist: Klappt das schnell genug?

Was glauben Sie?

Wenn Politiker von den Bürgern mehr Verantwortung für den Klimaschutz einfordern, hören sie oft: "Um Gottes willen, du bist ja nicht mehr unser Sugar Daddy, der alles immer besser macht – mehr Einkommen, mehr Mallorca, mehr Wohlfühlen." Das führt dazu, dass es nicht ruckt. Wir haben es ja im Wahlkampf gesehen. Da war niemand, der den Leuten reinen Wein einschenkt. Der IPCC-Report liest sich anders als das, was aus Berlin kommt, auch von den Grünen. Niemand will sagen: Leute, es gibt Sachen, die ihr in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr machen könnt. Es ist vertrackt.

Warum reden Sie vom "Sugar Daddy"?

Wenn ich als Politiker auf die Bühne trete, kann ich nur gewinnen, indem ich den Leuten etwas verspreche, was sie noch nicht haben. Oder ich verspreche, ihnen wenigstens nichts wegzunehmen. Wenn man sich die Wahlprogramme durchsieht, zeichnen die sich aus durch Abwesenheit von Nötigungen, von links nach rechts. Man drückt alle Augen zu und ermöglicht alles. Ein komplett missratenes Verständnis von Demokratie, weil es die Verantwortung ausgeblendet hat.

Da sind wir doch wieder bei jeder Einzelnen, jedem Einzelnen, deren Einstellung sich ändern muss, weil die Politik auf uns wartet. Aber wir wissen doch auch immer mehr über die Krise – eben durch das Urteil des Verfassungsgerichts, durch die Klimaberichte, trotzdem bleiben viele Menschen träge …

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Stellen Sie sich einen Studenten vor, der morgens um acht Uhr zu einer Vorlesung kommen soll. Der sagt sich einerseits, dass er da hinwill, weil das Thema interessant ist. Der ist aber auch müde, und eigentlich würde er gern erst mal in Ruhe frühstücken. Wir haben immer viele Einstellungen in uns, die miteinander konkurrieren. Da ist der Klimawandel mit dabei, aber auch Mallorca und der SUV. Man leidet ein bisschen unter dieser Dissonanz, aber nicht zu sehr. Wir können ganz gut mit Widersprüchen leben.

Die berühmte kognitive Dissonanz?

Ja, Dissonanzen sind unangenehm. Ein Beispiel ist eben der Raucher, der nicht aufhört zu rauchen und sich sagt: Mein Opa war Raucher und ist 90 Jahre alt geworden. Das fällt umso leichter, je mehr Menschen den Eindruck haben, dass kein Konsens besteht und über ein Thema gestritten wird. Deshalb ist ein Journalismus so megawichtig, der sachlich informiert und diese Kakophonie filtert. Und an diesem Punkt sind auch die Einzelnen wichtig: Wir müssen über unangenehme Themen wie die Klimakrise reden. Wir dürfen es nicht aussparen und erkennen so auch die Menschen guten Willens, mit den wir uns über Parteigrenzen hinweg zusammenfinden können. Das hat bei Bewegungen wie Fridays for Future schon angefangen. In dem Moment, in dem man sich versteht als Teil des großen Ganzen, entspannt sich vieles, dann kommt die Verantwortung zurück, von der uns der Sugar Daddy entbunden hat.

Weiterführende Links auf chrismon.de:

► Die Welt muss ohne Kohle, Öl und Gas auskommen, um die Klimakrise aufzuhalten. Aber wie? In einem Landkreis in Rheinland-Pfalz zeigen engagierte Menschen, was da gehen kann: mit Herzblut, mit vielen guten Ideen und ohne Parteiengezänk. Ein Besuch im Hunsrück. Weiterlesen auf chrismon.de.

► EEG-Umlage, Photovoltaik, Wasserstoff: Die Energiewende kann ganz schön kompliziert, aber auch interessant sein. Unser Energiewende-Glossar klärt Sie auf! Weiterlesen auf chrismon.de.

► Ist Wasserstoff der Stoff, der uns vor der Klimakrise rettet? Klingt gut, aber eine Erlösung ist es nicht. Ein Interview mit Dr. Joachim Fünfgelt, Energiereferent bei "Brot für die Welt". Weiterlesen auf chrismon.de.

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